6. Gebot

14.03.2004 | 09:25

M. Lehmann-Stäcker

6. „Du sollst nicht ehebrechen!“

 

 

Es gibt - liebe Gemeinde - wohl kaum ein anderes Gebot, das uns so nahe kommt, so im Innersten berührt wie dieses.

 

Wir denken unwillkürlich an unsere eigenen Beziehungen oder die von Freunden, wo sie geglückt sind oder eben auch nicht. Am liebsten würden wir ausweichen, in dem wir z.B. über die Frauen trauern, die noch heute in manchen islamischen Ländern, wo die sharia herrscht, gesteinigt werden, wenn sie beim Ehebruch ertappt werden oder uns freuen, daß im Christentum diese Form der Strafe überholt ist, die wir vorhin als Evangeliumslesung gehört haben. Denn da erzählt Johannes, wie Gesetzeslehrer eine Frau vor Jesus brachten und sagten: “Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mo-se hat im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigem. Was sagst Du?“

Gott sei Dank läßt Jesus sich nicht darauf ein, macht einen deutlichen Schnitt: daß niemand das Recht hat, einen anderen zu verurteilen und ihn bzw. ihr das Leben zu nehmen. Und doch frage ich mich jedes mal, wenn ich diese Geschichte lese, wieso es eigentlich nur die Frau treffen sollte.

Gehören zum Ehebruch nicht immer zwei? Wie haben wohl diese Frau und ihr eigener Mann vorher mit-einander gelebt? Hat er sie lieblos behandelt, so daß sie in die Arme eines anderen flüchtete, hat er sie überhaupt als Mensch wahrgenommen? Oder war es genau umgekehrt? Wolle sie ihn demütigen, indem sie - wie der Volksmund sagt - fremd ging?

Ich werde wohl auf keine dieser Fragen eine Antwort erhalten, spüre aber: ich bin mittendrin auf der Spu-rensuche, was dieses Gebot uns aufträgt.

Als es entstand, diente es dazu, „die gute Ordnung“ einzuhalten, damit das Sippengefüge nicht zerstört würde. In die Ehe eines anderen einzubrechen, konnte tödlich sein, wenn man aufeinander angewiesen war auf dem langen Weg durch die Wüste.

Die gute Ordnung einhalten wollten aber auch die Pharisäer, als sie die Frau zu Jesus brachten - und doch sagt er: “Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein - und sie gingen alle davon.“ Schuld und Sühne sind demnach nicht die richtigen Kategorien, um das zu erreichen, was ich als gelingendes Leben beschreiben möchte.

Und von daher - denke ich - waren unsere Gesetzesgeber gut beraten, als sie das Schuldprinzip aus dem Scheidungsrecht herausnehmen. Zum Ehebruch gehören in den meisten Fällen zwei, denn was im bibli-schen Sinne damit gemeint ist, fängt viel früher an, als „auf frischer Tat ertappt zu werden.“ Das wollte Jesus mit seiner Antwort deutlich machen. Wann immer wir auf Kosten unsres Partners, unserer Partnerin leben, ihn bzw. sie klein machen, um selber groß zu erscheinen, brechen wir die Ehe. Wann immer wir durch Demütigungen unserer Frau oder unserem Mann seine Würde nehmen, ihn oder sie nach unseren Wünschen zurechtbiegen wollen, es am nötigen Respekt fehlen lassen, brechen wir die Ehe, weil wir näm-lich dann die gute Ordnung Gottes zerstören, die uns gleich, gleichwertig als seine Ebenbilder geschaffen hat. Darum gingen die Pharisäer fort - sie hatten erkannt, daß sie selber nicht Richter sein können, weil auch sie sich fragen mußten, wie sie Gottes Gebot im eigenen Hause urnsetzten.

Und wir? Auch wir können dieses Gebot nicht einfach ad akta legen, weil wir keinen Liebhaber haben bzw. noch nie fremd gegangen sind.

