Blankenese im Gespräch

Von Blankenese zu Max Bahr in die Flüchtlingsunterkunft – so fing alles an

Susanne Petzold – Journalistin, ambitionierte Reiterin, Mutter zweier Töchter engagiert sich seit fünf Jahren für junge Geflüchtete und hat beeindruckende Interviews in einem Buch zusammengestellt. Sie erfüllt viele Rollen im Leben ihrer jungen Schützlinge – Lehrerin, Motivatorin, Helferin bei Behördengängen, Ratgeberin – aber vor allem Vertraute und Wegweiserin im neuen Leben fern der Heimat.

Liebe Frau Petzold, Sie leben in Blankenese und sind weder Sozialarbeiterin noch Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft. Trotzdem engagieren Sie sich seit fünf Jahren enorm in der Hilfe für Geflüchtete. Wie kam es dazu?

Am Anfang standen überall die Bilder der ankommenden Geflüchteten in den Nachrichten und der Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“. Da dachte ich mir, ich habe Zeit und Kapazitäten. Ich würde gern helfenBestätigt hat mich der erste Besuch der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Baumarkt bei Max BahrDa lebten 1.400 Menschen auf engstem Raum. Beim Miterleben eines Tagesablaufs in der Unterkunft ergriff ich die Initiative und beschloss, mit den Kindern etwas zu unternehmenEs gab keine Kita, aber sehr viel kleine Kinder. Ich habe unter anderem einen Besuch im Reitstall organisiert und ein gemeinsames Basteln. Da ich fast jeden Tag vor Ort war, hatte ich einen guten Überblick .Es sind nicht nur schöne Dinge passiert. Dafür lebten zu viele Menschen auf engem RaumIch selbst bin kein einziges Mal abwertend behandelt oder gar bedroht wordenEs hat damit zu tun, wie man die geflüchteten Menschen wahrnimmt und wertschätzt. Ich habe viele Dinge und Schicksale erlebt, die ich nie zuvor für möglich gehalten habe. 

Susanne Petzold ©Andreas Petzold

Welche Aufgaben, welche Hilfestellung haben Sie den jungen Geflüchteten angeboten?

Neben den Deutschkursen habe ich bei Behördengängen geholfen, z.B zur Ausländerbehörde oder zum JobcenterOhne Hilfe ist man verloren. Diese Hilfe leiste ich bis heute. Zur Zeit kann man coronabedingt im Jobcenter nur anrufen. Dabei werden die jungen Leute abgewimmelt und erreichen nichts.  Man braucht jemanden, der hilft. Belal, einem jungen Afghanen, habe ich ein Praktikum in einer Kfz- Werkstatt vermittelt, woraus dann ein Ausbildungsplatz wurde.  Raziye aus Afghanistan konnte ich ins Lise Meitner  – Gymnasium vermitteln, wo sie in diesem Schuljahr ihr Abitur machen wird. Kobra, auch aus Afghanistan, die das Wirtschaftsgymnasium besucht, habe ich zusammen mit ihren Schwestern eine Wohnung vermittelt. Genau wie auch Victor. Aber am wichtigsten ist der Beistand in Herzensangelegenheiten, wenn niemanden sonst da ist zum Aufbauen und Motivieren. Es ist der persönliche Kontakt zu den jungen Leuten, die mir sehr offen begegnen. 

Wie kam es zu diesem sehr engen Kontakt mit den vier jungen Leuten aus Afghanistan und Syrien? Wie ist das entstanden? Wie konnte sich ausgerechnet mit diesen vier jungen Leuten der Kontakt so intensivieren?

Die Unterkunft im ehemaligen Max Bahr machte zu. Die vier waren mir vertraut durch den Deutschkurs.  Aus der Hilfe ist eine sehr persönliche Bindung entstanden. Alle vier konnten schon recht gut die Sprache. Sie standen mir zu dem Zeitpunkt am nächsten. So hat sich diese Nähe entwickelt. 

