Judika: 4 Mose 21,4-9

18.03.2018 | 11:00

"Was musst Du getan haben, dass Gott Dich so straft?" Diese Worte habe ich zornig mit in meinen Beruf gebracht. Sie galten einem Mädchen von 13 Jahren, das schwer an Krebs erkrankt war. An ihrem Krankenbett stellte der Krankenhausseelsorger ihr diese Frage. Ihren Eltern war gesagt worden, sie hätte noch drei Monate; sie selbst wusste nur, dass sie sehr schwer erkrankt war. Und hörte diese Frage und bat den "Seelsorger", das Zimmer zu verlassen.

Liebe Gemeinde, entspricht es Ihrem Gottesverständnis, wenn Rede von Gott sagt, er greife konkret ein in das Leben von Menschen, belohnend oder strafend? Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort und größere gar mit dem Tod? Ist der Tod der Sünde Sold? Wir leben in einem Land, in dem die Menschenrechte gelten und noch wird die Mehrheit unserer Gesellschaft der Ansicht sein, die Todesstrafe dürfe weiterhin nicht gelten. Darüber bin ich froh.

Aber die Bibel ist in manchen ihrer Passagen anderer Ansicht und manche theologische Rede und manche Kirchenlieder sind da auch anderer Ansicht. Die besagt, dass uns allen, ausnahmslos, ewige Verdammnis zustehe und wir den Tod verdient hätten – und zwar aus göttlicher Perspektive.

Wollen wir dieses Menschenbild teilen? Und wollen wir ein Gottesverständnis besingen, bebeten und leben, demzufolge Gott seine Menschenkinder bestraft – hier und jetzt und in Ewigkeit? Und wenn wir Jesus zwischen uns und Gott schieben, dann als Opfer, das allein Gott uns gegenüber gnädig stimmen kann, oder als fleischgewordenes Wort von Gottes Liebe zu uns? Und dann könnten wir uns immer noch in den Satz flüchten "Wer sein Kind liebt, der schlägt es".

Heute führt uns der Predigttext hin zum wandernden Volk Israel unter der Führung des Mose. Ganze Familien waren mit ihm unterwegs, weg aus dem Sklavenland Ägypten wanderten sie durch die Wüste, hin zu einer wunderbaren Gegend, die Gott selbst ihnen zeigen wollte. Aber der Weg war beschwerlich und immer wieder keimte Unzufriedenheit und Enttäuschung auf.

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

"Feurige Schlangen", wohl so genannt wegen des brennenden und tödlichen Bisses, sendet Gott unter sein Volk.

Ich erinnere mich an eine Reittour durch die Bergwelt Lesothos im Herzen Südafrikas. Früh am Morgen, es war noch kühl, ritten wir auf eine kleine Pension zu und hörten Schreie. Dann sahen wir drei Frauen, die am Eingang standen und wirklich in Panik schrien. Grund war eine schwarze gut einen Meter lange Schlange, die sich in der Sonne aufwärmen wollte. Mit einem langen Ast nahmen wir das noch träge Tier auf und brachten es ins Gebüsch am Rande des Platzes. Sie konnte uns noch nichts tun, aber allein ihr Dasein hatte Panik ausgelöst.

Wenn wir auf die Geschichte blicken: sollte Gott das wollen und tun – Panik und Tod unter sein Volk zu bringen? Und tut er es heute noch – in unseren Krankenhäusern, Pflegeheimen, Flüchtlingsunterkünften, Kriegsländern?
Es ist – für mich – unerträglich, Panik und Tod als Sendboten Gottes zu verstehen, als Strafe für Fehlverhalten. Vielleicht muss man das erlebt haben, um solche Erfahrungen nicht ursächlich mit Gott in Verbindung bringen zu wollen.

