3. Gebot

15.02.2004 | 09:22

M. Lehmann-Stäcker

3. “Du sollst den Feiertag heiligen“

 

 

Liebe Gemeinde,

 

als ich vor fast 40 Jahren gefragt wurde, warum ich Theologie studiere, habe ich gesagt: „Ich möchte Geschichten erzählen von Gott und seinen Menschen, von Jesus Christus und dem Leben.“

Das ist heute noch immer so und darum beginne ich auch nicht mit Luther‘s kleinem Katechismus, sondern mit dem, womit alles begann:
Als das Volk Israel in der Fremde, in der babylonischen Gefangenschaft lebte, gab allein ihr Glauben an Gott ihnen Hoffnung und Kraft. Und sie suchten nach Worten, in denen dieser Glaube weiter getragen werden konnte, an Kinder und Kindeskinder. Und so entstand die Schöpfungsgeschichte, nicht als Erklä-rung über die Entstehung der Welt, sondern als Antwort auf die Frage, woher wir kommen und wozu wir leben. Damit die Zuhörer und Zuhörerinnen auch gleich wissen konnten, was gemeint war, begannen sie ihre Geschichte mit dem hebräischen Buchstaben Beth, was “Haus Gottes“ bedeutet. Die Schöpfungsge-schichte ist demnach die Geschichte des Hauses Gottes, in dem das Leben entsteht, wächst und gedeiht.

Bis heute erfahren wir das, was damals in unvergleichlicher Schönheit beschrieben wurde, daß nämlich durch Sprache, Ansprache etwas Lebendiges entsteht. Kein Mensch kann ohne Ansprache leben und so ist es auch nicht verwunderlich, daß im Hause Gottes das Tohuwabohu, das Chaos sich dadurch auflöst, daß Gott spricht: es werde Licht, Himmel und Erde, Pflanzen und Tiere, Nacht und Tag. Es werde der Mensch! Und er schaute alles an und sprach: es ist gut. Mit diesen 3 Worten wird aus Leben gesegnetes Leben, das es zu schützen und zu bewahren gilt. Man kann aber nur etwas schützen und bewahren, wenn man es anschaut, sich Zeit nimmt, darüber nachdenkt, was einem heilig ist. Darum schließt die Geschich-te dann auch mit den Worten: „Am siebten Tage ruhte Gott von allem, was er geschaffen hatte und er-klärt diesen Tag zu einem heiligen Tag, der ihm gehört.“ An diesem Tag sollten sich die Menschen erin-nern, wie alles begann, sie sollten erfahren, wozu Leben gut ist.

Die Israeliten gaben diesen Schatz weiter, schöpften aus ihm Kraft auf dem langen Weg durch die Wüste und schrieben ihn fest auf die erste Tafel der 10 Gebote.

Und bis heute erinnern sie sich in ihrem Glaubensbekenntnis, dem schema Israel = Höre Israel - an die-ses kostbare Geschenk, das Leben zu feiern, sich eine Atempause zu gönnen, in der sie nachspüren, daß Gott Anfang und Ziel ist und seine Schöpfungskraft lebendig ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der Sabbat war und ist der Tag, an dem sie Gott für die Freiheit als Kinder Gottes danken. Nun feiern wir ja nicht den Sabbat, sondern den Sonntag in Erinerung an Ostern, doch der Inhalt ist der gleiche. An Ostern ist noch einmal mit der Auferstehung Jesu Christi bekräftigt worden, daß wir im Hause des Herrn bleiben dürfen für immer. An Ostern hat Gott dem Leben endgültig den Sieg über das Chaos zugestan-den, in dem er Jesus Christus auferweckt hat von den Toten. Darum sollen wir diesen Tag als Feiertag heiligen. Darum ist es für menschliches Miteinander von Schaden, wenn wir so tun, als gäbe es keine Atempause, in der wir dem Rhytmus der Schöpfung nach—denken, unsere Zeit als von Gott ge¬schenkte Zeit begreifen und feiern dürfen. Wir leben davon, daß wir miteinander Leben als gesegnetes Leben er-fahren und Gott dafür danken, daß auch wir die Freiheit der Kinder Gottes geerbt haben.

