Gedankensammlung 2025

Hans Küng

Januar 2025

5. – 11.1.: Gottesbild der abrahamitischen Religionen

Wir starten in das Neue Jahr mit Küngs Gedanken zum gemeinsamen Gottesbild in den drei abrahamischen Religionen. Dieser Frage ist Professor Küng in seiner Trilogie zum Judentum, Christentum und Islam immer wieder nachgegangen. Wir zitieren aus dem Buch »Der Islam«.

Die grundlegende Gemeinsamkeit zwischen Juden, Christen und Muslimen besteht im Glauben an den einen und einzigen Gott, der allem Sinn und Leben gibt.

Dieser Ein-Gott-Glaube ist für den Islam eine schon mit Adam gegebene Urwahrheit; im einen Gott ist die Einheit des Menschengeschlechts und die Gleichheit aller Menschen vor Gott begründet.

• Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den geschichtlich handelnden Gott: an jenen Gott, der nicht nur in der Art der Griechen die »Arché«, das erste Prinzip der Natur, ist, der Urgrund von allem, sondern der als Schöpfer der Welt und des Menschen in der Geschichte tätig ist: der eine Gott Abrahams, der spricht durch die Propheten und sich seinem Volk offenbart, wenngleich sein Handeln immer wieder neu ein unerforschliches Geheimnis bleibt. Gott ist der Geschichte gewiß transzendent, aber doch auch immanent: dem Menschen »näher als seine eigene Halsschlagader«, wie es im Koran so plastisch heißt.

• Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen der Glaube an den einen Gott, der für sie – obwohl unsichtbar alles umgreifend und durchwaltend – ein ansprech-bares Gegenüber ist; anredbar in Gebet und Meditation, zu loben in Freude und Dankbarkeit, anzuklagen in Not und Verzweiflung: ein Gott, vor dem der Mensch »aus Scheu ins Knie fallen«, »beten und opfern«, »musizieren und tanzen kann«, um hier ein zukunftsbezogenes berühmtes Wort des Philosophen Martin Heidegger aufzugreifen.

• Gemeinsam ist Juden, Christen und Muslimen schließlich auch der Glaube an den barmherzigen, gnädigen Gott: an einen Gott, der sich der Menschen annimmt. Die Menschen werden im Koran wie in der Bibel »Knechte Gottes« genannt, womit keine Versklavung unter einen Despoten, sondern die elementare menschliche Kreatürlichkeit gegenüber dem einen Herrn zum Ausdruck gebracht ist.

(Der Islam, S. 127f.)

12. – 18.1.: Das Gottesbild Jesu

Die Frage, wie Jesus »Gott« verstanden hat, beschäftigte Professor Küng von Anfang an. Immer wieder hat er versucht, seine Gedanken zu präzisieren und für heutige Leser verständlich zu machen, zuletzt in seinem Buch Jesus von 2012. Daraus zitieren wir.

Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden; das ist wichtig für das Gespräch mit den Juden heute. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in verschiedensten Religionen Vater genannt würde …

Aber wie immer diese historische Frage entschieden wird: die Vaterbezeichnung für Gott ist nicht nur von der Einzigkeit Jahwes bestimmt. Sie erscheint auch gesellschaftlich bedingt, geprägt von einer männerorientierten Gesellschaft. Gott ist jedenfalls nicht gleich Mann …

Anders als in anderen Religionen erscheint Gott in der Hebräischen Bibel jedoch nicht als der physische Vater von Göttern, Halbgöttern oder Heroen. Allerdings auch nie einfach als der Vater aller Menschen. Jahwe ist der Vater des Volkes Israel, welches Gottes erstgeborener Sohn genannt wird. Er ist dann insbesondere der Vater des Königs, der in ausgezeichnetem Sinn als Gottes Sohn gilt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt« – ein »Beschluss Jahwes« bei der Thronbesteigung, der nicht eine mirakulöse irdische Zeugung, sondern die Einsetzung des Königs in die Sohnesrechte meint. Im späteren Judentum wird Gott dann auch als Vater des einzelnen Frommen und des erwählten Volkes der Endzeit verheißen: »Sie werden nach meinen Geboten tun, und ich werde ihr Vater sein, und sie werden meine Kinder sein.« Hier überall zeigt sich das Vatersymbol jenseits aller sexuellen Bezüge und eines religiösen Paternalismus in seinen unverzichtbaren positiven Aspekten: als Ausdruck der Macht und zugleich der Nähe, des Schutzes und der Fürsorge. („Jesus“ S. 200f)

19. – 25.1.: Das Gottesbild im Gleichnis vom „Vater der Verlorenen“.

Hans Küng zeigt in seinen Schriften, dass es ihm um das unbedingte Vertrauen zu Gott geht. Er führt näher aus:

Ein Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und Tod ganz verlassen kann.
Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in unbegreiflicher Güte.
Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit, Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.
Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen lässt, der ihm weder nachjagt noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit, Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern lässt – zum Ärgernis des korrekt Daheimgebliebenen. („Jesus“, 202 f).

26.1. – 1.2.: Jesu Gottesbild: ein Gott rettender Liebe

Dieser Vater-Gott will kein Gott sein, wie ihn Marx, Nietzsche und Freud fürchteten, der dem Menschen von Kind auf Ängste und Schuldgefühle einjagt, ihn moralisierend ständig verfolgt, und der so tatsächlich nur die Projektion anerzogener Ängste, menschlicher Herrschaft, Machtgier, Rechthaberei und Rachsucht ist …

Nein, dieser Vater-Gott will ein Gott sein, der den Menschen als ein Gott der rettenden Liebe begegnet …

  • Der nicht fordert, sondern gibt, der nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, nicht krank macht, sondern heilt.
  •  Der diejenigen schont, die sein heiliges Gesetz und damit ihn selbst antasten.
  • Der statt verurteilt vergibt, der statt bestraft befreit, der statt Recht vorbehaltlos Gnade walten lässt. (Jesus, 204f)

Februar 2025

2. – 8.2.: „Vater“ – die nicht selbstverständliche Anrede Gottes

Aber wer immer sich auf Jesu Botschaft und Gemeinschaft einlässt, dem geht an Jesus der auf, den er mit »mein Vater« anredete … Bei dem großen Reichtum an Gottesanreden, über die das antike Judentum verfügt, ist es erstaunlich, dass Jesus gerade die Anrede »Mein Vater« ausgewählt hat …

Für Jesus aber ist dieser Ausdruck so wenig respektlos, wie es die vertraute Anrede des Kindes an seinen Vater ist. Vertrautheit schließt ja Respekt nicht aus. Ehrfurcht bleibt die Grundlage seines Gottverständnisses. Aber nicht sein Zentrum: Genau wie ein Kind seinen irdischen Vater, so soll nach Jesus der Mensch seinen himmlischen Vater ansprechen – ehrerbietig und gehorsamsbereit, doch vor allem geborgen und vertrauensvoll. Mit diesem Vertrauen, welches Ehrfurcht einschließt, lehrt Jesus auch seine Jünger Gott anreden. »Unser Vater – in den Himmeln«.

