Hamburgs berühmtester Polizist sagt „Tschüs“

Dirk Bielefeldt, Comedian aus Blankenese, beendet seine beeindruckende Karriere nach über 30 Jahren in der Uniform des Herrn Holm. Nun startet er mit seinem alter ego unter dem Titel „Das Beste zum Schluss“ seine Abschluschtournee. Vera Klischan hat ihn getroffen und mit ihm über sein spannendes Leben und den mutigen Sprung vom Studenten zum „Gaukler“ und weit über Hamburg hinaus bekannten Beamten gesprochen.

Wieviel Herr Holm steckt in Dirk Bielefeldt?

Hoffentlich nicht zu viel!  Es ist natürlich klar, dass, wenn man eine Figur erfindet, da auch immer viel von einem selbst drinsteckt. Man selbst aber auch das eigene Umfeld sind letztlich da Material. Das ist wohl bei jedem Kunstprodukt so. Aber ich hoffe, dass viele Seiten von Herrn Holm nicht zu viel mit meinem Privatleben zu tun haben. Möglicherweise konnte ich meine verrückten und vielleicht auch narzisstischen Tendenzen auf der Bühne ausleben und so aus meinem Privatleben raushalten.  

Die Polizei-Uniform, die ich auf der Bühne trage, aber auch die Brille und die Körperhaltung verwandeln mein Äußeres doch sehr stark und so werde ich in meinem Privatleben eher selten erkannt. Das ist mir sehr angenehm. Auf der Bühne stehe ich gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, außerhalb des Theaters eher nicht. Meine Stimme, die natürlich auch die von Herrn Holm ist, hat mich dann doch manches Mal verraten. 

Herr Holm ©Klau Hemme

Wie sind Sie Comedian geworden. Wie sah dieser Weg aus?

Ich habe zunächst in Hamburg Soziologie und Philosophie studiert. Ein Workshop hat mich zu einer Schauspielausbildung in Paris motiviert. Nach meiner Rückkehr nach Hamburg wollte ich mein Studium fortsetzen. Dann bin ich aber beim Straßentheater gelandet. Ich habe auf Stadtfesten gespielt, was manchmal sehr schön war, aber auch gruselig sein konnte. 

Anfänglich waren wir zu zweit. Eine Kollegin und ich hatten das Ehepaar Frau und Herr Holm erfunden. Mit diesen Figuren zogen wir als kleinbürgerliche Spießer durch die Straßen. Die Kollegin hörte mit dem Theater auf und ich war allein. Dann entstand die Idee, Herrn Holm in eine Polizeiuniform zu stecken und weiter durch die Straßen zu laufen, nun aber mit ganz anderen provokanten und lustigen Möglichkeiten. 

Wie ist Ihr Verhältnis zur Hamburger Polizei? Woher kam die Uniform?

Ich habe mich dann an die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Polizei gewandt, um zu erfragen, ob das zulässig sei und bekam zur Antwort: „Wer sollte sie daran hindern?“ Und nicht nur das, ich erhielt auch noch einen Schein zur Abholung der Uniform in der Kleiderkammer der Polizei. Erstaunlich, denn tatsächlich ist das Tragen einer Uniform eine Straftat und es wird zur Amtsanmaßung, wenn man dann z.B. auch noch den Verkehr regelt. Mit dem Beamten, der mir so leicht die Uniform verschaffte, hatte ich ein Riesenglück. Hätte er mich damals auf die Rechtslage aufmerksam gemacht, wäre der Polizist Herr Holm wohl nie entstanden.

Ich spielte den Herrn Holm auf Straßenfesten quer durch die Republik. Vor den Auftritten habe ich immer die örtliche Polizei informiert, aber es half meist nicht und so wurde ich immer wieder von der Polizei festgenommen und weiter Auftritte wurde untersagt. Die Polizei kam immer in einem Streifenwagen und die Zuschauer hatten zunächst den Eindruck, das Ganze sei Teil der Inszenierung. Leider war es nicht so. 

Auf der Bühne oder beim Karneval ist das Tragen der Uniform kein Problem. Es muss erkennbar sein, dass es sich nicht um einen echten Polizisten handelt. Ich musste die Uniform nach dem ersten Zwischenfall außerhalb Hamburgs zurückgeben. Dem Beamten, der mir so einfach die Uniform verschafft hatte, drohte ein Strafverfahren wegen Anstiftung zu Straftaten. Schließlich regelte sich alles gut und wir konnten darüber lachen. Ich habe mir dann eine Uniform schneidern lassen, ohne das Hoheitszeichen, nur mit einem Hamburg-Wappen am Ärmel. Auch die Verfahren gegen mich wurden eingestellt.

Schon vor meinem ersten Auftritt mit dem Herrn Holm auf der Bühne habe ich viel Unterstützung von der Polizei bekommen. Ich konnte viele Kollegen sprechen und recherchieren. Später bin ich auch bei den großen Polizeishows aufgetreten und bis heute kommen viele Polizisten in meine Veranstaltungen. Sogar zum Ehrenkommissar wurde ich ernannt.

Herr Holm ©Gregor Schläger

Was ist Herr Holm für ein Mensch?

