Konfirmationen: Wer bei Gott eintaucht

26.05.2018 | 12:00

Meine lieben Konfis, liebe Eltern, Familien, Patinnen und Paten unserer heutigen Hauptpersonen, liebe Gemeinde!

Wir werden gleich politisch Brisantes machen. Wir hängen an junge Menschen ein Kreuz. Es gibt Menschen, die meinen, das Kreuz sei Ausdruck bayrischer Identität. Aber ich möchte Euch heute nicht zu Bayerinnen und Bayern machen.

Es gibt weiter Menschen, die meinen, das Kreuz stehe für das christliche Abendland und seine Werte. Das ist anmaßend. Es gibt es das christliche Abendland mehrheitlich nicht mehr, weil sich immer weniger Menschen zum christlichen Glauben bekennen und seine Werte werden auch von anderen Religionen und auch von nicht-religiösen Menschen geteilt.

Und schlussendlich gibt es Menschen, die halten ein Kreuz für Modeschmuck und damit wird es zur Geschmackssache. Wofür steht das Kreuz?

Natürlich erinnert es an das Kreuz Jesu; und ich bin froh, dass er sich an unserem Altarkreuz unblutig und ungebunden und unangenagelt schon vom Kreuz löst. Blut und Qual und Folter haben unseren Widerstand hervorzurufen, stehen aber nicht in der Mitte unseres Glaubens. Das Kreuz, das Ihr heute "angehängt" bekommt, verbindet zwei Linien zu einem Mittelpunkt, den Ihr Euch mit dem Evangelium, das wir hörten, ausgesucht habt: die himmlische und die zwischenmenschliche Linie finden im Doppelgebot der Liebe zusammen. Worte Jesu:

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt". Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten."

Betrachten wir die zwischenmenschliche Liebe und lernen vom Reichtum des Islam: "Wer einen Menschen mit großer Liebe liebt, der liebt auch den, der diesen Menschen lieb hat, und den, der von ihm geliebt wird." So beschreibt der islamische Gelehrte Abu Hamid al-Ghazâlī, der im 11. Jahrhundert lebte, die Kettenwirkung der Liebe.

Und der jüdische Philosoph Martin Buber trennt zwischen Liebe und Gefühl und nimmt den Juden Jesus als Beispiel: "Das Gefühl Jesu zum Besessenen ist ein anderes als das Gefühl zum Lieblingsjünger; aber die Liebe ist eine. Gefühle werden "gehabt"; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen, aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum "Inhalt ", zum Gegenstand hätte, sie ist zwischen Ich und Du. Wer dies nicht weiß, mit dem Wesen weiß, kennt die Liebe nicht … Liebe ist welthaftes Wirken" (Martin Buber, Das dialogische Prinzip, Heidelberg, 1973, 18 f.).

Und so lösen wir heute Liebe von einem gefühlsduseligen Geschehen und machen sie zu einem göttlichen Prinzip. "Wir glauben an Jesus, von Maria geboren, von dir, Gott, erfüllt. Er brachte uns dich, den hilfreichen, zuverlässigen und Trost verheißenden Gott, nahe und offenbart uns deinen Geist und deine Liebe, heilend und herausfordernd." So bekennt ihr und beschreibt die Herausforderung unseres Glaubens.

"Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Nächsten wieder auf." So ähnlich hat es einmal ein französischer Bischof gesagt.

Ein seltsames Wort vielleicht. Ein Bild aus dem Schwimmsport: ein Vorgang wird beschrieben, eine Handlung und wer von oben zuguckt, der bekommt nur mit: da taucht einer ein und taucht nach einer Zeit wieder auf. Tut er das nicht, stimmt was nicht, dann ist etwas falsch gelaufen. Etwas sehr Schlimmes kann nur passiert sein, wenn einer nicht mehr auftaucht.

Dieses Bild wird auf den Glauben bezogen. Glauben ist eine Vertrauensbewegung zu Gott hin, in der ich als ganzer Mensch gefordert bin, wie beim Schwimmen – mein Denken, Fühlen und Handeln sind gefordert, mein Mut, mein Vertrauen, meine Beweglichkeit, meine Ausdauer, meine Kraft – als körperliche Kraft, wie als Entschlusskraft.

Und dann gilt es entschlossen in Richtung Gott zu springen und bei ihm einzutauchen. Es ist jetzt nicht die Zeit, Euch zu erzählen, was für Entdeckungen zu machen sind beim Eintauchen bei Gott. Das würde auch unser Bild sprengen; aber ich glaube, ihr habt es erfahren. Wichtig ist nur: ich muss wieder auftauchen, und ich tauche nicht wieder bei mir selbst auf, bei meinen Problemen, bei meinen Interessen, bei meinen Plänen. Wenn ich bei mir wieder auftauche, bin ich nicht bei Gott eingetaucht, sondern auch bei mir.

Wenn ich gar nicht wieder auftauche, habe ich mich verloren; ich behaupte: habe ich mich in einem weltfernen, lieblosen, fanatischen oder völlig desillusionierten Glauben verloren.