Gott mit »Vater« anzureden, ist der gewagteste und einfachste Aus- druck jenes unbedingten Vertrauens, das dem lieben Gott Gutes, alles Gute zutraut, das auf ihn vertraut und sich ihm anvertraut. („Jesus“, 207-209)

9. – 15.2.: Ausgangspunkt: altes | mittelalterliches Gottesbild

Sicher können wir heute nicht mehr wie die alten und mittelalterlichen Menschen an einen Gott glauben, der im wörtlichen oder räumlichen Sinn „über“ der Welt wohnt, von dem der Gottessohn „herabsteigt“ und zu dem er wieder „hinauffährt“: das sind Bilder, tiefe Bilder, Symbole. Weiter können wir heute auch nicht mehr glauben an einen Gott, der im geistigen, metaphysischen Sinn „außerhalb“ der Welt in einem außerweltlichen Jenseits wohnt und der nur gelegentlich in diese Welt hineinfunkt.

Nein, heutiges Gottesverständnis muss darlegen, wie Gott in dieser Welt und diese Welt in Gott ist. (Die Hoffnung bewahren 146f)

16. – 22.2.: Jesus und ein Gottesbild des Vertrauens

Wenn ich nun so ganz einfach sagen müsste, warum wir diesen Urgrund nicht zu fürchten haben, dann würde ich als Christ auf Christus verweisen. Im Menschen Jesus von Nazareth ist unzweideutig deutlich geworden: dass dieser Urgrund der Welt und des Menschen nicht ein dunkler und unheimlicher Abgrund, sondern hinter allen Wolken ein überheller, menschenfreundlicher Lichtgrund ist, auf den wir uns in hellen und trüben Tagen, in unserem Leben und Sterben unbedingt verlassen können.

Gott, wie er sich in Jesus gezeigt hat, ist die Garantie dafür, dass nicht nur am Ende alles gut wird, sondern dass alles jetzt schon einen Sinn hat.

(Die Hoffnung bewahren, 147)

23.2. – 1.3.: Das macht einen guten Gottesdienst aus

Bedeutet ein guter Gottesdienst … nicht eine unersetzliche Chance für den Menschen?
Nicht Gott gewinnt etwas durch unseren Gottesdienst, sondern der Mensch!
Es bedeutet für uns Menschen eine große Chance

  • wenn er im Gottesdienst seinen keineswegs selbstverständlichen lebendigen Gottes- und Christusglauben reaktivieren darf,
  • wenn er also wieder einmal ruhig, ausgeglichener wird, etwas Abstand gewinnt von dem, was ihn täglich drückt und hetzt,
  • wenn er mit zuverlässigen Leitwerten konfrontiert wird, sich wieder an ersten und letzten Maßstäben messen darf,
  • wenn er die Bindung an eine Wahrheit erfährt,
  • wenn er den Sinn in seinem widersprüchlichen Leben und einer noch widersprüchlicheren Menschheitsgeschichte neu entdeckt und gewinnt. (Die Hoffnung bewahren 154f.)

März 2025

2.3. – 8.3.: „Gottesdienst“ – nicht private Selbstvervollkommnung
  • Ein Gottesdienst ist nicht verinnerlicht zu verstehen als private Selbstvervollkommnung unserer Existenz, sondern auch als Praxis in unserer größeren und kleineren Öffentlichkeit;
  • ein Gottesdienst nicht nur fromm und erbaulich für die Seele, sondern für den ganzen Menschen mit Haut und Haar, Geist und Leib, Hirn und Geschlecht: »Eure Leiber gebt hin zu einem lebendigen, heiligen, Gott wohlgefälligen Opfer!«

    Man sieht: nicht was sonst von den Menschen als »Gottesdienst« bezeichnet wird, sondern gerade das, was völlig weltlich, profan erscheint, das wird vom Apostel als »heilig« und »Gott wohlgefällig« bezeichnet: ein »geistlicher Gottesdienst«, der nicht an äußere Zeremonien, besondere Orte, Zeichen und Personen gebunden ist, sondern der im Geist geschieht, wie es ganz entsprechend bei Johannes heißt: »im Geist und in der Wahrheit« (Joh 4,23f.). (Die Hoffnung bewahren, 150)

9.3. – 15.3. Was Jesus wollte

Wofür setzte Jesus sich ein? Was wollte er eigentlich?

Nicht sich selbst verkündet Jesus. Nicht er selbst steht im Vordergrund. Er kommt nicht und sagt: »Ich bin der Gottessohn, glaubt an mich.« Wie jene noch dem Philosophen Kelsos im 2. Jahrhundert bekannten Wanderprediger und Gottesmänner, die mit dem Anspruch auftraten: »Ich bin Gott oder Gottes Sohn oder göttlicher Geist. Gekommen bin ich, denn der Weltuntergang steht vor der Tür … Selig, der mich jetzt anbetet!«

Vielmehr tritt seine Person zurück hinter der Sache, die er vertritt. Und was ist diese Sache? Mit einem Satz lässt sich sagen: Die Sache Jesu ist die Sache Gottes in der Welt. (Jesus, 105)

16. – 22. 3.: „Reich Gottes“

Reich Gottes: Das meint Jesus mit dem Wort, das in der Mitte seiner Verkündigung steht. Das er nie definiert, aber in seinen Parabeln – Urgestein der evangelischen Überlieferung – immer wieder neu und verständlich für alle beschrieben hat …

Ein Reich, wo nach Jesu Gebet Gottes Name wirklich geheiligt wird, sein Wille auch auf Erden geschieht, die Menschen von allem die Fülle haben werden, alle Schuld vergeben und alles Böse überwunden sein wird.
Ein Reich, wo nach Jesu Verheißungen endlich die Armen, die Hungernden, Weinenden, Getretenen zum Zuge kommen werden: wo Schmerz, Leid und Tod ein Ende haben werden.

Ein Reich, nicht beschreibbar, aber in Bildern ankündbar: als die aufgegangene Saat, die reife Ernte, das große Gastmahl, das königliche Fest.
Ein Reich also – ganz nach den prophetischen Verheißungen – der vollen Gerechtigkeit, der unüberbietbaren Freiheit, der ungebrochenen Liebe, der universalen Versöhnung, des ewigen Friedens. (Jesus, 106f)

23. - 29.3.: Gottes Wille

Auf das radikale Ernstnehmen des Willens Gottes zielt die Bergpredigt, in der Mattäus und Lukas die ethischen Forderungen Jesu – kurze Sprüche und Spruchgruppen hauptsächlich aus der Logienquelle Q – gesammelt haben …

Dies ist der Generalnenner der Bergpredigt: Gottes Wille geschehe! Eine herausfordernde Botschaft: Mit der Relativierung des Willens Gottes ist es vorbei. Keine fromme Schwärmerei, keine reine Innerlichkeit, sondern den Gehorsam der Gesinnung und der Tat. Der Mensch selbst steht in Verantwortung vor dem nahen, kommenden Gott.

