Gedankensammlung 2024

Hans Küng

Januar 2024

1. – 6. Januar 2024

1. – 6. Januar 2024: Was also ist ursprünglich jüdisch und so auch neutestamentlich mit der Gottessohnschaft gemeint? Was immer von hellenistischen Konzilien mit hellenistischen Begriffen in dieser Sache definiert wurde: Im Neuen Testament ist ohne Frage nicht eine Abkunft, sondern die Einsetzung in eine Rechts- und Machtstellung im hebräisch-alttestamentlichen Sinne gemeint. Nicht eine physische Gottessohnschaft, wie in den hellenistischen Mythen und von Juden und Muslimen bis heute oft angenommen und zu Recht verworfen, sondern eine Erwählung und Bevollmächtigung Jesu durch Gott, ganz im Sinne der Hebräischen Bibel, wo bisweilen auch das Volk Israel kollektiv „Sohn Gottes“ genannt werden kann. Gegen ein solches Verständnis von Gottessohnschaft war vom jüdischen Ein-Gott-Glauben her kaum Grundsätzliches einzuwenden; sonst hätte es die jüdische Urgemeinde auch gewiss nicht vertreten. Würde die Gottessohnschaft auch heute wieder in ihrem ursprünglichen Verständnis vertreten, so bräuchte, scheint es, auch heute vom jüdischen und islamischen Monotheismus her wenig Grundsätzliches eingewendet werden. (Credo 84f.)

13. Januar 2024

13. Januar 2024; Was also heißt Menschwerdung? Menschwerdung heißt: In diesem Menschen haben Gottes Wort, Wille, Liebe menschliche Gestalt angenommen. In all seinem Reden und Verkündigen, in seinem ganzen Verhalten, Geschick, in seiner ganzen Person hat der Mensch Jesus gerade nicht als … „zweiter Gott“ gewirkt. Vielmehr hat er des einen Gotts Wort und Willen verkündet, manifestiert, geoffenbart. So könnte vielleicht auch in jüdischem Kontext die Aussage gewagt werden: Er, in dem sich nach den Zeugnissen Wort und Tat, Lehre und Leben, Sein und Handeln völlig decken, ist in menschlicher Gestalt Gottes „Wort“, Gottes „Wille“, Gottes „Bild“, Gottes „Sohn“. … „Wer mich sieht“, so nach dem Johannesevangelium, „sieht den Vater“ (Jo 14,9). (Credo, 87)

14. – 20. Januar 2024

14. – 20. Januar: Sein Reich komme: Jesus hat wie die ganze apokalyptische Generation das Reich Gottes, das Reich der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Freude und des Friedens, für die allernächste Zeit erwartet.  … Ob Jesus das Hereinbrechen des Reiches Gottes bei seinem Tod oder für unmittelbar nach seinem Tode erwartet hat, über solches lässt sich aufgrund der Quellen lange spekulieren, aber nichts Sicheres sagen. Dass Jesus das Reich Gottes für die unmittelbare Zukunft erwartet hat, ist eindeutig. … Nirgendwo meint bei Jesus das Wort Gottesreich (basileia) die dauernde Herrschaft über Israel und die Welt, vielmehr überall die zukünftige Herrschaft der Weltvollendung. (Christ sein 207)

21. – 27. Januar 2024

21. – 27. Januar: Allerdings ist mit dem Fortgang der Zeit schon im Neuen Testament ein Prozess der Entschärfung und Verlagerung der Aussagen unverkennbar. In der ältesten Überlieferungsgeschichte ist es „diese Generation“, in einer jüngeren Schicht sind es nur noch „einige“ der Hörer Jesu, die die Ankunft des Gottesreiches erleben werden. … Die letzte Phase dieser Verschiebung der Perspektiven haben wir in den späten Schriften des Neuen Testamentes vor uns. Insbesondere im Johannesevangelium, wo das Endgeschehen … auf das „schon jetzt“ hin verstanden wird: jetzt, beim Hören des Wortes, ergeht das Gericht, jetzt der Übergang vom Tod zum Leben. Andererseits im zweiten Petrusbrief …, wo die beunruhigende Verzögerung … mit einem Psalmwort erklärt wird: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. (Christ sein 207f.)

28. Januar – 3. Februar 2024

28. Januar – 3. Februar: Es geht um eine wirklich andere Dimension: die göttliche Dimension. Transzendenz – aber nicht mehr wie in der alten Physik und Metaphysik primär räumlich vorgestellt: Gott über oder außerhalb der Welt. Oder dann im Umschlag idealistisch oder existentialistisch verinnerlicht: Gott in uns. Sondern von Jesus her primär zeitlich verstanden: Gott vor uns. Gott nicht einfach als der zeitlose Ewige hinter dem einen gleichförmigen Fluss des Werdens und Vergehens von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, … sondern Gott als der Zukünftige, Kommende, Hoffnungstiftende, wie er aus den Zukunftsverheißungen Israels und Jesu selbst erkannt werden kann …
Gottes ist die Zukunft, das bedeutet: Wo immer der einzelne Mensch hinkommt, im Leben und Sterben, Er ist da. Wo immer die ganze Menschheit sich hinentwickelt, in Aufgang und Niedergang, Er ist da. Gott als die erste und letzte Wirklichkeit. (Christ sein 215)

Februar 2024

4. – 10. Februar 2024

4. – 10. Februar: So gibt es in jedes Menschen Lebens- und Leidensgeschichte merkwürdige Fakten, Zeichen, Ereignisse, Situationen, »Zufälle«, die Anlass zum Nachdenken, zur religiösen Besinnung sein können …

Die Erfahrung des Gestopptwerdens: Im Großen wie im Kleinen kann es geschehen, und es kann hart, bitter und auf längere Zeit schlafraubend werden … Was also tun: definitiv resignieren, aufgeben oder mich auflehnen …? Es als ein erneutes Zeichen für die Absurdität des Lebens betrachten?
Wie auch immer:
Dieses Gestopptwerden ist eine sehr fühlbare Aufforderung, nicht nur anzuhalten, sondern auch einzuhalten, in mich zu gehen. Ob dies nun eine Blockierung im Berufsleben oder eine unerwartete Krankheit oder das Auseinanderbrechen einer menschlichen Beziehung ist: All dies kann Anlass sein, sich auf die Tiefendimension seines Lebens zu besinnen, sich neu zu öffnen in vertrauendem Glauben. Tröstlich wird dann die Erfahrung sein, dass es selbst in diesem erzwungenen Anhalten einen Halt gibt, der in der Grundwirklichkeit unseres Lebens ruht, in der Wirklichkeit Gottes, unserem Lebensgrund, der uns auch in aussichtslosen Situationen neu Aussicht zu schaffen vermag. Aus diesem Vertrauen heraus können wir neue Kraft schöpfen und werden fähig sein, unser Leben neu zu sehen, neu Standpunkt zu beziehen, unseren Kurs zu korrigieren und eine Aufgabe neu zu ergreifen. (Was ich glaube 156)

