16. Januar

den anderen im Blick behalten

Zum Wort "Gutmensch"

Unterschiedlos trifft das Wort Gutmensch, das ursprünglich aus satirischen, diskurskritischen, später konservativen Ecken kam und heute fast ausschließlich in Kreisen der Neuen Rechten benutzt wird, den wohlfeilen Tugendwächter wie den Mitarbeiter der Bahnhofsmission, den bequemen Kolumnenschreiber wie den selbstlosen Seenotretter oder die freiwillige Arzthelferin im Kriegsgebiet. Es torpediert nun alles, was auch nur einen Millimeter vom durchschnittlichen Egoismus der Mehrheitsgesellschaft abweicht, von der politisch sanktionierten Gleichgültigkeit, der nationalistisch veredelten Herzenskälte.
Mit Sprache läßt Bewusstsein sich von innen heraus manipulieren.

Durs Grünbein in der ZEIT vom 10.1.2019 

15. Januar

ordnen

nicht nur für die Briten könnte gelten: 

Die Wahrheit entzieht sich der Abstimmung.
Sie kommt im Dialog zutage.

Peter Amendt

 

14. Januar

Ein Rabbi kommt zu Gott: „Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel.“ - „Nimm Elia als Führer“, spricht der Schöpfer, „er wird dir beides zeigen.“ Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand.

Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf Aber die Menschen sehen mager aus, blass, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen.Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.

Die beiden gehen hinaus: „Welch seltsamer Raum war das?“ fragt der Rabbi den Propheten. „Die Hölle“, lautet die Antwort.

Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf.

Aber - ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt, glücklich. „Wie kommt das?“ Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund. Sie geben einander zu essen.

Da weiß der Rabbi, wo er ist.

Ein russisches Märchen

 

13. Januar

statt Klarheit

Die Veränderungen, die wir im Moment beobachten, spielen sich eher in der Sprache ab. Was Trump an Twitter gefällt, ist, dass er nicht viele Worte verlieren muss. Er kann eine Sprache benutzen, die ihre Empfänger am Abwägen hindert und zu unmittelbarer Zustimmung oder Ablehnung zwingt. Genau wie auf dem Forum Romanum im antiken Rom, wo das Volk seine Zustimmung durch Handzeichen bekundete. Im Grunde bringt uns der neue Populismus Zustände wie in der Römischen Republik zurück: das Jubeln und die Buhrufe, die Begeisterung, die das politische Führungspersonal auslöst.

Nadia Urbinati, Politikwissenschaftlerin, nennt die neue Propagandamethode, unter Umgehung der Partei und der traditionellen Medien direkt mit der Bevölkerung zu kommunizieren, »direkte Repräsentation«. ZEIT, 10.1.2019

12. Januar

Ein Spatzenpaar, das hungrig war, | saß frierend auf dem Trottoir
und sah gespannt und wie gebannt | auf eines Pferdes Hinterhand.

Das Spatzenpärchen meditierte: | Ob sich nicht bald das Rösslein rührte,
den Schwanz bewege, hoch ihn recke | und folglich ihm das Tischlein decke?

Kaum, dass die Spatzen das gedacht, | hat schon der Gaul schwanzauf gemacht,
indes die Spatzen voll Erregung | verfolgten freudig die Bewegung.

Doch statt der warmen Spatzenspeise, | entwich ganz heimlich, still und leise
und ferner völlig unsichtbar | ein Stoff, der nur ätherisch war...

Wie gleichnishaft das Leben ist, | wie heimtückisch und voller List:
Man denkt, man glaubt, man hofft und sinnt, | und dann kommt schließlich nichts
.... als Wind!

Quelle unbekannt

11. Januar

...komplizierter Satzbau, aber ein gefüllter Satz:

So wie Furcht und die Ohnmacht, aus der sie entspringt, ein antipolitisches Prinzip und eine dem politischen Handeln konträre Situation darstellen, so sind Verlassenheit und das ihr logisch-ideologische Deduzieren zum Ärgsten hin eine antisoziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip

Hannah Arendt (in Philosophie für Einsteiger)

10. Januar

Weisungen

Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund, ein Pazifist aus Holland, etwas sehr Schönes gesagt: „Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen.

