Gedankensammlung 2023

Hans Küng

Januar 2023

28. Januar – 4. Februar 2023: Hans Küng denkt an den Himmelstempel in Peking: „Die ganze philosophische Tradition Chinas war nun einmal eine Suche nach der Einheit von Himmel und Erde. Und auch heute noch suchen die Menschen in China die Harmonie zwischen Himmel und Erde: zwischen dem Himmel und der bedrohten Natur, dem Himmel und den gefährdeten Menschen. Die Harmonie in der Gesellschaft und im Menschen selbst. Ich bin überzeugt: Dieser Geist der großen Harmonie, der aus dem Himmelstempel spricht, kann sehr wohl auch für Chinas Zukunft von Bedeutung sein. Denn Chinas jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass es nicht leicht ist, in der Gesellschaft, der Horizontalen, die elementaren Gebote der Menschlichkeit aufrechtzuerhalten ohne diese Vertikale, die zum Himmel weist.“ (Memoiren III, 425)

22. – 28. Januar 2023: Aberglaube ist, wenn ich in einem Irdisch-Relativen absolute, göttliche Kraft oder Macht zuschreibe, wenn ich also eine menschliche Person vergöttere (wie das auch im modernen Personenkult geschieht), wenn ich von einem Ding, etwa einem Amulett oder Bild, Heil oder Unheil abhängig mache. Aber keineswegs Aberglaube ist, wenn ich mich für mein Leben einer göttlichen, absoluten Macht, Autorität, Ordnung verpflichtet fühle, wenn also ein Chinese gegenüber dem Himmel als dem Symbol des Klaren, Heilen, Unbegreiflichen, Mächtigen ähnlich wie Konfuzius Ehrfurcht empfinde und aus dieser Ehrfurcht heraus dem „Willen des Himmels“ folgen will oder der großen Ordnung des „Daos“. Ist das nicht besser, als wenn ich an gar nichts glaube außer an Profit und schnellen Erfolg, und so letztlich nur an mich selbst? (Memoiren III, 425)

15. – 21. Januar 2023: Es bedeutet für mich ein Erlebnis eigener Art, dass ich …vor dem Grabmal der Meisters KONG FUZI (Konfuzius, ca, 551-479 v. Chr). stehen darf. Ihm hatte ich in meinen Studien besondere Aufmerksamkeit gewidmet und Parallelen zum Leben und Wirken Jesu von Nazaret gezogen. Deshalb sagte ich wörtlich: „Hier am Grabe dieses großen chinesischen Weisen, wohin früher kaum jemand kam, heute aber täglich Tausende kommen, muss daran erinnert werden: Nicht das Autoritär-Patriarchalische steht im Zentrum seiner Lehre, sondern das wahrhaft Menschliche. Menschlichkeit (ren), im Sinne von Zuwendung, Güte, Wohlwollen, ist in den ‚Gesprächen‘ des Konfuzius der am allerhäufigsten gebrauchte ethische Begriff. Menschlichkeit könnte sehr wohl auch heute Basis sein für ein Grundethos – nicht nur in China, sondern in der Menschheit als ganzer, Menschlichkeit, nach Konfuzius zu verstehen, als ‚Gegenseitigkeit‘ (shu), als gegenseitige Rücksichtnahme, wie er sie in der Goldenen Regel erklärt: ‚Was du nicht wünschest, das tue auch nicht anderen.“ (Memoiren III, 415f.)

8. – 14. Januar 2023 – zu Dreikönig: Nichtchristen erkennen oft besser …, worin die Herausforderung, ja Zumutung des christlichen Gottesverständnisses besteht. Ernst Bloch hat dazu … tiefe, nachdenkenswerte Sätze gefunden:
„Wären statt der Heiligen Drei Könige Konfuzius, Laotse, Buddha aus dem Morgenland zur Krippe gezogen, so hätte nur einer, Laotse, diese Unscheinbarkeit des Allergrößten wahrgenommen, obzwar nicht angebetet. Selbst er aber hätte den Stein des Anstoßes nicht wahrgenommen, den die christliche Liebe in der Welt darstellt … Jesus ist genau gegen die Herrenmacht das Zeichen, das widerspricht, und genau diesem Zeichen wurde von der Welt mit dem Galgen widersprochen: das Kreuz ist die Antwort der Welt auf die christliche Liebe.“ (Christentum und Chinesische Religion, 219)

1. – 7. Januar 2023: Kann die Macht der Liebe das Leben wirklich verändern? Einige einfache Antithesen eines mir unbekannten Autors machen deutlich, wie sehr Liebe als Grundhaltung das Leben zu verändern vermag:

»Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich;
Pflicht in Liebe erfüllt macht beständig.

Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos;
Verantwortung in Liebe getragen macht fürsorglich.

Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart;
Gerechtigkeit in Liebe geübt macht zuverlässig.

Erziehung ohne Liebe macht widerspruchsvoll;
Erziehung in Liebe wahrgenommen macht geduldig.

Klugheit ohne Liebe macht gerissen;
Klugheit in Liebe praktiziert macht verständnisvoll.

Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch;
Freundlichkeit in Liebe erwiesen macht gütig.

Ordnung ohne Liebe macht kleinlich;
Ordnung in Liebe gehalten macht großzügig.

Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch;
Sachkenntnis in Liebe ausgeübt macht vertrauenswürdig.

Macht ohne Liebe macht gewalttätig;
Macht in Liebe eingesetzt macht hilfsbereit.

Ehre ohne Liebe macht hochmütig;
Ehre in Liebe gewahrt macht bescheiden.

Besitz ohne Liebe macht geizig;
Besitz in Liebe gebraucht macht freigebig.

