Okuli: 1 Petr 1,13-21

04.03.2018 | 11:00

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Darum umgürtet die Lenden Eures Gemütes, seid nüchtern und setzt Eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die Euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt Euch nicht den Begierden hin, denen Ihr früher in der Zeit Eurer Unwissenheit dientet, sondern wie der, der Euch berufen hat, heilig ist, sollt auch Ihr heilig sein in Eurem ganzen Wandel.

Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig."

Und da Ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt Euer Leben, solange Ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht, denn Ihr wisst, dass Ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von Eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um Euretwillen, die Ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit Ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Liebe Gemeinde,

zunächst einmal, weil vielleicht einige, gerade auch nach den Anfragen der Gemeindeversammlung letzte Woche darauf warten, dass ich dazu etwas sage: auch wenn es in diesem heutigen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief gar nicht explizit um die sogenannte Sühneopfertheologie geht, sondern um das Thema Nachfolge und was uns Hoffnung geben kann, wenn die Kosten des Weges hoch werden, will ich es mal nennen, möchte ich doch ein paar grundsätzliche Schneisen zu diesem Thema schlagen, weil die dafür entscheidenden Stichwörter ja fallen: "Erlösung durch das teure Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes". Das ist die Lesart, die zur Sühneopfertheologie gehört und auch einer der Schriftbelege, die diejenigen anführen, die sie vertreten. Auch wenn ich die gängige Auffassung der Sühneopfertheologie nicht teile und sie auch für unzutreffend halte, was das Leben und das eigentliche Opfer Jesu angeht und die dazu gehörigen Aussagen über Gott, kann man Textstellen wie diese ja nicht einfach ignorieren.

Die Frage danach, wie der Tod Jesu am Kreuz zu deuten ist, was er bedeutet, erschöpft sich meiner Meinung nach trotzdem nicht einfach im Thema Blut und dem aufopferungsvolles schrecklichen Sterben Jesu am Kreuz angesichts unserer menschlichen Sünden. Das greift viel zu kurz für das, was mit Erlösung gemeint ist.

Die Themen Opfer, Stellvertretung, "für uns gestorben", die zentral mit Jesus Christus verbunden sind, gehören für mich zu den unverhandelbaren Grundlagen unseres Glaubens. Sie hängen allerdings nicht einfach am Blut Jesu, das als solches auch keine Heilsbedeutung hat, sondern an seinem ganzen Leben, das als solches Heilsbedeutung hatte noch bis in seinen Tod und darüber hinaus. Die Sühneopfertheologie, und das ist meine zentrale Kritik daran, verkürzt Jesu Leben auf seinen Tod. Behauptet, dass das Entscheidende am Leben Jesu sein Tod ist, von Gott schon lange so geplant.

Jesu Tod am Kreuz wird zur zwingenden Voraussetzung der Gnade Gottes. Gott "braucht" ihn, weil er uns verderbliche Geschöpfe sonst nicht hätte annehmen, uns sonst unsere Sünden nicht hätte vergeben können. Weil Gott gerecht ist und gut, behauptet sie, kann er mit uns ungerechten und bösen Menschen nicht anders als über ein gerechtes Gericht umgehen, das heißt als uns verurteilen. Und weil wir alle aufgrund unserer mangelnden Fehlerlosigkeit und Sünde, die ja unbestritten ist, nicht selber gerecht werden können vor Gott, muss er seinen eigenen, unschuldigen Sohn "für uns" zum Opfer machen, an unserer Stelle quasi ihn ermorden, damit wir gerettet, erlöst sind.