Nur durch das entschlossene, rückhaltlose Tun des Willens Gottes wird der Mensch der Verheißungen des Reiches Gottes teilhaftig. Gottes befreiende Forderung aber ist radikal. Sie verweigert den kasuistischen Kompromiss. Sie überschreitet und durchbricht die weltlichen Begrenzungen und rechtlichen Ordnungen. (Jesus, 134)

30.3. - 5.4.: Gott will mehr
  • Er beansprucht nicht nur den halben, sondern den ganzen Willen.
  • Er fordert nicht nur das kontrollierbare Äußere, sondern auch das unkontrollierbare Innere – des Menschen Herz.
  • Er will nicht nur gute Früchte, sondern den guten Baum.
  • Nicht nur das Handeln, sondern das Sein.
  • Nicht etwas, sondern mich selbst, und mich selbst ganz und gar.

Das meinen die verwunderlichen Antithesen der Bergpredigt, wo dem Recht der Wille Gottes gegenübergestellt wird:
Nicht erst Ehebruch, Meineid, Mord, sondern auch das, was das Gesetz gar nicht zu erfassen vermag, schon die ehebrecherische Gesinnung, das unwahrhaftige Denken und Reden, die feindselige Haltung sind gegen Gottes Willen.
Jegliches »Nur« in der Interpretation der Bergpredigt bedeutet eine Verkürzung und Abschwächung des unbedingten Gotteswillens:
– »nur« eine bessere Gesetzeserfüllung,
– »nur« eine neue Gesinnung,
– »nur« ein Sündenspiegel im Licht des einen gerechten Jesus,
– »nur« für die zur Vollkommenheit Berufenen,
– »nur« für damals,
– »nur« für eine kurze Zeit … (Jesus, 134f)

April 2025

5. - 12. April: Jesu radikale Forderungen

Wie schwierig es freilich für die spätere Kirche war, Jesu radikale Forderungen durchzuhalten, zeigen ihre Entschärfungen schon in der (palästinisch‑syrischen?) Gemeinde des Mattäus:

Nach Jesus soll jeglicher Zorn unterbleiben, nach Mattäus zumindest bestimmte Schimpfworte wie »Hohlkopf«, »Gottloser«.
Nach Jesus soll man das Schwören überhaupt unterlassen und mit dem einfachen Ja oder Nein durchs Leben kommen, nach Mattäus zumindest bestimmte Schwurformeln vermeiden.
Nach Jesus soll man dem Nächsten die Verfehlung vorhalten und, wenn er davon absteht, ihm vergeben; nach Mattäus muss ein geregelter Instanzenweg eingehalten werden.
Nach Jesus soll dem Mann – zum Schutz der rechtlich empfindlich benachteiligten Frau – die Scheidung bedingungslos verboten sein; nach Mattäus darf zumindest im Fall krassen Ehebruchs der Frau eine Ausnahme gemacht werden. (Jesus, 135)

13. - 19. April: Warum Jesus sterben mußte

Jesus, der aufgrund seines Redens und Handelns sein Leben vielfach verwirkt hatte, musste mit einem gewaltsamen Ende rechnen. Nicht dass er den Tod direkt provoziert oder gewollt hätte. Er hatte keine Todessehnsucht, aber lebte angesichts des Todes. Und er hat den Tod frei – in jener großen Freiheit, die Treue zu sich selbst und Treue zum Auftrag, zu Selbstverantwortung und Gehorsam vereint – auf sich genommen, weil er darin den Willen Gottes erkannte: Es war nicht nur ein Erleiden des Todes, sondern eine Hergabe und Hingabe des Lebens.  (Jesus, 214f.)

20. - 26. April: Osterglaube

Der Gekreuzigte lebt für immer bei Gott – als Verpflichtung und Hoffnung für uns! 

Die Menschen des Neuen Testaments sind getragen, ja fasziniert von der Gewissheit, dass der Getötete nicht im Tod geblieben ist, sondern lebt, und dass, wer an ihn sich hält und ihm nachfolgt, ebenfalls leben wird. Das neue, ewige Leben des Einen als Herausforderung und reale Hoffnung für alle!

Dies also sind Osterbotschaft und Osterglaube! (Jesus, 252 f.)

27. April - 3. Mai: aus aktuellem Anlaß

Zitate aus dem Buch „7 Päpste“

In seinem Buch Sieben Päpste von 2015 fragt Professor Küng im Epilog Welches Papsttum hat Zukunft? Er spricht vondrei Verheißungen und Versuchungen.

Die erste Verheißung: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen« (Mt 16,18). Doch gleich anschließend:
Die erste Versuchung: »Hinweg von mir, Satan, du bist mir ein Ärgernis« (Mt 16,23) …
Wenn immer ein Nachfolger Petri ganz selbstverständlich voraussetzt, Gottes Gedanken zu denken, wenn immer er so – vielleicht ohne es zu merken! – aus dem Bekennenden von Mt 16,16 der Verkennende von 16,22 wird und statt für Gott für Menschliches Partei ergreift, dann dreht ihm der Herr den Rücken zu, und ihn trifft das Wort, das härter nicht sein könnte: »Hinweg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du sinnst nicht, was Gottes, sondern was menschlich ist!« (Sieben Päpste, 370)

Mai 2025

4. - 10. Mai: Die zweite Versuchung

In seinem Buch ‚Sieben Päpste‘ von 2015 fragt Professor Küng im Epilog Welches Papsttum hat Zukunft? Er spricht von drei Verheißungen und Versuchungen.