Er ist eine Mischung aus dem Angepassten, Spießigen, dem Bemühen, immer alles richtig zu machen und eben diesem gegenläufigen, anarchischen Moment, wo Menschen dann so ganz ihrem eigenen, mitunter irrem Regelsystem folgen, das aber für völlig normal halten. Und: Herr Holm hat eine durchaus philosophische Seite. Da äußert er dann Einsichten ins Leben, die nachdenklich stimmen und auch mir gefallen könnten. Ich selbst bin deutlich gemäßigter als Holm.

Welche Figuren haben Sie noch auf der Bühne verkörpert?

Den Bauarbeiter! Das war ein Versuch den Polizisten zu verlassen und mehr Dinge wie Bühnenbild und visuelle Komik einzusetzen. Für die Zuschauer war das lustig, weil auf einer Baustelle ganz viel passiert. Trotzdem hat es insgesamt nicht so gut funktioniert. Wo Herr Holm draufsteht, muss auch Herr Holm drin sein und das ist nun mal der Polizist. Letztlich war aber auch die Produktion noch nicht so auf den Punkt, wie sie hätte sein sollen. Wir haben das Programm nochmal in einer reduzierten Fassung Open Air in Hamburg-Wilhelmsburg gespielt. Dort hat es ganz wunderbar geklappt.

Wer schreibt Ihre Texte?

Ich allein!

Welche Rolle spielt das Publikum für einen Kabarettisten?

Das Publikum ist natürlich das Allerwichtigste. Dafür macht man das alles und es bezahlt einen letztlich auch. Man kann schon regionale Unterschiede feststellen. Da gibt es durchaus unterschiedliche Temperamente. An einem Samstag ist es aber auch meist leichter ein Publikum zu begeistern als vielleicht an einem normalen Wochentag. Auch die Gebäude selbst haben einen Einfluss auf die Stimmung. Manche Spielstätten machen es den Zuschauern wirklich nicht leicht, sich wohlzufühlen.

Auch wenn es sehr ruhig im Publikum ist, kann es trotzdem einen frenetischen Schlussapplaus geben. Als problematisch erlebe ich immer wieder Galaveranstaltungen. Man spielt dann vor Menschen, die es sich nicht ausgesucht hatten, dass ich dort auftrete und die oft viel lieber mit ihren Tischnachbarn reden möchten. Keine guten Voraussetzungen für einen gelingenden Auftritt.

Gibt es besonders denkwürdige Erinnerungen, gut oder eher schlechte?

Es gibt kaum schlechte Erinnerungen, aber grandiose Momente. Eine Begebenheit ist mir in bester Erinnerung: Herr Holm erklärt den Zuschauern in einer etwas abgedrehten Nummer, wie man Fliegen fängt. Ich habe die imaginäre Fliege in der Hand gefangen und drücke zu. Es knackt laut, denn ich habe tatsächlich ein Stück Knäckebrot in der Hand. Und jetzt passiert das ganz Unwahrscheinliche: Eine richtige Fliege kommt für alle Zuschauer gut sichtbar in den Bühnenbereich geflogen und setzt sich auf mein Knie. Natürlich waren nun alle im Publikum gespannt, ob Herr Holm, der eben noch großspurig demonstriert hatte, wie man es machen muss, es schafft, jetzt diese echte Fliege zu fangen. Und tatsächlich: es gelingt mir!!! Ich spüre das Kribbeln in der hohlen Hand und lasse sie für alle erkennbar herauskriechen und wegfliegen. Theater ist eben live und damit kommt auch das Unerwartete, das Ungeplante ins Spiel. 

Wie schwer fällt der Abschied von Ihrem alter ego?

Das kann ich noch nicht beantworten, denn es ist noch nicht soweit. Im Moment verabschiede ich mich von jedem Theater einzeln. Die letzte Vorstellung wird dann sicher besonders bewegend sein und der Abschied sehr wichtig. Mit Herrn Holm ist dann erstmal Schluss. Aber ich kann für das Theater weiterhin aktiv bleiben. Vielleicht habe ich eine gute Idee für ein Theaterstück, das ich mit anderen gemeinsam spiele, vielleicht im St. Pauli Theater

Gibt es Pläne für den „Ruhestand“?

Der Plan ist „Ich höre auf“. Aber schon jetzt merke ich, dass sich Ideen für das nächste Jahr einstellen. Das kommt einfach auf mich zu. Gerade bin ich mit einer Regiearbeit beschäftigt. 

Die Zeit auf der Bühne war eine Superzeit, ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen und damit meine Familie ernähren. Dafür bin ich sehr dankbar. Es muss in Zukunft nicht unbedingt Theater sein, ich bin offen für viele Themen. 

Vielleicht ist es gut zu sagen: Jetzt ist Schluss, es gibt keinen Plan, aber Möglichkeiten.

Lieber Herr Bielefeldt, herzlichen Dank für Ihre Zeit während Ihrer aktuellen Tour! Ich bin sicher, dass Herr Holm von Vielen vermisst wird, bestimmt auch von der Hamburger Polizei, die diesen Posten nicht nachbesetzen kann. Tickets für die Abschiedsvorstellungen von Herrn Holm im Dezember 2022 und Januar 2023 in Hamburg und Norddeutschland gibt es hier.

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