Sabine Möller (geb. Körner)

Liebe Sabine, Deine Schwester Christiane und ich diskutieren gerne darüber, wer von uns beiden schon länger in der Redaktion des Gemeindebriefes ist. Beide so ca. 22 Jahre. Jetzt also die „backende Schwester“. Wie ist Weihnachten im Einzelhandel?

Für mich ein schönes Fest. Ein Fest der Familie, der Liebe. Viele nennen es das Fest der Liebe. Und dann kämpfen sie in den Kirchen um gute Sitzplätze und haben große Anstrengungen mit großen Essen und Einkäufen. Mich findet am Heiligen Abend niemand in der Kirche. Das liegt daran, dass ich bereits um 4 Uhr aufgestanden bin und einen langen Arbeitstag hinter mir habe. Und zum anderen drängen sich für mich an Weihnachten zu viele Menschen in die Kirche. Ich bin in diesen Tagen eng mit meiner Familie zusammen und an diesem liebevollen Zusammenhang liegt mir. In die Kirche gehe ich ansonsten sehr gerne. Sie ist für mich ein Ruheort der Einkehr, nicht der Massenveranstaltung.

Seit gefühlten, vielleicht auch wirklichen 20 Jahren beliefert Bäckerei Körner den Familiengottesdienst mit Kuchen.

Wir beliefern nicht, darauf lege ich Wert. Es muss zumindest abgeholt werden, als Rest von Eigeninitiative. Wir geben dann
alles heraus, was übrig geblieben ist. Und ich freue mich, dass es fröhliche Abnehmer findet. Zweimal pro Woche geben wir
auch Brot und Kuchen an den Runden Tisch Blankenese.

Und der Rest?

Der wird zu Tierfutter, sehr zum Protest einiger, die keine Lebensmittel wegwerfen möchten.

Aber Tierfutter ist doch ok?

Ja, das ist es. Und wenn wir wollen, dass weniger wegkommt, dann dürfen wir nicht erwarten, dass abends um 17.55 Uhr noch „mein Lieblingsbrot“ im Angebot ist. Wir müssen eben auch auf Luxus verzichten und nicht immer spontane Verfügbarkeit verlangen. Anspruch und Wirklichkeit, das ist immer wieder das Thema. So auch in der Reaktion auf meine Ladenzeiten. Ich habe am ersten Weihnachtstag geschlossen, weil meine Mitarbeiter Weihnachten feiern sollen. Hierfür lobte mich u.a. eine Kundin. Aber auf meine Frage hin, ob sie dann zu Weihnachten am Tage vorher mehr bestellen möchte, erhielt ich die Antwort: „Nein danke, ich sehe dann, welcher andere Bäcker auf hat.“ Damit meine Angestellten den Reformationstag feiern können, haben wir auch an diesem Tag geschlossen. Und als ich dann auf meinem Weg in den Gottesdienst den vielen Menschen mit den Brötchentüten begegnete, dachte ich: „Oh, hätte ich besser aufmachen sollen?“ Aber nein, das ist eben ein Teil meines Gottesdienstes.

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?

Ich freue mich am meisten, wenn Familie und Freunde mir Zeit schenken: Segeln auf der Alster, Konzertkarten. Irgendetwas, was wir zusammen unternehmen können. Ich bin ansonsten wunschlos glücklich. Wenn ich einen Wunsch habe, dann ist es Zeit mit der Familie und Freunden. Es gibt doch auch so herrliche Dinge gemeinsam zu erleben, die kein Geld kosten. So habe ich meinen letzten Geburtstag mit einer Rallye durch Blankenese gefeiert – großartig für mich und alle anderen.

Aber Du scheinst Dir ja auch selber Zeit zu schenken, gehst gern allein spazieren und alleine in die Kirche.

Ich habe den ganzen Tag so viele Menschen um mich herum und so viele Stimmen im Kopf. Ich gehe einfach so lange, bis diese Stimmen still geworden sind und ich wieder klar denken kann. Es ist wie Meditation. Im Sommer habe ich immer mein Buch dabei und setze mich dann gerne mal auf den Bull’n. Mal lerne ich dort Leute kennen, mal möchte ich nur lesen.

Ist da aus Disziplin Freude geworden?