Die zweite Verheißung: »Wenn du dich bekehrt hast, stärke deine Brüder« (Lk 22,32).
Auch die zweite Versuchung folgt sofort: »Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen« (Lk 22,34) …
– sobald ein Nachfolger Petri selbstbewusst meint, seine Treue sei selbstverständlich und sein Glaube unangefochtener fester Besitz, 
– sobald er nicht mehr weiß, dass er am Gebet des Herrn hängt und Glaube und Treue immer wieder neu empfangen muss, 
– sobald er seine Bereitschaft und seinen Einsatz als eigene Leistung ausgibt, 
– sobald er also selbstsicher sich selbst überschätzt und nicht mehr auf den Herrn sein ganzes Vertrauens setzt, 
dann ist die Hahnenstunde der Verleugnung da, da kennt er seinen Herrn nicht mehr, da ist er fähig, ihn nicht nur einmal, sondern dreimal, und das heißt vollständig, zu verleugnen: »Ich sage dir, Petrus: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen!« (Sieben Päpste, 371)

11. - 17. Mai: Die dritte Versuchung

Die dritte Verheißung: »Weide, meine Lämmer!« (Joh 21,15)
Wieder sofort die dritte Versuchung: »Was geht das dich an, du folge mir nach« (Joh 21,22) …

  • Wann immer ein Nachfolger Petri sich nicht um seine eigene Aufgabe kümmert,
  • wann immer er sich um alles kümmern will,
  • wann immer er nicht sieht, dass es Schicksal gibt, über das er nicht befinden kann,
  • wann immer er vergisst, dass es besondere Beziehung zu Jesus gibt, die nicht über ihn läuft,
  • wann immer er neben seinem Weg nicht auch andere Wege gelten lässt,

    dann muss er das Wort hören, dass ihn hart treffen muss und ihn doch wieder neu in die Nachfolge ruft: »Was geht das dich an! Du folge mir nach«! (Sieben Päpste,  371 f.)

18. - 24. Mai: "Friede sei mit Euch" -

– mit diesen Worten begann Papst Leo XIV seine Ansprache nach seiner Wahl.  Dieser Friede endet auch nicht angesichts des Todes. Für Professor Küng war der Glaube an die Auferweckung zentral. Immer und immer hat er versucht, ihn verständlich zu formulieren, zuletzt in seinem Jesus-Buch:
Der Auferweckungsglaube ist … eine Radikalisierung des Gottesglaubens: 
– Ein Glaube an Gott, der nicht auf halbem Weg anhält, sondern den Weg konsequent zu Ende geht.
– Ein Glaube, in welchem sich der Mensch ohne strikt rationalen Beweis, wohl aber in durchaus vernünftigem Vertrauen darauf verlässt, dass der Gott des Anfangs auch der Gott des Endes ist, dass er wie der Schöpfer der Welt und des Menschen so auch ihr Vollender ist. 
Nicht in ein Nichts hinein sterben wir; dies schiene mir wenig vernünftig. 
Wir sterben in Gott hinein, der uns wie Ursprung und Urhalt so auch Urziel ist …
Das Ende, das ein neuer Anfang ist! Wer sein Credo mit dem Glauben an »Gott den allmächtigen Schöpfer« anfängt, darf es auch ruhig mit dem Glauben an »das ewige Leben« beenden. (Jesus, 257 f.)

25. - 31. Mai: Das Christentum beginnt mit Ostern

Das historische Rätsel der Entstehung des Christentums erscheint hier in provozierender Weise gelöst:
Die Glaubenserfahrungen, Glaubensberufungen, Glaubenserkenntnisse der Jünger um den lebendigen Jesus von Nazaret bilden nach den einzigen Zeugnissen, die wir haben, die Initialzündung für jene einzigartige welthistorische Entwicklung, in der vom Galgen eines in Gott‑ und Menschenverlassenheit Verendeten eine »Weltreligion«, und vielleicht mehr als das, entstehen konnte.
Das Christentum, insofern es Bekenntnis zu Jesus von Nazaret als dem lebendigen und wirkmächtigen Christus ist, beginnt mit Ostern.
Ohne Ostern kein Evangelium, keine einzige Erzählung, kein Brief im Neuen Testament!
Ohne Ostern in der Christenheit kein Glaube, keine Verkündigung, keine Kirche, kein Gottesdienst! (Jesus, 258f.)

Juni 2025

1. - 7. Juni: Die Weltethos-Vision

Die Entcheidung der katholischen Bischöfe von 1979, Professor Küng die Lehrerlaubnis zu entziehen, erwies sich im Nachhinein als »Glücksfall«: Als Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung  konnte Professor Küng – ohne Rücksicht zu nehmen auf die Meinung seiner Fakultätskollegen – tun, was er für richtig hielt. Immer mehr reifte in ihm die Überzeugung:

Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden

Kein Religionsfrieden ohne Religionsdialog

Kein Überleben ohne Weltethos

Diese Vision legte Küng 1990 detailliiert in seinem Buch Projekt Weltethos vor:

Immer deutlicher wurde mir in den letzten Jahren, dass die eine Welt, in der wir leben, nur dann eine Chance zum Überleben hat, wenn in ihr nicht länger Räume unterschiedlicher, widersprüchlicher oder gar sich bekämpfender Ethiken existieren.

Diese eine Welt braucht das eine Grundethos; diese eine Weltgesellschaft braucht gewiss keine Einheitsreligion und Einheitsideologie, wohl aber einige verbindende und verbindliche Normen, Werte, Ideale und Ziele.  (Projekt Weltethos, 14)

8. - 14. Juni: Was Weltethos meint

Natürlich rief der publizistische Erfolg von Professor Küng insbesondere klerikale Neider auf den Plan. So hat er sich immer wieder bemüht, seine Vorstellungen von einem Weltethos zu präzisieren:

… dieses Menschheitsethos oder Weltethos will alles andere als eine neue Moral erfinden, die dann den verschiedenen Religionen von außen aufgedrängt werden sollte. Vielmehr will sie bewusst machen, was schon jetzt Christen, Juden und Muslimen, den Religionen in Ost und West, in Nord und Süd sowie humanistischen Weltanschauungen an ethischen Maßstäben gemeinsam ist, was aber durch ihre zahlreichen dogmatischen Streitigkeiten und oft unerträgliche Rechthaberei verdunkelt wird. 

Kurz, die »Erklärung zum Weltethos« will jenes Minimum an Ethos herausstellen, das für das Überleben der Menschheit einfach notwendig ist. Sie ist gegen niemanden gerichtet, sondern lädt alle ein, Gläubige wie auch Nicht-Gläubige, sich dieses Ethos zu eigen zu machen und entsprechend zu handeln. (Weltethos christlich verstanden, 46)

15. - 21. Juni: Elementare Prinzipien des Weltethos

1993 sollte nach 100 Jahren das 2. Parlament der Weltreligionen in Chicago stattfinden. Im Vorfeld hatte Professor Küng die Verantwortlichen aufgefordert, eine Erklärung vorzulegen. Sie gaben den Auftrag an ihn zurück. So legte Küng mit seinem Team einen Entwurf vor, der von Vertretern aller Weltreligionen [in aller Welt] diskutiert wurde. Am 4. September 1993 hat das Parlament der Weltreligionen die Erklärung zum Weltethos verabschiedet. Darin heißt es:

Grundlegend für das Weltethos sind zwei ganz elementare Prinzipien:
– Jeder Mensch soll wahrhaft menschlich behandelt werden – gleich welchen Geschlechts, ethnischer Herkunft, sozialen Status, Sprache, Alter, Nationalität, Religion und Weltanschauung! Die Humanitätsregel als die elementarste Regel eines humanen Ethos.