Glaube ohne Liebe macht fanatisch;
Glaube in Liebe gelebt macht friedfertig.«

Was ich glaube, S. 268 f.

Februar 2023

26. Februar – 4. März 2023: Frieden schaf­fen durch Rechtsver­zicht (2) – Selbstverständlich: Rechtsverzicht darf kein Freibrief sein für das »Recht des Stär­keren«. Die christliche Botschaft will die Rechtsordnung nicht abschaffen. Doch sie will das Recht um der Menschen und um des Friedens willen relativie­ren. Das ist eine Herausforderung für Politiker, in bestimmten Fällen auf das Durch­setzen von Rechten mit Macht und ­Gewalt zu verzichten. Christlich gesinnte Staatsmän­ner nach dem Zweiten Weltkrieg haben dies, von den Kirchen unterstützt, zur Versöh­nung zwischen Frankreich und Deutsch­land und später zwischen Deutschland und Polen wie Tschechischer Republik mit Erfolg getan. Jesuanisch beeinflusst sind auch Mahatma Gandhis und Martin Luther Kings Idee und Praxis des gewaltfreien Wider­stands, welche die Machtverhältnisse effektiv zu ändern vermochten.
(Was ich glaube, 271.)

19.- 25. Februar 2023: Frieden schaf­fen durch Rechtsver­zicht (1) Selbstverständlich, das weiß ich, ist mit der Bergpredigt »kein Staat zu machen«. Man kann aus ihr keine detaillierten Auskünfte und Vorschläge zu Grenzkonflikten und Ab­rüstungskonferenzen ableiten. Aber sie sagt etwas, was Staatenlenker ihren Völkern nicht so leicht zumuten können, was aber Religionsführer, Bischöfe, Theolo­gen und Seelsorger gerade auch der breiten Öffent­lichkeit sagen können: dass Verzicht auf Rechte ohne Gegenleistung nicht unbedingt eine Schande sein muss, sondern dem Frieden dienen kann! Mit dem zwei Meilen gehen, der mir eine Meile abgenötigt hat (Mt 5,41). (Was ich glaube, 270f.)

12. – 18. Februar 2023: Aus dem christli­chen Grundmodell, wie es durch Jesus in den Evangelien aufleuchtet, folgten und folgen nämlich unge­zählte Denk- und Tatanstöße, um das christliche Programm in die Praxis des Alltags umzu­set­zen. Da wäre unendlich viel von Taten und Leiden christlicher Liebe zu berichten. Mich haben indes vor allem vier konkrete Möglichkeiten beeindruckt, die wahr­zu­­nehmen das christliche Ethos ein­lädt:

Frieden schaf­fen durch Rechtsver­zicht,
Macht gebrauchen zugunsten Anderer,
Konsum üben mit Maß,
Erziehen verstehen im gegen­sei­ti­gen Respekt.
(Was ich glaube, 269f.)

5. – 11. Februar 2023: Seit Chinas Einigung und dem Bau der Großen Mauer unter dem ersten Kaiser Quin sind jetzt 2200 lange Jahre vergangen. Chinas Große Mauer schützt die Menschen nicht mehr … Auch die Menschen in China wollen sich heute nicht mehr abschließen, sondern sich öffnen: Sie wollen an der einen Welt teilhaben und die Zukunft der Menschheit mitgestalten. Die große humane Tradition Chinas wird ihnen dabei helfen: der Sinn für Menschlichkeit, Gegenseitigkeit und Harmonie. (Memoiren III, 429)

 

März 2023

26. März – 1. April 2023: Als konkrete Person hat [Jesus] es Menschen ermöglicht, im Geist in eine unmittelbar existentielle Beziehung zu ihm zu treten: Von ihm konnte man erzählen und nicht nur über ihn räsonnieren, argumentieren, diskutieren und theologisieren. Und wie keine Geschichte durch abstrakte Ideen ersetzt werden kann, so konnte auch im Fall Jesu kein Erzählen durch Proklamieren und Appellieren, konnten keine Bilder durch Begriffe, kein Ergriffenwerden durch Begreifen ersetzt werden. Die Person ließ sich nicht auf eine bestimme Formel bringen. (Das Christentum, 51; SW 16, 64f)

19. – 25. März 2023: Leben, Lehren und Wirken Jesu von Nazaret treten für mich im Vergleich mit anderen Religionsstiftern deutlich hervor. Jesus war kein am Hof Gebildeter wie anscheinend Mose, war kein Fürstensohn wie der Buddha. Aber er war auch kein Gelehrter und Politiker wie Kung-futse und kein reicher und weltläufiger Kaufmann wie Muhammad. Gerade weil seine Herkunft so unbedeutend war, ist seine bleibende Bedeutsamkeit so erstaunlich. Er vertritt keine unbedingte Geltung des immer mehr ausgebauten geschriebenen Gesetzes (Mose), keinen mönchischen Rückzug in asketische Versenkung innerhalb der geregelten Gemeinschaft eines Ordens (Buddha), keine Erneuerung der traditionellen Moral und der etablierten Gesellschaft gemäß einem ewigen Weltgesetz (Kung-futse), keine gewaltsamen revolutionären Eroberungen durch Kampf gegen die Ungläubigen und Errichtung eines theokratischen Staates (Muhammad). (Was ich glaube, 220; SW 24, 441)

