Balancieren ist eine Kunst…
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Freitag, 30. Januar:
Große Teile der CDU wollen das Recht auf Teilzeit einschränken. Rückt der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ nicht viele Menschen in ein falsches Licht? Was bedeutet dieser Vorstoß für unsere Gesellschaft?
Viele Menschen arbeiten in Teilzeit, vermutlich die wenigsten aus Bequemlichkeit. Es wird bei den allermeisten nicht um den Besuch im Nagelstudio oder im Fitnessclub gehen, denn Teilzeit bedeutet auch weniger Geld und weniger Rente. Warum verzichtet man auf Geld, arbeitet in Teilzeit?
Die Motivation für Mütter und Väter, in Teilzeit zu arbeiten, sind die Kinder, das Familienleben. Ein Vollzeitjob würde auch für die Kleinsten eine Vollzeitbetreuung in der Kita bedeuten. Wieviel bleibt vom Tag, wenn der Nachmittag fehlt zum Spielen, zur Hilfe bei den Hausaufgaben, zum Gespräch, zum Zusammensein als Familie? Wenn es finanziell möglich ist, zahlt sich Teilzeit aus – nicht auf dem Konto, aber in einer anderen Währung. In Zeit für Kinder und Famile. Und zwar nicht nur für Mütter, auch für die Väter.
Nicht nur Eltern arbeiten in Teilzeit? Erinnern wir uns, dass wir in der Coronazeit für das Pflegepersonal geklatscht haben. Endlich bekam diese Berufgsgruppe die Anerkennung, die ihr längst zustand. Warum der Applaus? Weil die Arbeit im Krankenhaus, im Pflegeheim unendlich schwer ist. Personalmangel, nicht vorhersehbare Situationen und auch große physische und emotionale Belastung bedeuten Schwerstarbeit für die Menschen „auf Station“.
Ebenso die Schulen! Der Lehrerberuf verbraucht ungemein viele Kräfte. Volle Klassen, viele Kinder ohne Deutschkenntnisse, aus anderen Kulturkreisen, Überforderung vieler Eltern – all das führt zur Dauerbelastung des Lehrpersonals. Kaum einer erreicht den gesetzlich vorgeschriebenen Renteneintritt. Ist es angesichts dieser Realitäten nicht wünschenswert für unsere funktionierende Gesellschaft, dass die Menschen in den systemrelevanten Berufen zur Selbsthilfe greifen und ihre Arbeitsbelastung durch Teilzeit auf ein beherrschbares Maß reduzieren? Dürfen wir wirklich von Lifstyle sprechen, wenn es um Teilzeit geht? Ist es für viele nicht eher eine Überlebensstrategie, um den Beruf verantwortungsbewusst auszuüben oder für die Familie zu sorgen?

Was würde aus Sportvereinen, Jugendgruppen,
die vorwiegend vom Ehrenamt leben,
von Menschen, die freiwillig und unentgeltlich ihre Zeit investieren?
Zeit, die sie haben, weil sie nicht in Vollzeit beschäftigt sind.
Viele Institutionen würden ohne diese Helfer und Helferinnen kollabieren.
Rücken wir Teilzeit mit dem Begriff Lifestyle nicht in ein ganz falsches Licht?
Vera Klischan


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