– Jeder Mensch soll anderen gegenüber im Geist der Solidarität handeln! Auf jeden und alle, Familien und Gemeinschaften, Nationen und Religionen soll die uralte Weisung so vieler ethischer und religiöse Traditionen angewendet werden: »Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu.»  (Weltethos christlich verstanden, 46)

22. - 28. Juni - Erstes Prinzip: Humanitätsregel

»Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden«
Professor Küng kommentiert:
Christen sind nicht weniger Humanisten als alle Humanisten. Aber sie sehen das Menschliche, das wahrhaft Menschliche, das Humane, sie sehen den Menschen und seinen Gott, sehen Humanität, Freiheit, Gerechtigkeit, Leben, Liebe, Frieden, Sinn von diesem Jesus her, der für sie der konkret Maßgebende, der Christus ist.
Von ihm her meinen sie nicht einen beliebigen Humanismus vertreten zu können, der einfach alles Wahre, Gute, Schöne und Menschliche bejaht. Sondern ein wahrhaft radikal Humanismus, der auch das Unwahre, Ungute, Unschöne und Unmenschliche zu integrieren und zu bewältigen vermag: nicht nur alles Positive, sondern auch – und hier entscheidet sich, was ein Humanismus taugt – alles Negative, selbst Leiden, Schuld, Tod, Sinnlosigkeit. (Weltethos christlich verstanden, 50 f.)

22. Juni - 5. Juli - Zweites Weltethos-Prinzip: Goldene Regel

»Was Du nicht willst, das man dir tut, das tue auch nicht einem anderen.«
Nach Jesus ist Liebe nicht nur Nächstenliebe, sondern entscheidend Feindesliebe. Und nicht die Menschenliebe, auch nicht die Nächstenliebe, sondern die Feindesliebe ist das für Jesus Charakteristische …
Für Jesus ist bezeichnend, dass er die eingefleischte Grenze und Ent­fremdung zwischen Genossen und Nichtgenossen nicht anerkennt. Zwar hat er seine Sendung auf die Juden beschränkt; sonst hätte es in der Urgemeinde gar keine ­solchen harten Auseinander­setzungen um die Heidenmission gegeben. 
Aber Jesus zeigt eine Offen­heit, die faktisch die unverrückbaren Grenzen der Volks‑ und Religions­zugehörig­keit sprengt. Nicht mehr der Volks‑ und Religionsgenosse ist für ihn ausschlaggebend. Sondern der Nächste, der uns in jedem Men­schen begegnen kann: in jedem Menschen, auch im politischen und reli­giösen Gegner, Rivalen, Gegenspieler, Widersacher, Feind. 
Das ist Jesu konkreter faktischer Universalismus.  (Jesus 156-158)

Juli 2025

6. - 12. Juli: „Feindesliebe“

Ist das für den Durchschnittsmenschen nicht alles übersteigert, weit überzogen? Warum dies alles? Etwa wegen der allen gemeinsamen Menschennatur? …

Jesus hat ein anderes Motiv. Die vollkommene Nachahmung Gottes: weil Gott nur als der Vater richtig verstanden wird, der keine Unter­schiede zwischen Freund und Feind macht, der über Gute und Böse die Sonne scheinen und regnen lässt und der seine Liebe auch den Unwürdi­gen – wer ist es nicht? – zuwendet!

Durch die Liebe sollen sich die Menschen als dieses Vaters Söhne und Töchter erweisen und aus Feinden Brüder und Schwestern werden.

So ist denn Gottes Liebe zu allen Men­schen für mich der Grund für die Liebe zum Menschen, den er mir schickt: der Liebe zum gerade Nächsten.

Die Feindesliebe Gottes selbst also ist der Grund für die Feindesliebe des Menschen.  (Jesus 158-159)

13. - 19. Juli: vier unverrückbare Weisungen

aus der „Erklärung zum Weltethos“vom 4. Sept. 1993 in Chicago:

Auf der Grundlage der beiden Prinzipien des Humanum lassen sich dann vier unverrückbare  Weisungen als Selbstverpflichtung formulieren …

  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.
    (Weltethos christlich verstanden, 47)

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Eine Anmerkung:
2005 folgte Hans Küng einer Einladung von Papst Benedikt XVI. in den Vatikan. In seinem Buch »Sieben Päpste« schreibt Hans Küng:

„Natürlich bringe ich dann das Gespräch auf das Weltethos. Da dankte er mir auch gleich für das Buch »Weltethos – christlich verstanden«. Es sei »sehr schön, dass es ein solches Buch gebe, wie man Weltethos christlich begründen könne«. Und die evangelische Theologin Angela Rinn–Maurer habe ich ja einige interessante Beiträge verfasst, die ihm sehr gut gefallen hätten.“ (267)

20. - 26. Juli: Parlament der Weltreligionen - Weisung 1

Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!
Professor Küng kommentiert:
Als ein ethisches Fundament wurde in der jüdisch-christlich-muslimischen Tradition immer besonders betont, dass die menschliche Person unendlich kostbar und unbedingt zu schützen ist. Aber wir sollten die hinduistisch-buddhistische wie die konfuzianisch-taoistische Tradition nicht vergessen: Auch das Leben der anderen Lebewesen, auch das der Tiere und Pflanzen, verdient unseren Schutz, Schonung und Pflege. Wir alle sind in diesem Kosmos miteinander verflochten und voneinander abhängig. Jeder von uns hängt ab vom Wohl des Ganzen (Weltethos christlich verstanden, 92f.)

27.7 - 2.8.: Parlament der Weltreligionen - Weisung 2

Du sollst nicht stehlen! Oder positiv: Handle gerecht und fair!
Jüdisch-christlich-muslimische, aber auch indische und chinesische Tradition hat in vielfältiger Weise betont, dass wirtschaftliche und politische Macht nicht in rücksichtslosem Kampf zur Herrschaft missbraucht werden darf, dass sie vielmehr zum Dienst an den Menschen zu gebrauchen ist. Nicht nur die christliche Botschaft, sondern alle großen religiösen Traditionen fordern, dass wir einen Geist des Mitleids mit den Leidenden entwickeln und besonders Sorge tragen für die Armen, Behinderten, Alten, Flüchtlinge, Einsamen. Statt einzig und allein nur zu sagen »mein Wohl«, gehört das Gemeinwohl wieder stärker ins Zentrum des gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns. (Weltethos christlich verstanden, 116)

August 2025

03. - 09.8.: Parlament der Weltreligionen Weisung 3

Du sollst nicht lügen!
Oder positiv: Rede und handle wahrhaftig!