Das war ein Prozess von mir. Ich kann mich auch prima vor den Fernseher lümmeln und zur Entspannung Kochshows
sehen. Aber ich habe festgestellt, dass das andere besser ist.

Du bist in der Bäckerei Körner aufgewachsen. Hat sich der Ton in Eurem Verkaufsraum in den Jahren verändert?

Nein, eigentlich nicht. Es gibt bescheidene Menschen, es gibt fordernde, das war immer so. Vielleicht ist es ein kleines bisschen selbstbezogener geworden. Die Einstellung „Ich habe ein Recht auf etwas“ hat sicherlich zugenommen. Wir haben aber kein Recht auf gar nichts, und wir können uns freuen über das, was wir haben, und darüber, dass wir auf dieser Insel der Glückseligkeit namens Elbvororte leben dürfen.

War das bei Dir einmal anders?

Sicherlich, aber aus dem „höher, schneller, weiter“ bin ich schon lange ausgestiegen. Das Motto des letzten Hamburger Kirchentages war „Alles, was Du brauchst“. Ja, das ist richtig. Ich frage mich jetzt oft vor dem Kaufen: „Brauchst Du das wirklich?“ – meistens: Nein. Oder ich frage mich: „Möchtest Du das jetzt?“ Und dann freue ich mich, dass ich es mir leiste.

Und wenn Du so allein in der Kirche sitzt (ich erwarte Dich ja am Heiligen Abend dort nicht), denkst Du dann an Gott und wenn ja, wie fühlt sich das an?

Ich habe mein mündliches Abi in Religion gemacht, Thema waren auch die verschiedenen Gottesbilder. Für mich war es der liebevolle Vater, aber heute ist es kein Vater mehr, sondern einfach diese Liebe. Einer der Pastoren hier fragte mich einmal, was bei mir oben sei. Es ist Liebe, daran orientiere ich mich. Wenn ich mich in meinem Handeln und Miteinander mit meiner Familie, meinen Mitarbeitern und anderen Menschen danach ausrichte, dann entscheide ich mich richtig. So möchte ich in meiner Familie und meiner Bäckerei leben. Und so habe ich auch dem lieben Gott gedient und fühle mich ihm nicht fern, nur weil ich Heiligabend nicht in der Kirche sitze.

Stefanie Hempel


Dirk Mötting: Mein Schwiegervater lebte in Bad Pyrmont. Er ist mit 18 Jahren durch eine Kriegsverwundung erblindet. Er war am Ende allein und konnte sich in seinem Haus nicht mehr zurechtfinden. Ziel der Familie war es, ihn in die Nähe der Kinder zu bringen. Da meine Frau und ich beide als Rentner Zeit haben und uns kümmern konnten, wurde mit ihm verabredet, nach Blankenese zu kommen. Das Schilling-Stift war unsere erste Adresse.


Warum ?

Weil es ein Heim der Diakonie ist. Aber nicht nur das, sondern auch Pastor Plank, der dort im Vorstand ist. Er hat unsere Kinder getauft und konfirmiert. Er hat uns immer beeindruckt. Für uns war dieses Vertrauen wichtig, denn mein Schwiegervater kam natürlich nicht „aus voller Seele“. Wenn ein Mensch aus dem Nichts und als Geflüchteter aus Ostpreußen eine Existenz aufbaut, dann möchte er sie auch nicht verlassen. Einen alten Baum kann man nicht verpflanzen, man kann ihn nur unter dem Verlust der Heimat umsetzen. Wir wollten ihm darin „hautnahe Manndeckung“ geben und waren jeden Tag bei ihm. Wenn wir nicht konnten, kamen Kinder oder Freunde.


Aus dieser Betreuung sind am Ende auch Sie im Schilling-Stift heimisch geworden?
Ja, es begann mit der Betreuung. Sie können sich sicher vorstellen, dass ein Blinder an vielen dortigen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann. Gruppen, in denen gesungen wurde, liebte mein Schwiegervater immer und irgendwann packte er seine Mundharmonika aus. Wir schlossen uns einem Singkreis in seiner Wohngruppe
an und ich nahm meine Gitarre mit. Es hat ihm so viel gegeben: neben seinem Schwiegersohn zu sitzen, der mit seiner Gitarre Menschen dazu brachte, fröhlich zu singen.