Sie haben sogar ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben. „“Manchmal vergesse ich, dass ich ein Flüchtling bin. Ein Protokoll“ Wie ist diese Idee entstanden?

Ich habe in den vergangenen Jahren versäumt ein Tagebuch zu führen über die abenteuerlichen Geschichten, die ich erlebt und gehört habe. Ich habe so viel erlebt, ich musste eine Art und Weise finden, es aufzuschreiben. Da kam mir die Idee zu dem Buch.  Es gab etliche Sitzungen für die Interviews mit den vier geflüchteten jungen LeutenSie waren damals viel entspannter und hatten Zeit. Es gab keinen Schulstress. Heute wäre das viel schwieriger. Danach gab es immer etwas zu Essen, wie ein Ritual.

Ein eindrucksvolles Protokoll ©Vera Klischan

Sie haben unglaublich viele Fragen zusammengestellt. Sehr besondere Fragen, die uns tiefe Einblicke in die Lebenswelt der vier jungen Menschen gestatten. Hat Ihnen Ihr Beruf als Journalistin dabei sehr geholfen?

Ja, ganz sicher! In der Art und Weise der Fragestellungen.

Wie hat sich Ihr Leben durch Ihr Engagement verändert?

Es hat sich sehr verändert. Der Einsatz ist sehr zeitaufwändig und jeden Tag präsent. Als ich vor fünf Jahren anfing, war alles viel einfacher. Jetzt sind es ganz andere Dimensionen. Die Fülle der Erfahrungen, die ich gemacht habe, konnte ich mir nicht mal erträumen. 

Gab es nur Applaus?

Nein, keineswegs! Es gab auch Irritationen. 

Was gehört zu Ihren schönsten Erinnerungen, die Sie ohne die geflüchteten jungen Leute nie gehabt hätten?

Am schönsten war und ist für mich, dass mir wildfremde Menschen so nahe gekommen sind, mit einer großen Selbstverständlichkeit. Sie sind ganz anders aufgewachsen, aber im Grunde sind alle jungen Menschen gleich und haben dieselben Probleme. 

Was konnten Sie als größte Schwierigkeit erkennen, die die jungen Leute bei ihrer Integration hier in Deutschland haben?

Sprache!! Immer die Sprache!!!

Wie geht es weiter? Werden Sie den Kontakt weiter halten?

Auf jeden Fall! Ich wäre sogar beleidigt, wenn ich zu deren Hochzeiten nicht eingeladen werde. Ich war schon auf zwei Hochzeiten in der Familie von Razieye, dem jungen Mädchen aus Afghanistan.

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, was wir als Stadtteil zur Integration beitragen können?

Ich bin überzeugt, dass es hier ein Interesse an den Geflüchteten gibt. Für viele sind die Hemmschwellen für eine Kontaktaufnahme aber zu hoch. Ich wünsche mir, dass diese inneren Hürden überwunden werden. Am Ende profitieren wir alle von diesem Beitrag für eine wachsende Gemeinschaft. 

Man muss sich nur vorstellen, man müsste plötzlich in Kabul klarkommen und dort leben.

Liebe Frau Petzold, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Ihr großes Engagement, das sich aus einem abgesicherten Leben in den Elbvororten entwickelt hat, beeindruckt mich sehr. Wir benötigen mehr Menschen wie Sie, die Brücken bauen.


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2 Kommentare

  • Antworten
    Jan Teich
    19. November 2020 at 9:22

    Vera Klischan
    Es ist schade, dass weder Frau Petzold noch die Interviewerin Frau Klischan auf die Idee kommen, den Runden Tisch Blankenese, Hilfe für Flüchtlinge und das Bunte Haus am Blankeneser Markt zu erwähnen.

    • Antworten
      H; Plank
      19. November 2020 at 13:52

      Lieber Herr Teich, wir haben Ihre Anregung aufgenommen und zwei HInweise angefügt. Danke!

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