Professor Küng kommentiert:
Eine Kultur der Wahrhaftigkeit tut not.
Ressourcen in den Traditionen der Religionen gilt es zu aktivieren, um stärker entgegen allen Trends eine Wahrheitsliebe zu kultivieren, die für ein aufrichtiges Miteinander der Menschen ein wichtiger gesellschaftlicher Nährboden ist.
Auch die positive Weisung: Rede und bleibe wahrhaftig! sollte uns ein wertvoller Maßstab für unser soziales Handeln sein. Und Vertrauen ineinander stärkt und motiviert gemeinschaftliche Kräfte, auf die wir angesichts der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Herausforderungen – insbesondere in Politik und Wirtschaft – dringend angewiesen sind.
Was wäre schon einmal an Schubkraft zur Lösung von Problemen gewonnen, wenn man den andern wirklich beim Wort nehmen könnte (Weltethos christlich verstanden, 142 f.)

10. - 16.8.: Parlament der Weltreligionen Weisung 4

Du sollst nicht Unzucht treiben! Oder positiv: Achtet und liebet einander!

Professor Küng kommentiert:
»In den Traditionen der Religionen nehmen Ehe und Familie nicht selten einen besonderen Stellenwert ein.
Daher sollten, wenn von Liebe und Sexualität die Rede ist, keinesfalls die Dimensionen der Fürsorge, des Haltgebens, des Zusammenhaltens, der Geborgenheit, ja der menschlichen Wärme zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern vernachlässigt werden. Und gerade Kindern sollte in Zeiten der hemmungslosen und perversen Verirrungen unser besonderes Augenmerk, unsere besondere Verantwortung gelten.
Würde man in unseren Tagen das Wort Jesu, mit dem er vor der Verführung der Kinder warnt, wörtlich nehmen, wie viele Menschen müssten mit einem Mühlstein um den Hals im Meer versinken (vgl.  Matthäus 18,6) !« (Hans Küng / Angela Rinn-Maurer, Weltethos christlich verstanden, 162f.)

17. - 23.8.: Lebensaufgabe: wahrhaft Mensch werden

Am Ende seines Buches »Weltethos christlich verstanden« zieht Professor Küng dieses Fazit, das wir an den beiden kommenden Wochenenden veröffentlichen.
»Wir Menschen haben die eine wichtige Lebensaufgabe: wahrhaft Mensch zu werden. Der eine wahre Mensch, Jesus Christus, hat uns gezeigt, was Menschsein bedeutet. 
Das Vater Unser, sein Gebet, ist wie eine Anleitung, im Vertrauen auf den gütigen, liebevollen Gott Menschsein zu wagen. 
Ich glaube daran, dass wir wirkliches Lebensglück, eine tiefe Zufriedenheit und den Sinn unseres Lebens nur so finden können: im Wagnis des Menschseins im Angesicht Gottes.«
(Hans Küng/Angela Rinn-Maurer, Weltethos christlich verstanden, 177)

24. - 30.8.: Das Beten Jesu

»Ich glaube daran, dass wir wirkliches Lebensglück, eine tiefe Zufriedenheit und den Sinn unseres Lebens nur so finden können: im Wagnis des Menschseins im Angesicht Gottes. Jesus lädt uns dazu ein. 
Sein Gebet richtet sich an einen Vater im Himmel, dem wir im Glück und Leid unseres Lebens, bis in unser Sterben und unseren Tod hinein, vertrauen dürfen. Den Schöpfer des Kosmos und unser Welt dürfen wir so bitten wie ein Kind den eigenen Vater. 

So hat es Christus uns selbst vorgelebt, so gilt es auch für uns. Darauf können wir uns verlassen.«
(Hans Küng/Angela Rinn-Maurer, Weltethos christlich verstanden, 177)

31.8. - 6.9.: Außerhalb der Kirche kein Heil?? (1)

Die Frage »Außerhalb der Kirche kein Heil« beschäftigte Professor Küng sein Leben lang. Schon 1964 setzte er sich im Zusammenhang mit dem Eucharistischen Weltkongress in Bombay mit diesem Axiom auseinander und fragte:

»Außerhalb der Kirche kein Heil:
Könnt ihr dies noch sagen, wenn ihr ehrlich auf die Gegenwart schaut und bedenkt,

  • dass von den 2500 Millionen Erdbewohnern gegenwärtig nur rund 847 Millionen Christen und von diesen wiederum nur 460 Millionen Katholiken sind …
  • dass aber auch in europäischen Großstädten wie in manchen Landgegenden nur ein Bruchteil der sich Christen Nennenden praktisch in der Kirche mitmacht?
  • Wie steht es denn nach euch mit dem Heil der Millionen, die in der Gegenwart außerhalb der katholischen Kirche und sogar außerhalb der Christenheit leben?«

(Hans Küng, Freiheit des Christen, S. 147f.)

*Professor Küng konnte 1964 nicht wissen, dass im November 2022 lt. Wikipedia die Weltbevölkerung 8,0 Milliarden Menschen umfasst. (Anmerkung der Red.)

September 2025

7. -13.9.: Außerhalb der Kirche kein Heil?? (2)

Könnt ihr dies noch sagen, wenn ihr unvoreingenommen in die Vergangenheit schaut und bedenkt,
– dass die Jahre, die die Menschheit vor und ohne Christus gelebt hat, nicht, wie die Bibel nahe legt und die Kirchenväter schon als beunruhigend empfanden, 5200, sondern vielleicht 600 000 Jahre oder mehr betragen hat
– und dass so die alte Kirchenväterfrage ‚Warum kam Christus so spät?‘ in ganz neuer Weise dringlich wird.«
(Hans Küng, Freiheit des Christen, S. 148)

14. - 20.9.: Außerhalb der Kirche kein Heil?? (3)

»Außerhalb der Kirche kein Heil: Könnt ihr dies noch sagen, wenn ihr realistisch in die Zukunft schaut und bedenkt,

  • dass nach den statistischen Berechnungen die nichtchristlichen Völker Asiens und Afrikas die christlichen Völker des Westens zahlenmäßig weit überflügeln werden …
  • dass China allein im Jahre 2000 nach gewissen Berechnungen 1700 Millionen Menschen zählen wird, was mehr als 400 Millionen mehr ist, als heute in Europa, in der Sowjetunion, in Nord- und Südamerika und in Afrika zusammen leben?
  • Wie steht es denn nach euch mit den unberechenbaren Millionen und Milliarden, die in der Zukunft außerhalb der katholischen Kirche und sogar außerhalb der Christenheit leben werden?«
    (Hans Küng, Freiheit des Christen, S. 148f.)
21. - 27.9.: Allgemeine Kriterien für wahre Religion

