Blankenese im Gespräch

Schule in Zeiten von Corona

Seit Anfang gehen Viertklässler wieder in die Schule – Normalität ist aber noch weit entfernt. Foto: Pixabay

Als ehemalige Schulleiterin frage ich mich:
„Wie sieht es in der Gorch-Fock-Schule in Blankenese aus, die sich wie alle anderen Schulen diesen Vorgaben stellen musste?“ 

Zurück in der Schule – im 14-tägigen Wechsel

Schule – ohne Kinder! Funktioniert das überhaupt? Es musste! Und zwar vom 2. März bis zum 4. Mai waren alle Kinder ins home schooling verbannt. Das Coronavirus hatte fast über Nacht Mütter und Väter zu Hauslehrern gemacht. Der Kontakt zu den Lehrpersonen spielt sich in Videokonferenzen, am Telefon und per Email ab.

Seit dem 4. Mai werden in den Grundschulen die vierten Klassen wieder beschult – aber noch weit entfernt von Normalität. Jeweils die Hälfte der Lerngruppe teilt sich die Lernzeit einer Woche gerecht auf. Wie sieht es in der Gorch-Fock-Schule in Blankenese aus, die sich wie alle anderen Schulen diesen Vorgaben stellen musste?
Die vierten Klassen wurden jeweils in Gruppe A und Gruppe B eingeteilt. Gruppe A kommt Montag und Mittwoch, Gruppe B Dienstag und Donnerstag, den Freitag teilen sich die Gruppen im 14-tägigen Wechsel. Der reduzierte Schulalltag wird diktiert von festen Plätzen, regelmäßigem Händewaschen, getrennten Pausenbereichen und hilfreichem Säuberungspersonal, die in engen Zeiträumen putzen und desinfizieren.
Der Unterricht beschränkt sich auf die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Die nicht minder wichtigen Fächer wie Musik, Englisch, Sport, Chorgesang fallen der zeitlichen Limitierung zum Opfer.

Große Herausforderung für Lehrpersonal und Schulleitung

Nach den Maiferien sind auch die jüngeren Klassen wieder in den Schulalltag eingebunden. Die Jahrgänge 1 bis 3 werden an einem Tag in der Woche beschult, die Vorschulklassen haben denselben Rhythmus wie die vierten Klassen. Von einem Schulleben wie es vor Corona aussah sind Kinder und Lehrkräfte weit entfernt.
Statt durch persönliche Begegnung werden die Lerninhalte per Email vermittelt. Alle Klassen haben ein Padlet – eine elektronische Pinnwand, auf der die Wochenpläne hinterlegt sind. Die Kinder können dort auch Lernvideos anschauen und sich gegenseitig z.B. Bastelarbeiten vorstellen. Problematisch ist die Tatsache, dass die Flüchtlingsunterkünfte nicht über WLAN verfügen und die Kinder die Lernmaterialien nicht digital abrufen können. In dem Fall bringen die Lehrerinnen alles in die Unterkunft.
Durch die gelockerten Bestimmungen gibt es jetzt zumindest an einem Tag in der Woche für alle die Möglichkeit der persönlichen Rückfragen, Erklärungen und des Gesprächs im Klassenzimmer.

Das Krisenteam der Schule, vorrangig mit der Schulleitung besetzt, hat enorme Arbeit geleistet, eine lebendige Schule, die von mehr als 500 Kindern besucht wird, in eine digital gestützte Bildungsanstalt zu verwandeln. Dabei mussten sie auf zum Teil kurzfristige Senatsansagen schnell und kreativ reagieren. Lehrerinnen, die sich jeden Tag persönlich um die Entwicklung ihrer Schüler und Schülerinnen gekümmert haben, sind plötzlich auf eine rein digitale Wissensvermittlung reduziert worden. Nicht nur Eltern und Kinder auch das Lehrpersonal und die Schulleitung sind durch ein Virus enorm herausgefordert.

„Frustration auf beiden Seiten“

Wie sieht das vorläufige Fazit der kommissarischen Schulleiterin Ilka Pfeiffer aus? „Die lange Schulschließzeit war für uns alle eine besondere Herausforderung! Es hat sich aber gezeigt, dass sich die Eltern der Gorch-Fock-Schule sehr flexibel auf die neue Situation eingelassen haben und mit den Lehrern eng kooperieren, um die bestmögliche Lernzeit für die Kinder zu schaffen. Viele Kinder sagen nun, dass sie den Austausch in der Klasse sehr vermissen und darauf hoffen, bald wieder mit ihren Klassenkameraden lernen zu können.“
Die Schule erlebt enorm kooperative, disziplinierte Kinder, die zum Teil unaufgefordert und freiwillig ihre Masken tragen, Abstand halten und Kontakte reduzieren. Lehrerinnen, die sich auf den Computer als vorrangige Verbindung zu den Kindern umgestellt haben. Eltern, die sich einer Doppelbelastung von Berufstätigkeit im Home Office und der Betreuung und Beschulung ihrer Kinder stellen. Davon zeugt die geringe Zahl der Betreuungskinder, die sich zur Zeit auf 40 beläuft. Die Reaktionen der Eltern spannen ein Bogen der Begeisterung bis hin zu deutlich spürbarer Überlastung. „Wir als Eltern können das Voneinander- und Miteinanderlernen der Kinder und die damit verbundene Leichtigkeit beim Lernen nicht kompensieren. Dies führt zu großer Frustration auf beiden Seiten.“ Das sagt die Mutter eines Erstklässlers, der im vergangenen Sommer mit der ungebrochenen Freude eines Sechsjährigen sein Schulleben begonnen hat.

Schule vermittelt mehr als nur Wissen

Ja, Wissen wird vermittelt, Lesen und Schreiben ist gesichert – aber wo bleibt die Schule als Lebensraum, die viel mehr als Wissen vermittelt? Freundschaften werden geschlossen, es wird sich gezankt und vertragen, Geheimnisse werden zugeflüstert, verbotene Höhlen gebaut, getanzt, gespielt, gesungen, präsentiert – und vor allem so viele Tore geschossen. Die Kinder zahlen gerade einen hohen Preis!

 

Das könnte auch etwas für Sie sein

1 Kommentar

  • Antworten
    Sabine Schlüter
    18. Juni 2020 at 20:02

    Ein sehr informativer, einfühlsamer Artikel, liebe Vera, der alle Beteiligten verständnisvoll in den Blick nimmt! Herzlichen Dank!
    Sabine

Schreibe einen Kommentar