12. – 18. März 2023: Jesus von Nazaret als Ursprung und Mitte des Christentums (aus: Das Christentum – Wesen und Geschichte sowie: Was ich glaube)
Christentum steht und fällt nicht mit einer unpersönlichen Idee, einem abstrakten Prinzip, einer allgemeinen Norm, einem rein gedanklichen System. Anders als manche andere Religion steht und fällt das Christentum mit einer konkreten Person, die für eine Sache, einen ganzen Lebensweg steht: Jesus von Nazaret. Er selbst ist die Verkörperung eines „way of life“. (Das Christentum, 50; SW 16, 64)

5. – 11. März 2023: Frieden schaf­fen durch Rechtsver­zicht (3) – Was in der großen Politik gilt, gilt auch in den Kleinkriegen des Alltags. Überall da, wo ein Einzelner oder eine Gruppe sich daran erinnert, dass ein Rechtsstandpunkt nicht in jeder Situation unbedingt unbarmherzig durchgesetzt werden muss, machen sie Befriedung, Vergebung, Versöhnung möglich. So mancher Streit in einer Familie, zwischen Nachbarn, in einem Betrieb, in einer Stadt konnte von vornherein vermie­den oder zumindest nachträglich geschlichtet werden, wo man gerade im Rechts­bereich statt buchstabengetreuer »Gerechtigkeit« konkret Menschlichkeit übte zwi­schen den Menschen und Gruppen und so ein Geist tieferer Gerechtigkeit wach­sen konnte. (Was ich glaube, 271f.)

 

April 2023

30. April – 6. Mai 2023: Wofür leben? »Ad maiorem Dei gloriam«, »zur größeren Ehre Gottes«:
AMDG habe ich in meiner Agenda immer wieder über den Jahresanfang geschrieben. Zur Erinnerung, was der Sinn des Menschenlebens ist: nicht nur für sich zu leben, sondern für seinen Schöpfer und Vollender, Ursprung und Ziel. Gott allein als das Absolute, alles andere auf Erden relativ. (Erkämpfte Freiheit, 94)

23. – 29. April 2023: Gerade das macht das Spezifische des Christentums aus: Nicht ein Prinzip, sondern eine lebendige Gestalt, die im tiefsten und umfassendsten Sinn des Wortes „attraktiv“ sein kann. Verba docent, exempla trahunt, Worte lehren, Beispiele reißen mit. Ein Christ soll ja nicht nur eine allgemeine „christliche“ Lebensgestaltung realisieren, sondern er kann zu diesem Christus Jesus, dessen Geist noch immer wirkt, selber Vertrauen fassen und sein Leben nach diesem Maß einzurichten versuchen. So erweist sich denn Jesus selber in allem, was er ist und bedeutet, für den Menschen geradezu – wie das Johannesevangelium interpretiert – als „der Weg, die Wahrheit und das Leben“. (Das Christentum, 51; SW 16, 65)

16. – 22. April 2023: Was so für jeden Menschen damals unvorstellbar war, vollbringt der Glaube an den doch durch und bei Gott lebendigen Gekreuzigten: dass dieser schmählich Hingerichtete als der von Gott mächtig Bestätigte erscheint und so dieses Zeichen der Schmach als ein Zeichen des Sieges! Ja, dass dieser ehrenlose Tod von Sklaven und Rebellen schließlich als Heilstod der Erlösung und Befreiung verstanden werden kann! Das Kreuz Jesu, dieses blutige Siegel auf ein entsprechend gelebtes Leben, wird so ein Aufruf zum Verzicht auf ein egoistisch geprägtes Leben, ein Aufruf zu einem unprätentiösen Leben für andere. (Christentum 63; SW 16, 77f)

9. – 15. April (Osterwoche): Wir haben es schlicht zu konstatieren: So wie das Kreuz eine harte, grausame und unleugbare historische Tatsache ist, so ist es ein ebensowenig zu leugnendes Faktum, dass schon die erste Christengeneration das Kreuz Jesu in einem völlig anderen Licht sah. Warum? Kurz gesagt: Weil sie aufgrund bestimmter charismatischer Erfahrungen („Erscheinungen“, Visionen, Auditionen) und zugleich biblischer Deutungsmuster zur Überzeugung gekommen war, dass der Gekreuzigte nicht im Tod geblieben war, sondern von Gott zum ewigen Leben erweckt, in Gottes Herrlichkeit erhöht worden war. Wie immer im Einzelnen zu verstehen: Jedenfalls nicht in ein Nichts, sondern in die wirklichste Wirklichkeit, in Gott selbst hinein, war er hineingestorben. (Christentum 62; SW 16, 77f)

2. – 8. April 2023 (Karwoche): Mose, Buddha, Kung-futse starben alle in hohem Alter, nach reichem Erfolg, inmitten ihrer Schüler und Anhänger. ‚Lebenssatt‘ wie die Erzväter Israels, Muhammad gar nach einem gut genossenen Leben in seinem Harem in den Armen seiner Lieblingsfrau. Und Jesus von Nazaret? Er starb als junger Mann nach einem erstaunlich kurzen Wirken von bestenfalls drei Jahren oder vielleicht nur wenigen Monaten: verraten und verleugnet von seinen Schülern und Anhängern, verspottet und verhöhnt von seinen Gegnern, verlassen von Gott und den Menschen im scheußlichsten und hintergründigsten Ritus der Sterbens, der nach römischer Rechtsprechung Verbrechern mit römischem Bürgerrecht unzumutbar und nur entlaufenen Sklaven und politischen Rebellen zumutbar war: am Kreuzesgalgen. … Das Kreuz Jesu musste einem gebildeten Griechen als barbarische Torheit, einem römischen Bürger als Schande schlechthin, einem gläubigen Juden aber als Gottesfluch vorkommen. Warum also den Christen als Heilszeichen? (Christentum, 62; SW 16, 77)