»Wenn wir unsere Religion mit den anderen vergleichen, aber auch wenn wir über den Mißbrauch der eigenen Religion reflektieren, stellt sich für alle Religionen die Frage nach Kriterien des Wahren und Guten: nach allgemeinen Kriterien, die analog auf alle Religionen anwendbar sind.« (Hans Küng, Theologie im Aufbruch, 288)

28.9. - 4.10.: Kriterien für wahre Religion

»Nach dem generellen ethischen Kriterium ist eine Religion wahr und gut, wenn und insofern sie human ist, Menschlichkeit nicht unterdrückt und zerstört, sondern schützt und fördert.«
(Hans Küng, Theologie im Aufbruch, 298)

Oktober 2025

5. - 11.10.: Kriterien für wahre Religion

»Nach dem generellen religiösen Kriterium ist eine Religion wahr und gut, wenn und insofern sie ihrem eigenen Ursprung oder Kanon treu bleibt: ihrem authentischen »Wesen«, ihrer maßgeblichen Schrift oder Gestalt, auf die sie sich ständig beruft.« (Hans Küng, Theologie im Aufbruch, 298)

12. - 18.10.: Kriterien für wahre Religion

Nach dem spezifisch christlichen Kriterium ist eine Religion wahr und gut, wenn und insofern sie in ihrer Theorie und Praxis den Geist Jesu Christi spüren läßt. (Theologie im Aufbruch 298)

19. - 25.10.: Die wahre Religion

Nachdem Professor Küng >Allgemeine Kriterien für wahre Religion< formuliert hatte, stellte er sich der Frage: Gibt es die wahre Religion? Dabei scheute er sich nicht, klar Stellung zu beziehen, welche Religion für ihn persönlich die wahre Religion ist.

»Von innen gesehen, vom Standpunkt des am Neuen Testament orientierten gläubigen Christen gesehen, gibt es für mich die wahre Religion, die für mich, da ich unmöglich alle Wege gleichzeitig gehen kann, der Weg ist, den ich zu gehen versuche: das Christentum …«  (Theologie im Aufbruch 305

26. 10. - 1.11.: ein "gekreuzigter Gott"?

Nachdem sein Tübinger Kollege Professor Jürgen Moltmann sein Buch Der gekreuzigte Gott  veröffentlicht hatte, hat Professor Küng dieser Ansicht mehrfach öffentlich widersprochen, u.a. in Was ich glaube.

»Christliche Theologen haben nach dem Zweiten Weltkrieg unter Berufung auf ein Wort von Dietrich Bonhoeffer die Leidensproblematik nicht selten durch die An­nah­me eines »leidenden Gottes« zu bewältigen versucht. Gott sei »ohnmächtig und schwach in der Welt«, und gerade so und nur so sei er bei uns und helfe uns; nur der »leiden­de Gott« könne helfen. Einige haben im Blick auf den Holocaust daraus gefolgert, dass das »unaussprechliche Leiden der sechs Millionen auch die Stimme des leiden­den Gottes« sei …

Ich kann dieser These christlicher Theologen nicht zustimmen.« (Was ich glaube  242)

November 2025

2. - 8.11.: ein "gekreuzigter Gott"?

»Ich kann dieser These christlicher Theologen nicht zustimmen. Ich folge lieber dem Neuen Testament und der He­bräischen Bibel und nicht gnostisch-kabbalistischen Spekula­tionen: Im Kreuz Jesu Christi ist nicht Gott schlechthin gekreuzigt worden: nicht der Gott, ho theós, der im Neuen Testament durchgängig der Vater, Deus pater omni­potens, ist. Wie hätte sonst der gekreuzigte Jesus in Gottverlassen­heit zu Gott schreien können: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlas­sen!« (Mk 15,34)?
Nein … Am Kreuz hängt  … gera­de nicht »Gott«, wohl aber Gottes »Gesalbter«, sein »Christus«, der »Menschen­sohn«, Gottes »Sohn«.« (Was ich glaube 243)

9.- 15.11.: ein "gekreuzigter Gott"?

Die oft schon Kindern gegebene Auskunft »Hier hängt der liebe Gott« ist nicht richtig. 
Das Kreuz ist für die große christliche Tradition nicht das Symbol des »leidenden«, »schreien­den« Gottes oder gar »das Symbol des Todesnot leidenden Gottes«, sondern ist das Symbol des Todesnot leidenden Menschen.«  (Was ich glaube 243)

16. - 22.11.: Gott und das Leid

Schon 1967 hat sich Professor Küng in einer kleinen Meditation der Frage Gott und das Leid gestellt. Seiner Grundantwort ist er bis zum Ende seines Lebens treu geblieben.

«Leben ist Leiden auch in unseren Tagen, und selbst mit bester Technik und Medizin, mit effizienter Psychotherapie und allen Sozialreformen gelingt es dem Menschen nicht, das Leid einfach abzuschaffen …

Und jeder Mensch kann in die Situation geraten, in der er sich eine Frage stellt, die kaum zu beantworten ist: Seit Jahrzehnten habe ich mich mit all den Versuchen der Theodizee in Philo­sophie und Theologie immer wieder beschäftigt. Und bin zu der klaren Über­zeugung gekom­men: Eine theoretische Antwort auf das Theodizee-Problem gibt es nicht!«  (Hans Küng, Was ich glaube 245 f.)

23. - 29.11.: Gott in Auschwitz?!

»Gott und das Leid« 

 

Die Gedanken von Professor Küng gehören gerade auch zu dieser neuen Woche, die mit dem Toten- bzw. Ewigkeitssonntag beginnt.

 

»Das macht eine gläubige Grundhaltung nicht unmöglich. So kann und muss ich insbesondere zum Grauen des Holocausts dies sagen: Wenn Gott existiert, dann war Gott auch in Auschwitz! Gläubige verschiedener Religionen und Konfessionen haben selbst in dieser Todesfabrik zu Gott gebetet. Sie haben im Leiden und Sterben daran festgehalten: Trotz allem – Gott lebt.

 

Unbeant­wortbar aber bleibt die Frage: Wie konnte Gott in Auschwitz sein, ohne Auschwitz zu verhindern?«

(Hans Küng, Was ich glaube 246 )

 

30.11. - 6.12.: Eine Theologie des Schweigens

Die Adventszeit dient den Christen (eigentlich) als eine innere! Vorbereitungszeit, ähnlich der Passionszeit: Wie soll ich Dich empfangen?! fragen wir uns. Letzte Antworten bleiben uns verborgen

»Aller frommen Apologetik zum Trotz ist nüchtern einzugestehen: Wer als Theologe an diesem Punkt hinter das Geheimnis, welches das Geheimnis Gottes selbst ist, kommen möchte, findet dort bestenfalls seine eigenen Wunschprojektionen oder sein eigenes theolo­gisches Kon­strukt.

