"Milard"

Stadtansicht Kabul

Sie sind 33 Jahre alt, kommen aus Afghanistan und leben im Kirchen asyl in einer norddeutschen evangelischen Kirchen gemeinde. Welchen Namen wollen Sie sich für dieses Gespräch geben?

Milard, so würde ich meinen Sohn nennen wollen.

Lieber Milard, es ist bald Weihnachten. Kennen Sie die Geschichte?

Ich weiß es vom letzten Jahr. Eine Feier, zu der alle Geschenke bekommen und man mit der Familie und Freunden zusammen ist und zu Hause feiert. Ich war auch eingeladen. Weihnachten ist ein Fest zum Neuen Jahr.

Haben Sie die Figuren mit dem Stall in der Kirche gesehen?

Ja, erzählen Sie mir noch einmal die Geschichte, ich habe sie vergessen.

(Ich erzähle sie.)

Hier ist es DAS Fest der Kinder. Wie ist Ihr Kindheitsfest?

Das war das Neue Jahr. Es gab neue Schuhe und Kleidung. Wenn wir dann Besuch hatten, dann haben wir uns auf die Wangen geküsst – alle, auch die Männer untereinander. Das findet keiner schwul. Meine Mutter hat viel gekocht. Meine Onkel kamen, die ganze Familie und es gab ein Festessen. Bei uns ist es auch so, dass die Kinder Geld geschenkt bekommen und von der Summe konnten wir uns etwas Schönes kaufen.

Sind solche Erinnerungen „Heimat“ für Sie?

Als ich ein Kind war, war die Heimat etwas Gutes. Als ich 12 oder so war, gab es keine Probleme. Ich denke oft an meine Heimat und es macht mich traurig.

Jesus, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern, ist ein Prophet
im Islam. Was gefällt Ihnen an diesem Menschen?

Ich liebe ihn.

Warum?

Bei Jesus scheint mir Frieden, der hat die Menschen einfach nur geliebt. Bei Muslimen ist immer Krieg.

Aber Ihre Eltern sind Sunniten. Leben sie religiös?

Ja, sie halten die Gebete und Waschungen ein.

Aber sie sind doch friedliche Menschen?

Ja, das sind sie wirklich.

Gibt es hier jemanden, zu dem Sie echtes Vertrauen haben?

Nein.

Zu wem sprechen Sie dann, wenn Sie nachts im Bett liegen?

Manchmal zu meiner Mutter und zu meinem Vater. Und manchmal zu Jesus, weil er friedlich ist. Manchmal bete ich und dann mit seinem Namen.

Wovor haben Sie Angst?

Ich mache mir Sorgen um meine Familie. Meine Eltern, meinen 18-jährigen Bruder.

Machen Sie sich Sorgen um sich selbst?

Ja, große. Manchmal Luft kaputt vor Stress. Manche Leute, wenn sie mir sagen, dass Afghanen schlechte Menschen sind und aus Deutschland raus sollen. Da passiert mir, dass ich dann nicht richtig atmen kann. Ich war beim Arzt. Der sagte, alles mit Lunge ok, aber trotzdem habe ich das immer wieder, wenn Leute schlecht mit mir reden.

Wie oft telefonieren Sie mit Ihrer Familie?

Zwei bis drei Mal die Woche. Manchmal ist gut, manchmal ist Kabul kaputt. Keine Leitung und dann kann ich einen Monat nicht telefonieren.

Fühlen Sie sich im Kirchenasyl eingesperrt?

Ja, ich habe das Gefühl. Ich kann nicht dorthin gehen, wo ich will.

Gibt es diese kleinen Momente, wo Sie das Gefühl haben, dass ein Glück Sie streift?

Nein, das ist mir hier noch nicht passiert. Es gab keinen Moment, wo ich mich glücklich gefühlt habe. Aber es kommt mir gut, wenn ich Kontakt mit Menschen auf dem Kirchen gelände habe. Ein bisschen gut.

Wenn Sie morgen frei wären, was würden Sie tun?

Das wäre schön. So mit Freunden treffen, einfach spazieren gehen und unterhalten. Wenn ich einfach nur kein Problem habe in meinem Leben, ist es schön. Es ist aber vieles unangenehm, ich habe Angst. Ich kann nirgendwo hinfahren und einen Kumpel besuchen. Wenn ich es tue, dann mit großer Angst.

Wissen Sie, wo Sie Weihnachten sein werden?

Vielleicht koche ich irgendwo, ich koche gerne.

Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte der Flucht. Ihre Geschichte ebenso. Flucht wovor?

Ich bin Tadschike, unsere Nachbarn sind Paschtunen. Ich war in deren Tochter verliebt. Drei Jahre lang, ohne dass die Familien es wussten. Eines Tages haben die Eltern entschieden, die Tochter zu verheiraten. Sie hat sich geweigert, wir wurden von ihren Eltern auf der Straße erwischt. Ich wurde geschlagen und war drei Wochen im Gefängnis, bevor ein Onkel mich rausholte. Ich wurde sofort einem Schleuser übergeben. Heute kommen die Nachbarn oft zu meinen Eltern und bedrohen sie und fragen, wo ich bin. Sie haben Macht und Waffen und alles. Mein Vater hat so große Angst, dass sie mich töten werden, wenn ich zu Hause bin. Auch ihn haben sie eine Woche mitgenommen und bedroht. Er ist alt und kann das nicht verkraften. Auch wird immer wieder in Kabul gebombt. Ich bin ein guter Schneider. Ich habe es gelernt. Nun kann ich nichts mehr tun und würde es so gern.

Gibt es auch etwas Schönes in Afghanistan?

Für mich gibt es nichts Schönes in Afghanistan.

Und in Deutschland?

Hier ja. Manche nette Leute. Mir gefällt das. Hier ist alles hübsch. Am besten ist, dass die Menschen hilfsbereit sind. Alle, die ich aus der Kirche kenne.

Ist es fremd, wie wir leben und wie zum Beispiel Männer und Frauen hier miteinander umgehen?

Wenn ich so ein Ehepaar auf der Straße sehe, dann ist das ein schönes Gefühl. Ich möchte auch eine Familie gründen. Wenn ich so etwas sehe, dann fühle ich mich so allein. Aber es ist auch ein gutes Gefühl, wenn ich einen Mann und eine Frau so auf der Straße Hand in Hand spazieren sehe. Dann ist es eine schöne Sache für mich.

Wenn nun dieses Weihnachtsfest kommt mit all den Lichtern, dem Weihnachtsbaum, dem Reden von Liebe, was löst das in Ihnen aus?

Natürlich erinnert es mich an meine Eltern und meine Kindheit und wie wir gefeiert haben. Alle sind so schön angezogen. Ich fühle mich in diesen Momenten in den Gedanken daran so total glücklich.

Stefanie Hempel


Das Gespräch ist mit einem Dolmetscher geführt worden. Einige Passagen sind nicht übersetzt und so geschrieben, wie von Milard gesagt.

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