Mai 2023

28. Mai – 3. Juni 2023: Wer könnte übersehen, dass das Verebben und Erlöschen der Prophetie nach einer Blütezeit auch im Christentum ein Problem ist, wo Jesus Christus nach dem Vorläufer Johannes als der endzeitliche Prophet gilt, … wo der Geist über alle ausgegossen ist und wo die in der Urgemeinde zunächst stark vertretenen Propheten und Prophetinnen doch gegen Ende des 2. Jahrhunderts aussterben. … Ähnlich wie die Schriftgelehrten im Judentum nach dem Exil, so begannen auch die Bischöfe in der Kirche nach dem ersten Jahrhundert …, die prophetische Funktion in ihr apostolisches „Amt“ zu integrieren. Je länger desto mehr fühlten sie sich als Nachfolger nicht nur der Apostel, sondern auch der Propheten und der Lehrer. Immer mehr tritt jetzt das hierarchische Kirchenrecht an die Stelle der freien Prophetie. Wo also sind im Christentum die prophetischen Impulse geblieben? (Das Judentum 149)

21. – 27. Mai 2023: Wonach streben? »Magis«: »immer mehr«, immer vollkommener sich richten, angeregt von der Meditation des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu, nach diesem Vorbild und sich ihm angleichen. Das zentrale Gebot: Aus Liebe zu Gott Liebe zum Nächsten. Die Nächstenliebe als Gradmesser der Gottesliebe. »Vollkommenheit« biblisch nicht durch den Gang ins Kloster, sondern durch den Gang in die Welt. Eine weltoffene aktive Religiosität, die Gott nicht nur in der Kirche, sondern in allen Dingen findet. (Erkämpfte Freiheit, 95)

14. – 20. Mai 2023: Wie mit den Gütern dieser Welt umgehen? »Tantum quantum«: »Soviel wie« mir Geld und Gut, Beruf und Ehre auf meinem Weg zu Gott helfen, darf ich sie in Freiheit nutzen. Nichts Geschaffenes, auch nicht der menschliche Leib und die Sexualität, sind schlecht, gar »dämonisch«. Sie sind gut, dürfen nur nicht verabsolutiert werden. Freiheit also, Gelassenheit, aktive Indifferenz. (Erkämpfte Freiheit, 95)

7. – 13. Mai 2023: Wonach entscheiden? »Fiat voluntas tua«: »Dein Wille geschehe!« In der konkreten Entscheidungssituation zu erkennen versuchen, was für mich ganz persönlich Wille und Wunsch Gottes ist und zu diesem Zweck die Regeln zur »Unterscheidung der Geister« anwenden.
Letzte Norm für mich, mein Gewissen, ist nicht ein Gesetz oder eine Autorität des Staates oder der Kirche. Sondern es ist der Wille Gottes, der in komplexen Situationen freilich nur durch kritische Gewissenserforschung und differenziertes Abwägen der Alternativen herausgefunden werden kann. Bis heute ist mir in schwierigen Fragen die Gegenprobe wichtig: ob ich bei einer bestimmten Personal- und Sachentscheidung etwas für mich ganz persönlich gewinne oder ob es mir wirklich rein um »die Sache« geht. (Erkämpfte Freiheit, 95)

 

Juni 2023

25. Juni – 1. Juli 2023: Offensein für die Anderen, Dasein für die Anderen, selbstlose Liebe ist für Paulus die höchste Realisierung der Freiheit … „Denn das ganze Gesetz wird in dem einen Wort erfüllt: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘“ Was immer Gott selbst durch das Gesetz fordert, zielt auf Liebe. … Wer an Gott und gerade so an den Nächsten gebunden ist, ist befreit zur wahren Freiheit. (Das Judentum 609)

18. – 24. Juni 2023: In der Tat, wer immer als Christ heutzutage an einem synagogalen Gottesdienst, gar an einem großen jüdischen Fest teilnimmt, der wird sich über alles das freuen, was ihm da, von der Schriftlesung, den Psalmen angefangen, bis hin zu den Hymnen als bekannt entgegentritt. Was gibt es denn da, was man nicht lauteren Herzens mitbeten könnte? Ob also in Zukunft eine neue Gemeinschaft bei allen Unterschieden so ganz ausgeschlossen sein müsste? (Das Judentum 424)

11. – 17. Juni 2023: (Haben wir) um des Abrahams- und Sinaibundes mit dem auserwählten Volk willen nicht jenen ersten Bund oft vernachlässigt, den Gott nach der Sintflut mit Noach und seinen Nachkommen geschlossen hat und der „alles Lebende“, auch die Tiere, umfassen sollte: ein universaler Bund mit der ganzen Schöpfung, dessen Bundeszeichen der Regenbogen ist und die nicht mehr dem Chaos verfallen darf? Ist so in der Hebräischen Bibel nicht eine aller Volksgemeinschaft zugrundeliegende Menschheitsgemeinschaft vorausgesetzt, der Gottes universaler Heilswille gilt? (Das Judentum 76)

4. – 10. Juni 2023: Nicht nur dem Judenvolk also, nein, der ganzen Menschheit gilt diese unglaubliche Zusage: den Beschnittenen wie den Unbeschnittenen. Ein Menschheitsbund: kein Unterschied der Rassen, auch nicht der Klassen, Kasten – ja, auch nicht der Religionen! Denn das Zeichen dieses Bundes ist ja nicht die Beschneidung, vollzogen von den Angehörigen eines auserwählten Volkes. Das wunderbare, von Gott selbst aufgerichtete Symbol dieses Menschheitsbundes ist der die ganze Erde überwölbende Regenbogen, der von Gottes alles überragender Herrschaft, Zuverlässigkeit und Gnade zeugt. (Das Judentum 60)

