Irmtraud Nölle

Liebe Irmtraud Nölle, seit 3 Jahren arbeiten Sie als Kindergärtnerin in dem Kindergarten dieser Gemeinde  Sie sind immer ein kreativer Mensch gewesen und haben sich als Quereinsteigerin im Jahr 2000 mit dem Abschluss als Erzieherin für diesen Beruf entschieden. Drückt für Sie die Berufsbezeichnung „Kindergärtnerin“ noch das aus, was diese Aufgabe umfasst?

Der Begriff ist altmodisch, aber eigentlich ja schön. Nur zeigt er nicht, wie sehr sich die Anforderungen dieses Berufes gewandelt haben, dessen Voraussetzung in unseren europäischen Nachbarländern schon seit langem ein Studium ist.

Und warum haben Sie ihn gewählt?

Es mag „abgedroschen“ klingen, aber ich empfinde es so und es gibt für mich keine besseren Worte: ich habe mich schon immer gerne um jüngere Kinder gekümmert und ich verbringe gerne mein Leben mit ihnen.

Was ist das Besondere an ihnen, das Sie lieben?

Mich fasziniert ihre Art. Zum Beispiel wie sie andere Kinder in ihren Kreis aufnehmen - vorbehaltslos. So verzeihen sie auch. Wenn sich einer entschuldigt, ist es „aus der Welt“. Sie achten nicht auf Aussehen, sie sind neugierig auf alles ohne Wertung. „Warum hast Du Falten“ fragen sie und finden diese Falten einfach nur spannend. Für mich soll das Lernen im Kindergarten auch so funktionieren, dass es über die Neugierde der Kinder „gesteuert“ ist:  verschiedene Angebote und Anregungen sollen vorbereitet sein und wenn die Kinder sich beginnen für etwas zu interessieren und mit Begeisterung daran gehen wollen, dann sollen sie zu dieser Zeit und am richtigen Ort auch die notwendigen Materialien vorfinden. Ich bin immer glücklich wenn ich sehe, dass das so läuft und alle integriert sind. Ich habe 23 Kinder in meiner Gruppe und da ist das nicht immer leicht.

...und erfordert ein hohes Maß an Vorbereitung

Ja.

„Bevor ein Mensch fliegen lernt, sollte er Wurzeln haben“ . Das ist ein Satz, den ich oft hörte.  Ist der Kindergarten neben der Familie auch ein Garten, wo Wurzeln gebildet werden können ?

Die Kinder hier in Blankenese sind, verglichen mit vielen anderen Stadtteilen, schon sehr gut aufgehoben. Sie haben oft eine Familie mit mehreren Geschwistern und Großeltern.  Ich erlebe sie oft als relativ selbstbewusst lebend in etwas, was sie als IHRE Welt empfinden und in der sie sich sicher fühlen.

Und brauchen die nicht auch einen Schutzengel – also die kindliche Vorstellung des „Immer-geborgen-Seins“.

Natürlich. Wir gehen mit den Kindern durch das Kirchenjahr und im November, wenn Sterben und Tod auch ein Thema ist, sprechen wir auch über die Engel. Auch feiern sie alle zwei Wochen mit uns einen Gottesdienst in der Kirche.

Aber Sie sind Gärtnerin...

Ja und ich bin eine sehr wichtige Person im Leben dieser kleinen Menschen. Das soll nicht eingebildet klingen, es ist einfach so. Natürlich erzählen sie mir vieles. In meinem Beruf ist eine gute Beziehung zu Eltern und Kindern wichtig. Es ist die Grundlage von allem. Nur wenn es mir gelingt, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, werden sie etwas von mir lernen wollen und mich als Vorbild akzeptieren. Die Vorbildfunktion ist sowieso die beste Art, Kindern etwas zu vermitteln.

Und was frustriert Sie – gibt es das auch?

Es ist die mangelnde Anerkennung unserer Leistung im Kindergarten durch die Gesellschaft. Dies drückt sich darin aus, dass bisher dem Beruf keine wirklich qualifizierende Ausbildung zugrunde gelegt wird. Kleine Kinder zu unterrichten darf in der Qualität der Ausbildung und vor allem auch in der Bezahlung nicht in einer so großen Diskrepanz zum Unterricht an älteren Kindern stehen. Dieser Unterschied besteht auch in den zugestandenen Vorbereitungszeiten, die für uns nur eine Stunde in der Woche sind. Das Leben im Kindergarten hat sich sehr gewandelt: es ist nicht die bloße Beaufsichtigung, sondern es ist eine sehr sensible Erziehungstätigkeit, die Kindern eine Basis für das Leben geben soll. Auch hat sich der administrative Aufwand deutlich erhöht. Wir schreiben mittlerweile Abschlussberichte, wir führen regelmäßige Elterngespräche.

Soll es auch weiterhin den Lehrberuf Erzieherin geben?

Wir müssen Stellen schaffen, die mit höheren Qualifikationen besetzt und mit besseren Gehältern ausgestattet sind. Dies neben den Stellen, die weiterhin dem Lehrberuf Erzieherin gelten Es ist doch heute durch die Forschung belegt, welch prägende Phase die ersten sechs Lebensjahre sind. Wer pädagogisch in der Theorie und Praxis gut ausgebildet ist, kann mit den Kindern diese Zeit auch optimal nutzen. Was kann eine Gesellschaft denn besseres geben, als diese Einrichtungen zu fördern. Das muss es doch allen Wert sein. Mit dem jetzigen Gehalt von Euro 1.200,- netto monatlich werden Menschen nicht angezogen, diese wichtige Aufgabe zu erfüllen. Zum einen kann man davon selber keine Familie ernähren und zum anderen ist es auch frustrierend, seine geistigen und physischen Kräfte in die Erziehung von Kindern zu geben, wenn man selber seinen eigenen mit diesem Gehalt z.B. niemals ein Studium finanzieren könnte.

Und nun haben Sie mir noch so viel Zeit gegeben – ich danke Ihnen

 

Stefanie Hempel

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