1. Petrusbrief | zum 2. Ökumenischen Kirchentag

31.01.2010 | 15:56

Karin Kortmann

„Damit ihr Hoffnung habt.“

 

Liebe Schwestern und Brüder

"Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist."

Mit diesen Worten aus dem 1. Petrusbrief wird in 101 Tagen der 2. Ökumenische Kirchentag in München eröffnet.

Macht Euch auf nach München. Damit Ihr Hoffnung habt, damit Ihr Hoffnung gebt.

Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat Gott uns eine lebendige Hoffnung geschenkt. Eine Hoffnung, die angesichts des großen Leids, das viele Menschen tagtäglich auf Erden erfahren, manchmal wie ein Rettungsanker wirkt.

Als Entwicklungspolitikerin habe ich hoffnungsfrohe Menschen kennenlernen dürfen, die Kraft ihres Glaubens an eine bessere Welt glauben. Von zwei ganz besonderen Begegnungen möchte ich Ihnen heute berichten:

Vor vielen Jahren habe ich bei einem Besuch in Kolumbien, auf Einladung der kolumbianischen Bischofskonferenz, ein Flüchtlingslager in der Nähe von Cartagena, im Norden Kolumbiens, besucht. 30.000 Menschen lebten dort in Verschlägen und Wellblechhüten. Unterkünften, die diesen Namen nicht verdienen.

Anders als im Fernsehen, sah ich keine Ränder, konnte meinen Blick nicht abwenden. Endlose Hütten klammerten sich aneinander auf dem verstaubten Lehmboden.

Wir, Abgeordnete aus Nationalparlamenten der Europäischen Mitgliedsstaaten, wurden von Verantwortlichen der Sozialpastoral, die dort tätig sind, zu einem Gemeindeplatz geführt. Ein großes Sonnensegel schützte die knapp sechzig Menschen vor der sengenden Hitze, die sich dort versammelt hatten. Sie wollten uns über ihr Leben in einem Land berichten, das sich seit dreizig Jahren in einem anhaltenden Bürgerkrieg befindet. Über den Drogenanbau, den Waffenschmuggel, die Gleichgültigkeit und Hilflosigkeit der staatlichen Ordnungsmächte.

300.000 Binnenflüchtlinge sind die zahlenmäßige Bilanz dieser Auseinandersetzungen. Entführungen, Einschüchterungen, das Verschwinden lassen von Personen und unzählige Morde an Menschen, die sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einsetzen.

Ich nehme im Stuhlkreis Platz. Frauen, Männer und Kinder schauen uns neugierig an. Sie haben ihre gute Kleidung zu unserem Empfang angezogen: schneeweiße gebügelte Blusen und Hemden. Verschämt schauen wir auf unsere verstaubten Schuhe und Hosen.

Sie berichten von ihrem Lebensalltag. Wie sie versuchen, als Straßenverkäufer von Zeitungen, Zigaretten und Obst zu überleben. Dass sie besorgt sind, nie wieder aus diesem Flüchtlingslager heraus zu kommen. Dass ihnen ihre Ausweise und Landtitel abhanden gekommen sind.

Aber, so sagt der Gemeindereferent, wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir haben diesem Flüchtlingslager den Namen "Nelson Mandela" gegeben. Er ist für sie zur personifizierten Hoffnung geworden. Er, der sich dem scheinbar ausweglosen Kampf gegen die Apartheid gestellt hat, der die Rassentrennung überwunden hat. Er, Nelson Mandela, ist für sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geworden.

Mitten in unser Gespräch erreicht die Gemeinde die Nachricht, dass der seit gestern vermisste Jugendleiter der Gemeinde tot in den Bergen aufgefunden wurde. Er wurde ermordet.

Fassungslos stehen wir auf, halten uns an den Händen und beten in verschiedenen Sprachen das uns tröstende und vereinende "Vater unser". Manche Stimme bricht, vom weinen unterbrochen.

Neben mir steht eine junge Frau, die meine zitternde Hand hält. Ich flüstere ihr zu: "Wie können sie das nur aushalten? Woher nehmen sie die Kraft für Zuversicht und Hoffnung?

Ihre Antwort, die mich seit elf Jahren begleitet und nicht mehr loslässt.

"Wir machen jeden Tag die Kreuzeserfahrung, aber wir wissen auch von der Auferstehungserfahrung."

Erst im Bus während der Rückfahrt erfahre ich, dass sie die Freundin des ermordeten jungen Mannes war.

Hoffnung - die Überleben hilft.

"Gottes Macht", so heißt es weiter im Piusbrief, "behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbar werden soll. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfung leiden müsst.