 

11. – 17. Februar 2024

11. – 17. Februar: Die zweite solche Schlüsselerfahrung ist die Erfahrung des Getragenwerdens: Zurzeit geht mir alles leicht von der Hand, nicht nur die Arbeit, alles gelingt fast wie von selbst. Ob es am Wetter liegt oder am Horoskop oder am Biorhythmus? Jedenfalls komme ich voran, leiste etwas, bin guter Stimmung. Natürlich wird es nicht immer so weitergehen, wird es sich wieder ändern. Aber was kümmert mich das hier und heute: erfüllter Augenblick! Warum also Zeit verschwenden mit andern Gedanken, Gefühlen, Gestimmtheiten … Qui vivra verra.
Und doch stimmt hier etwas nicht! Nicht, dass hier jemand guter Stimmung wäre, die durch Moralin verdorben werden sollte. Nicht, dass hier jemand Erfolg spürte, der nachträglich schlechtgemacht werden soll. Sondern, dass sich dieses Erfolgsdenken, diese unbekümmerte Gestimmtheit nicht selten mit Gleichgültigkeit, Selbstüberschätzung und Oberflächlichkeit paart. Der Blick für die Tiefendimension unseres Lebens fehlt. Das Wissen darum, dass Denken mit Danken zu tun hat. Denn wer auch nur einen Moment nachdenkt, ahnt, dass das Gelingen, dass Erfolg und Glück nicht nur an unserer Arbeit liegen; dass wir zwar viel geleistet, aber noch mehr empfangen haben; dass uns das Glück zufiel, vielleicht nicht unverhofft, aber doch, wenn wir ehrlich sind, oft unverdient!  (Was ich glaube 157 f.)

18. – 24. Februar 2024

18. – 24. Februar: Es besteht also für mich stets Grund zur Dankbarkeit, nicht nur den Menschen, sondern einer anderen Instanz gegenüber, die mein Leben trotz allen Widersinns sinnvoll sein lässt. Die den Ur-Grund darstellt für ein erneutes, erneuertes Vertrauen auf die Fügung und Führung in meinem Lebenswerk, die Verdanktheit unserer Existenz. Grund zur Freude, dass ich bei allem Getriebenwerden doch verborgen geleitet und getragen bin. Und was für mich gilt, gilt sicher auch für ungezählte andere. (Was ich glaube 158)

 

25. Februar – 2. März 2024

25. Februar – 2. März: In summa: Wer in einem vernünftigen Vertrauen ja sagt zu einem Urgrund und Ursinn, zu Gott, weiß nicht nur, dass, sondern warum er letztlich dem Leben trauen kann. Das Ja zu Gott bedeutet somit ein letztlich begründetes und konsequentes Lebensvertrauen: ein in der letzten Tiefe, im Grund der Gründe verankertes und auf das Ziel der Ziele gerichtetes Urvertrauen. Gott als Name für den tragenden Sinn-Grund des Ganzen, wie im eingangs zitierten Tagebucheintrag Ludwig Wittgensteins vermerkt [: Den Sinn des Lebens, d.i. der Sinn der Welt, können wir Gott nennen]. Bei aller Ungesichertheit des Lebens wird mir so eine radikale Gewissheit und Geborgenheit geschenkt. (Was ich glaube 158)

März 2024

3. – 9. März 2024

3. – 9. März: Gerne lässt sich Küng für seine eigenen Gedanken von großen Dichtern und Denkern inspirieren, hier von Blaise Pascal: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (Pensées, Ausgabe Léon Brunschvicq, Fragment (FR) 206), notiert Pascal. Was ist denn angesichts dieser Unendlichkeit des Raumes der Mensch? Vor dem All ist er ein Nichts! Aber doch auch umgekehrt: Was ist angesichts des Mikrokosmos, der Unendlichkeit im Kleinen, der Mensch? Vor dem Nichts ist der Mensch ein All! Dies macht die Disproportion, das grundlegende Missverhältnis, macht Elend und Größe des Menschen aus … Dass aber der Mensch um diese seine problematische, hochgefährdete Zwitterstellung weiß, das macht seine Würde aus: „Wenn das All ihn vernichtete, wäre der Mensch doch noch edler als was ihn tötet, da er weiß, dass er stirbt und die Übermacht des Alls kennt; das All aber weiß davon nichts“ – Pensées, Ausgabe Léon Brunschvicq, Fragment (FR) 347. (Dichtung u. Religion, 18f.)

10. - 16. März 2024

10. – 16. März: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich“ (FR 206), notiert Pascal. Was ist denn angesichts dieser Unendlichkeit des Raumes der Mensch? Vor dem All ist er ein Nichts! Aber doch auch umgekehrt: Was ist angesichts des Mikrokosmos, der Unendlichkeit im Kleinen, der Mensch? Vor dem Nichts ist der Mensch ein All! Dies macht die Disproportion, das grundlegende Missverhältnis, macht Elend und Größe des Menschen aus … Dass aber der Mensch um diese seine problematische, hochgefährdete Zwitterstellung weiß, das macht seine Würde aus: „Wenn das All ihn vernichtete, wäre der Mensch doch noch edler als was ihn tötet, da er weiß, dass er stirbt und die Übermacht des Alls kennt; das All aber weiß davon nichts“ (FR 347).

17. - 23. März 2024

17. – 23. März: Gerne lässt sich Küng für seine eigenen Gedanken von großen Dichtern und Denkern inspirieren, hier von Blaise Pascal: Gegen die Indizierung seiner Flugschriften hat Pascal, auf einem Notizzettel notiert, an ein höheres Gericht appelliert: „Wenn meine Briefe in Rom verdammt werden, so ist doch das, was ich in ihnen verdamme, im Himmel verdammt! Ad tuum, Domine Jesu, tribunal appello. An dein Gericht, Herr Jesus, appelliere ich! … Pascal stirbt ohne Widerruf in der Überzeugung, ein treuer Katholik zu sein. … „Möge Gott mich nie verlassen“, sind seine letzten Worte. (Dichtung u. Religion, 24)

24. – 30. März 2024

24. – 30. März: Jesus hat das menschliche Leid nicht erklärt, sondern als der vor Gott Schuldlose durchlitten, durchlitten freilich – anders als Hiob – bis zum bitteren Ende. Seine Geschichte war anders: kein „happy end“, keine Wiedergutmachung in einem schönen Leben. Sein Leid war anders: die Quittung auf sein Leben, und definitiv bis in sein Sterben. Von Jesu definitiver Passion, seinem Leiden und Sterben her, könnte die Passion eines jeden Menschen, die Menschheitspassion überhaupt, einen Sinn erhalten, den die schlicht zum unbedingten Glauben und Vertrauen aufrufende Hioberzählung nicht vermitteln kann. (Christ sein 422)

31. März – 6. April 2024

31. März – 6. April 2024: Die Auferweckung Jesu ist der Anfang der allgemeinen Totenerweckung, der Beginn der neuen Zeit, der Anfang vom Ende dieser Zeit. Die Christen sagen also nicht nur: Weil es eine allgemeine Totenerweckung gibt, muss gerade dieser Eine auferweckt sein. Sondern zugleich mit Paulus: Weil dieser Eine auferweckt worden ist, gibt es auch eine allgemeine Totenerweckung. Wie dieser Eine lebt und von Gott her eine solche einzigartige Bedeutung für alle hat, werden alle leben, die sich vertrauend auf ihn einlassen. (Christ sein 346f.)