Juli 2023

30. Juli – 5. August 2023: Im Kreuz Jesu Christi … ist nicht einfach Gott schlechthin gekreuzigt worden: der Gott, ho theós, Deus pater omnipotens … Wie sonst hätte der Gekreuzigte in Gottverlassenheit zu Gott schreien können: „Mein Gott, mein Gott“? … Das Kreuz ist nicht das Symbol des leidenden, schreienden, gar das Symbol des Todesnot leidenden Gottes, sondern das Symbol des Todesnot leidenden Menschen. … Und wenn jüdische Theologie zu Recht gegen ein sadistisch-grausames Gottesbild protestiert, nach welchem ein blutgieriger Gott nach dem Opfer seines Sohnes verlangte, so christliche Theologie hoffentlich mit nicht weniger Nachdruck gegen ein masochistisch-dulderisches Gottesverständnis, nach welchem ein schwacher Gott sich durch Leid und Tod zur Auferstehung durchzuquälen hätte, wenn er nicht überhaupt auf ewig leiden soll. (Das Judentum, 723f)

23. – 29. Juli 2023: Für mich ist nun wichtig: Aus dem Wissen heraus ist ein moralisches Verhal­ten, ein Ethos möglich, wie es von jedem Buddhisten, nicht nur von den Mönchen und Nonnen, erwartet wird. Es umfasst vier elemen­tare Grundforderungen: nicht töten, nicht lügen, nicht stehlen, sich nicht sexueller Ausschweifung hingeben. Viel­leicht wäre ich daher auch als Buddhist auf die Idee eines gemeinsamen Mensch­heits­­ethos gestoßen, das ja nach der Erklärung des Parlaments der Welt­religionen von Chicago 1993 ebenfalls auf diesen vier ethischen Konstanten aufbaut. (Was ich glaube, 206 f)

16. – 22. Juli 2023: Der Buddha will keine Welterklärung bieten, sondern eine Heilslehre und einen Heilsweg: Wie soll der leidende Mensch Befreiung und Erlösung finden, wie die Lebens­krisen überwinden, wie das Leid bewältigen und sich mit seiner Beschränkt­heit, Endlichkeit, Sterblichkeit abfinden? In der Meditation soll der Mensch nach innen gehen. Wenn er die Erleuchtung erfahren darf, dann vermag er die Unbe­stän­digkeit der Dinge zu entlarven und zu durchschauen, dass alles, was er sieht, nicht stabil ist, dass nichts in der Welt Bestand hat, dass alles veränderlich, ja, dass sogar mein eigenes Ich, an das ich mich so sehr klammere, ohne Wesens­kern ist und somit vergänglich. Vom Buddha kann ich lernen, vom eigenen Ich frei zu werden: dass ich von der Selbst­befangenheit in Gier, Hass und Verblendung, von der Ichbezogen­heit und Ichverflochtenheit den Weg finde zur Selbstlosig­keit. (Was ich glaube, 206 f)

9. – 15. Juli 2023: Meine Religion wäre … bestimmt von jener epochalen indischen Orientierungsgestalt Siddhartha Gautama, genannt der Buddha, der »Erwachte«, der »Erleuchtete«. Seit dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeit bietet er den Menschen einen Weg der Vergeistigung, Verinnerli­chung, Versen­kung an. Durch seine Lehre (»dharma«) gibt er den Menschen Antwor­ten auf die vier Urfragen, die »Vier edlen Wahrheiten«: Was ist Leiden? Das ganze Leben. Wie ent­steht es? Durch »Lebensdurst«, Gier, Hass, Verblendung. Wie kann es überwunden werden? Durch Nicht-Anhaften und dadurch Versiegen des Lebensdurstes. Welches ist der Weg, dies zu erreichen? Der »achtfache Pfad« des Buddha. (Was ich glaube, 206)

2. – 8. Juli 2023: Wenn ich mich in anderen Konti­nenten aufhielt, überlegte ich mir oft, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nicht in Europa, sondern in einem anderen Kulturkreis geboren worden wäre. Vermutlich würde ich dann nach einem ganz anderen Modell, einem ganz anderen Muster des Empfindens, Denkens und Handelns, mein Leben gestalten … Wäre ich in Sri Lanka, Thailand, Burma oder Japan geboren, Länder, die ich kenne und bewundere, wäre ich wahrscheinlich einer der vielen Hundert Millionen Buddhisten auf der Welt. (Was ich glaube, 203 ff)

August 2023

27. August – 2. September 2023: Am Lebensleid, an der Negativität im Menschenleben zeigt sich, ob ein Humanismus trägt. Christen sind nicht weniger Humanisten als alle Humanisten. Aber Christen sehen – wenn sie ihr Christsein richtig verstehen – das Menschliche, das wahrhaft Menschliche, das Humane, sie sehen die Menschen und seinen Gott, sehen Humanität, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden, Sinn von diesem Jesus her, der für sie der konkret Maßgebende, der Christus ist. … Dies habe ich in meinem Buch „Christ sein“ zum Ausdruck gebracht : In der Nachfolge Jesu Christi kann der Mensch in der Welt von heute wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben: in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Menschen. (Was ich glaube, 255f)