Dadurch soll sich euer Glaube bewähren und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. So wird eurem Glauben Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi."

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, dann wechseln Licht und Schatten, Freude und Leid, Pessimismus und Zuversicht in schnelleren Taktfolgen, als in unserem geregelten und im Vergleich auch gesättigten Alltag. Das Wort Gottes und die Lehre des Heils habe ich immer wieder erfahren dürfen. Selbst an Orten, wo mir nur das Wort "Gottlos" in den Sinn kam und ich fragte: Mein Gott, warum hast du sie verlassen? In Ruanda während des fürchterlichen Genozid, im Sudan, in Guatemala, in Afghanistan, in Haiti.

Warum hat Gott seine schützende Hand nicht über diese Menschen ausgebreitet?

Vor vier Jahren erreichte uns im Bundesentwicklungsministerium der Hilferuf der kenianischen Regierung. Wir haben keine Wasservorräte mehr und die Menschen verhungern. Gleichzeitig berichtete die Süddeutsche Zeitung über ein Nobelhotel in Nairobi. Auf dem Dachgarten des 5-Sterne-Hotels beobachten die Hotelgäste die ausgemergelten Pastoralisten/Nomaden, die mit letzter Kraft und skelettartigen Tieren in die Hauptstadt flüchten. In der Hoffnung hier Hilfe zu bekommen.

Gleichzeitig gleiten andere Hotelgäste über die Hotel eigene Schlittschuhbahn im 1. Stock...

Ich  fliege nach Nairobi und von dort mit einer kleinen Maschine weiter in den Distrikt Wajir nahe der somalischen Grenze. Gemeinsam mit dem gewählten kenianischen Parlamentsabgeordnetem, unserem deutschen Botschafter und Fachkräften der deutschen Entwicklungszusammenarbeit fahren wir mit Autos stundenlang zu unserem Ziel.

Es gibt keine Straßen, sondern nur Sand, Dürre und Wüste, verdorrte Bäume und Sträucher, Tierskelette und verendende Ziegen säumen unseren Weg.

Wir hielten an in der sengenden Hitze. Kein Laut war zu hören, kein Wind, kein Vogel, kein Mensch. Eine Gegend wie ausgestorben.

Später sahen wir einige Nomaden. Sie hatten ihre Rundhütten aus Ästen aufgebaut und mit löchrigen Tüchern behangen. Wir sahen nur Frauen und Kinder. Ihre Männer waren unterwegs auf der Suche nach Wasser. Wann sie wiederkommen ist ungewiss.

Sie waren erstaunt uns in diesem Gebiet zu sehen und ich berichtete, dass wir am kommenden Tag mit Ministern ihrer Regierung zusammen kämen, um über Hilfeleistungen zu sprechen.

Eine Frau schaute uns ungläubig an: „Diese Regierung wird uns nicht helfen“ sagte sie ohne erkennbare Emotionen. „Die einzige Hoffnung, die wir haben ist, dass Gott uns hilft.“

Wie Recht diese Nomadin hatte, die noch nie in ihrem Leben ihren Abgeordneten gesehen hatte und noch nie in der Hauptstadt war. Die Pastoralisten, die Viehzüchter sind den Regierenden egal. Sie sind nicht wahlentscheidend, nicht einflussreich. Sie sind für sie wertlos.

Zurück in Deutschland haben wir Programme gestartet, um Brunnen für Trinkwasser und Brunnen für die Viehtränke zu bauen. Dazu Krankenstationen zur ärztlichen Versorgung im Distrikt Wajir.

Ich denke immer wieder mal an die Nomadin mit ihrem Kind auf dem Rücken, die die Hoffnung an die Regierenden aufgegeben hat und ihr Leben ganz in die Hände Gottes legt.

Im Petrustext heißt es zum Schluss: „Denn alles Sterbliche ist wie Gras und all seine Schönheit ist wie die Blume im Gras. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt, doch das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dieses Wort ist das Evangelium, das euch verkündet worden ist.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

macht euch auf den Weg nach München!

Lasst uns dort Hoffnung und Zuversicht finden bei und durch Gott unseren Herrn, der Himmel und Erde erschaffen und die Welt von Kolumbien bis Kenia umarmt.

Hoffnung, dass ist der Glaube an Zukunft

Hoffnung, dass ist die Gemeinschaft die trägt

Hoffnung, das ist die Kraft der Veränderung

Hoffnung, das heißt Grenzen überwinden

Hoffnung, das ist die Verantwortung der Politik

Hoffnung, das ist zugleich unsere tiefste Friedenssehnsucht

Hoffnung, das ist der gemeinsame ökumenische Weg.

 

Amen.

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