Acht Jahre später hat Küng, jetzt interreligiös belehrt, den Blick über die Grenzen des Christsein hinaus erweitert. Er geht über den Satz »Die Auferweckung Jesu ist der Anfang der allgemeinen Totenerweckung …« hinaus, indem er im Jahr 1982 schreibt:

Der Auferweckungsglaube ist kein Zusatz zum Gottesglauben; er ist geradezu die Radikalisierung des Gottesglaubens, die Nagelprobe, die der Gottesglaube zu bestehen hat. Warum? Weil ich mit einem unbedingten Vertrauen nicht auf halbem Weg anhalte, sondern ihn konsequent zu Ende gehe. Weil ich diesem Gott alles, eben auch das Allerletzte, den Sieg über den Tod, zutraue. Weil ich vernünftigerweise darauf vertraue, dass der allmächtige Schöpfer, der aus dem Nichtsein ins Sein ruft, auch aus dem Tod ins Leben zu rufen vermag. (Ewiges Leben? 149)

April 2024

7.- 13. April 2024: Die Zeit

7.-13.4.: DIE ZEIT: Herr Küng, warum sind Sie immer noch Mitglied Ihrer Kirche?
Hans Küng: Weil ich in der katholischen Kirche tief verwurzelt bin. Ich bin Mitglied nicht wegen der Römischen Kurie, sondern trotz der Kurie. Für mich ist die Kirche eine 2000 Jahre alte weltweite Glaubensgemeinschaft, deren Geschichte ich mein Leben lang erforschen und deren Mitglieder ich auf vielen Reisen kennenlernen durfte. Gerade jetzt in der Kirchenkrise bekomme ich aus aller Welt anrührende Briefe von Katholiken. Die einen, verzweifelt, sagen: Ich kann bei dieser Kirche nicht mehr mitmachen. Die anderen wollen bleiben, um etwas zu verändern, sie sagen: Solange Sie da sind, bleibe ich auch da. Ich würde viele Menschen zutiefst enttäuschen, wenn ich austräte.
DIE ZEIT: Warum sind Sie nie zum Protestantismus konvertiert?
Küng: Ich teile viele Anliegen der evangelischen Kirche, aber fühle mich dort nicht zu Hause. Vor allem hätte ich mich selbst entwaffnet. Da hätten meine Gegner gesagt: Den können wir abschreiben, der gehört nicht mehr zu uns. Und ich hätte mir eine Menge neuer Probleme mit den Protestanten aufgeladen.

 

4. – 20.4. 2024: Die Zeit

4. – 20.4: DIE ZEIT: Wo gehen Sie zur Kirche?
Küng: Die Liturgie feiere ich gerne mit meiner Schweizer Heimatgemeinde in Sursee. Ich habe dort keine amtliche Verantwortung, aber schon wegen des Priestermangels fühle ich mich verpflichtet, der Eucharistiefeier vorzustehen. Über Jahrhunderte hatte Sursee immer vier ordinierte Geistliche – jetzt nur noch zwei Pensionäre. Zwar gibt es als Gemeindeleiter den „Ersatzpfarrer“ Markus Heil, der die Menschen begeistert, aber er darf nur Diakon sein. Und warum? Weil er verheiratet ist! Der Priesternotstand erzeugt Frust gerade bei aktiven Gemeindemitgliedern. Der zölibatäre Klerus ist zum Aussterben verurteilt. Aber das scheint den Vatikan nicht zu kümmern. Durch seine Restaurationspolitik trocknet er weiter unsere Gemeinden aus.

21. – 27. April 2024: Die Zeit

21. – 27. April: DIE ZEIT: Zornige Katholiken an der Kirchenbasis rufen jetzt: Jesus hat das Evangelium gepredigt und nicht die Kirche! Würden Sie diesen Satz unterschreiben?
Küng: Der Satz ist im Prinzip richtig, denn Jesus hat keine Kirche im institutionellen Sinn gegründet, sondern eine Jesus-Bewegung ausgelöst, die nach seinem Tod weiterging. Jesus benutzte das Wort Kirche kaum. Er verkündete das Reich Gottes: „Vater unser, Dein Reich komme.“
DIE ZEIT: Sie könnten auch gelassen sein und sagen: Das Reich Gottes kann durch keine Kirche ruiniert werden. In der Geschichte gab es immer wieder Punkte, wo Kirche sich verhärtete.
Küng: Ja, Richtungskämpfe gab es immer. Das beginnt schon mit dem Streit zwischen den beiden Hauptaposteln Petrus und Paulus, die das Evangelium in einer hellenistisch geprägten Welt verkünden mussten. Ein zweiter Paradigmenwechsel war fällig mit der Völkerwanderung, als das Evangelium zu den Germanen kam. Dann trat Martin Luther auf und forderte von einer dekadenten Kirche die Rückkehr zum Evangelium. Wegen des Widerstandes der Römischen Kurie kam es zur Kirchenspaltung. Die Tragik der katholischen Kirche besteht darin, dass sie bis heute eine mittelalterliche Struktur bewahrt hat.

28. April – 4. Mai 2024: Die Zeit

Wagt endlich Reformen! Sonst schafft die katholische Kirche sich selbst ab.
Unter dieser Überschrift veröffentlichte DIE ZEIT am 26. Mai 2011 dieses Interview mit Professor Küng. Die Redakteure Thomas Assheuer und Evelyn Finger fragten u.a.

