Blankenese im Gespräch

Stadtteilschule Blankenese- DER KÄPT’N geht von Bord

Abschied von Mathias Morgenroth-Marwedel

Mathias Morgenroth-Marwedel verlässt nach 14 Jahren Schulleitung „seine“ Stadtteilschule. Vera Klischan, langjährige Kollegin und Wegbegleiterin des scheidenden Schulleiters, hat sich mit Mathias Morgenroth-Marwedel unterhalten über Abschied und Neubeginn, Schule und den FC St. Pauli.

Lieber Mathias, nach mehr als einen halben Leben Schule nun der sogenannte Ruhestand? Wehmut oder Vorfreude?

Zum Akt des Abschiednehmens hat der Bau hier an der Schule hilfreich beigetragen. Ich verabschiede mich mit Wehmut und bin auch traurig, hatte aber in den letzten Monaten kaum Zeit mich da hineinzufühlen. Der andere Teil ist immer mehr Vorfreude. Ich kann mich freuen, weil ich mich von einem hohen Grad an Verantwortung gern verabschieden werde. Nach diesem Schulleben in einem Takt der vorgegeben ist, möchte ich bei mir ankommen und freue mich auf das, was vor mir liegt.

Mathias Morgenroth-Marwedel ©privat

Wie sieht Dein Weg in die Schulleitung dieser großen Schule aus? Was war vorher?

Nach meiner Ausbildung war ich 8 Jahre arbeitslos und habe diverse zeitlich begrenzte Projekte in schulnahen Tätigkeiten gemacht. Das war eine tolle Vorbereitung auf die Schulleitung. Ich habe arbeitslose Jugendliche begleitet, eine  Aussiedlerklasse an der Schule Mittlerer Landweg, die kein Wort deutsch sprach, für die Regelklasse vorbereitet. Der Schulname war unaussprechlich für die Jugendlichen.  Für mich war es immer wichtig, denen zu helfen, die es nicht leicht hatten Dann kam die Gründung der Gesamtschule Blankenese, an der ich mitgearbeitet habe als Klassenleitung und Beratungslehrer. 1997 wechselte ich ins Studienseminar. Mit großer Freude und Engagement habe ich junge Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet.

Als meine Beschäftigung am Studienseminar auslief, suchte ich wieder eine pädagogisch sinnvolle Aufgabe und fand sie an der Geschwister Scholl-Gesamtschule als Stellvertretender Schulleiter.2007 wurde ich mit mittlerweile viel Leitungserfahrung Schulleiter an der Stadtteilschule Blankenese. Ich bin ein Vollblutpädagoge – dieser rote Faden hat sich bei allen Veränderungen durch mein Leben gezogen.

Wie sieht ein ganz normaler Schultag für Dich aus? Gibt es das überhaupt? Ganz normal?

Ein ganz normaler Schultag ist nicht normal! Man denkt, in der Schule ist alles geregelt. Es läuft nach der Uhr, es gibt einen Stundenplan,… Manchmal habe ich zwei Termine am Tag und frage mich abends, was ich gemacht habe. Das hat mich immer erfüllt, weil ich erwarte und mir wünsche, dass mich etwas aus der Routine bringt. „Wenn ich das in meinen Club erzähle, glaubt mir das keiner“.  Dieser Spruch fällt mir oft zu meinem beruflichen Alltag ein und das ist toll. Das Gefühl zu haben, da bin ich kompetent, da werde ich gebraucht, bin für andere Orientierung in verknoteten Situationen! Ich habe supergern Kontakt mit unseren Schülern und Schülerinnen, mit allen Mitarbeitern. Ich verstehe Schule als Gemeinwesen, das innen gut funktionieren muss, dann funktioniert es auch nach außen. Ich möchte immer den Überblick behalten, um mit allen Anforderungen umzugehen.

Stadtteilschule Blankenese – Erweiterung und Renovierung ©Vera Klischan

Was sind Deine größten Herausforderungen? Deine schönsten Glücksmomente als Schulleiter?

Die größte Herausforderung ist zur Zeit die Pandemie. Nichts ist mehr selbstverständlich, was Schule ausmacht. Früher war es gelegentlich die Schulpolitik, das was die Behörde von einer einzelnen Schule umgesetzt wissen wollte, was aber nicht zur guten Schule vor Ort passt. 

Auch der Zustand der Schule, die schimmelnden Räume. Dabei die Schule als Ganzes vor Augen zu haben, Altbau und Neubau zusammenzubringen und der Schule eine Gestalt zu geben.

