Johannes 1,43-51 | 2. Sonntag nach den Christfest

02.01.2011 | 01:00

Th. Warnke

Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es! Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.
 

 

Liebe Gemeinde, durch das Portal des neuen Jahres sind wir hindurch geschritten. 2010 liegt hinter uns... Nun stehen wir am Anfang, am Beginn eines neuen Jahres. Vielleicht mit Erwartungen, Wünschen oder Hoffnung... Mit einer neuen Losung für das neue Jahr... Vielleicht aber auch ganz absichtslos...
Dennoch führt uns der Bibeltext für den heutigen, ersten Sonntag im neuen Jahr auch an eine Anfangssituation. An einen verdichteten Punkt im Leben, an dem etwas neu werden will...
Johannes beginnt sein Evangelium – nachdem wir auch dort das Portal, den gewaltigen Prolog, hinter uns gelassen haben, mit einer Berufungsgeschichte.
 
Im Deutschen liegen die Worte Beruf und Berufung dicht beieinander; sie kommen zusammen, wenn Innen und Außen ganz zusammenstimmen. Aber wann ist das der Fall?
Der Beruf, in dem jemand sein Geld verdient, steht oft genug im Widerspruch zu dem, wozu er sich eigentlich berufen fühlt.
Und die meisten Menschen in den Industrienationen dieser Welt bringen einen Großteil ihres beruflichen Lebens mit Tätigkeiten zu, die mit ihnen selbst, mit der eigenen Person, kaum etwas zu tun haben.
 
 
Allerdings: Wer kennt schon seine eigentliche Berufung?
Und fragt man Jugendliche, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen, nach einer beruflichen Perspektive, bekommt man in nicht wenigen Fällen ein Schulterzucken zur Antwort.
Wie wird man dort hingeführt? Wer lehrt einem dieses Wissen über sich selbst?
 
Ich denke, es ist eine der grundlegendsten Aufgaben der Religion, den Weg dorthin zu ebenen.
An anderer Stelle spricht Paulus von den Gaben. Gut, wer seine Gabe kennt und sie zum Wohle der anderen einsetzen kann.
Auch die Berufung ist letztlich nicht nur etwas für das eigene Berufsleben.
 
Wo aber gibt es diesen Ort auf unserer Lebenslandkarte, an dem wir uns berühren lassen können von dem Anderen, von einer anderen Wirklichkeit, von einer Heiligkeit, durch die nicht nur Lebens-Sinn gestiftet wird, die dem Leben zuallererst seine eigentliche und wirkliche Würde schenkt.
 
Es geht um das Entdecken, das Erleben, das Aufspüren von Wahrheiten. Es sind nicht mehr nur Formulierungen, und Worte, nicht mehr nur Glaubenssätze, die aufgesagt werden wollen. Religion ist durchaus nichts zum Aufsagen. Religion ist ein Aufruf zum Selber-Tun, oder noch besser: zum Selber-Wirklich-Werden...
 
Diese Erinnerung mag am Anfang des neuen Jahres stehen, mag uns bei den ersten Schritten hinein ins neue Jahr begleiten.
 
So ist denn das erste, was Jesus tut, wie Johannes in seinem Evangelium berichtet, nachdem er getauft wurde und schließlich mit seinem Tun und Handeln für die Menschen beginnt: er nimmt die Menschen, denen er begegnet, mit sich. Er hält keine Rede, keinen Vortrag, er gibt kein Seminar, keine Erklärung, er fordert kein vorformuliertes Bekenntnis: er sagt ihnen einfach: Folge mir nach.
 
Gewiss sind es die Suchenden unter den Menschen, die er um sich sammelte. Es sind die, die eben jenen Ort in ihrem Leben suchen, an dem sie mit sich selbst und dem Größeren in Übereinstimmung kommen. Diesen Ort der inneren Ruhe, der Einkehr und des Bleibendürfens..., da, wo man verweilen darf. Und bevor Jesus all ihre Fragen, die sie angesammelt haben, überhaupt erst anhört, sie dann womöglich sortiert, ordnet und beantwortet, bevor es überhaupt erst zu einem Gespräch kommen kann, nimmt er sie einfach mit sich, um ihnen seinen „Ort“, sein „Beheimatet-Sein-in-Gott“ zu zeigen. Jesus ebnet den Weg zu einer eigenen Einsicht, zu einer eigenen Erfahrung.
 
Und tatsächlich antwortet Philippus, der von Jesus Angesprochene, wie ein schon lange Suchender...: Wir haben den gefunden, - sagt er – den, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.
 
Philippus hat gefunden!
Dabei ist es das Besondere und Eigentliche in der christlichen religiösen Erfahrung - die Erfahrung, die Johannes uns in dieser Szene vor Augen führt - , dass wir den Ort unseres Suchens eben nur finden werden in der Nähe eines anderen Menschen, eines Menschen, der nicht weggeht, der nie weggeht.
„Folge mir nach“ meint dieses einfache Miteinandersein, ein gemeinsames Zueinander-Kommen unter den Augen dessen, der den Grund legt für dieses Vertrauen, den Jesus später im Johannes-Evangelium seinen (und unseren) Vater nennen wird.
 
Letztlich ist das die Suche nach unserer Berufung: Wir möchten das Ziel unseres Lebens kennen, wir müssen, um sinnvoll zu sein, erkennen, was mit uns gemeint ist. Und eben deshalb endet alles Suchen damit, zu entdecken, dass wir immer schon angeblickt worden sind, angeblickt von den gütigen Augen eines anderen.
 
Auch Nathanael, dem Philippus von Jesus erzählt, und der so zunächst so resigniert und abweisend reagiert, so vorgeprägt von seinen Meinungen, auch Nathanael kann sich dann doch diesem Blick, mit dem Jesus ihn ansah, gesehen hatte, als er unter dem Feigenbaum saß, nicht entziehen.
Hier werden wir Zeuge und Zeugin einer tiefen religiösen Erfahrung. Weil Nathanael in diesem Angesehen werden spürt, wie sehr Jesus selber verwurzelt ist in einen tief in Gott gründenden Vertrauen, selber gehalten wird in dem Halt eines anderen – eines in sich absoluten Daseins.
Und dann schwindet die Grenze zwischen dem Himmel und der Erde.
Das ist die Erfahrung in diesem Augenblick. Und wie über Jakob im Traum, damals als er vor seinem Bruder Esau floh, sich der Himmel auftat und die Engel auf einer Leiter auf und ab stiegen, so auch dann, wenn man sich so tief erkannt und verbunden fühlt.
 
Es ist eine Anfangsgeschichte am Anfang des neuen Jahres. Aber es ist vor allem auch eine Aufbruchsgeschichte, weil das Leben immer wieder solche Aufbrüche fordert.
Eine Berufungsgeschichte, die Johannes an den Anfang seines Evangeliums gesetzt hat. Und sie ermutigt, den Blick zu erwidern, mit dem wir angesehen sind.
Und sie zeigt gewiss eine Richtung: Folge mir nach.
Amen

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