Dieses Gebot geht uns deshalb so nahe, weil auch wir uns fragen müssen, wie wir denn unsre Beziehun-gen gestalten. Wie ist das mit den Partnern, nehmen wir sie mit ihren eigenen Wünschen immer wahr und ernst? - Oder leben wir auf ihre Kosten, indem wir all unsere Zeit, Kraft, Energie und auch Herzblut dem Beruf widmen? Ich selber weiß, wie verletzend es sein kann, wenn der Partner immer hintan steht und alles andere Vorrang hat. Wie ist das mit dem Respekt bei uns? Lassen wir es nicht auch manchmal - hin-ter verschlossenen Türen - daran fehlen? Ich finde es nicht einfach, das Leben im Gleichgewicht zu hal-ten, so daß jeder und jede zu ihrem Recht kommt und die uns von Gott gegebene Würde ihren eigenen Ausdruck finden darf. Wieviele Männer und Frauen leben ihr eigenes Leben, ohne zu fragen, ob sie damit dem/der anderen schaden, ihm/ihr wehtun, manchesrnal sogar fast einen Ruin herbeiführen? Aber selbst in ganz “normalen“ Beziehungen trifft dieses Gebot jeden von uns, weil es uns abverlangt, die uns Anget-rauten in ihrem Wert anzuerkennen, sie groß sein zu lassen, ja sie ihren eigenen Weg gehen zu lassen.

Dieses Gebot fordert uns auf, die Balance zu halten zwischen sich und dem, der anderen. Und das ist eine Lebensaufgabe.

Sie ist schwer, denn sonst würden nicht soviele Ehen daran zerbrechen und soviele Wunden geschlagen. Die Ehe brechen heißt demnach einen Menschen zerbrechen und genau dies will Gott nicht. Darum kann es sogar manchmal besser sein, sich zu trennen, bevor dies geschieht und das letzte Stück Würde auf der Strecke bleibt. Die Ehe halten heißt umgekehrt, zu einem Menschen halten, mit all den eigenen Gaben sich beschenken und sich fördern - und das ist Gottes Gebot - denn er ist ein Liebhaber gelingenden Le-bens. Ja - dieses Gebot geht uns nahe wie kein anderes und es ist sehr intim.

Wir denken über unsere eigenen Beziehungen nach und blicken in unsere ganz persönliche Geschichte. Vielleicht danken wir auch jetzt in diesem Augenblick - Gott dafür daß sovieles bei uns bisher geglückt ist und wir uns immer noch aneinander freuen können. Mögen wir auch in der Zukunft die Augen offen halten, um den anderen, die andere wirklich wahrzunehmen, ihn / ihr auf gleicher Augenhöhe zu begeg-nen, nicht nur unser Herz, sondern auch Zeit mit ihr und ihm zu teilen.

Mögen wir alles daran setzen, damit es erst gar nicht dazu kommt, daß wir uns jemand anderen zuwenden und wie es bei Johannes heißt: „auf frischer Tat ergriffen werden.“ Wenn Jesus zum Schluß sagt: Sündige hinfort nicht mehr, dann meint er nicht nur diese Frau. Er legt uns ans Herz, Gottes gute Schöpfungsord-nung nicht zu zerstören, sondern aufeinander als seine Ebenbilder Acht zu geben. Er hat uns geschaffen als Menschen, die der Ergänzung bedürfen und die sich gegenseitig brauchen, um seinem Bild wenigstens annähernd zu entsprechen.

Wenn wir das versuchen, dann erfüllen wir nicht nur dieses Gebot, sondern ahnen und spüren, daß er selber auf unserer Seite ist. Und dann wird unser Haus ein Haus mit Ausstrahlung, denn jeder und jede von uns sieht indem/der anderen sein eigenes Ich und erkennt in ihm bzw.  in ihr, daß es gut ist, gemein-sam den Weg des Lebens gehen zu dürfen.

Gott ist ein Liebhaber gelingenden Lebens und darum dürfen wir dazu ihn auch um seinen Segen bitten.

Amen

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