20. – 26. August: Ich gestehe, dass ich in meinem Studier- und Wohnzimmer zwar eine schöne griechische Christus-Ikone, aber keinen Gekreuzigten hängen habe. Warum? Weil ich die Zurückhaltung der Christen des Anfangs teile. … Erst die Spätgotik machte das Leiden des Gekreuzigten zum beherrschenden Thema … Ich kann leider nicht übersehen, dass mit dem Kreuz in der Kirchengeschichte auch viel Schindluder getrieben wurde … Furchtbar die Kreuzzüge und Ketzerverfolgungen des Mittelalters, nicht weniger schlimm die Kriegszüge der amerikanischen „Crusaders“ im 21. Jahrhundert im Irak und in Afghanistan, die ebenfalls meinten, Gott beim Töten von Tausenden auf ihrer Seite zu haben“. (Was ich glaube, 250)

13. – 19. August 2023: [Hans Küng zitiert den Historiker Martin Gilbert]: „Am 27. September 1941 sollte der Junge mit über 3000 anderen litauischen Juden umgebracht werden. Er stürzt in die Grube, unmittelbar bevor die Salve die anderen trifft. In der Nacht darauf kriecht er aus dem Massengrab und flieht ins nächste Dorf. Ein Bauer, der ihm öffnete, sieht den Nackten, mit Blut Beschmierten und sagt: ‚Jude, geh zurück ins Grab, wo du hingehörst!‘ – Verzweifelt beschwört Zwi Michalowski schließlich eine ältere Witwe: ‚Ich bin dein Herr, Jesus, Christus. Ich bin vom Kreuz gestiegen. Sieh mich an – das Blut, der Schmerz, das Leiden der Unschuldigen! Lass mich ein!‘ Die Witwe, erinnert sich Zwi, warf sich ihm zu Füßen und versteckte ihn drei Tage. Dann machte sich der junge Mann auf in den Wald. Dort überlebte er den Krieg als Partisan.“ (Das Judentum, 729)

6. – 12. August 2023: Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem, scheint mir, gibt es nicht! … Besser schiene mir an diesem äußersten Punkt, bei dieser schwierigsten Frage, eine Theologie des Schweigens. „Würde ich Ihn kennen, so wäre ich Er“, ist ein altes jüdisches Wort. Und manche jüdische Theologen, die angesichts allen Leids auf eine letzte Rechtfertigung Gottes lieber verzichten, zitieren nur das lapidare Schriftwort, welches auf den Bericht vom Tod der beiden durch Gottes Feuer getöteten Söhne Aarons folgt: „Und Aaron schwieg.“ (Das Judentum, 727; vgl. Was ich glaube 246)

September 2023

24. – 30. September: Der Zufall will es, dass die letzte Revision dieser Seiten … auf den Karfreitag fällt. Nein, ich möchte diese himmeltraurige Zeit der Kraftlosigkeit und Ermattung nicht nochmals erleben. Und oft dachte ich: »Sie wissen nicht, was sie tun …« Oder wissen sie es doch? Einige Jahre später schickt mir [ein Kollege, der damals gegen mich stimmte] unerwartet eine Postkarte von einem spätmittelalterlichen Fenster der Tübinger Stiftskirche, quasi zur Entschuldigung: Ich sei ihm bisweilen vorgekommen wie der hier dargestellte Geräderte, der da, nachdem ihm alle Glieder gebrochen waren, auf dem Rad zur Schau gestellt worden sei. Ja, eine fürchterliche Zeit war es fürwahr. Aber ich will nicht übertreiben, war ich doch nicht menschenverlassen und auch nicht – wie mir freilich erst nachträglich deutlich wird – gottverlassen. (Umstrittene Wahrheit, 654)

17. – 23. September 2023: Offensichtlich bin ich psychisch und physisch an meine Grenzen gestoßen. Wenn auch nicht von allen Menschen, so vielleicht doch von Gott verlassen? Ich kann nur mehr mit Tabletten schlafen. Meine Gegner hätte es gefreut, wenn sie mich gesehen hätten. Endlich hat es ihn erwischt! Ich kann es nicht leugnen. Ich bin erschöpft, total erschöpft. Bin unfähig, immer wieder dasselbe zu wiederholen. Ebenso unfähig, Neues zu kreieren. Habe alles getan, was ich konnte, habe alles gegeben, was ich hatte. Kann keine andere Aufgabe in Angriff nehmen. … War also meine Widerstandskraft versiegt? (Umstrittene Wahrheit, 654)

10. – 16. September 2023: Es ist ein Elend, ich habe auch nicht die Lust, in Gesellschaft zu gehen, um aller Welt immer wieder denselben »Mist« zu erzählen. Ich meide deshalb sogar die Rotary Meetings. Und als ich einmal von einem meiner besten Freunde … zu einem schönen Abendessen zu sechst in ein Restaurant in Bebenhausen bei Tübingen eingeladen werde, kann ich, der ich sonst in jeder Situation um Worte kaum verlegen bin, den ganzen Abend keinen Satz über die Lippen bringen. Während des ganzen Abendessens sitze ich schweigend da, erschrocken über mich selbst. (Umstrittene Wahrheit, 653f)

3. – 9. September: Besonders die Auseinandersetzungen in der Fakultät [ab Januar 1990] strapazieren mich zusehends. Ein Kompromiss-Papier, ausgearbeitet von Walter Jens, wird am 11. Februar von den Sieben abgelehnt. Dann gibt es wieder lange Diskussionen wegen eines Briefes an Bischof Moser, der am 13. Februar abgeschlossen wird. Für den Nachmittag ist erneut eine Fakultätssitzung angesetzt. Eine Stunde vor der Sitzung spüre ich ein ganz ungewohntes, starkes Stechen in meiner Herzgegend und muss mich auf das Sofa legen. Meine Sekretärin entschuldigt mich für die Sitzung, ein befreundeter Arzt wird herbeigerufen. Er meint klug und nüchtern, eigentlich müsste er mich krankschreiben, aber das könnte ich mir in meiner gegenwärtigen Situation politisch »nicht leisten«; er werde mir deshalb entsprechende Mittel geben. (Umstrittene Wahrheit, 653)