Dieses Gottesbild ist, gelinde gesagt, absurd und es hat dazu beigetragen, Generationen von Christen im Tiefsten ungut an einen strafenden, unerbittlichen Gott zu binden. "Gottesvergiftung" heißt das Buch von Tilman Moser, in dem er davon erzählt, was es bedeutet, wenn man dieser Blut- und Sünden-Theologie von früh an ausgeliefert ist . Implizit gehört zur Sühneopfertheologie, dass es außerhalb und vor Jesu Leben eigentlich keine Vergebung gegeben haben kann, Gott seine Menschheit, selbst sein auserwähltes Volk nur verurteilen, verdammen, dem verdienten Tod hätte überlassen können. Im heiligen Buch der Juden, unserem alten Testament, lesen wir dagegen, dass Gott ihm immer wieder nachgegangen ist, um es wiederzufinden, um es zurückzuholen, um wieder neu mit ihm anzufangen. Zuletzt hat er sogar sein Gebot selber in ihr Herz gelegt, weil er wusste, sie schaffen es nicht allein. Genau wie wir.

Darum bin ich im Tiefsten davon überzeugt: Gott "braucht" Jesu Kreuzestod nicht, um uns lieben zu können!

Wir Menschen haben Jesus ans Kreuz gebracht. Weil diese grenzenlose Liebe, diese unfassbare Inklusion von allen, die wir rausdrängen, ausschalten, weghalten wollen, sein Erkennungszeichen war. Wie er war und was er war, wie er gelebt und gelehrt hat, was er gesagt und getan hat, das hat ihn ans Kreuz gebracht, weil wir so viel bedingungslose Liebe nicht ertragen haben, weil wir so viel Nachsicht, so viel Lust am Gelingen, daran, dass es gut wird für alle, nicht ertragen konnten und können.

Das Gottesbild der Sühneopfertheologie, eines majestätisch überberührt über allem thronenden Gottes, der es nicht über sich bringt, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, ist nicht mein Gottesbild. Jesu ganzes Leben und selbst sein Tod noch erzählt anders von Gott, ganz anders. Was die Sühneopfertheologie behauptet, ist nicht das Gottesbild des sogenannten Alten- und genau so wenig des neuen Testamentes. Vielmehr erzählen beide Testamente immer wieder davon, wie sehr Gott darunter leidet, dass wir Menschen unseren Weg verfehlen, uns von Gott abwenden, uns an seinen Geboten zum Leben vergehen, Gerechtigkeit missachten, den Nächsten hassen, weder Demut noch Dankbarkeit zeigen und diese Welt nicht zu einem besseren Ort machen. Und dass er trotzdem nichts anderes im Sinn hat als uns zurück- und zurechtzubringen, als es wieder und wieder zu versuchen mit uns, als uns seine Zeichen und Wunder wieder und wieder auf den Weg zu streuen, damit wir es begreifen, umkehren, den richtigen Weg finden, glücklich werden und zum Glück anderer beitragen.

Die zentralen und zentral wichtigen Themen Opfer, Stellvertretung, Sterben "für uns", hängen einfach nicht am Blut Jesu, das als solches auch keine Heilsbedeutung hat. Sie hängen an seinem Leben, das als solches Heilsbedeutung hatte von Anfang an und noch bis in seinen Tod und darüber hinaus. Und wie dieser Text und auch andere sagen: sogar von langer Hand geplant, von Ewigkeit an so gewollt war. "Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um Euretwillen." Ja, Gott hat von langer Hand geplant, sich uns zu offenbaren, so, dass wir es begreifen können, so, dass wir jemanden zum Anfassen haben, jemanden, der uns ähnlich ist. Nichts anderes bekennen wir, wenn wir von Jesus als dem Sohn Gottes sprechen, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er, der vom Vater kommt, macht uns alle zu Kindern Gottes. Er ist wie unser Bekenntnis sagt: "Wahrer Mensch und wahrer Gott!", in eins. Das meint Inkarnation, Fleischwerdung Gottes. Gott nimmt unsere Gestalt an – ganz, mit allem, was dazu gehört, und bleibt doch Gott- ganz, mit allem, was dazu gehört. Das ist ein Paradox und genau so gemeint; denn das übersteigt unseren kleinen kognitiven Horizont.