28. April – 4. Mai: DIE ZEIT: Konservative Katholiken fürchten, wenn sie alte Regeln und tradierte Formen preisgäben, bräche die Kirche auseinander.
Küng: Diese Sorge ist verständlich, aber unbegründet. Eine lebendige Tradition lebt von Veränderung. Auch ich schätze Traditionen, bin aber kein Traditionalist, weil das Alte kein Wert an sich ist. Hinter imposanten Liturgien für die Massen verbirgt sich allzu oft ein verflachtes Traditionschristentum. Hinter der „heiligen römischen Kirche“ steht ein höchst weltlich operierender Finanz- und Machtapparat. Und im dogmatischen Lehrgebäude steckt viel unbiblische Schultheologie, die die Menschen heute nicht mehr erreicht.
DIE ZEIT: Was finden Sie erhaltenswert an Kirche?
Küng: Das Bleibende ist natürlich die Wahrheit. Um nichts Geringeres geht es. Aber Tradition ist kein Wahrheitskriterium, und Christentum erweist sich nicht an äußeren Formen. Christentum ist gelebte Gemeinschaft des Glaubens, des Hoffens und der Liebe in Christi Nachfolge.

Mai 2024

5. – 11. Mai 2024

5. – 11. Mai: Für Christen ist Jesus, der da gekommen ist, nicht nur ein Verkünder, sondern in Wort und Tat zugleich der Bürge des Reiches Gottes. Für Christen ist er der Messias, der Christus – der entscheidende Grund, warum dann auch schon die Juden, die Jesus damals folgten, auf griechisch „Christen“ genannt werden konnten. (Credo 161f.)

12. – 18. Mai 2024

12. – 18. Mai: Darf man deshalb die Auferweckung Jesu christlicherseits triumphalistisch als Sieg über das Judentum verstehen? Dies ist leider, leider oft geschehen. … Zwar gehört die Auferweckung zur unaufgebbaren Grundsubstanz des christlichen Glaubens, sie darf aber nicht antijüdisch-fundamentalistisch missverstanden werden. Paulus selber erinnert alle christlichen Triumphalisten in Korinth daran, dass der Auferweckte der Gekreuzigte ist und bleibt und von daher kein Mensch einen Grund zum Triumphieren und Prahlen habe. … Der auferweckte Herr ist Einladung zu einer großen Entscheidung gegen den Tod für das Leben, die jeder Mensch auf seine Weise zu treffen hat. (Credo 162)

19. – 25. Mai 2024

19. – 25. Mai: Hans Küng nimmt im folgenden Bezug auf das Pfingstbild von El Greco das heute im Prado hängt.
Der Heilige Geist ist die von Gott ausgehende lebendige Kraft und Macht, also jene sichtbare unsichtbare Gotteskraft und Gottesmacht, welche schöpferisch und auch zerstörerisch wirkt, zum Leben oder zum Gericht, die in der Schöpfung genauso wirkt wie in der Geschichte, in Israel wie später auch in den christlichen Gemeinden. Mächtig oder leise kann diese Macht … die Menschen überkommen, kann Einzelne oder auch Gruppen, wie eben die auf El Grecos Bild, in Ekstase versetzen. (Credo 166)

26. Mai – 1. Juni 2024

26. Mai – 1. Juni:  Auf keinen Fall darf der Heilige Geist als ein Drittes, als Ding zwischen Gott und den Menschen, verstanden werden. Nein, mit Geist ist die persönliche Nähe Gottes selber zu den Menschen gemeint, so wenig abzutrennen von Gott wie der Sonnenstrahl von der Sonne. Fragt man also, wie denn der unsichtbare, unbegreifbare Gott den glaubenden Menschen … nah, gegenwärtig ist, dann lautet die Antwort des Neuen Testaments übereinstimmend: Gott ist uns Menschen nahe im Geist, durch den Geist, ja als Geist. Und fragt man, wie denn der zu Gott aufgenommene und erhöhte Jesus Christus den glaubenden Menschen  und der Glaubensgemeinschaft nahe sei, dann lautet die Antwort nach Paulus: Jesus ist zu einem „lebendigmachenden Geist“ (1. Kor 15,45) geworden. (Credo 167f)

Juni 2024

2. - 8. Juni 2024

2. – 8. Juni 2024: Nicht nur im Gespräch mit Muslimen kann man hören: Gott hat von Ewigkeit festgelegt, wie das Leben eines Menschen verläuft.In seinem 1978 erschienen Buch Existiert Gott? geht Professor Küng dieser Frage nach und gibt Antworten. Ob diese Antworten heute noch tragen, beurteilen unsere geneigten Leser. Wir laden zum Dialog ein.
Kann ich eine Vorsehung feststellen? Es gibt zum Verständnis keine denkwürdigere Geschichte als die Geschichte des Mose. Nach der Sinai–Offenbarung – inmitten aller Schwierigkeiten, Kämpfe, Zweifel – wollte er, um sich in seiner Not Gewissheit zu verschaffen, Gott endlich einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, obwohl Gott ihm zugesagt hatte, er würde ihm auf seinem Weg vorausgehen. Aber er erhielt zur Antwort: »Du kannst mein Angesicht nicht schauen; denn kein Mensch bleibt am Leben, der mich schaut.«Doch Mose darf in einer schmalen Felsenkluft stehen, und Gott hält im Vorübergehen seine Hand über ihn, so dass Mose ihn nicht sehen kann. Erst als Gott vorüber gegangen ist, zieht er seine Hand weg. Mose darf ihm nachschauen: er hat Gott nur »a tergo«, vom Rücken her gesehen. (Existiert Gott?, 714)

 

 

9. – 15. Juni 2024

9. – 15. Juni 2024: Ist es nicht auch für uns zutiefst menschlich: ich möchte doch sehen, auf wen ich mich einlasse, meine Hoffnung setzen soll? Ich möchte doch mein Leben als geordnet, planvoll, gefügt erkennen können und nicht als wirr, planlos, chaotisch; möchte die Vorderseite des Teppichs sehen mit ihren wohlgeformten Mustern und Strukturen und nicht die Rückseite mit ihrem Gewirr aus Fäden und Knoten.
Ich sehne mich danach, dass mir Vorsehung in der Welt– und Menschheitsgeschichte widerfährt, dränge ungeduldig darauf, dass ich meiner Berufung und auch meines weiteren Weges sicher werden kann, möchte nicht lockerlassen, bis ich in allen Windungen meines Schicksals seine Führung erkenne, nicht auf bloße Zusagen hin handle, sondern ihm ins Angesicht sehe, um genau zu wissen, woran ich mit ihm bin… (Existiert Gott?, 714f.)