Oktober 2023

 29. Oktober – 4. November 2023: Dieses Buch ist aus einer tiefen Sympathie für das Judentum heraus geschrieben; unbestechliche wissenschaftliche Redlichkeit, die nach allen Seiten hin die Wahrheit sagt, und leidenschaftliches Engagement, das unverdrossen gegen Hass und Unverständnis und für Frieden und Verständigung arbeitet, schließen sich ja nicht aus. Keine Mühe jedenfalls wurde gescheut, die epochemachenden Umbrüche und die darauf folgenden, bis heute gültigen kulturell-religiösen Konstellationen oder Paradigmen der über dreitausendjährigen Geschichte des Judentum … zu analysieren und zu profilieren, … und zugleich: die Möglichkeiten einer wachsenden gegenseitigen Verständigung auszuloten, einer Verständigung zwischen Juden und ChristenJuden und vielleicht auch die zwischen Juden, Christen und Muslimen. (Das Judentum 16)

22. – 28. Oktober 2023: Ich will hier den Kontrapunkt setzen: Das Judentum wird hier nicht als vergangenes „Altes Testament“, sondern als eine eigenständige Größe von bewundernswerter Kontinuität, Vitalität und Dynamik betrachtet. Keiner christlichen Theologie ist es länger erlaubt, das Judentum „heilsgeschichtlich“ als „überholt“ zu betrachten oder als bloßes „Erbe“ zur Eigenprofilierung zu verzwecken. Keiner christlichen Kirche ist es länger gestattet, sich als das „neue Israel“ einfach an die Stelle des „alten“ zu setzen. Kein Christ hat das Recht, die Realität des lebendigen Judentums und die Herausforderung nicht nur der Weiterexistenz, sondern auch der dynamischen und staatlichen Selbstorganisation dieses Volkes zu ignorieren. (Das Judentum 15f)

15. – 21. Oktober 2023: Der Felsendom – gegenwärtig ein Zeitzeichen tragischer religiöser Spannungen – könnte zu einem Einheitszeichen der abrahamischen Ökumene, zu einem Dom der Versöhnung für die drei auf Abraham zurückgehenden Religionen werden. Wie im Mittelalter Jerusalem als Mittelpunkt der Erde angesehen und manche Weltkarten jerusalemzentriert waren, so würde diese Gebetsstätte mit ihrer strahlend goldenen Kuppel für die ganze Welt ein zentrales Symbol dafür, dass die drei Religionen … sich im Glauben und im Gebet zu dem einen Gott versammeln könnten. (Das Judentum 702)

8. – 14. Oktober 2023: Gefordert ist … eine kritische Solidarität der Christen mit dem Staat Israel … Haben doch beide Völker auf palästinensisch-jüdischem Boden, Juden und Palästinenser, maßlos gelitten. Haben doch beide Fehler gemacht. Gewalttaten begangen, dem Terrorismus Raum gegeben. Aber zugleich gibt es in beiden Völkern … auch guten Willen und eine Friedensliebe, die sich nach nichts mehr sehnt als danach, ohne Existenzbedrohung leben zu können. (Das Judentum, 680f |

1. – 7. Oktober 2023: Was hat mir geholfen, nach diesem offenkundigen Scheitern wieder Fuß zu fassen? Was waren meine spirituelle Ressourcen? Das Beten hatte ich nicht verlernt, aber es war trostlos, und ich fühlte eine innere Leere. Was mich wieder aufrichtete, waren die Tausende, die für mich sichtbar, hörbar, greifbar Stellung genommen hatten …
(Und wenn) ich dann die Hunderte von Stellungnahmen zu meinen Gunsten und alle Briefe zu meiner Unterstützung lese, finde ich langsam wieder Kraft, je länger, desto mehr: Nein, du kannst doch nicht sie alle im Stich lassen, du darfst nicht schlappmachen, aufgeben. Reiß dich zusammen, wir werden sehen, noch ist zwar eine Schlacht, aber nicht der Krieg verloren. (Umstrittene Wahrheit, 654)

November 2023

26. November – 2. Dezember:

BERTHOLT BRECHT
„Gegen Verführung“

Lasst euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen;
Ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Lasst euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müsst!

Lasst euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Lasst Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Lasst euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
Und es kommt nichts nachher.

HANS KÜNG
„Gegen Verführung“

Lasst euch nicht verführen!
Es gibt eine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen;
Ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt ein Morgen mehr.

Lasst euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft nicht in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen,
Wenn ihr es lassen müsst!

Lasst euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Fasst Moder die Erlösten?
Das Leben ist am größten:
Es steht noch mehr bereit.

Lasst euch nicht verführen!
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt nicht mit den Tieren!
Es kommt kein Nichts nachher.
Hans Küng, Was ich glaube, München 2010, S. 121

19. – 25. November 2023: Erst am Ende wird offenbar, was der agnostische jüdische Philosoph Max Horkheimer so sehr von „dem ganz Anderen“ erhofft hatte: „dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge“. Und auch unsere jüdischen Brüder und Schwestern werden einstimmen können in das, was da im Anschluss an die Propheten auf den letzten Seiten des Neuen Testaments über das Eschaton [Ende der Zeiten] als Zeugnis der Hoffnung geschrieben steht: „Und er, Gott, wir bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Das Judentum, 733)