Der Schabbat bei den Juden, der Sonntag für uns, eröffnet einen Raum, in dem Menschen eben nicht nach Leistung gewertet werden, sondern in ihrer Ebenbildlichkeit Gottes angesprochen werden. Der Sonntag eröffnet das Fenster zur Ewigkeit des Lebens, sowie Ostern der Vorgriff auf diese Ewigkeit ist. Darum beginnen wir die Woche mit diesem Tag, leben aus der Verheißung, daß unser Miteinander daraus erwächst, daß wir das Leben aus der Hand Gottes empfangen haben und keine Macht der Welt uns dar-aus entreißen kann. Darum ist das 3. Gebot ein Gebot, daß unsere Seelen schützt: vor Überanstrengung, Selbstausbeutung, einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Zwang und Übergriffen, Maßlosigkeit und Bewertung nur noch nach Ertrag und Erträgen. Das dritte Gebot rückt das Leben zurecht, in dem es Zeit für die Seele zumißt. Ohne diese besondere Zeit geht uns das Zeitgefühl verloren und damit auch das Fragen, wozu uns Gott geschaffen hat, wohin er uns bringen will.

Genau dies - liebe Gemeinde - wollte Jesus aufzeigen als er die Händler aus dem Tempel vertrieb. Die Sache an sich - daß es Händler gab - war schon in Ordnung, dagegen verwahrte sich Jesus nicht, sondern er wirft das Verrückte um, wettert gegen Maßlosig¬keit und die Überschätzung von Eigennutz, Geld und Äußerlichkeiten.

Er rückt das 3. Gebot wieder in den Mittelpunkt, setzt die Heiligung des Feiertags, das Gotteslob wieder an die Stelle, die ihm gebührt. Darum habe ich diese Erzähung für den heutigen Tag als Evangeliumsle-sung ausgewählt.

Denn sie stellt uns die Frage, was uns heilig ist. Unsere Seele lebt davon, daß wir genau auf diese Frage die richtige Antwort finden. Mir ist heilig, daß ich einen Raum und eine Zeit habe, in der ich danken kann für alles, was mir geschenkt wurde.
Mir ist heilig, daß ich mit anderen darum bitten kann, daß Gott vollendet, was unfertig geblieben ist.
Mir ist heilig, daß ich mich erinnern kann, daß Leben nicht von mir geschaffen wurde.
Mir ist heilig, daß ich ausruhen darf von allem, was mich bedrückt.
Mir ist heilig, daß ich unterscheiden lerne, zwischen Marktgeschrei und der Stimme, die das Chaos be-zwang und die Ewigkeit verheißt. Und das tut - so denke ich - nicht nur meiner Seele gut. Das ist der Mehr-wert, den Gott uns geschenkt hat, in dem er Freiheit über Abhängigkeit setzte, Leben über Profit, Gotteslob über Geschäftigkeit und den letzten bzw. den ersten Tag über die übrigen Tage.

Im Hause Gottes sind nicht nur Werktage vorgesehen, sondern eben auch ein Tag, der Gott gehört, an dem wir von uns absehen und auf das schauen dürfen, was über uns hinausweist. Wer dies vergißt und den Sonntag opfert für in der Woche Unerledigtes oder für Trubel, Konsum und scheinbare Freizügig-keit, der wird erfahren, daß sich nicht nur der Rhytmus verändert, sondern auch er bzw. sie selber. Die Seele wird stumpf, sie wird nicht mehr satt und man kann ihr noch soviel an „events“ anbieten, der Hun-ger bleibt, weil die Frage nach Anfang und Ziel unseres Lebens keine Antwort findet.

Was bleibt sind nur noch Werktage, die wenig von der Freiheit der Kinder Gottes erzählen können.

Doch genau dieses will Gott: er will erfülltes befreites, gesegnetes Leben. Leben, in dem die Seele zu ih-rem Recht kommt, wir spüren wie wunderbar es ist im Hause Gottes aufgehoben zu sein.

Darum laßt uns den Feiertag heiligen, Gott danken für die von ihm geschenkte Zeit und Ewigkeit — un-sere Seelen, wir leben davon.

Amen

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