16. – 22. Juni 2024

16. – 22. Juni 2024: Aber wie für Mose, so gilt auch für uns: immer erst im Nachhinein kann ich erkennen und glauben, verstehen: so schwierig es oft war, so war es doch gut. Glauben kann ich in meinem Leben bei Krümmungen und Brüchen eine Fügung, vielleicht sogar eine Führung erkennen. Da brauche ich nichts hineinzuprojizieren, ich darf es, zumindest an einigen wichtigen Punkten und Linien glaubend herauslesen. So kann ich erst hinterher sehen, was vorher der tiefere Sinn war. (Existiert Gott?, 715)

 

23. – 29. Juni 2024

23. – 29. Juni: Nein, ich erkenne Gott nicht von vorne, ich brauche ihn gar nicht von vorn zu erkennen. Ich verlasse mich auf seine Zusage und erwarte keine spektakulären Demonstrationen. Zu groß ist er, als dass ich ihm solches zumuten könnte. Deus semper maior – er ist der immer größere Gott, der immer größer ist als unsere Vorstellungen von ihm und unsere Wünsche an ihn. Ein Schauen ist uns in dieser Zeit nicht gegeben, wohl aber für künftige versprochen (Existiert Gott?, 715)
Und so wird es bleiben in unserem Erdenleben. Wir können Gottes Macht und Herrlichkeit und seine »Vorsehung«immer erst im Nachhinein erkennen. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann kann ich im Nachhinein, im »Nach-Sehen« erkennen, dass und wo ich besonders gehalten und geführt war. Das muss mir genügen, und es genügt mir auch. (Was ich glaube, 201)

 

30.6. - 6. Juli 2024

30.6. bis 6. Juli 2024: Was ist der Religion geschehen in der Moderne? Was ist der Moderne geschehen durch Religion? So fragen wir nachmoderne, unsicher gewordene Erben der Aufklärung. Wie konnte es soweit kommen mit der Religion? Sie, die Königin von einst, jetzt aber die Magd, die minderberechtigte Beisassin; in Wissenschaft und Gesellschaft bettelnd um Duldung und Gehör: vernachlässigt zuerst, dann ignoriert, schließlich verachtet, verflucht und verfolgt. Ja, so fragen wir, zweifelnd zwischen banaler Irreligiosität und neoromantisch erweckter Religiosität, schwankend in allem zwischen Entmythologisierung und Remythologisierung. Ist vielleicht etwas schiefgelaufen in dieser Geschichte der Neuzeit, die sich selbstbewusst mit dem Menschheitsfortschritt gleichsetzte. Mit dem Fortschritt, den man schließlich zum Allerhöchsten hypostasierte, dem man drei lange Jahrhunderte das „Großer Gott, wir loben dich“ sang, in Worten und vor allem in Werken? (Dichtung und Religion, 10)

Juli 2024

7. – 13. Juli 2024

7. – 13. Juli 2024: In der Tat: jetzt erst, [im 17. Jahrhundert], beruft man sich ganz und gar zentral und nicht nur am Rande auf die autonome Vernunft, mit der der Mensch sogar den Verlust seiner Zentralstellung im All kompensieren kann. In dieser Verlust- und Gewinnerfahrung gründen nach Pascal des Menschen Schwäche und Macht zugleich: „Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, aber er ist ein denkendes Schilfrohr (Fr 347). …
Und doch tendiert Pascal nicht wie Descartes auf ein universales System. Denn Pascal zufolge gibt es nicht nur die diskursive Vernunft, sondern auch das intuitive Erkennen! Nicht nur die langsame analytisch-synthetische Konstruktion des Verstandes, sondern auch das einfache, rasche Erfühlen! Gefühlsbetonte Menschen bedürften mehr des „raisonnement“, rationale aber auch des „sentiment“ (Dichtung und Religion, 16)

14. – 20. Juli 2024

14. – 20. Juli 2024: Ob es der durch Wissenschaft, Technologie und Industrie beschleunigt rationalisierten Moderne nicht vor allem an dem gefehlt hat, was Pascal umfassend „le cœur“, „das Herz“ nennt? „Wir erkennen die Wahrheit nicht mit der Vernunft allein, sondern auch mit dem Herzen“ (Fr282). Sentimentalität, Rührseligkeit, Gefühlsduselei? Nein, Herz bezeichnet nicht das Irrational-Emotionale im Gegensatz zum Rational-Logischen, sondern jene geistige Personmitte des Menschen, für die das körperliche Organ nur Symbol ist: sein innerstes Wirkzentrum, den Ausgangspunkt seiner dynamisch-personalen Beziehung zum Anderen, das exakte Organ menschlicher Ganzheitserfassung. Herz meint zwar den menschlichen Geist, aber nicht insofern dieser rein theoretisch denkt und schlussfolgert, sondern insofern er spontan präsent ist, intuitiv erspürt, existentiell erkennt und ganzhaft wertet, ja, insofern er im weitesten Sinn liebender (oder aber hassender) Geist ist. Wer versteht von daher nicht Pascals berühmtestes, aber kaum gut zu übersetzendes Wortspiel: Das Herz hat seine (Vernunft-)Gründe, die die Vernunft nicht kennt; man erfährt das in tausend Dingen (FR 277) Ja, es gibt eine Logik des Herzens, und das Herz hat seine eigene Vernunft! (Dichtung und Religion, 16f)

21. – 27. Juli 2024

21. – 27. Juli 2024: Anders als Descartes kann Pascal, der die Ambivalenz menschlicher Vernunft durchschaut hat, seine Gewissheit nicht auf ein „Ich denke, also bin ich“ gründen, sondern – konsequent – auf ein „Ich glaube, also bin ich“. Und nicht die Vision einer mathematisch orientierten Universalwissenschaft, wie sie Descartes in einer Novembernacht in Ulm an der Donau hat, bestimmt diesen Mann, sondern ein religiöses Grenzerlebnis, eine „Konversion“, einer „Vision“ ähnlich der des Mose vor dem brennenden Dornbusch. Nur zufällig hat bekanntlich ein Diener nach Pascals Tod das immer wieder neu in seinen Rock eingenähte Erinnerungsblatt („mémorial“), ebenfalls aus einer Novembernacht und nach einer langen Vorgeschichte, gefunden, das mit dem groß geschriebenen Wort „Feu“, „Feuer“ beginnt, und von einer Erfahrung der Gewissheit, des Sentiment, der überwältigenden Freude und eines alle Verlassenheit überwindenden Friedens berichtet. Sie hatte Pascal nicht beim abstrakten „Gott der Philosophen und Gelehrten“, sondern beim lebendigen „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott Jesu Christi erfahren. Eine „mystische“ Erfahrung im eigentlichen Sinn der Einheitserfahrung ist das nicht, wohl aber die intensiv-innige Erfahrung des göttlichen Gegenüber im Geist der Väter und Propheten Israels.

