Johannes 21, 1-5a | Die Offenbarung

20.06.2010 | 16:36

Klaus-Georg Poehls

„Gottes Hütte bei den Menschen“
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.
„Siehe, ich mache alles neu“ und die „Hütte Gottes bei den Menschen“ das sind als biblische Zitate zuerst einmal an den Haaren herbeigezogenen Worte für die Innenrenovierung einer Kirche.
Das Anstreichen von Wänden, die Installierung von Licht und dergleichen mehr haben als Predigtinhalte, als geistige Nahrung den Nährwert von Nullkommnix – mancher mag einwenden, das hätten andere Themen und andere Predigten auch.

Das, was wir vorhaben, hat liturgisch noch keinen Eingang in die Gottesdienstordnungen gefunden, es gibt keine empfohlenen, gar vorgeschriebenen Texte und Lieder dafür. Das ist gut und richtig so: Nicht alles, was wir tun, braucht eine biblische, theologische, amtskirchlich abgesicherte Begründung. Es ist schlichtweg an der Zeit, dass unsere Kirche nun auch von innen neu hergerichtet wird, und all denen, die sich dafür eingesetzt haben, die dieses Unternehmen in die Wege geleitet, geplant, unterstützt haben, sei Dank ausgesprochen – ganz bewusst schon jetzt.
Dabei waren nicht nur Wissen, Kompetenz, Sorgfalt und Verantwortlichkeit zu spüren, sondern auch, und hier gehen wir dann doch hinein in den geistlichen Bereich, Engagement, Verbundenheit und Freude – für, mit und an dieser unserer Kirche. Sie hat Liebhaber, sie hat Förderer, sie hat Freunde und Gewogene – und dies durch alle Generationen.
Unzählige Menschen haben diesen Raum genutzt und benutzt, haben Spuren hinterlassen.
Unsere Bänke, unsere Türen, unsere Orgel, unser Taufbaum, unsere Wände, an die wir uns lehnen, an denen wir vorbeistreifen mit Markttaschen, Kinderwagen, Gehwagen, unsere Mikrophone und Steckdosen  – sie alle hunderte, tausende Male benutzt, abgenutzt. Ein gutes Zeichen!
Kirchen, in denen nichts passiert, passiert auch nichts.
„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein…“.
Eine Ahnung, liebe Gemeinde, vom Wahrwerden dieser Vision haben wir bekommen können – auch in dieser Kirche.

Die großen Verheißungen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, von denen die Bibel voll ist, – zu bedenken dabei ist: die Offenbarung des Johannes besteht in weiten Teilen aus alttestamentlichen Zitaten, bündelt also das, was das Volk Israel schon als Zukunft Gottes träumte – diese großen Verheißungen lassen sich nicht einfach abschieben in ein Morgen, von dem wir nicht wissen, wann es kommt.
Nein, Gott ist schon jetzt Wirklichkeit und seine Verheißungen wollen sich schon jetzt auswirken. Er ist da und wenn das erst in unausdenklicher Zukunft Konsequenzen haben sollte, dann kann er ebenso gut weg sein.
„Siehe, ich mache alles neu.“ Gott ist Schöpfer, immer noch. Aber natürlich ist nicht alles Neue Gottes Schöpfung.
Denn Neusein hat noch keine Qualität, ist lediglich Zustand.
Ist die Rede von „neuer Regierung“, „neuen Gesetzen“, „neuen  Klamotten“, „neuer geistlicher Musik“, „dem neuen iPad“ – dann sind neuer Ärger, neue Abscheu, neues Staunen und neuer Jubel schon vorprogrammiert – das wird dann wohl auch mit unserer „neuen alten Kirche“ so sein.

Das Neue von Gott, das wir nicht machen, dem wir nur Raum bieten können, zeichnet sich aus durch eine große Zuneigung zu seinen Menschen, zu seiner Kreatur.
Solidarität des Schöpfers mit seinen Geschöpfen ist Kennzeichen des Neuen, das Gott macht. Er wischt die Tränen von den Augen ab, er lässt das, was das Erste scheint, vergehen, weist Leid und Geschrei und Schmerz und Tod in ihre Schranken und nimmt sie weg. Und wohnt bei seinen Menschen – wird ihr Gott sein über alle Volks- und Religionsgrenzen hinweg.

Das Neue, das Gott macht, fängt ganz unten an, im Staub, im Dreck, auf Lehmböden, abgenutzten und verdreckten Linoleumfluren, fängt da an, wo Menschen ihr Dasein fristen müssen, und stellt alle Herrlichkeit, alle Pracht grundsätzlich in Frage. Gott wohnt in einer Hütte oder, so lässt es sich der Text aus der Offenbarung des Johannes auch übersetzen, in einem Zelt bei seinen Menschen.
Die ärmsten, schlechtesten Lebensverhältnisse sind die seinen. Das gibt denen, die so leben müssen, ihre Würde zurück und stellt denen, die nicht so leben müssen, ihre Verantwortung vor Augen.
Wer in einer Kirche sitzen darf, muss bedenken, dass Gott in einer Hütte wohnt; wer in einer Hütte leben muss, darf erfahren, dass sie für Gott die schönste Kirche ist.

Es wird diese Überzeugung, diese Glaubenshaltung sein, die unsere Kirche mehr schmücken wird, als das reinste Weiß einer Wandfarbe und die ausgeklügelste Lichtinstallation. Sie sind und bleiben nachrangig und das wissen wir.
Und andersherum: wie sollten wir nicht versuchen, in aller Vorläufigkeit versuchen, dem Neuen, das Gott schaffen will, den schönsten Raum zu bieten – fernab von jedem Budenzauber und jeder Hüttenromantik?
Denn auch hier will Gott wohnen, geglaubt und angebetet, gelobt und besungen werden. Auch hier, mitten unter uns, will er Tränen abwischen und Neues schaffen. Wir haben ihm Raum zu geben. Und alles wird neu. Amen.

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