Nein, nur wenn ich beim anderen auftauche, beim Nächsten, dann bin ich bei Gott eingetaucht. Dabei geht es nicht um die Frage der Religion. Denn alle Religionen wissen um Nächstenliebe und Barmherzigkeit und alle bieten ein eher trauriges Bild, wenn wir sie daraufhin befragen.

Wir haben bei der Frage, wer denn mein Nächster sei, das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter besprochen. Nicht umsonst hat Jesus seinen Freunden den Samariter, jenen fremden, damals verhassten Andersgläubigen, als Vorbild beschrieben. Damit machte er ihnen damals deutlich: "Ihr, meine jüdischen Schwestern und Brüder, seid mit Eurem Glauben nicht automatisch die bessern!"; und heute ist es nicht anders: wir sind nicht die besseren als islamische, jüdische oder sonstwie Gläubige und auch nicht besser als nicht-gläubige Menschen. Aber Ihr habt Glauben und Haltung. Und Ihr bekennt heute: "Wir glauben an dich, Gott, du bist die Liebe und wir wollen deine Liebe weitergeben. Du bist gerecht und barmherzig, blind für Hautfarben, Vater und Mutter einer bunten Menschheit." Und so beschreibt Ihr die vertikale, himmlische Linie des Kreuzes und bringt Gott und Liebe zusammen.

Und wer so glaubt, der taucht bei der Nächstenliebe auf. Es gibt keine Gotteserkenntnis an der Liebe und Barmherzigkeit vorbei. Ohne die Liebe ist alles religiöse Tun und Trachten bedeutungslos und dieser Gottesdienst wäre nicht mehr als eine billige Show.

Liebe ist das Herz, das alles am Laufen hält, alles durchdringt und belebt. Sie bewahrt das religiöse Engagement und den Eifer vor dem Abgleiten in einen unduldsamen Dogmatismus und Fundamentalismus. Sie verfolgt keine Ziele und sucht nichts für sich selbst.

Die Erfahrung wird sein: Nächstenliebe ist wie jede andere liebevolle Beziehung: ich gebe und ich bekomme zurück, ich verschenke und werde beschenkt, ich teile und empfange. Und viele, die so handeln, werden vielleicht zustimmen: das, was ich empfange ist immer noch mehr, als das, was ich gegeben habe. Von Gott her ist das so und vom Nächsten her auch – jedenfalls manchmal. Und so ist auch der Helfende nicht höher als dem, der geholfen wird. Die Perspektiven verschieben sich in der Nächstenliebe und ein Objekt meines Handelns gibt es nicht mehr, ein oben und unten auch nicht – nur noch eine einzigartige, einmalige, vielleicht ganz kurze Begegnung, die beiden hilft, die den Tag verändert, die Stimmung, die Spaß machen kann oder mich beeindruckt und nicht mehr loslässt. Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Nächsten auf.

Den oder die Nächste muss ich nicht suchen, sie sind um mich herum. Sie brauchen nicht immer den vollen Einsatz; Nächstenliebe ist nicht immer Wunden verbinden, Gewaltopfer retten. Wenn sie wie jede andere liebevolle Beziehung ist, dann ist schon ein Lächeln in ein trauriges Gesicht Nächstenliebe oder ein schützendes Wort für einen Beschimpften, Verunglimpften oder ein Eintreten für die, die sich nicht wehren können.

Ihr kennt das Wort aus dem Talmud, dem großen jüdischen Lehrbuch; wir haben es beim Thema Umgang mit Flüchtlingen nach der Bibel behandelt:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

Ich wünsche Euch immer wieder liebe-volle Gedanken. Sie liegen tief verwurzelt in Eurem Glauben. Sie werden sich auswirken und mit Euch Liebe groß machen. So viele warten darauf, warten auf Euch und Euren Glauben. Den mit Euch entdecken zu dürfen, war ein großartiges Erlebnis, für das ich Euch danke. Amen.

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Das Programm: ndkh.de/kirchen  - Quelle: Kirchenkreis Newsletter

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Am Montag, 30. September, 11 Uhr wird der Militärdekan Dr. Hartwig von Schubert in der Führungsakademie der Bundeswehr im Rahmen eines Gottesdienstes verabschiedet. Der 65-Jährige ist seit 2004 in dieser Position. Seine berufliche Vita war vielfältig: zwei Jahre in der Evangelischen Akademie Nordelbien, davor zehn Jahre im Vorstand des Diakonischen Werks Hamburg, davor fünf Jahre in Heidelberg an der Forschungsstätte der Ev. Studiengemeinschaft und davor ebenfalls fünf Jahre Gemeindepastor in Hamburg St. Georg. Was er seiner Kirche mitgeben möchte? „Mehr Mut und Realismus in Fragen der politischen Ethik.“ -  Ort: Manteuffelstraße 20, 22587 Hamburg  - Quelle: Kirchenkreis Newsletter