Blankenese genießen

„Wir wollen Kindern effektiver helfen“

Wenn ein Kind beim Lesen und Schreiben Probleme hat, kann das an den Augen liegen, aber zum Beispiel auch an der Motorik oder der Psyche. Wenn es mehr als eine Ursache gibt, wird manchmal eine geradezu detektivische Spurensuche nötig, um den kleinen Patienten zu helfen. Die Orthoptistin Elke van Alen kann dann auf die Unterstützung des Netzwerks Kindertherapie zählen. Sie hat die Gruppe gemeinsam mit anderen Therapeuten vor mehr als 20 Jahren im Hamburger Westen gegründet.

Die Mitglieder im Netzwerk Kindertherapie präsentieren sich gegenseitig Hintergrundwissen, aktuelle Fälle und Forschungsergebnisse

Vier Bilder zeigen den Teilnehmerinnen ein Kind am Schreibtisch. Es sackt nach und nach immer mehr in sich zusammen, sodass am Ende der Kopf neben dem Papier liegt. Die Schreibhand stützt nun den Körper seitlich ab, die andere hängt herunter. Unmöglich, in dieser Haltung einen Text zu schreiben.  Aber warum nimmt der Junge sie dann ein? Elke van Alen kann nach einigen Tests in der Sehschule der Augenarztpraxis Blankenese erkennen, dass nicht eine spezielle Fehlsichtigkeit die Ursache ist. Auch die Verarbeitung der optischen Einrücke im Gehirn arbeitet fehlerfrei. Liegt das Problem in einer mangelhaften Körperspannung? Leidet das Kind unter psychischem Druck oder ist der Sitzplatz ungünstig?

Zusammenarbeit der Kindertherapeuten

„Den entscheidenden Hinweis, was das Thema des Kindes ist, liefert oft die genaue Beobachtung. Am Besten ist es, wenn sie über Fachgrenzen hinweg erfolgt und man sich dann gut austauscht“, ist Elke van Alen sicher. In einer universitären Weiterbildung zum Thema visuelle Verarbeitung hat sie das Verfahren eingeübt. Dort beobachtete sie Kinder mit Sehproblemen gemeinsam mit Kinderärzten und –neurologen, Frühförderern, Sehbehindertenpädagogen sowie Physio- und Ergotherapeuten. Kameras halfen dabei, so Schwierigkeiten auf die Spur zu kommen, für die vorher kein Fachmann eine Erklärung fand. „Für unsere Besprechungen mussten wir allerdings erst einmal eine gemeinsame Sprache finden, weil jede Berufsgruppe ihr eigenes Vokabular hat“, erzählt die Orthoptistin. Sie kannte dieses Phänomen bereits aus dem Netzwerk Kindertherapie, einem Zusammenschluss von Expertinnen aus dem Gesundheitsbereich im Hamburger Westen.

Den Anstoß zu Gründung des Netzwerks gab die Gesundheitsreform 1999. Sie hatte den Konkurrenzdruck unter den Therapeuten extrem verstärkt. Die Leidtragenden waren die Eltern der kleinen Patienten, die zwischen die Fronten gerieten. Elke van Alen sprach darüber mit Kolleginnen aus anderen Gesundheitsberufen, mit denen sie zuvor bereits zusammengearbeitet hatte: „Uns ist dabei bewusst geworden, dass wir alle dasselbe wollen: den Kindern helfen. Und so entstand die Idee, sich zusammenzusetzen, um unsere Arbeit für die kleinen Patienten und ihre Eltern effektiver zu machen.“ 36 Fachkollegen aus verschiedenen medizinischen Berufsgruppen begannen,  sich gegenseitig ihre Arbeitsbereiche vorzustellen und besprachen, wie man künftig besser zusammenarbeiten könnte. Die Moderation übernahm Elke van Alen, die noch heute die monatlichen Treffen des Netzwerks Kindertherapie organisiert.  

Entwicklungsstörungen bei Kindern früher erkennen

Als Mitglied akzeptiert wird nur, wer auch mitarbeitet. So werden über Fachgrenzen hinweg Informationen ausgetauscht, Patientenbesprechungen gemacht und Vorträge gehalten. Elke van Alen erzählt: „Wir haben inzwischen sehr viel gemeinsam gelernt. Dieses Wissen über beobachtende Früherkennung wollten wir auch anderen Interessierten, besonders Eltern, zur Verfügung stellen. Daraus entstand bereits ein Kalender, in dem die Entwicklung der Kinder allgemeinverständlich in Meilen- und Stolpersteinen dargestellt wird. So bekommen Eltern mehr Sicherheit in der Beurteilung der Entwicklung ihrer Kinder.“ Das Netzwerk hat auch schon einmal eine Ausstellung zum Thema Kindergesundheit in einem Einkaufszentrum organisiert und bietet immer wieder interdisziplinäre Tagungen an. Es hat auch einen Vorstellungsbogen entwickelt, der die gemeinsame Diagnose von Fällen in den Netzwerk-Sitzungen vereinfacht. Alle Informationen und Fragestellungen sowie die eigenen Beobachtungen können in einem gemeinsamen Therapiepass gesammelt werden. Im Idealfall kommen die Eltern den Ursachen für die Probleme ihrer Kindes so schneller auf die Spur.

Elke van Alen ist Orthoptistin aus Leidenschaft: Sie hatte als junges Mädchen selbst unter Sehstörungen und Kopfschmerzen gelitten, als sie vor dem Wechsel aufs Gymnasium besonders viel lernen musste. Der Augenarzt schickte sie zu seiner Orthoptistin. Die konnte so erfolgreich helfen, dass die junge Patientin tief beeindruckt war. Sie begann, sich für den Beruf und eine entsprechende Ausbildung zu interessieren. Die behandelnde Orthoptistin, selbst im Vorstand des Berufsverbandes engagiert, nahm sie unter ihre Fittiche. „Ich habe schon während der Schulzeit mehrfach bei ihr hospitiert, sodass ich wusste, was mich erwartet. Für die Ausbildung bin ich dann in die Schweiz gegangen, um noch einmal ein anderes Land zu erleben.“

Zum guten Sehen gehört auch die optische Verarbeitung im Gehirn

Ihr Interesse an dem Wunderwerk „Sehen“ hat über die Jahre nicht nachgelassen. Bei einer akademischen Zusatzausbildung lernte Elke van Alen später auch mehr über die Verarbeitung der optischen Eindrücke im Gehirn. Ein Feld, dass sich die Orthoptik weiter erobern möchte. „Kürzlich hatten wir einen Jungen hier, der nur sehr langsam lesen konnte. Die Ergotherapeutin hatte sein Vertrauen gewonnen und erfahren, dass er die Worte von rechts nach links las. Anschließend kehrte er die Buchstabenfolge im Kopf um, damit er den Begriff erkennen konnte. Ihr Hinweis hat mich auf die Spur gebracht: das Kind hatte bei der schwierigen Geburt einen Gesichtsfeldausfall erlitten. Das kennen wir eigentlich nur von älteren Patienten nach einem Schlaganfall. Auch wenn es ein Handicap bleiben wird: mithilfe der richtigen Technik kann der Junge nun viel besser Lesen lernen“, erzählt Elke van Alen.

Ihr Beruf begeistert sie noch immer. „Man weiß morgens nie, was einen erwartet, wenn man in die Praxis kommt. Jedes Kind hat ein anderes Temperament, ein anderes Alter, ein anderes Problem und ist anders drauf. Es macht einfach Spaß, seine Arbeit mit einem hohen Grad an fachlicher Kompetenz und dabei so spielerisch auszuführen zu können.“

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