“Ich möchte in einer Kultur der Stille leben, in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden.” Der Satz stammt von Peter Bieri, dem 2023 verstorbenen Philosophen, den viele unter seinem literarischen Pseudonym Pascal Mercier kennen werden. Gerade ist aus seine Nachlass ein kleiner Band mit Erzählungen veröffentlicht worden, den Tobias Lentzler und ich in der nächsten Ausgabe von Du musst Dein Lesen ändern besprechen werden.
Bieri hat seinen Wunsch in einer Vorlesung aus dem Jahr 2011 formuliert. Seitdem ist alles immer nur lauter geworden: politische Meinungen, Medien und von Explosionen erschütterte Städte. Statt sich zu besinnen und den Lärm der Welt draußen zu halten, holen wir ihn über unsere Telefone permanent in unsere Köpfe. Unterbrochen wird diese Dauerbeschallung nur, wenn wir uns dem immer weiter wachsenden Unterhaltungsangebot von Netflix, YouTube oder Spotify hingeben, um den Lärm mit noch mehr Lärm zu übertönen.
Ich kenne diese Versuchung allzu gut und erliege ihr viel zu häufig wehrlos.
Gerade habe ich jedoch eine Aufgabe übernommen, die ihrerseits viel Zeit und Aufmerksamkeit erfordert. Ich bin in die Jury des Deutschen Sachbuchpreises berufen worden und mache dabei eine erstaunliche und beglückende Erfahrung: Seit Jahresanfang lese ich Buch nach Buch und stoße häufig auf sehr durchdachte Texte von Menschen, die sich mit einer bestimmten Sache äußerst gut auskennen und oft monate- oder sogar jahrelang recherchiert und nachgedacht haben. Ich lese Bücher aus Bereichen, die ich aus persönlicher Neigung nicht gelesen hätte und sehe die Welt für einen Augenblick aus einer Perspektive, die mir normalerweise verwehrt geblieben wäre.

Dabei verfalle ich auf den Gedanken:
Wie wäre es eigentlich, wenn das alle erleben könnten?
Wenn alle mehr Zeit darauf verwendeten, sich zu informieren, Gedanken nachzuvollziehen und auf Menschen zu hören, die sich besser auf eine Sache verstehen, als man selbst?
Eine Kultur der Stille,
in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden
– das wäre eine lesende Kultur.
Pascal Mathéus


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