Für Pascal ist damit ein letzter Grund der Gewissheit gefunden, an dem nun nicht mehr gezweifelt werden, auf dem man alle Gewissheit aufbauen könne: nicht das eigene Selbstbewusstsein des denkenden Menschen, nicht ein Begriff, irgendeine Idee von Gott, sondern der wirklich, lebendige Gott der Bibel, der zwar immer gegenwärtig, aber äußerlich abwesend ist: der verborgene Gott, der sich nur dem Glaubenden offenbart. Eine Urgewissheit also nicht aus dem Denken, sondern aus dem Glauben. Und das ist für ihn der Glaube: „Gott spürbar dem Herzen und nicht der Vernunft“ (Fr 269). Dichtung und Religion, 20f

28. Juli – 3. August 2024

28. Juli – 3. August: Ein drei­faches Plus der Religion ist für mich wichtig:
–  Mehr als die Philosophie, die mit ihren Ideen und Lehren zumeist eine intellek­tuelle Elite anspricht, vermag die Religion auch breite Bevölkerungs­schich­ten zu prägen und zu motivieren.
–  Zweitens spricht sie die Menschen nicht nur rational, sondern auch emotional an, nicht nur mit Ideen, Begriffen und Worten, sondern auch mit Symbolen und Riten, Erzählungen, Gebeten und Festen und erbringt so einen »Mehrwert« an Ganzheitlichkeit.
–  Und drittens gründet die Religion nicht nur auf aktuellen Einsichten, herrschenden Meinungen und Zeitströ­mungen, sondern auf uralten heili­gen Schriften und Über­lieferungen, die aufgrund von religiösen Erfahrungen normative Richt­linien für menschliches Ver­halten bieten, welche die Moralität der Menschen oft seit Jahrtau­sen­den prägen. Ihre Tradi­tionen stützen so die Generationenkontinuität. Die Sprüche des Konfuzius für die Chinesen, die Bhagavadgita für die Hindus, die Tora für die Juden, das Neue Testament für die Christen, der Koran für die Muslime: sie bieten bleibendes, unverändert tradiertes, wenn auch immer wieder neu interpre­tiertes, inspirierendes und motivierendes religiöses Informations- und Orientie­rungs­wissen. (Was ich glaube, 138f.)

Wiederholt spiegelte Hans Küng seine Gedanken im großen Denker der beginnenden Moderne, Blaise Pascal (1623-1662), der wie kein Zweiter Küngs spirituelle Erkundungswege prägte.

August 2024

4. – 10. August 2024

25. – 31. August: Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis 1979 musste Professor Küng erleben, dass enge Freunde sich von ihm distanzierten. Dazu gehörte auch Otto Wüst, den er von Jugend an kannte und mit dem er sieben Jahre lang zusammen in Rom studiert hatte. Dieser Otto Wüst hat als Weihbischof der Diözese Basel die Verurteilung durch die Schweizer Bischöfe mit seiner Unterschrift besiegelt. Das hat Küng sehr geschmerzt. Im Januar 1980 vermittelte Pfarrer Franz-Xaver Kaufmann, indem er um ein Gespräch mit Otto Wüst in Tübingen bat…
Professor Küng schreibt in seinen Erinnerungen:
Selbstverständlich sage ich ja. Otto bittet mich um Verzeihung und versucht, seinen Verrat an unserer Freundschaft zu erklären. Aber ich kann solche Erklärungen nie lange anhören, sie überzeugen mich nicht und sind mir ausgesprochen peinlich. Rasch sage ich: »Schon gut, Otto! Es ist wieder alles in Ordnung.«
Vergeben besteht ja nicht im psychologischen Verstehen, das mir im Fall eines sich systemkonform verhaltenden Bischofs selbstverständlich nicht fehlt. Vergeben besteht auch nicht im Vergessen, vergessen kann man so etwas nie und nimmer. Sondern Vergeben besteht, gut biblisch, im »Nicht-Anrechnen der Schuld«: also Strich darunter, es ist wieder alles gut. Wir sind wieder gute Freunde, ja, wir bleiben es bis in seine letzte Lebensphase. (Umstrittene Wahrheit, 649)

18. – 24. August: Nach einem erfolglosen Streitgespräch im Jahr 1952 mit dem Rektor des Germanicum um die schlechte soziale Situation der italienischen Angestellten:
„In Ungnade werden wir nach vielleicht einer Stunde entlassen. Ich hatte gefochten und bis zum Ende, schließlich allein, standgehalten. Aber auf meinem Zimmer angekommen und allein, bin ich mit meinen Kräften am Ende. Ich lege mich im Talar aufs Bett und weine mich aus, ich weiß nicht wie lange. Nach dem großen Streit um Gehorsam und Kollegsdisziplin und dann dem noch größeren um Theologie und Wahrheit nun auch noch diesen heftigsten um Gerechtigkeit und Fairness. Dies also war mein siebtes römisches Jahr, das ich so ruhig wie möglich verleben wollte? Ich bin erschöpft, ausgelaugt, total frustriert.
Ich schäme mich meiner Tränen nicht, und vernehme es erst fast fünf Jahrzehnte später, wie fast zur gleichen Zeit ein anderer Theologe sich in noch erheblich schlimmerer Weise vereinsamt und frustriert fühlte, kein geringerer als Yves Congar. (Erkämpfe Freiheit, 156)

11. – 17. August: Schließlich vermag Religion durch die überlieferten Erfahrungen und Erzählun­gen, Symbole, Rituale und Feste eine geistige Heimat und Gemeinschaft zu stiften, ein Zuhause des Vertrauens, des Glaubens, der Gewissheit. Religiöse Praxis, individuelle wie das Gebet, oder gemeinschaftliche wie der Gottesdienst vermögen Ich-Stärke, Geborgenheit und Hoffnung zu vermitteln. Daraus kann nicht nur ein Zusammenge­hö­rig­keits­gefühl hervorgehen, sondern auch Protest und Widerstand gegen beste­hende Un­rechts­­verhält­nisse. Womit die Vertreter der waffenstarrenden kommunistischen Diktatur 1989 nicht gerechnet hatten: eine gewaltlose Revolution mit Kerzen! In diesem Sinn ist Religion Aus­druck einer unstill­baren Sehn­sucht nach einer besseren Welt, ja nach dem »ganz Anderen«. (Was ich glaube, 140)

4. – 10. August  2024: Doch darüber hinaus vermag Religion das Woher und Wohin unseres Daseins zu deuten: wie ich mit Leid, Krankheit und Schicksalsschlägen, wie ich mit Ungerechtigkeit, Schuld und Sinnlosigkeit fertig werden und wie ich einen letzten Lebenssinn auch angesichts des Todes finden kann. Gerade der bereits erwähnte ideolo­giekritische Philo­soph Jürgen Habermas hebt hervor, dass reli­giöse Über­zeugungen in unserer heutigen säkularen Gesellschaft Selbster­kenntnis und Trost für ein verfehltes oder ein erlöstes Leben schenken können. (Was ich glaube, 139)