12. – 18. November 2023: Nein, nicht der ohnmächtige Gott, sondern der mit-leidende Gott der Liebe, Stärke, Güte und Barmherzigkeit machte die Opfer stark, dem Grauen zu widerstehen. Den barmherzigen Gott in Todesslagern bekennen heißt also nicht, Gott selbst als Gefangenen, als Opfer, als Toten bezeugen.
Sondern das heißt, Gott selber als einen lebendigen Gott für die Gefangenen, für die Opfer, für die Toten bekennen. Einen Gott jedenfalls, der eindeutig auf der Seite der Opfer, nicht auf der Seite der Henker steht. (Das Judentum, 732)

5. – 11. November 2023: [Mein ganzes Werk zu Judentum, Christentum und Islam] ist getragen von einer dreifachen unerschütterlichen Hoffnung:
– dass jede der drei prophetischen Religionen aufgrund ihres spirituellen und ethischen Reichtums ein wirkmächtiges Zukunftspotential besitzen,
– dass alle drei in Verständigung und Zusammenarbeit zu größerer Gemeinsamkeit gelangen können
– und dass alle drei Weltreligionen gemeinsam einen unverzichtbaren Beitrag zu einer friedlicheren und gerechteren Welt leisten werden. (Der Islam 783)

Dezember 2023

31. Dezember 2023: Ein Gebet zum Jahresende
Verborgener, ewiger, unermesslicher, erbarmungsreicher Gott,
außer dem es keinen anderen Gott gibt.
Groß bist Du und allen Lobes würdig.
Deine Kraft und Gnade erhält das All!

Du Gott der Treue ohne Falsch, gerecht und wahrhaftig,
hast den Abraham, Deinen Dir ergebenen Diener,
zum Vater vieler Völker erwählt
und hast gesprochen durch die Propheten.

Dein Name sei geheiligt und gepriesen in aller Welt,
und Dein Wille geschehe, wo immer Menschen leben.
Lebendiger und gütiger Gott, erhöre unser Gebet:
Groß geworden ist unsere Schuld.

Vergib uns Kindern Abrahams
unsere Kriege, unsere Feindschaften,
unsere Missetaten gegeneinander.
Erlöse uns aus aller Not und schenke uns den Frieden.

Segne Du, Lenker unseres Geschicks, die Leiter und Führer der Staaten,
dass sie nicht gieren nach Macht und Ehre,
sondern handeln in Verantwortung für das Wohlergehen
und den Frieden der Menschen.

Führe Du
unsere Religionsgemeinschaften und ihre Vorsteher,
damit sie die Botschaft vom Frieden nicht nur verkünden,
sondern auch selber leben.

Uns allen aber, und auch denen, die nicht zu uns gehören,
schenke Deine Gnade, Barmherzigkeit und alles Gute
und führe uns Du, Gott der Lebendigen,
auf dem rechten Weg in Deine ewige Herrlichkeit. (Das Judentum 1991 S. 701f)

24. – 30. Dezember 2023: Damit ist klar: die Mitte des Evangeliums bilden nicht Vorgänge um die Geburt Jesu. Die Mitte ist er selber, Jesus Christus in seinem ganz persönlichen Reden, Tun und Leiden. Er als lebendige, im Geist auch nach seinem Tod lebende und herrschende Person ist die Mitte. Mit seiner Botschaft, seinem Verhalten, seinem Geschick liefert er den höchst konkreten Maßstab, an dem sich Menschen orientieren können. (Credo 69)

17. – 23. Dezember 2023: Statt der trügerischen Pax Romana, erkauft mit erhöhten Steuern, Eskalation der Rüstung, Druck auf die Minderheiten und Wohlstands-Pessimismus (wird) mit großer Freude die wahre Pax Christi angekündigt, gründend in einer Neuordnung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeichen der Menschenfreundlichkeit Gottes und des Friedens unter den Menschen.
Nicht mehr von den übermächtigen römischen Cäsaren, sondern von diesem ohnmächtigen, gewaltlosen Kind wird jetzt (therapeutisch) der Seelenfrieden und (politisch) das Ende der Kriege, werden Befreiung von der Angst und lebenswerte Verhältnisse, wird das gemeinsame Glück, kurz allseitiges Wohl, eben das »Heil« der Menschen und der Welt erwartet. (Credo 68)

10. – 16. Dezember 2023: Hier (in der Weihnachtsgeschichte) wird nämlich angesichts der religiös-politischen Herrschaft und ihrer Machthaber so etwas wie der Kern einer Befreiungstheologie sichtbar..

Nirgendwo ist die Rede von »stiller Nacht« und »holdem Knaben im lockigen Haar«; Krippe, Windeln sind konkrete Signale aus einer Welt, der Niedrigkeit und Armut.
Der im Stall geborene Heiland der Notleidenden offenbart deutlich eine Parteinahme für den Namen- und Machtlosen (die »Hirten«), gegen die mit Namen genannten Machthaber (der Kaiser Augustus, der kaiserliche Statthalter Qurinius).
Das Magnificat Marias… von der Erniedrigung der Mächtigen und der Erhöhung der Niedrigen, von der Sättigung, der Hungrigen und der Vernachlässigung der Reichen, kündigt kämpferisch eine Umwertung der Rangordnung an. (Credo 67 f)

3. – 9. Dezember 2023: Die Weihnachtsgeschichte, richtig verstanden, ist alles andere als eine harmlos erbauliche oder psychologisch raffinierte Geschichte vom lieben Jesuskind. All diese biblischen Erzählungen sind theologisch hoch reflektierte Christusgeschichten im Dienst einer sehr gezielten Verkündigung, welche die wahre Bedeutung Jesu als des Messias zum Heil für alle Völker der Erde kunstvoll, plastisch und radikal gesellschaftskritisch anschaulich machen wollen. (Credo 68f.)

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