150 Jahre Ernst Barlach (1870–2020) - Zwischen Himmel und Erde

12.01.2020, 11:30 Uhr | Ort: Kirche am Markt

Zwischen Himmel und Erde

Eine Reise nach Russland 1906 führt Barlach hin zu einer formal reduzierten, auf das Wesentliche der menschlichen Gestalt konzentrierten Ausdrucksweise. In dieser Zeit entdeckt Barlach die Einfachheit und den Glanz der schlichten Existenz des Menschen als Gegenbild zum Materialismus und Fortschrittsglauben der Zeit. Dem Künstler geht es dabei aber auch um die Rehabilitation des Geheimnisvollen als dem wahren Ort menschlichen Empfindens. Ziel ist die Befreiung von den Fesseln der realen, der sichtbaren, der materiellen Welt zugunsten einer dahinter liegenden, größeren, einer spirituellen Wirklichkeit.

Das „Güstrower Ehrenmal“, der „Güstrower Engel“, 1926/27 anlässlich der 700-Jahr-Feier des dortigen Doms und zur Erinnerung an die Toten des gerade überstandenen Weltkrieges entstanden, kann in diesem Kontext als ein Hauptwerk Barlachs betrachtet werden. Bis heute wird diese Bronze-Figur als ein Symbol des Geistigen verstanden, die in aller  formalen Bescheidenheit und Stille den Betrachter an die menschlichen Grundwerte erinnert und zu Frieden, Versöhnung, Respekt und Verständigung auffordert; sie stellt das Zentrum der Blankeneser Barlach-Installation dar.

Der ebenfalls gezeigte „Bettler auf Krücken“ – ein Bronzeguss nach dem Werkmodell von 1933 – bildet dazu den  inszenatorischen Gegenpol. Diese monumentale Skulptur hatte Barlach als zentrale Mittelfigur für die Nischen der Westfassade der Lübecker Katharinenkirche konzipiert. In der Figur dieses Bettlers enthüllt sich für Barlach ein Bild des Menschen, der einen Weg der Änderung, der Wandlung, des Werdens beschreitet, um über sich selbst hinauszukommen. Verzweifelt sucht er die lastende Erdenschwere zu überwinden. Hier die krüppelhafte Erdenschwere, die bindet und nicht loslässt, dort der Geist, das Schweben des Güstrower Domengels, der dem Einen, dem Letzten, dem Göttlichen bereits teilhaftig geworden zu sein scheint.

Mit diesem Mahnmal wollte Barlach eine seelische Haltung ausdrücken, in die er durch die schrecklichen Weltkriegserlebnisse gekommen war. Es ging ihm sicher auch um die Erinnerung an Krieg und Leid, aber es ging ihm vor allem um Innehalten und Gewahr werden, um Innenschau und um die Überwindung des alten Menschen. (Jürgen Doppelstein)

Finissage: Di 18. Februar, 19 Uhr | Ausstellung bis 23. Februar |
in Kooperation mit der Ernst Barlach Gesellschaft

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