Doch ich halte inne und lasse mich von Dietrich Bonhoeffer in Frage stellen:

"Wir haben unsere eigenen Gedanken lieber als die Gedanken der Bibel. Wir lesen die Bibel nicht mehr ernst, wir lesen sie nicht mehr gegen uns, sondern nur noch für uns" (D. Bonhoeffer, zitiert bei: F. Schlingensiepen, Dietrich Bonhoeffer. 1906 - 1945, München 2005, 110). ...

"Die Bibel kann man nicht lesen wie andere Bücher. Man muß bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antwort von ihr erwarten, gibt sie sich uns. ... Wie wir das Wort eines Menschen, den wir lieb haben, nicht erfassen, indem wir es zuerst zergliedern, sondern wie ein solches Wort einfach von uns hingenommen wird und wie es dann lang in uns nachklingt, ... so sollen wir mit dem Wort der Bibel umgehen" (ebd. 113).

Ist das die Lösung? Sollte ich lieber schweigen und nachklingen lassen, was mir da als so schwere Gedanken der Bibel begegnet ist? Oder gilt es, die Bibel nicht nur historisch kritisch zu sehen, sondern auch theologisch kritisch?
Auch wenn es einen Teil meiner Arbeit ausmacht, mit der Bibel gegen die Bibel zu kämpfen, so bleibt mir immer das Staunen über dieses Buch – trotz ihrer dunklen, spröden, abweisenden Stellen.

Je mehr ich hineintauche in ihre Texte, ihre Worte, je mehr ich sie hinterfrage, desto deutlicher wird ihr Wert, ihr Strahlen. Ihre Vielstimmigkeit von 66 einzelnen Schriften, über einen Zeitraum von gut tausend Jahren gewachsen, geformt, manchmal hingeschrieben wie für den Moment und nicht für die Ewigkeit, manchmal komponiert wie eine großartige Hymne, sie ist schön. So wie vielstimmiger Gesang schön ist und nicht aufgerechnet werden darf gegen Einstimmigkeit.

Auf vielen Wegen führt mich die Bibel zu dem einen Bekenntnis.

Die Bibel ist mir eine Quelle. Sie gibt mir Texte an die Hand, die ich nicht schöner sagen könnte, die eine Kraft in sich tragen, die meine Worte nicht haben. Sie ist kein magisches Buch, aber sie hat verwandelnde, manchmal bezaubernde Kraft. Sie ist reich und es ist der Glaubensreichtum von Menschen, deren Religion ich als Nichtjude nicht habe, deren Weltbild ich nicht teile und die mir doch so viel geben. Denn sie verweisen auf den einen Gott, der da ist und Ja sagt.

Das tut er in unserem Text zuerst nicht und dann nur lau. Die Schlange, die Mose aus Bronze oder Kupfer formen und an einem Stab aufhängen soll, bewirkt erst nach dem Sündenbekenntnis des Volkes, dass Menschen zwar noch gebissen werden, aber nicht mehr sterben, wenn auf sie gesehen wird.
Und dann kann sie – immer noch auf dem dunklen Hintergrund eines strafenden, Panik und Tod sendenden Gottes - zu einem Zeichen der Erneuerung werden: sie erinnert daran, dass Menschen sich erneuern können, dass es, wenn Menschen etwas leid sind, eine andere Möglichkeit gibt als zu murren und zu jammern.

Manchmal ist das nur allzu verständlich. Doch Jammern, Klagen und Murren vergiften unser Leben und das unserer Mitmenschen.
Und niemand muss dabei bleiben; es ist vielmehr der erste Schritt: ich merke, mir geht es nicht gut, danach kann ich fühlen, was mir fehlt und fühlen, was ich brauche, damit meine Bedürfnisse gestillt werden. Und dann, wenn ich weiß, wonach mich hungert, dann kann ich um das bitten, was das Leben reicher machen kann. Neu vertraue ich mich dem Gott Jesu an, bete mit Jesu Worten das Vaterunser und glaube an einen Gott, der die Liebe ist und das Leben seiner Menschenkinder will. Und ich danke Gott, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Amen.

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