11. – 17. August 2024

11. – 17. August: Schließlich vermag Religion durch die überlieferten Erfahrungen und Erzählun­gen, Symbole, Rituale und Feste eine geistige Heimat und Gemeinschaft zu stiften, ein Zuhause des Vertrauens, des Glaubens, der Gewissheit. Religiöse Praxis, individuelle wie das Gebet, oder gemeinschaftliche wie der Gottesdienst vermögen Ich-Stärke, Geborgenheit und Hoffnung zu vermitteln. Daraus kann nicht nur ein Zusammenge­hö­rig­keits­gefühl hervorgehen, sondern auch Protest und Widerstand gegen beste­hende Un­rechts­­verhält­nisse. Womit die Vertreter der waffenstarrenden kommunistischen Diktatur 1989 nicht gerechnet hatten: eine gewaltlose Revolution mit Kerzen! In diesem Sinn ist Religion Aus­druck einer unstill­baren Sehn­sucht nach einer besseren Welt, ja nach dem »ganz Anderen«. (Was ich glaube, 140)

18. – 24. August 2024

18. – 24. August: Nach einem erfolglosen Streitgespräch im Jahr 1952 mit dem Rektor des Germanicum um die schlechte soziale Situation der italienischen Angestellten:
„In Ungnade werden wir nach vielleicht einer Stunde entlassen. Ich hatte gefochten und bis zum Ende, schließlich allein, standgehalten. Aber auf meinem Zimmer angekommen und allein, bin ich mit meinen Kräften am Ende. Ich lege mich im Talar aufs Bett und weine mich aus, ich weiß nicht wie lange. Nach dem großen Streit um Gehorsam und Kollegsdisziplin und dann dem noch größeren um Theologie und Wahrheit nun auch noch diesen heftigsten um Gerechtigkeit und Fairness. Dies also war mein siebtes römisches Jahr, das ich so ruhig wie möglich verleben wollte? Ich bin erschöpft, ausgelaugt, total frustriert.
Ich schäme mich meiner Tränen nicht, und vernehme es erst fast fünf Jahrzehnte später, wie fast zur gleichen Zeit ein anderer Theologe sich in noch erheblich schlimmerer Weise vereinsamt und frustriert fühlte, kein geringerer als Yves Congar. (Erkämpfe Freiheit, 156)

25. – 31. August 2024

25. – 31. August: Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis 1979 musste Professor Küng erleben, dass enge Freunde sich von ihm distanzierten. Dazu gehörte auch Otto Wüst, den er von Jugend an kannte und mit dem er sieben Jahre lang zusammen in Rom studiert hatte. Dieser Otto Wüst hat als Weihbischof der Diözese Basel die Verurteilung durch die Schweizer Bischöfe mit seiner Unterschrift besiegelt. Das hat Küng sehr geschmerzt. Im Januar 1980 vermittelte Pfarrer Franz-Xaver Kaufmann, indem er um ein Gespräch mit Otto Wüst in Tübingen bat…
Professor Küng schreibt in seinen Erinnerungen:
Selbstverständlich sage ich ja. Otto bittet mich um Verzeihung und versucht, seinen Verrat an unserer Freundschaft zu erklären. Aber ich kann solche Erklärungen nie lange anhören, sie überzeugen mich nicht und sind mir ausgesprochen peinlich. Rasch sage ich: »Schon gut, Otto! Es ist wieder alles in Ordnung.«
Vergeben besteht ja nicht im psychologischen Verstehen, das mir im Fall eines sich systemkonform verhaltenden Bischofs selbstverständlich nicht fehlt. Vergeben besteht auch nicht im Vergessen, vergessen kann man so etwas nie und nimmer. Sondern Vergeben besteht, gut biblisch, im »Nicht-Anrechnen der Schuld«: also Strich darunter, es ist wieder alles gut. Wir sind wieder gute Freunde, ja, wir bleiben es bis in seine letzte Lebensphase. (Umstrittene Wahrheit, 649)

September 2024

1. – 7. September 2024

1. – 7. September: Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Aber ich bin dankbar, dass es so und nicht anders kam. Dankbar den vielen sehr verschiedenen Menschen, die mich durch die bisweilen stürmischen sieben Jahrzehnte begleitet, gestützt, gestärkt haben. Dankbar gleichzeitig jener verborgen haltenden Macht, deren gnädige Fügung ich in meinem Leben selbst in bitteren Zeiten im Nachhinein meine erkennen zu können. Dankbarkeit also ist die Grundstimmung, in der ich mich an diesen Lebensbericht mache. (Erkämpfte Freiheit 13)

8. – 14. September 2024

8. – 14. September: Freiheit ist für mich nicht etwas nachträglich in meinem Leben Entdecktes, und es ist nicht wie für manche andere die „Suche“ nach Freiheit, die mein Leben prägt, sondern es ist die Bewahrung und Bewährung der Freiheit. Und so in diesem Sinn immer wieder eine neu „erkämpfte Freiheit“. (Erkämpfte Freiheit 24)

15. – 21. September 2024

15. – 21. September: Zu meinem schweizerischen Wesen gehört nun einmal eine fast instinktive Abneigung gegen alle Diktatur in Staat, Kirche und Gesellschaft, gegen allen staatlichen Totalitarismus und kirchlichen Integralismus. Eine Widerständigkeit gegen die Anbetung auch kirchlicher Führer und die Vergötzung von Institutionen, ob Partei oder Kirche. Und ein Engagement, wenn es sein muss gegen rechts oder links, für Demokratie, Föderalismus, Toleranz und die Freiheit und Würde der einzelnen Menschen und der kleineren Gemeinschaften. Und von daher ein Gefühl für Verantwortung – mit Realitätsbeug, Bodenhaftung und Gemeinsinn. (Erkämpfte Freiheit 33)

22. – 28. September 2024

22. – 28. September: Wofür leben? „Ad maioren Dei gloriam“, „zur größeren Ehre Gottes“: AMDG habe ich in meiner Agenda immer wieder über den Jahresanfang geschrieben. Zur Erinnerung, was der Sinn des Menschenlebens ist: nicht nur für sich zu leben, sondern für seinen Schöpfer und Vollender, Ursprung und Ziel. Gott allein ist das Absolute, alles andere auf Erden relativ. Ihm und nicht einfach sich selbst zur Ehre zu leben: sich nicht in sich verkrampfen, sondern, der eigenen Geschöpflichkeit, Gebrechlichkeit und Sündhaftigkeit bewusst, seinen Weg gehen. (Erkämpfe Freiheit, 94)