Insofern ist Jesus aber grundsätzlich anders als Mutter Theresa, bedeutenden Heilige, wunderbare Menschen und Vorbilder, von denen diese Welt auch viele gesehen hat und sieht. Trotzdem ist Jesus und mehr noch der "Christus Gottes" mehr als ein wunderbarer Mensch, als ein Vorbild, als ein Mahatma Ghandi z.B.. Christus ist mehr als "nur" ein Mensch. Sein ganzes Leben zeugt von Gott, er hat ihn im Blut. Das ist einzig. Er hat Gott in seiner DNS. Und so stimmt zwar, dass an allem, was ihm widerfahren ist, Gott beteiligt war. Aber nicht als Anstifter, als einer, der diesen furchtbaren Tod geplant oder gebraucht hätte, was er letztlich nämlich nach der Theorie der Sühneopfertheologie war, sondern als die Kraft, die sein Leben von Anfang durchwebt hat, ihm heilen, lieben, Gerechtigkeit üben, ermutigen, durchhalten dranbleiben half. Er hat in seiner Person Gottes Heilsplan für uns umgesetzt. Für uns. Damit wir begreifen, wie sehr er uns liebt. Und es endlich glauben. Und annehmen. Und daraus die Kraft schöpfen zum danken und loben und leben. Und darum fähig werden, auch die dunklen Strecken unseres Weges zu bewältigen, weil wir unsere Herkunft und Heimat dabei im Herzen zu tragen, die unverlierbar ist.

So, jetzt wollte ich eigentlich gar nicht über die Sühneopfertheologie predigen; denn darum geht es in unserem Text für heute nicht. Aber für unsere Gemeindesituation scheint es mir gerade wichtig und deshalb richtig, das heute einmal zu sagen. Eigentlich geht es in diesem Text um Nachfolge. Dann, wenn die schwer wird. Und mühsam. Um Nachfolge Jesu in dieses begnadete Gottvertrauen und in die Kraft, die diesem Vertrauen innewohnt. Die Erinnerung daran, dass wir wahrlich "teuer erkauft" sind, das Gott selbst auf sich genommen hat, was wir allein nicht hinkriegen. Jesus Christus hat den ganzen Weg auf sich genommen und ist nicht vorher ausgestiegen. Der Kelch ist nicht an ihm vorübergegangen, damit nach den Kelchen unseres Leidens etwas anderes kommt als nur mehr davon. Damit wir begreifen lernen, dass unsere Erlösung im Tiefsten längst geschehen ist. Und was daraus folgt.

Und damit möchte ich denn auch aufhören. Mit einem wunderbaren Text von Hanns Dieter Hüsch über unser Erbe und seine Kraft und die Verantwortung, die daraus erwächst.

Führen und Leiten

Im übrigen meine ich
Möge uns der Herr weiterhin
Zu den Brunnen des Erbarmens führen
Zu den Gärten der Geduld
Und uns mit Großzügigkeitsgirlanden
Schmücken

Er möge uns weiterhin lehren
Das Kreuz als Krone zu tragen
Und darin nicht unsicher zu werden
Soll doch seine Liebe unsere Liebe sein

Er möge wie es auskommt in unser Herz eindringen
Um uns mit seinen Gedankengängen
Zu erfrischen
Uns auf Wege zu führen
Die wir bisher nicht betreten haben
Aus Angst und Unwissenheit darüber
Dass der Herr uns nämlich aufrechten Ganges
Fröhlich sehen will
Weil wir es dürfen
Und nicht nur dürfen sondern auch müssen
Wir müssen endlich damit anfangen
Das Zaghafte und Unterwürfige abzuschütteln
Denn wir sind Kinder Gottes: Gottes Kinder!
Und jeder soll es sehen oder ganz erstaunt sein
Dass Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können
Und sagen: Donnerwetter

Jeder soll es sehen und jeder soll nach Hause laufen
Und sagen: er habe Gottes Kinder gesehen
Und die seien ungebrochen freundlich
Und heiter gewesen
Weil die Zukunft Jesus heiße
Und weil die Liebe alles überwindet
Und Himmel und Erde eins wären
Und Leben und Tod sich vermählen
Und der Mensch ein neuer Mensch werde
Durch Jesus Christus.

Amen.

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