Lukas 18,27

31.12.2009 | 17:24

Th. Warnke

Liebe Gemeinde,

Rückblicke blicken zurück. Das liegt am Jahresende in der Natur der Sache. Die Frage nur: Wie blicken wir zurück? Was erblicken wir? Und warum überhaupt? Lot, der Frau Abrahams, ist es bei einem Rückblick gar nicht gut ergangen, sie erstarrte nämlich zur Salzsäule...

Und das ist bestimmt auch symbolisch zu verstehen. Wer zu sehr an der Vergangenheit festhält ist nicht frei wird für das, was kommen will, bleibt oft in einer gewissen Starre...

 

Nun kann ein Rückblick aber auch anderes bewirken. Man kann Dinge betrachten und sie loslassen, freigeben, Platz machen für Neues.

Und es ist durchaus auch hilfreich - durch so einen Tag wie heute - unsere Stromlinienförmigkeit, unsere Lebenslinearität, unser gradliniges Voranschreiten - unterbrechen zulassen durch einen gesetzten Neuanfang...

 

Nun wird erstmal nichts neu dadurch – von allein und ganz automatisch.. – und doch kann es neu werden.

Aber es braucht etwas: einen Anfängergeist, damit es neu werden kann; - eine Haltung, die nicht die Antworten schon aufgrund unserer vielfältigen Erfahrungen und unseres Wissens vorwegnimmt; eine Haltung, die nicht unsere Gewohnheiten zum Maßstab nimmt, die nicht uns selbst zum Maßstab hat...

 

Denn, so hat das Jahr 2009 begonnen, biblisch jedenfalls, mit den Worten aus Lukas 18:

 

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich

 

Ein Anfängergeist aber atmet nicht aus den Unmöglichkeiten des Menschlichen...

 

Nun lassen wir ja nicht nur ein weiteres Jahr, sondern gleich ein ganzes Jahrzehnt hinter uns... Und wir dürfen uns ernstlich fragen, ob es uns genügt.

Ob es uns genügt, diese Richtigkeit der Worte Jesu aus der Jahreslosung hinzunehmen.

Hinzunehmen, dass Gott gewisse Dinge möglich machen kann, dass bei Gott vieles möglich ist, was bei uns Menschen eben nicht gelingt.

Ob es uns genügt, darauf unser Leben zu bauen, die Menschen so zu betrachten und eben auch uns selbst...

 

Natürlich ist vieles unmöglich bei uns...

Wir können kein Erdbeben verhindern, wie es sich furchtbar auf  Sumatra ereignete und woanders...

Wir wissen nicht, was der Wind macht, wenn er nicht weht.

 

Aber wer bestimmt eigentlich die Regeln unseres Lebens? Sind das Ereignisse wie der 21. September 2001? Sind es großspurige Programme wie die Agenda 2010?

Wo lernen wir, Menschen beizustehen, die sich verrannt haben, die sich in den Windungen ihrer Seele verlaufen haben und nicht mehr nach außen gelangen. Ob es ein Robert Enke ist oder einer von unzähligen Namenlosen. Wo lernen wir, so mit uns und anderen umzugehen, dass ein Leben nicht verloren geht.

 

Wer bestimmt die Regeln und das Curriculum unseres Lebens?

Sind Begriffe wie „Wachstum“ und „Rendite“ – nach all den finanzkriseligen Erfahrungen, die hinter uns liegen, immer noch die vertrauten Mantren unserer Zeit? Ergänzt vielleicht durch ein wohlklingendes Wort wie Abwrackprämie...

Oder andersherum: Ist das, was in der Bibel steht, nicht mehr als Sozialromantik? Ist die in der Bibel gegorene Gotteserfahrung spirituellen Nischen und Menschen als Zeitvertreib vorbehalten? Oder kann man damit ernstlich die Welt bewegen.

 

Es ist unbequem und gewiss beschwerlich, - der Weg zu Gott war noch nie gerade und einfach, aber aus keinem anderen Grund als diesen, haben wir vor einer Woche erst Weihnachten gefeiert, weil Gott die Welt bewegen und verändern will.

 

Es gibt Orte, an denen diese Bewegung Gottes lebendig gehalten wird. Das sind Klöster und Gemeinschaften. Da sind Mönche des Schweigeordens der Karthäuser irgendwo in den Bergen Frankreichs, buddistische Mönche im Himalaja, Menschen in den Ashrams in Indien, indianische Heiler und Schamanen... Und andere, die nach neuen Wegen und Lebensweisen suchen..

Und ich bin zutiefst überzeugt, dass das Gebet und das Leben dieser Menschen hilft, unsere Welt zusammenzuhalten, so sehr sie auch aus den Fugen geraten scheint. Das ist das, was bei Gott möglich ist.

 

Ein Oberer der Zöllner, Zachhäus, entdeckte die Freude des Lebens neu, als Jesus zu ihm ins Haus kam. Er nahm in auf mit Freuden... Diese Freude ist das, was bei Gott möglich ist, wenn Menschen einander als Bruder und Schwester begegnen... Und dann ging er, Zachhäus, hin und gab die Hälfte seines Besitzes den Armen, und da, wo er betrogen hat, gab er es vierfach zurück. Bei Gott ist es möglich.

 

Die Bibel lehrt uns die Möglichkeiten Gottes.

Dabei verleugnet die Bibel – mit Blick auf den Menschen – keineswegs die menschlichen Unmöglichkeiten, das Abgetrennt sein von den Möglichkeiten Gottes, und das allein Bezogensein auf sich selbst. Die Bibel nennt das Sünde. Und sie kennt und erzählt von allen Versuchungen des menschlichen Lebens. Aber sie macht daraus keine Lehre vom Menschen, und sie schreibt den Menschen dieses Getrenntsein – oder wie Luther es sagt: das verkrümmt sein in sich selbst –nicht als unabwendbare, gesetzesmäßige  Eigenschaft zu, nein! - sie erzählt vielmehr beharrlich, wie man die Sünde beherrschen lernt.

Das hat zu tun mit Solidarität, mit Empathie und Mitgefühl – die Bibel nennt es Barmherzigkeit. Es hat zu tun mit Teilen und mit Dienen.

Kann man darauf wirklich eine neue Welt bauen.

Atmen wir diesen Anfängergeist, gegen alles andere Wissen, gegen jede andere Erfahrung...

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