29. September – 5. Oktober 2024

Professor Küng sah eine seiner Lebensaufgaben darin, die Religionen der Welt nicht nur am Schreibtisch, sondern auch in der persönlichen Begegnung vor Ort kennen zu lernen. Eine besondere Erfahrung durfte er im Januar 1982 bei einem christlich-buddhistischen Kolloquium auf Hawaii machen. Er erzählt dies in seinen Erinnerungen so (Start mit der Woche vom 29.9. an):  

29. September – 5. Oktober: Am Samstagabend kommen zwei christliche Teilnehmer auf mich zu und fragen mich, ob ich, der einzige katholische Priester in der Runde, nicht am nächsten Tag für sie eine Eucharistiefeier halten könne. Ich sage zu, und ich erwarte, dass daran Christen aus den verschiedensten Konfessionen teilnehmen würden. Aber als die Buddhisten das hören, fragen Sie mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie auch teilnehmen würden. Nein, sage ich, selbstverständlich nicht. (Erlebte Menschlichkeit, 379)

Oktober 2024

6. - 12. Oktober 2024

6. – 12. Oktober: Aber selbstverständlich war ja dies gerade nicht. Ich hatte nur ein englisches Neues Testament sowie Brot und Wein zur Verfügung, aber keine liturgischen Bücher, Geräte und Gewänder, schon von daher muss ich die ganze Feier auf das Wesentliche konzentrieren.
Und so beginne ich diese christliche Eucharistiefeier eher buddhistisch mit Schweigeminuten und formuliere dann das »Kyrie Eleison – Herr, erbarme dich« so, dass es auch für Buddhisten verständlich ist. Ebenso die folgenden Gebete. Als Schriftlesung nehme ich die oft vernachlässigte Perikope, in der es gerade nicht heißt, »Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich!« (Mt 12,30; Lk 11,23), sondern umgekehrt: »Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!« (Mk 9,40; Lk 9,50).
Im Anschluss an die Lesung sage ich in einer schlichten Ansprache Wesentliches für das Verhältnis der Christen zu den Nichtchristen, für Dialog, für gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit. Und daran kann ich auch leicht entsprechende Fürbitten anfügen. (Erlebte Menschlichkeit, 380)

13. – 19. Oktober 2024

13. – 19. Oktober: Aber dann folgt die eigentliche »Eucharistia«, das Dankgebet mit der Erinnerung an Jesu letztes Abendmahl mit seinen Jüngern, verbunden mit dem Brechen des Brotes. Ich formuliere es nach ursprünglichem biblischen Verständnis so, dass die bekannten Worte »Das ist mein Leib, das ist mein Blut, – das bin ich« in Jesu Selbstlosigkeit, Hingabe und Selbstentleerung für Buddhisten verständlich werden.
Und so folgt die Kommunion: »Kommt alle, die ihr mühselig und beladen seid!« – auch sämtliche Buddhisten kommen, empfangen die Gaben und kommunizieren.
Ich aber bin dankbar, dass ich anschließend ohne alle Misstöne mit Schlussgebet und Segen die Eucharistiefeier beschließen kann. (Erlebte Menschlichkeit, 380)

 

November 2024

10. – 16. November 2024

10. – 16. November: Als glaubender Christ inspiriert mich die Botschaft von der Auferweckung Jesu Christi; sie hat ungezählte Menschen in Leben und Sterben Hoffnung auf ihr eigenes ewiges Leben gemacht. Aber heute wird sie von vielen Menschen nicht mehr verstanden; kleidete sie sich doch schon im Lauf der ersten Jahrzehnte in viele Legenden und Ausdeutungen, mit Unstimmigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Doch sagt mir die Osterbotschaft in ihren so verschiedenen Varianten schlicht das eine: Jesus ist nicht ins Nichts hinein gestorben, sondern ist im Tod und aus dem Tod in jene unfassbare und umfassende letzte Wirklichkeit hineingestorben, von ihr aufgenommen worden, die wir mit dem Namen Gott bezeichnen. In Gott hinein ist Jesus gestorben, zu Gott, den er seinen und unseren Vater nannte, ist er gelangt. Eingegangen in jenen geistigen Bereich, der alle Vorstellungen übersteigt, den keines Menschen Auge je gesehen hat, meinem Zugreifen und Begreifen, Reflektieren und Phantasieren entzogen! (Erlebte Menschlichkeit, 653-654)

17. – 23. November 2024

17. – 23. November: Deshalb weiß ich als glaubender Christ: Wo ich mein Eschaton, das Allerletzte meines Lebens erreiche, da erwartet mich nicht das Nichts, sondern jenes Alles, das Gott ist. Tod ist Durchgang zur eigentlichen Heimat, ist Einkehr in Gottes Verborgenheit und des Menschen Herrlichkeit. Dass mit dem Tod alles aus sei, kann eigentlich nur ein Gottloser sagen. Für mich ist Glaube an mein ewiges Leben die Konsequenz aus dem Glauben an den ewigen Gott. Und zugleich ist dies für mich die Antwort auf die Frage der Gerechtigkeit: Ich kann und will mich nicht damit abfinden, dass ungezählte Menschen, die kein so gutes Leben führen konnten wie ich, keine Erfüllung finden sollen, dass die Unterdrückten und Geknechteten nicht schließlich doch zu ihrem Recht kommen und dass die Ausbeuter und Mörder für immer die Ausgebeuteten und Ermordeten triumphieren. Nein, mich erfüllt die Hoffnung, dass Gott nach dem Worten des Propheten Jesaja und der Apokalypse, ihnen jede Träne von den Augen abwischt und der Tod nicht mehr sein wird: kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal mehr.  (Erlebte Menschlichkeit, 653-654)

24. – 30. November 2024

24. – 30. November: Gerade in einer Stunde der Trauer und des Abschieds, die wir in Dankbarkeit feiern, dürfen wir neu Vertrauen fassen und daraus Kraft schöpfen, um auch die Zukunft, unsere je eigene Zukunft, zu bestehen und nicht allzu viel Angst vor dem Tod zu haben. Dankbar für alles, was der Sterbende für uns war und uns bedeutet. Zugleich verzeihend all das, wo er gefehlt und verletzt hat. Und schließlich hoffend auf den Frieden, der alle Vernunft übersteigt, auf die Freude, das Glück, die Seligkeit, die auch uns bereitet ist.
Dies alles schreibe ich im klaren Bewusstsein: Sollte ich mich doch getäuscht haben und ich nicht in Gottes ewiges Leben, sondern in ein Nichts hineinsterben, dann habe ich jedenfalls ein besseres und sinnvolleres Leben geführt als ohne diese Hoffnung. (Erlebte Menschlichkeit, 653-654)

Dezember 2024

1. – 7. Dezember 2024

 

 

8. – 14. Dezember 2024
15. – 21. Dezember 2024
29. Dezember 2024 – 4. Januar 2025

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