Angemessener schiene mir an diesem äußersten Punkt, bei dieser schwie­rigsten Frage, eine Theologie des Schweigens. »Würde ich Ihn kennen, so wäre ich Er«, ist ein altes jüdi­sches Wort.

Und manche jüdischen Theologen, die angesichts allen Leids auf eine letzte Recht­fertigung Gottes lieber verzichten, zitie­ren nur das lapida­re Schriftwort, welches auf den Bericht vom Tod der beiden durch Gottes Feuer getöteten Söhne Aarons folgt: »Und Aaron schwieg« (Lev 10,3).«

(Hans Küng, Was ich glaube 246 )

Dezember 2025

7. - 13.12.: Ijob widersetzt sich
»So ist es denn meine über die Jahrzehnte gewachsene Einsicht, zu der ich bisher keine über­zeu­gende Alternative gefunden habe: Leid, übergroßes, unverschuldetes, sinnloses Leid – individuelles wie kollektives – lässt sich nicht theoretisch verstehen, sondern bestenfalls prak­tisch bestehen …
Im äußersten Leid haben Juden, aber auch Christen die Gestalt des Ijob – aus der bibli­schen Lehrerzählung des fünf­ten bis zweiten vorchristlichen Jahrhunderts – vor Augen. Dieser Mann, der unschuldi­ger­weise sein Vermögen, seine Familie, seine Gesundheit verlor, ein Bettler, mit Aussatz behaftet –, er klagt Gott an und verwirft alle Argumente einer Rechtfertigung Gottes, die seine Freunde in langen Gesprächen für ihn ins Feld führen.«
(Hans Küng, Was ich glaube 247)
21.12.- 28.12.: Von Gott alles erwarten
21.12. – 27.12.

«Dass wir in allem Leid, in aller inneren Not und allem äußeren Schmerz, in aller Angst und Sorge, Schwäche und Müdigkeit, Leere und Trostlosigkeit, Anfechtung und Versuchung, in allem Zweifel und in allem Zorn einfach und schlicht zu ihm gehen:

– nicht um vor ihm aufzubegehren, um mit ihm zu rechten, ihm unsere eigene Gerechtigkeit und Wichtigkeit vorzuführen,

– sondern um vor ihm – gerade das wird uns befreien und trösten – mit vollkommen leeren Händen dazustehen und von ihm alles zu erwarten: Hier stehe ich …

Lass mich, ich bitte dich, meine ganze Sorge, die ich nicht bewältigen kann, mein ganzes Elend, mein ganzes Leid, das ich nicht mehr tragen kann, auf dich werfen. Lass mich bei dir Hoffnung, Kraft, Freude finden.«
(Hans Küng, Gott und das Leid 41)

14.12. - 21.12.: Worauf kommt es also nach der Hiobsgeschichte an?

– Dass wir unsere Unfähigkeit, hinter das Rätsel des Leidens und des Bösen zu kommen, nüchtern und ruhig eingestehen.

– Dass wir uns nicht als außenstehende Unbeteiligte und unbefugte Zensoren vorkommen, die sich in Unschuld ein Urteil über Gott und die Welt anmaßen dürfen.

– Dass wir so auf alle Fälle ablehnen, Gott ein auch nur verborgenes, auch nur leises, auch nur unausgesprochenes Misstrauen entgegenzubringen.

– Oder besser positiv ausgedrückt: Dass wir Gott von vornherein ein letztes, ein bedingungsloses und restloses Vertrauen entgegenbringen.«

(Hans Küng, Gott und das Leid 40f)

28.12. - 3.1.: Ein Gebet
28.12. – 3.1.

Anmerkung WL:

Am Ende seiner Lebenserinnerungen möchte Professor Küng seinen Gottesglauben nicht nur mit einem Bibelzitat beschwören, vielmehr mit einem Gebet in der Sprache der Menschen von heute bezeugen, wie er dies gelegentlich auch vor einer großen Öffentlichkeit gewagt hat:

»Unser Leben ist kurz, unser Leben ist lang.
Und voll Staunen stehe ich vor einem Leben,
das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte:

ein Leben von über 31.000 Tagen, schönen und trüben,

wechselnden, die so vieles an Erfahrungen mit sich brachten

im Guten wie im Bösen,

ein Leben, von dem ich heute doch sagen darf: So war es gut.

Ich habe unermesslich mehr empfangen, als ich geben konnte,

alle meine guten Einfälle und meine guten Ideen,

meine guten Entscheidungen und Taten

sind mir geschenkt, aus Gnade ermöglicht.

Und selbst wo ich mich falsch entschieden und böse gehandelt,

hast du mich unsichtbar geleitet.

Um Vergebung bitte ich für alles, worin ich gefehlt habe.

Ich danke dir, Unfasslicher, Allumfassender und Allesdurchwaltender,

Urgrund, Urhalt und Ursinn unseres Seins, den wir Gott nennen,

dir, dem großen, unsagbaren Geheimnis unseres Lebens,

dir, dem Unendlichen in allem Endlichen,

dir, dem Unaussprechlichen in all unserer Rede.

Ich danke dir für dieses Leben mit allem Unerklärlichen und Seltsamen.

Ich danke dir für all die Erfahrungen, die hellen und die dunklen.

Ich danke dir für alles, was gelungen ist, und für alles,

was du schließlich zum Guten gewendet hast.

Ich danke dir, dass mein Leben ein geglücktes Leben werden durfte,

nicht nur für mich selber, sondern für diejenigen,

die an diesem Leben teilhaben durften.

Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen

Irrungen und Wirrungen, kennst du allein.

Deine Absicht mit uns erkennen wir nicht von vornherein.

Dein Angesicht können wir, wie Mose und die Propheten,

in dieser Welt nicht sehen.

Aber wie Mose im Felsspalt

den vorübergehenden Gott vom Rücken her sehen durfte,

so dürfen auch wir deine Hand, o Herr, in unserem Leben

im Rückblick erkennen und dürfen erfahren,

dass du uns getragen und geführt hast und

dass das, was wir selber entschieden und getan haben,

immer neu von dir geleitet wurde zum Guten.

So lege ich auch die Zukunft gelassen-zuversichtlich in deine Hände.

Es mögen viele Jahre sein oder nur wenige Wochen,

ich freue mich über jeden neuen Tag, der mir geschenkt,

und überlasse dir voller Vertrauen ohne Sorge und Angst all das,

was meiner noch wartet.

Denn du bist wie der Anfang vom Anfang und die Mitte der Mitte

so auch das Ende vom Ende und das Ziel der Ziele.

Ich danke dir, mein Gott,

denn du bist freundlich,

und deine Güte währet ewig.

Amen. So sei es.«

(Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit 702 f.)
 

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