Dorothee Sölle erzählt

9. Januar

Ausschau nach... Frieden hoffentlich

Komm wir ziehen in den Frieden
Wir sind mehr als du glaubst
Wir sind schlafende Riesen
Aber jetzt stehen wir auf
Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind
Am Ende werden wir gewinnen
Wir lassen diese Welt nicht untergehen
Komm wir ziehen in den Frieden

Udo Lindenberg

8. Januar

Durchbruch

Der Frieden fängt beim Frühstück an
Breitet seine Flügel
Fliegt dann durch die Straßen
Setzt sich auf die Dächer dann
Großer Sehnsuchtsvogel
Breitet seine Flügel aus
Daß Friede sei in jedem Haus
Opa wiegt das Enkelkind
Auf den alten Knien
Zeigt dem Kind den Vogelflug
Wie der Knecht den Herrn ertrug
Und der Vogel fliegt sich wund
Von Bucht zu Bucht von Sund zu Sund
Trägt sein Zeichen vor sich her
Von Land zu Land von Meer zu Meer
Daß der Mensch sein Leid erkennt
Von Kontinent zu Kontinent
Bis die Taube nicht mehr kann:
Frieden fängt beim Frühstück an
 
Hanns Dieter Hüsch

7. Januar

Es waren zwei, Mönche. Die lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.
Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt fordert und alle Versuchungen, die einen Menschen von seinem Ziel abbringen können.
Eine Tür sei dort, so hatten sie gelesen, man brauche nur anzuklopfen und befinde sich bei Gott.
Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Und als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle.
Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.

6. Januar

Weihnachtsfenster der Blankeneser Kirche
Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.
 
Matthäus 2

5. Januar

Ich frage Sie, ob Ihnen in Ihrem Leben, sei es 40 Jahre alt oder ein paar Jahrzehnte darüber oder darunter, je ein Mensch begegnet ist, der Böses tat, in dem er es wirklich wollte und weil er böse war in seinem Wollen.

Ja, werden Sie sagen, solche kenne ich. Ich muss gar nicht weit gehen – gleich meine Nachbarin! Ich muss sie nur sehen, wie sie dreinschaut: finster, gehässig, verbittert, neidvoll.

Wie viel gehört dazu, einmal geliebt zu haben, ehe es umschlägt in Gehässigkeit? An wie viel muss man einmal glühend geglaubt haben, ehe man verbittert, resigniert oder enttäuscht wurde? Wie viel guten Willen hat man investiert, ehe man derartig frustriert war, dass man sich nur noch rächen wollte an all den anderen, die einen nicht gebrauchen mochten?

Eugen Drewermann

4. Januar

Das Neue Jahr und die Tradition

Tradieren heißt nicht bewahren, sondern von Generation zu Generation anpassen, reparieren, weiterentwickeln, erneuern, anbauen, abreißen, umbauen, altes Fachwerk freilegen oder altes Fachwerk verputzen – alles auf dem selben Grundstück am selben Haus.

Hermann Kurzke

3. Januar

Eines Tages brach im Wald ein großes Feuer aus, das drohte alles zu vernichten. Die Tiere des Waldes rannten hinaus und starrten wie gelähmt auf die brennenden Bäume.
Nur ein kleiner Kolibri sagte sich: "Ich muss etwas gegen das Feuer unternehmen." Er flog zum nächsten Fluss, nahm einen Tropfen Wasser in seinen Schnabel und ließ den Tropfen über dem Feuer fallen. Dann flog er zurück, nahm den nächsten Tropfen und so fort.
All die anderen Tiere, viel größer als er, wie der Elefant mit seinem langen Rüssel, könnten viel mehr Wasser tragen, aber all diese Tiere standen hilflos vor der Feuerwand.
Und sie sagten zum Kolibri: "Was denkst du, das du tun kannst? Du bist viel zu klein. Das Feuer ist zu groß. Deine Flügel sind zu klein und dein Schnabel ist so schmal, dass du jeweils nur einen Tropfen Wasser mitnehmen kannst."
Aber als sie weiter versuchten, ihn zu entmutigten, drehte er sich um und erklärte ihnen, ohne Zeit zu verlieren: "Ich tue das, was ich kann. Ich tue mein Bestes."

Die Geschichte des Kolibris wie Wangari Maathai sie erzählt hat

2. Januar

Wittenbergen

Ein bisschen düster - aber von Shakespeare...:

Was ist Leben?
Ein Schatten,
der vorüberstreicht.

William Shakespeare

 

1. Januar

keine Angst vor kaltem Wasser...

Der Schweizer Theologe Karl Barth in einer Radio-Ansprache 1952. Barth stellt sich angesichts der Nöte, Probleme der Welt (1952 – nach dem Krieg, Kalter Krieg, atomare Aufrüstung...) der Frage:
Was sollen wir tun?

Seine Antwort: 
Vor allem nicht so viel Angst haben.

 

ein gesegnetes Neues Jahr 2019
Ilsabe H.