Ein großes Glück ist es, dass wir eine Schule bekommen haben, die für 5-zügige Jahrgänge passt.  Die Begegnung mit Kollegen und Schülern und Schülerinnen, die gern hier zur Schule gehen, ein anderes, ein positives Bild von Schule zu vermitteln.  

Wie habt Ihr als Schulgemeinschaft die Coronazeit erlebt? Was war am schwierigsten?

Nichts, was vorher galtwar noch relevant. Pünktlichkeit, Hausaufgaben, Präsenz, alles war aufgelöst. Plötzlich entschieden die Eltern, wann ihr Kind zur Schule geht. Von eben auf gleich mussten wir Sachen umsetzen ohne Planungssicherheit. Zu Beginn war das noch verständlichaber es hat sich über Monate als Dauerzustand erwiesenWir mussten alles mögliche neu erfinden. Zum Beispiel die Notbetreuung! Die Kinder haben gesagt, die Menschen, die für sie da sind, waren der Kern von Schule in dieser Zeit, Schule als sozialer Ort. In der Pandemie ist der Kern von guter Schule sichtbar geworden. Er besteht nicht im sicheren Beherrschen von Kommaregeln! Alle mitzunehmen, die verunsichert waren, war am schwierigsten. Das Vermitteln des Hygienekonzepts, gut im Kontakt zu bleiben mit der Schulgemeinschaft waren die größten Herausforderungen. Ich habe allein 29 Schulbriefe und viele Extraschulbriefe geschrieben. Wir haben viel vom guten Geist der Schule bewahrt, das war nicht einfach.  Auch die Reduzierung auf Kohorten. „Groß hilft klein“ ging plötzlich nicht mehr.

„In der Pandemie ist der Kern von guter Schule sichtbar geworden. Er besteht nicht im sicheren Beherrschen von Kommaregeln.“

Wie hast Du Deine Kraft- und Nervenreserven aufgefüllt? Hast Du ein Hobby/Leidenschaft/Sport?

Meine Kraftquelle ist meine gute Ausbildung. Ich reflektiere schwierige Situationen genau und habe trotzdem immer gut geschlafen. Ich habe eine erfüllende Familie und ich bin nicht nur Schulleiter, sondern auch Ehemann, Vater und Großvater. Ich spiele Fußball bei Komet und bin Mitglied beim St. Pauli Fan. Das heißt „leiden lernen“!

„Früher war alles besser“! Ist Schule schwieriger geworden? Andere Eltern/andere Kinder?

Ich kann das nicht bestätigenFrüher war vieles anders, aber die Schule ist mit den Herausforderungen mitgewachsen. Inklusion ist mittlerweile selbstverständlich für mich! Eine gute Schule muss als Teil eines Stadtteils wahrgenommen werden, als Anker im Stadtteil.

Schule für alle mit vielen Wegen zum Ziel ©Vera Klischan

Gibt es eine/n Idee/Leitsatz, der Dich in Deinem Handel als Schulleiter geprägt und gesteuert hat?

Meine pädagogische Aufgabe, eine gute Schule zu gestalten!  Mein Leitsatz ist bis heute:  Gestalte deine Zukunft!

Wenn Du jetzt nach vorn schaust – worauf freust Du Dich am meisten?

Ich muss mich nicht neu erfinden, denn ich habe immer viele Veränderungen erlebt. Ich freue mich darauf, frei von dem Ausmaß an Verpflichtung zu sein. Mit der Zeit werde ich sehen, was ich mache. Es wird sicher kein Ruhestand, in dem ich nur privatisiere.  Beratung oder Supervision kann ich mir vorstellen, dem Gemeinwohl verpflichtet zu sein, in der Region weiterzuleben. 

„Das kann ja heiter werden“, sage ich gelegentlich zu meiner Frau. Das soll es auch: heiter werden! Darauf freue ich mich sehr!

Lieber Mathias, eines ist sicher: Du warst nicht nur ein wunderbarer Schulleiter, der große Spuren an der Stadtteilschule hinterlässt, Du wirst auch ein ebenso guter Pensionär mit neuen Zielen, guten Ideen und – viel mehr Zeit. Am letzten Schultag wirst Du den Dank Deines Kollegiums und unzähliger Schüler und Schülerinnen mitnehmen für Deinen ungeheuren Einsatz in den Jahren an Deiner Schule. Ich danke Dir für Deine Zeit.

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