Ihr Schwiegervater starb im März und Sie spielen und singen immer noch mit den Menschen dort. Ein christliches Ehrenamt?
Nein, vielleicht am Anfang. Wir haben in der Orientierungslosigkeit dieses Menschen so viel liebevolle Zuwendung von dem Personal erfahren. Ihm wurde so viel Menschlichkeit zuteil, dass ich etwas zurückgeben wollte. Aber das ist heute nicht mehr mein Antrieb. Ich fühle mich dort zugehörig. Es hat sich gewandelt von einem „Ich tue etwas für andere“ in ein „Ich tue etwas für mich“. Ja, so ist es, es macht mir Spaß und ich habe Zuneigung zu diesen alten Menschen gefasst. Jede und jeder Einzelne ist mir richtig ans Herz gewachsen.


Und Du, Fried? Du gehörst zu einer Gruppe, die sonntäglich im Stift Gottesdienst hält.
Mich hat Helmut Plank gefragt. „Ich gucke mal“, habe ich gesagt und bei einem Gottesdienst zugehört. Nun mache ich mit und es ist mir ein Vergnügen, es macht mich reich. Vielleicht, weil das Echo aus dieser relativ kleinen Schilling-Stift-Gemeinde so unmittelbar zu spüren ist.


Hast Du auch eine Nähe zu Einzelnen aufbauen können?
Ich freue mich wirklich, wenn Bekannte dabei sind, und ich bin traurig, wenn jemand von ihnen gestorben ist und ich ihn abkündigen muss. In dieser kleinen Gemeinde nehmen wir uns wahr. Und auch bei jenen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie gar nichts mehr „mitkriegen“, erlebe ich dann doch, wie intensiv sie z.B. so etwas wie die Gebete, das Glaubensbekenntnis oder insbesondere auch die Musik miterleben. Ganz viele dieser Menschen
sind mir lieb geworden. Auch in ihren „Macken“ und Eigenheiten, vielleicht sogar deshalb besonders.


Fried, Dirk Mötting beschrieb als eine Anfangsmotivation, dass er etwas zurückgeben wollte. Er kannte die Pfleger und Pflegerinnen, aber Du nicht. Gab es auch so einen Moment?
Ich lebe in dem Gefühl, dass mir diese Blankeneser Kirchengemeinde so viel gegeben hat. Ich hatte mit Kirche „nicht viel am Hut“ bis zu einem Gespräch mit Pastor Plank im Eiscafé. Und ich habe erlebt, dass Kirche etwas Tolles ist, weil es dort ein Stück Gemeinschaft gibt. Einen Teil davon möchte ich in diese kleine abgelegene Gemeinde des Schilling-Stiftes zurückgeben.


Dirk Mötting, Sie haben erzählt, dass sie Lieder zu Hause einstudieren, um sie dann im Stift zu singen.
Ja, viele sind in den 20er und 30er Jahren geboren. Die Zeit ihres Tanzens und Singens ist lange her. Aber die Lieder dieser Zeit rühren die Gefühle an, und ich erlerne sie, um sie mit ihnen zu singen. Und sie sind begeistert.


Was machst Du zu Hause, Fried?
Die Beschäftigung mit den Predigttexten, die ja vorgegeben sind, reizt und fordert mich. Oft frage ich mich, warum die Evangelische Kirche ausgerechnet so einen schwierigen Text ausgesucht hat. Aber wenn ich darüber sprechen soll, dann denke ich anders und intensiver über die Texte nach, sie gewinnen an Bedeutung für mich. Diese Herausforderung macht mir Spaß. Ich bin so dankbar dafür, dorthin geführt worden zu sein.


Lieber Dirk Mötting, wenn Sie jetzt nur mit einem Erlebnis Ihre Gefühle dieser wöchentlichen Nachmittage zusammenfassen können, welches ist es?
Wir haben im Winter „Weißt Du, wie viel Sterne stehen“ gesungen. Vorbei kam eine alte Dame, deren Kopf ganz nach vorne gekippt war. Sie ging mit einem Partner ganz langsam vorbei. Ich hatte den Flur im Blick und sah, dass beide ganz langsam und innig begannen, miteinander zu tanzen. Ich werde die Berührung dieses Anblicks in mir nie vergessen.

Stefanie Hempel

 

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