Blankenese im Gespräch

Herbstlektüre: River

Norbert Klugmann schreibt über Treppen, ihre Bewohner und die Elbe als stumme Zeugin
Blankeneser Treppenviertel am Abend © Thomas Kunadt
Das Blankeneser Treppenviertel birgt hinter der malerischen Fassade auch dunkle Geheimnisse © Thomas Kunadt
Schmuddelwetter? Zeit zum Lesen!

Manchmal braucht es einen grauen Novembertag oder einen herbstlichen ‚Lockdown light‘, um sich endlich einmal Zeit für ein paar Stunden auf dem heimischen Sofa und für den Stapel noch ungelesener Bücher zu nehmen.

Ganz oben auf meiner Bücherliste: Der Ende August erschienene Treppenviertel-Krimi River – Die Lebenden und die Toten von dem Hamburger Autor und Drehbuchschreiber Norbert Klugmann.

Ein Buch wie ein Gang durchs Treppenviertel

Als Treppenbewohner gleicht das Buch ein wenig einem Spaziergang über ausgetretene, bekannte und geliebte Pfade. Im Geiste steige ich mit den Protagonisten die Treppen auf und ab und entdecke immer wieder neu den Blick auf die Elbe, bei jedem Licht, bei jedem Wetter, bei Hoch- und Niedrigwasser. Ich treffe in dem Buch alte Bekannte, denen ich auch beim samstäglichen Marktbesuch oder unten am Strandweg begegnen könnte, ebenso wie Prominente, wie sie hier ebenfalls wohnen, die ich persönlich aber nur aus Geschichten oder aus der Zeitung kenne. 

Die verschiedenen Akteure: Der uralte Reeder, der jung-dynamische Anwalt, der Galerist, der Finanzhai, seine amerikanische Ehefrau und ihr halbwüchsiger Sohn, deren Bodyguard, die RAF-Terroristin, die ebenfalls aus dem Viertel stammt, der Fotograf und Schiff-Spotter, der Briefträger, der die Schlüssel zu fast allen Häusern und Geschichten in den Treppen besitzt – sie alle haben ihre eigene Vergangenheit und dennoch sind sie durch unsichtbare Netze von familiären und finanziellen Abhängigkeiten mit einander verbunden. Die Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind nicht unbeabsichtigt und schon gar nicht zufällig. Manchmal wünsche ich mir beim Lesen, dass die Figuren beim Namen genannt würden. Und wenn schon nicht die Personen, so doch wenigstens die Treppen und die Wege. Warum darf die Flusstreppe nicht Strandtreppe heißen?

Viele Geschichten – ein Fluss

Viele der Lebensgeschichten der Romanfiguren nehmen in Blankenese ihren Anfang oder ihr Ende. Die Amerikanerin Sidney hat hier ihre ersten Jahre verbracht und kehrt mit ihrem Sohn und den alten Eltern zurück. Der Vater möchte seine letzten Tage am Fluss seiner Kindheit verbringen. Ein vermisster, sehr alter und sehr wohlhabender Reeder, hatte in der eigenen Jugend ein bewegtes und nicht folgenloses Liebesleben. Ein Attentat der RAF aus der 70ern hat Spuren hinterlassen. Zwei Schweizer Galeristen setzen sich mit Fragen nach den Zusammenhängen von Geld, Kunst und Leben auseinander.

Das Buch River ist im KJM Verlag erschienen und kostet 20 Euro

Die verschiedenen Erzählstränge fließen dahin wie die Elbe, mal schnell und mitreißend, dann wieder fast träge und nehmen den Leser mit sich. Der Fluss als Leitbild transportiert Geschichten, erzählt von Geldströmen und Verbrechen, die sich hinter den pittoresken Fassaden der alten Fischerhäuser verstecken und bisweilen schon Jahrzehnte zurückliegen .

Dazwischen, daneben, fließt unbeeindruckt von den Einzelschicksalen ganz und gar unsentimental der Fluss, transportiert Elbsegler und Containerschiffe. Dieses Bild ist ein Postkartenmotiv, das sich durch den Roman zieht. und sich immer wieder durch kurze Abschnitte und das sich ständig wiederholende Wort River in Erinnerung ruft. Und wie die Elbe bleibe ich beim Lesen seltsam neutral. Ich fühle mit keiner der Personen eine Verbundenheit, leide oder liebe nicht mit. Die knappe, reduzierte Sprache lässt den Leser zum Beobachter werden. Ein Flaneur durchs Treppenviertel, ein Spaziergänger am Flussufer.

Mal schauen, wohin es die Akteure weiter treibt: River – Die Lebenden und die Toten ist der erste Band einer Trilogie, bei der verschiedene Gewässer die Hauptrolle spielen. Sea- Die Lebenden und Lake – Die Toten erscheinen im Herbst 2021 und 2022. Das Buch River ist im Blankeneser KJM Verlag erschienen und kostet 20 Euro

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