Blankenese im Gespräch

Mit Stift und Farbe in Pippis Diensten

Illustratorin Katrin Engelking im Interview

Katrin Engelking illustriert seit 2003 die Pippi-Bücher
Katrin Engelking illustriert seit 2003 die Pippi-Bücher. Foto: © Karin Gerdes

Was verbindet Blankenese mit Pippi Langstrumpf? Katrin Engelking. Die bekannte Kinderbuchillustratorin lebt mit ihrer Familie hier und erweckt Pippi seit vielen Jahren in zahlreichen Büchern durch ihre Zeichnungen zum Leben.
Vera Klischan traf Katrin Engelking zum Gespräch über ihre frühe Malbegeisterung, Talent, die Begegnung mit Astrid Lindgren und welche Bedeutung Pippi heute noch hat. Eine Romanfigur, die Astrid Lindgren im Jahre 1941 für ihre kranke Tochter erschuf.



Frau Engelking, wie wird man Kinderbuchillustratorin?

Ich habe immer schon gemalt und konnte es irgendwie immer besser als alle anderen. Schon als Kind und Jugendliche habe ich viel Zeit ins Malen und Zeichnen investiert, was sich durch erste Aufträge schon während meiner Schulzeit auszahlte. Daraus entwickelte sich mein Berufswunsch. Die freie Kunst war aber nie mein Ziel, immer waren es die erzählenden Bilder, die mich fasziniert haben. Nachdem ich beglückt entdeckt hatte, dass diese Kunstrichtung einen Namen hat, nämlich Illustration, habe ich mich an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg (heute HAW) beworben und wurde angenommen. An der Hochschule habe ich viel gelernt, nicht zuletzt durch das Umfeld meiner Kollegen und Kolleginnen. Meine Eltern haben den Berufswunsch immer unterstützt. Das war ein großes Glück für mich. 


Wann war Ihnen klar, dass Zeichnen Ihre „Lebensaufgabe“ sein würde?

Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, in Bückeburg. Da kam der Beruf des Illustrators nicht vor. Ich wollte aber auf jeden Fall irgendeinen kreativen Beruf ergreifen. Viele um mich herum hatten da schon gemeint, ich würde ja bestimmt mal Bücher illustrieren. Für mich war das unerreichbar. Ich wusste nicht, wie man so was Tolles wie Illustratorin werden konnte.
Als ich Abitur gemacht habe, gab es eine Abizeitung, in der jedem Abiturienten, jeder Abiturientin in einer fiktiven TV-Zeitschrift eine Fernsehsendung zugeschrieben wurde. Mir wurde „Die Kinder von Bullerbü“ zugeordnet. Das war schon ein Vorzeichen. Spätestens da war es wohl klar, dass das meine Berufung ist.

Katrin Engelking wurde 1970 in Bückeburg geboren. Nach dem Abitur studierte sie an der FH für Gestaltung Illustration. Seitdem arbeitet sie als freie Illustratorin für verschiedene Verlage. Katrin Engelking lebt und arbeitet in Hamburg-Blankenese. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Foto: © Hajo Bodo

Wie findet man als Illustratorin seinen eigenen Stil?

Ich habe meinen Stil zu zeichnen gefunden, ohne zu suchen. Beim Arbeiten habe ich meine Art zu zeichnen entwickelt, eher naturgetreu und nicht verfremdend. So habe ich mich auch den mittlerweile sieben Pippi-Büchern genähert. 

Ist ein bestimmter Stil wichtig für den Erfolg?

Das wichtigste Erfolgskriterium ist die Vermittlung von Emotionen durch die Illustration. Der Stil ist dafür nicht entscheidend. Er kann verfremdend, eher abstrakt oder auch naturgetreu sein. Der Betrachter, das Kind muss von dem Bild angezogen sein. Es muss etwas auf der Gefühlsebene auslösen. 

Wieviel ist Begabung? Wieviel ist Lernerfolg?

Begabung ist die Grundvoraussetzung, auf der man dann dazulernt. Dazu kommt dann ein enormer Zeitaufwand, mit dem man sich dem Zeichnen und Malen widmet. Ich habe stundenlang gemalt und bei kniffligen Motiven nicht lockergelassen, bis ich sie darstellen konnte. Hände, Füße, Nasen – alles mögliche. Ohne Fleiß und Ausdauer nützt einfach „nur“ Talent wahrscheinlich auch nichts. 

Gibt es auch Malblockaden?

