Blankenese im Gespräch

Opfer der Corona-Krise: Vergesst die Seeleute nicht!

Schiffchen Mond und Äste
Der Mond leuchtet den Seeleuten heim – aber nicht allen… © waw 2020

Immer, wenn ich auf die leuchtenden Advents-Schiffchen entlang der Blankeneser Bahnhofstraße schaue oder die Frachter auf der Elbe vorbeiziehen sehe, denke ich an die Seeleute draußen auf See. Hunderttausende Matrosen, Kapitäne und Ingenieure haben seit vorigem Weihnachten kein Fuß mehr an Land gesetzt. Der Grund: Wegen der Corona-Pandemie sind auf unzähligen Schiffen keine Crew-Wechsel mehr möglich, weil die Häfen das An-Land-Gehen verbieten oder weil die Ablösung nicht einreisen darf – es fliegen ja kaum Flieger.

Opfer der Corona-Krise: Vergesst die Seeleute nicht

Das heißt: Die Männer und Frauen müssen an Bord bleiben und kommen nicht heim. Und umgekehrt: Einsatzbereite Seeleute sitzen untätig zu Hause herum, können ihren Arbeitsplatz nicht erreichen. Normalerweise ist auf Schiffen nach fünf bis spätestens neun Monaten Schichtwechsel. Nun aber gibt es Seeleute, die seit sage und schreibe 18 Monaten keinen Fuß mehr an Land gesetzt haben. Ebenso tragisch: Seeleute, die in einem fremden Land von Bord gegangen sind und nun wegen des Lockdowns nicht in die Heimat zurück zur Familie dürfen.

Ich finde, das ist ein Skandal. Die Menschen auf See haben Besseres verdient. Schließlich sind sie es, die unsere Handys aus China, unsere Avocados aus Afrika oder unser Öl aus dem Golf von Mexiko heranschaffen.

Ohne die Seefahrt bräche die Weltwirtschaft zusammen

  • 90% des Welthandels werden über den Schiffverkehr abgewickelt.
  • Es sind über 50.000 Handelsschiffe  unterwegs.
  • Es gibt mehr als eine Million Matrosen aus aller Welt.

Nicht jeder Seebär ist ein hartgesottener Typ. Etlichen nagt die Situation an Herz und Seele. „Viele sind wirklich völlig fertig mit den Nerven, uns erreichen immer wieder Hilferufe von Seeleuten, die sagen: ‚Hilfe, ich will hier raus!'“, berichtet die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Altona e.V.. Am Fischmarkt gelegen ist sie eine weltweit geschätzte Anlaufstelle für alle diejenigen, die ihrem schwimmenden Heim aus Stahl entkommen und etwas Wärme tanken wollen. Dazu gibt es Gelegenheit in einem Seemanns-Club, in einem kleinen Seemanns-Hotel und in der hauseigenen St. Clemens-Kirche. Woher jemand kommt, welche Hautfarbe er hat, was er spricht oder wie er tickt, das spielt hier keine Rolle.

Die Lage erscheint aussichtslos

Indessen schippern hunderttausende Seeleute weiterhin bis auf Weiteres ohne jede Betreuung auf den Weltmeeren umher. Dort sind sie allein mit psychischer Not und sozialer Härte – von Seefahrer-Romantik keine Spur. Selbst Suizide und Hungerstreiks hat es schon aus Verzweiflung über die ausweglose Lage gegeben.

Und obwohl sich etliche Großreedereien an die Politik gewandt haben, obwohl die Gewerkschaften seit Monaten Sturm laufen und obwohl sich selbst die Vereinten Nationen eingeschaltet haben – immer noch gibt es keine Lösung für die einsam Eingesperrten auf See.

Wer weiß, wie viele von ihnen schon am Blankeneser Bulln vorbeigerauscht sind und an der Reling stehend sehnsüchtig auf die gemütlichen Häuser, die sorglosen Spaziergänger und die Kinder in Obhut ihrer Eltern geschaut haben… vergesst sie nicht, die Seefahrer!

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