Passionsandacht: Petrus

17.04.2019, 19:00 Uhr | Ort: Kirche

Die Fragen selbst liebhaben lernen ...


In meiner ersten Gemeinde hatten wir in der Osterzeit einmal einen Künstler zu Gast, der mit uns ein außergewöhnliches Projekt auf den Weg brachte. Für die Osternacht legte er uns ein riesiges Kreuz aus Strohballen in den Mittelgang der Kirche. Und dazu verteilte er verschiedene kleine Kunstwerke im Kirchenraum, darunter ein Kreuz, dessen abgenommener Korpus daneben lehnte, samt Nägeln und Hammer, sowie einzelne Figuren aus der Passionsgeschichte, die in neue Zusammenhänge gestellt waren. Es war spannend, die Rückmeldungen der Menschen zu erleben, die in die Kirche kamen. Die Kunstwerke haben unseren gewohnten Blick irritiert und uns vor allem auf manchmal verstörende Weise darauf aufmerksam gemacht, dass im Glauben alles miteinander zusammenhängt. Dass im Kind in der Krippe schon der anwesend ist, der am Kreuz nicht enden wird, dass sein Kreuz ohne diesen an Weihnachten Mensch gewordenen Gott nur ein weiteres grausames, sinnloses Opfer dieser Welt ist. Dass wir Ostern nicht haben können, ohne um Gründonnerstag und Karfreitag zu wissen und uns dem zu stellen. Es gibt das niedliche Kind in der Krippe nicht ohne den Mann, der den Kreislauf von Gewalt und Leid unterbrochen hat und nicht zurückschlug, obwohl er unschuldig war. Es gibt den furiosen Einzug in Jerusalem nicht ohne die Verurteilung kurze Zeit später, den Ostermorgen nicht ohne den düsteren Karfreitag, das Nichtwissen und Nichtweiter-Wissen des Karsamstags. Es gehört alles zusammen.

Man kann nicht nur Teile des Ganzen für das Ganze nehmen, wenn man etwas verstehen will vom Geheimnis unseres Glaubens, das uns durchs Leben tragen will. Deshalb laden wir Sie herzlich ein, mit uns den ganzen Weg durch die Passionszeit vom Aschermittwoch über die Wochen bis zum Palmsonntag zu gehen, vom Gründonnerstag über den Karfreitag bis Ostern: in 10-Uhr-Gottesdienst ebenso wie im im FaGo und in Andachten. In diesem Jahr werden wir einzelne Figuren der Passionszeit besonders beleuchten.

Zum Auftakt verkörperte der Schauspieler Hartmut Lange am Aschermittwoch den Jünger Judas Iskarioth. An jedem der anschließenden Mittwochabende, jeweils um 19 Uhr, folgen Andachten, die jeweils einer Figur gewidmet sind: Maria und Thomas standen bereits am 13. und 20. März im Mittelpunkt; am 27. März folgt Pilatus (Pastor Warnke), am 3.April Johannes (Prädikantin Drechsler), am 10. April Maria Magdalena (Delf Schmidt) und am 17. April Petrus (Pastor Poehls).

Rainer Maria Rilke hat einmal einem jungen Mann auf der Suche geschrieben:

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ (Brief an Franz Xaver Kappus)

Der große Bogen des Kirchenjahres – zusammengeschnurrt in den Wochen der Passionszeit bis Ostern – lädt uns genau dazu ein: mit dem Ungelösten in unserem Herzen umzugehen und es Gott hinzuhalten, die Fragen selbst lieb zu haben, die wir jetzt noch nicht verstehen. Und nach und nach – um Gottes Willen – mehr hineinzuwachsen in die Antwort.

Pastorin Christiane Melchiors

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