Bei Malblockaden kann man sich an der Struktur des Buches gut orientieren. Es gibt unumstößliche Eckpfeiler, die man zuerst abarbeiten kann. Und dann ist die Blockade oft schon überwunden. 


War „Alice im Wunderland“ der Startpunkt für die Zusammenarbeit mit Oetinger?

In gewisser Weise, ja! Der damalige Chef des Oetinger Verlages, Herr Weitendorf, hat eine Ausstellung in der Hochschule gesehen. Dort hat er meine Bilder zu „Alice im Wunderland“ gesehen und ist auf mich aufmerksam geworden. Wenig später bekam ich den Probeauftrag für das Buch „Anna wünscht sich einen Hund“, das bis heute verlegt wird. Auch von Ravensburger kam ein Buchauftrag, da ich einen Wettbewerb für ein Buch über das Wetter gewonnen hatte. So hatte ich das Glück, schon als Einstieg zwei Bücher illustrieren zu dürfen. Ich war zu dem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Weil dann ein Auftrag nach dem anderen folgte, machte ich mein Studium „nebenbei“ weiter und bekam für meine Buchprojekte die Scheine. Auch meine Diplomarbeit ist ein veröffentlichtes Bilderbuch („Der Hase im Mond“).

Wie ging es mit Pippi los?

Meine Vorgänger waren Rolf Rettich und zuerst Walter Scharnweber, dessen Bilder ich, als ich klein war, immer zu erwachsen fand. Mein Erstlingswerk 2003 „Pippi feiert Weihnachten“ war vom Oetinger Verlag sozusagen ein Test, ob die Leute und auch der Buchhandel meine Pippi-Illustrationen akzeptieren. Und sie kamen glücklicherweise gut an. Jahre später kamen in neuer Aufmachung die drei Pippi-Bände und weitere Bilderbücher und auch noch Bullerbü dazu.

Wie haben Sie sich Pippi genähert? Viele Kinder haben ein fertiges Bild im Kopf.

Sehr geholfen hat mir zu Beginn die Erinnerung an meine eigene Kindheit, die ich in vielen Einzelheiten bis heute erinnere. Astrid Lindgren beschreibt Pippi im Buch auf den ersten Seiten sehr genau. Diese Beschreibung habe ich ins Bild übersetzt. Dabei male ich relativ naturgetreu. Allerdings ist sie mal schlanker, mal kindlicher, das fällt mir über die Jahre oft erst im Nachhinein auf. In die Bilderbücher habe ich eine neue, interessante Technik der Collage eingebaut. Aus Katalogen, Gartenmagazinen oder Kochzeitschriften habe ich kleine Gegenstände wie Törtchen, Tassen oder Pflanzen ausgeschnitten, um die eigentümliche Art von Pippi hervorzuheben, und in meine Zeichnungen eingefügt. Dadurch konnte ich mehr interessante, skurrile Momente schaffen. 

Astrid Lindgren zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Katrin Engelking

Ist Pippi heute noch eine Identifikationsfigur?

Total!  Pippi ist gerecht, selbständig und mutig. Sie tut Gutes, sorgt sich um die Schwächeren. Sie kann alles, ist unglaublich stark, hat keine Angst. Dazu ist Pippi ein Genussmensch. Sie hat Macht, ohne sie zu missbrauchen.

Wie war die Begegnung mit Astrid Lindgren?

1996 durfte ich Astrid Lindgren kennenlernen anlässlich des 50jährigen Jubiläums des Oetinger Verlags. Es war für mich eine sehr bewegende Begegnung. Ich wurde Astrid Lindgren, die zu dem Zeitpunkt 89 Jahre alt war, vorgestellt. Sie war schon sehr sehbehindert und hielt während unseres Gespräches meine Hand, um mit mir in Kontakt zu bleiben. Sie hat mir viele Fragen gestellt, war sehr interessiert. Sie sprach übrigens sehr gut deutsch. Für mich war das eine bedeutende Begegnung, die ich bis heute sehr gut erinnere, durch eine ganz spezielle Aura, die sie umgab. Obwohl sie ungemein erfolgreich war, zeichnete sie sich durch eine große Bescheidenheit aus. Zum Schluss gab sie mir eine Art Segen mit auf den Weg „Ich wünsche dir viel Liebe und viele Träume“.

Hier nehmen Katrin Engelkings Figuren Form und Farbe an. Foto: © Karin Gerdes

Wie zeichnen Sie? Wie gehen Sie vor? 

