Eva Barretto

Liebe Eva Barretto, Sie sind seit kurzem Konfirmandenmutter. Barretto klingt nach Brasilien, ist Ihr Mann portugiesischstämmiger Brasilianer?

Ja, mein Mann ist Brasilianer. Aber von Portugiesen kann man nicht sprechen. Da gibt es viele Japaner, vorwiegend in São Paulo, die Deutschen im Süden und Indianer im Amazonas­gebiet. Es ist ein gemischtes Volk. Sicherlich auch, weil sich früher Hausherren mit ihren Sklavinnen in die Hängematte gelegt haben. Die Lektüre von Gilberto Freyres „Herrenhaus und Sklavenhütte“ klärte mich darüber auf. In den 90ern war ich Austauschschülerin in den USA und dort kam mir die Gesellschaft getrennter vor. Brasilien ist ein wirklicher Schmelztiegel vieler Kulturen.

Wie erleben Ihre Kinder die Heimat ihres Vaters?
Wir sind regelmäßig, manchmal mehrfach im Jahr dort und für unsere Kinder empfinden wir es als Privileg, von Geburt an zwei Kulturen „in sich“ zu haben. Sie erleben dieses Land nicht in einem komfortablen Hotel­-Resort, sondern an vom
Tourismus abgelegenen Orten. Heutzutage „Weltbürger“ zu sein, ist mir wichtig. Gerade auch, wenn Kinder in der gewissen Konformität hiesigen Wohlstandes aufwachsen. Wir erleben oft Freunde aus dem Ausland bei uns zu Hause und mein Bruder, der in den USA lebt, ist mit einer Peruanerin verheiratet. Reisen nach Brasilien lassen uns erleben, wie gut es uns hier geht. Das ist keine Norm.


Empfinden Sie das, was Historiker in dieser Zeit oft als Epochenwandel benennen?


Ich habe das Gefühl, dass die Globalisierung und vor allem auch die Digitalisierung die Welt heute sehr schnell verändert. Es scheint immer um Maximierung zu gehen und Werte gehen verloren. Alles muss einen Zweck haben, Bildung wird zu wenig als Selbstzweck verstanden. Und mit diesem Druck wachsen Kinder auf. Die Nachrichten vermitteln ihnen, dass es überall nur Krisen zu geben scheint. Es ist nicht einfach, ihnen das Richtige mit auf den Weg zu geben. Im heutigen Berufsleben ist so vieles nur auf Konsum und Gewinnmaximierung ausgerichtet, die Gesellschaft driftet auseinander. Ich möchte meine Kinder dem gegenüber kritisch erziehen.

Und wie setzen Sie das um?

Es geht nur darüber, dass man viel miteinander spricht und vor allem auch, dass wir uns verantwortungsbewusst informieren – vor allem auch im Verständnis für die Position des Anderen.

Entspricht die Kirche Ihrem weltoffenen Bild?

Ja, die evangelische Kirche, in der wir sind. Mein Mann ist als Katholik geboren, nun aber auch evangelisches Mitglied. Mit der Bibel muss ich mich auseinandersetzen, viele dort beschriebene Gesellschaftsbilder sind mir fremd und anderes wiederum schätze ich hoch. Als Institution finde ich die Kir­che wirklich gut. Sie hat einen Platz und kümmert sich dort, wo sich ansonsten niemand kümmert.

Ihr Sohn Amadeus ist nun bei Pastor Poehls im Konfirmandenunterricht. Hat er diese Entscheidung frei getroffen?

Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ihm diese Ent­scheidung vollkommen freigestellt. Jedes Kind wird bei uns wieder frei entscheiden können und ich schließe es überhaupt nicht aus, dass diese Entscheidung auch einmal anders fallen wird. Ich selber freue mich für Amadeus, denn ich glaube, dass es ihm viel an Wissen und Erfahrung bringt.

Vielleicht unterhalten Sie sich irgendwann einmal mit ihm, was Gott sein kann. Wie beschreiben Sie es?

Für mich ist es eine positive Kraft. In meinem Leben vertraue ich sehr viel auf mein Gefühl und bin auch mit dem Satz „wir werden geführt“ aufgewachsen. Ich sehe einen Sinn in meinem Leben und eine Kraft, die mir den Weg weist und auf die ich ruhig hören kann. Ich muss aber dazu sagen, dass ich bisher noch nicht durch die Probe eines wirklichen Schicksalsschlages gegangen bin. Wenn ich nicht an eine gute Zukunft glauben würde, dann hätte ich nicht drei Kinder.

Sie haben also Vertrauen?

Ja, es ist ja auch gut und es geht uns gut und es bringt nichts, an den Krisen zu verzweifeln. Es ist wichtig, im Kleinen den eigenen Teil zu einer besseren Welt beizutragen. Das Umfeld der hiesigen Gemeinde hilft ja auch dabei, z.B. die Hilfe für die Flüchtlinge. In der Gestaltung einer für alle verträglichen Welt finde ich die Kirche enorm wichtig, denn wir werden die christlichen Werte brauchen. Ich finde auch, dass wir diese Werte kennen und benennen lernen müssen, um gut mit einer Umgebung zurecht zu kommen, die in Zukunft vielleicht vermehrt durch den Islam geprägt sein wird. Für ein gutes Miteinander müssen wir in unseren Werten ruhen.

Sprechen Sie in Ihrem Freundeskreis über Ihren Glauben?

Ja, aber eher im engsten Kreis. Eine Freundin von mir ist zum Beispiel überzeugte Atheistin. Ich finde es interessant, mich mit ihr darüber zu unterhalten, weil es mir hilft, mich selbst zu artikulieren. Mein Bruder, der Physiker ist, hält auch jeden Glauben für vollkommen irrational. Ich komme aber an meine Grenzen, wenn ich so etwas wie das Grauen in Syrien und anderswo erklären soll.

Diese Gemeinde hat ein großes Angebotsspektrum, was steuern Sie davon an?

Ich komme aus der Othmarscher Gemeinde, wo ich getauft, konfirmiert, getraut bin und wo meine beiden älteren Jungs getauft sind. In Blankenese kenne ich viele Angebote noch nicht. Ich finde den FaGo klasse, das kirchliche Engagement für das Hospiz großartig und vor allem auch den Konfirmandenunterricht. Es ist besonders schön, dass sich die Pastoren dafür so viel Zeit nehmen. Das ist nicht selbstverständlich.

Stefanie Hempel

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