Matthäus 5, 9

21.11.2007 | 23:23

Klaus-Georg Poehls

Liebe Gäste, liebe Freunde, liebe Schwestern und Brüder!

Die Frage "Was ziehe ich an?" kann mitunter auch für einen Pastoren bedrängend sein. Denn immerhin gibt es auch für unsereinen eine riesige Auswahl: Heute Morgen die Auswahl zwischen weißem, grauen und schwarzem Collarhemd. Das ist nicht einfach.

Und da ist es hilfreich, wenn man noch vor diesem Riesenproblem einen Blick in die Tageszeitung tun konnte. Mir half eine kleine Nachricht über eine Forderung meiner Kirche, der nordelbischen. Einer unserer Bischöfe, Herr Knuth, wird darin zitiert mit der Ansicht, der evangelische Buß- und Bettag, wie wir ihn heute begehen, müsse wieder ein gesetzlicher Feiertag werden, und zwar spätestens bis 2017, dem großen Jubiläum des Thesenanschlages von Martin Luther. Nähere Begründungen fanden sich nicht in der Notiz; ich unterstelle unserem Bischof das ernsthafte Anliegen, dass wir geschützte Zeiten brauchen, in denen ein Mensch sich seiner Verantwortung und auch seinem Versagen stellen kann.

Aber warum die Verknüpfung mit der evangelischen Kirche, warum dieses Kreisen um sich selbst und dieses Eigeninteresse? Müssen wir unsere Bilanz den katholischen Feiertagen gegenüber verbessern?

Nun - Ich entschied mich dann für das schwarze Collarhemd. Denn wieder nahm ich meine Kirche wahr als eine, die nicht bei den anderen ist. Wir brauchen nicht einen einzigen evangelischen Feiertag mehr, wir brauchen in unseren Gesellschaft einen Feiertag, der alle Religionen unserer Gesellschaft in den Blick nimmt. Einen Tag der Religionen oder besser: gleich zwei Tage. Denn im Sinne eines interreligiösen Buß- und Bettages brauchen wir die Zeit, um unsere Verantwortung für all die Missverständnisse, Vorurteile und Konflikte untereinander zu benennen und einzugestehen, und im Sinne eines interreligiösen Feier- und Freudentages brauchen wir Zeit, um gemeinsam zu essen, zu singen und zu feiern. Dies als kleine Feiertagsutopie.

"Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen." Gottes Kinder sind Friedensstifter und Friedenstifter sind Gottes Kinder, mündige Töchter und Söhne Gottes. Bei Jesus von Nazareth, dem diese Worte in den Mund gelegt sind, sehe ich keine Einschränkung dieser Gotteskindschaft auf bestimmte Menschen, auch nicht seiner eigenen Religion, der jüdischen.

Denn auch Gottes Friedenswille kennt keine Einschränkung. Der Weg zum Frieden geht aus der Enge, gerade auch der religiösen Enge, in die Weite, geht vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Resignation zum Mut, von der Sicherheit zum Wagnis, von der Ängstlichkeit zur Seligkeit, von "meinem Gott" zum Gott aller Menschen, der groß von ihnen träumt und zu ihnen spricht: "Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."

Ihm gilt es mehr zu gehorchen als meinem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Abgrenzung. Er weist den Weg. Deshalb folgen Gottes Kinder, als Kinder Abrahams und als Kinder auch der anderen Religionen, der Goldenen Regel, die sich, wie die Ausstellung in unserem Gemeindehaus zeigt, in allen Weltreligionen findet. Und damit geben sie schon, was sie vom anderen noch erhoffen: geben Vertrauen, suchen den Dialog, wollen verstehen, beschreiten Wege der Versöhnung und schöpfen Kraft und Zuversicht aus dem Gebet an den einen Gott, auch und hoffentlich immer wieder aus dem gemeinsamen Gebet.

"Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen."

Frieden ist im christlichen Verständnis ein Sammelbegriff; er ist aufgebaut wie ein schönes Mobile, das sich frei im Raum bewegt. Oben das Wort "Frieden" und von ihm ausgehend und doch wieder zu ihm hinführend Worte wie Liebe, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. So beschriebt der Galaterbrief seine Vision für das Miteinander der Menschen (Gal 5, 22.23). "Gerechtigkeit und Ehre" fügt der 85. Psalm aus der hebräischern Bibel noch hinzu, Brüderlichkeit und Großmut ergänzt der Koran. Das Mobile des Friedens ist kein Spezialwerk nur einer Religion, es entfaltet seine Schönheit erst im Zusammenspiel unserer Religionen, und lässt Seligkeit zu einem Gemeinschaftserlebnis werden.

Und wenn aus diesem Mobile ein Wort herausfällt, oder eines zu schwergewichtig wird den anderen gegenüber, dann gerät das feine Gefüge durcheinander, hängt schief und ist ein Bild des Jammers.

Wir sind, ich bin aufgerufen, dieses Mobile im Gleichgewicht und in Bewegung zu halten. Und dazu gibt es viele Möglichkeiten und nur eine Unmöglichkeit: der Weg zurück in die Enge, in das Besserwissens, in den Alleinanspruch, in den kleinen Kreis, ins Private, in die Abgeschlossenheit. Das ist nicht der Weg der Kinder Gottes.

In der der Ringparabel Lessings heißt es:

"Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins an seinem Ring an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun

Mit innigster Ergebenheit in Gott

Zu Hülf"

Und schon Lessing wusste, dass aus innigster Ergebenheit in Gott, die uns vereint, der Aufruf erfolgt, aktiv die Kraft der jeweiligen Religion zur Geltung zu bringen – mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun. Das ist keine Uroffenbarung Lessings, sondern das findet sich in den Heiligen Schriften der Religionen und ist doch so aktuell und dringend wie nie. "Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen."

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