Zunächst lese ich den Text des Buches oder Bilderbuches, sehr oft und sehr genau und suche wie ein Detektiv nach Hinweisen, um nichts zu verpassen: Zum Beispiel die richtige Haarfarbe oder eine bestimmte Kleidung oder Jahreszeit. Vom Verlag bekomme ich eine Textvorlage mit Freiplätzen für die Zeichnungen. Diese Textlücken kann ich aber nach Belieben auch verschieben. Zu Beginn lege ich ein Transparentpapier auf die freie Stelle und skizziere das Bild, das dort entstehen soll. Ich arbeite ausschließlich analog und nicht digital. Nach der Abstimmung mit dem Verlag kommt der Übertrag der Skizze auf Papier und die Feinausgestaltung mit den Farben. Ich arbeite mit Acrylfarben. Dann geht alles an den Verlag, der die Illustration einscannen lässt und mit dem Text zusammenbaut. 
Bei den Pippi-Illustrationen werden die Bilder dann nochmal zu guter Letzt nach Schweden zu den Erben von Astrid Lindgren geschickt, um eine Freigabe zu bekommen. Mittlerweile sind es schon ihre Enkel, die dort schalten und walten.

Illustrieren Sie neben den Lindgren-Büchern auch andere Bücher?

Ich illustriere viele andere Bücher, unter anderem von Kirsten Boie und Paul Maar, auch für andere Verlage.

Muss Ihnen das Buch gefallen?

Ja, das muss es! Mir fallen keine Bilder ein, wenn mir das Buch nicht gefällt. Es müssen sofort Bilder im Kopf entstehen. Das Setting muss stimmen, der Ort, wo es spielt, wer die Protagonisten sind. Ich bin glücklicherweise in der Luxussituation entscheiden zu können, welches Buch ich illustriere. 

Die erste Skizze zu erarbeiten ist harte Arbeit.

Katrin Engelking

Wieviel Einfluss hat der Verlag?

Wenn ein Verlag einen Illustrator oder eine Illustratorin engagiert, weiß er, was er bekommt und hat eine Grundakzeptanz des Stils. Er überlegt sich genau, wen er nimmt. Man bespricht aber die ungefähre Gestaltung vorab. 

Gibt es auch schwierige Aspekte, z.B. den Druck, kreativ zu sein?

Mit Routine kann man sich retten, das hilft. Wie schon gesagt, das Buch bietet ein Gerüst und vieles steht dadurch fest. Und wenn nichts geht, muss ich an einer anderen Stelle weitermachen und erstmal ein Bild malen, das mir in dem Moment leichter fällt. Das Ergebnis muss ich mir erarbeiten. Nicht alle Bilder in einem Buch sind Highlights, das kann man nicht erwarten, viele sind gutes Handwerk. Und ein paar sind dann die „Stars“ in dem Buch. Lustigerweise stimmen meine Favoriten oft nicht mit denen der anderen Leute überein – ein Bild, das ich eher als mittelmäßig einschätze, findet jemand anderes manchmal super.
Disziplin gehört auf jeden Fall dazu. Ich muss weitermachen, sonst wird es nicht fertig. Es gibt die Muse und sie findet dich auch, aber man muss am Schreibtisch sitzen. Hat, glaub ich, Picasso mal gesagt. 

Woran arbeiten Sie gerade?

An Band 4 von „Rosa Räuberprinzessin“, einer neuen Reihe bei cbj. Darin kommt auch eine tolle starke Mädchenfigur vor. Danach kommen Märchen von Astrid Lindgren, auf die ich mich riesig freue. Den Draht zu Astrid Lindgren hatte ich schon als Kind. Selbst meine Diplomarbeit – also den schriftlichen Teil, der Praktische war ja das Bilderbuch – habe ich über sie geschrieben. Astrid Lindgren zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ihre Bücher sind immer noch relevant und wichtig. Sie nutzt sich niemals ab.

Was ist das Schönste an Ihrer Arbeit?

Ich liebe es, am Schreibtisch zu sitzen und eine Illustration farbig auszuarbeiten. Ich liebe das Malen, das Handwerk, den kreativen Prozess. Dabei kommen noch Ideen und Kleinigkeiten dazu. Ein Bild, die erste Skizze, zu erarbeiten ist dagegen harte Arbeit. Ich muss alle Aspekte beachten, zum Beispiel wer muss noch ins Bild oder wie muss der Hintergrund aussehen?
Ich bin glücklich, wenn ich male und etwas Freudebringendes entsteht. Ich investiere Fleiß, Glück und Ausdauer, um mich meines Talentes würdig zu erweisen.

Liebe Frau Engelking, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

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