Es zieht Vera Klischan wieder nach Afrika, dieses Mal nach Malawi. Dort geht es nicht um ein komfortables Resort, sondern um ein Krankenhaus und eine Mädchenschule.
blankenese.de hat nachgefragt.
blankenese.de: Liebe Vera, Du bist im November aus Südfarika zurückgekommen. Heute geht es Richtung Malawi. Nennt man das nicht Wiederholungstäter? Warum schon wieder?
Vera Klischan: Das stimmt. Es ist meine zweite Reise innerhalb von knapp fünf Monaten. Beide Reisen sind vollkommen unterschiedlich. In Südafrika war ich für den Senior Expert Service. Nach Malawi reise ich mit meiner Freundin Cäcilie Jansson, die das Projekt dort in erster Linie vorantreibt. Außerdem reist noch eine Gruppe schwedischer Ärzte und Krankenschwestern mit. Insgesamt besteht unsere Gruppe aus elf Personen. Malawi ist ein Binnenstaat in Südostafrika, eines der ärmsten Länder der Welt.
blankenese.de: Worum geht es bei dieser Reise?
Vera Klischan: Es geht um einen Einsatz im Mua Mission Hospital.

Die Ärzte – Chirurgen und Anästhesisten – werden dort von morgens bis abends die Ärmsten der Armen operieren. Unentgeltlich natürlich. Ich unterstütze, so gut ich kann, indem ich nach der Operation neben den Patienten und Patientinnen sitze und die Aufwachphase begleite. Ein Monitoring wie hier gibt es dort nicht, nur die aufmerksamen Augen der „Wache“ an der Liege.
Ich werde auch die Schule besuchen, die mein Rotaryclub Hamburg-Harvestehude gemeinsam mit zwei anderen Rotaryclubs mit einem hohen Geldbetrag unterstützt. Noch ist das Geld dort nicht angekommen, aber es wird in naher Zukunft passieren, so dass wir wichtige Absprachen mit dem Schulleiter treffen müssen.

blankenese.de: Was ist das für eine Schule, die ihr dort unterstützt?
Vera Klischan: Es ist die Tiyende Pamodzi Secondary School for Girls, eine weiterführende Schule für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Sie können dort einen Abschluss machen, der sie zu einer Ausbildung oder einem Studium – bei guter Leistung – berechtigt.
blankenese.de: Wie reagieren die Menschen in der Schule auf Euch, auf Dich? Da kommt die weiße Frau aus Deutschland und weiß alles besser oder könnt ihr euch „auf Augenhöhe“ unterhalten?
Vera Klischan: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir müssen uns auf Augenhöhe unterhalten, Respekt vor der schulischen Arbeit bekunden und vor allem die ganz anderen Bedingungen dort anerkennen. Wir können unsere Maßstäbe nicht übertragen. Da ist zum Beispiel die Frage, wie es nach der Schule weitergeht. Hier bei uns bietet sich ein Strauß an Möglichkeiten, dort scheitert eine Ausbildung möglicherweise schon am mangelndem Verkehrskonzept. Wie können die Mädchen eine weiter gelegene Ausbildungsstätte erreichen? Öffentlicher Nahverkehr Fehlanzeige! Das sind ganz wichtige Punkte, die wir in der nächsten Woche gemeinsam besprechen werden.
blankenese.de: Erzähl uns noch kurz etwas zum Einsatz der Ärzte.
Vera Klischan: Diese wunderbaren Ärzte, Ärztinnen und Schwestern befassen sich jeden Morgen als erstes mit den Menschen, die oft große Strecken überwunden haben, um das Mua Mission Hospital zu erreichen und nun geduldig auf den Stufen sitzen, getragen von der Hoffnung auf Hilfe. Es geht in den meisten Fällen um schwere Verbrennungen, Gaumenspalten bei den Kleinen und Entfernung von großen Lipomen. Aber natürlich gibt es auch die Fälle, die nach Hause geschickt werden, weil eine Operation nicht oder nicht mehr möglich ist. Auch das gehört zu den schweren Aufgaben der Ärzte.
blankenese.de: Liebe Vera, heute Abend geht es los über Addis Abeba bis nach Lilongwe, die Hauptstadt Malawis. Wir wünschen dir viel Erfolg und eine sichere Heimkehr.
Vera Klischan: Vielen Dank! Ich werde wie schon aus Südafrika auf www.blankenese.de regelmäßig von meinen Erlebnissen in Malawi berichten.
Gestern sind wir nach einer langen Reise in unserer Lodge nahe dem Mua Mission Hospital angekommen. Hamburg-Frankfurt-Addis Abeba -Lilongwe! Das waren unsere Stationen, um hier mitten im Busch zu landen. Die Geduld, die man in Afrika haben muss, wurde uns schon kurz nach der Landung am Flughafen abverlangt. Unser Freund Zach empfing uns mit großer Freude, sammelte alle unsere Pässe ein und war dann für gefühlte Stunden weg. Es ging um unsere Visa. Er spannte noch mehrere Personen für diesen unerlässlichen Vorgang ein, deren Funktionen unmöglich zu durchschauen waren für unsere wohl geordneten deutschen Augen. Irgendwann waren alle Visa ausgestellt. Nun zum Gepäck, das vollständig angekommen war, in den malawischen Telekomladen, um Datenvolumen fürs Internet zu kaufen. Kekse, Wasser und los ging’s in zwei Geländefahrzeugen, die schon ein reiferes Alter aufwiesen.
Nach nahezu vier Stunden nervenaufreibender Fahrt erreichten wir die Namalikate Lodge, wo wir alle untergebracht sind. Ich erinnerte die kleinen strohbedeckten Häuschen, die verstreut in der üppig grünen Buschlandschaft liegen, sofort. Völlig übermüdet nach unserem Nachtflug rafften wir uns für ein einfaches, aber köstliches Abendessen auf und freuten uns über das Wiedersehen nach einem Jahr. Sechs schwedische Ärzte mit Op-Schwester, die restlichen fünf aus Deutschland. Auch die, die ich noch nicht kannte, waren sehr schnell integriert. Hier geht es viel weniger um die individuelle Sympathiewelle, vielmehr um die gemeinsame Aufgabe, die uns alle eint. Den Menschen hier, die in bitterer Armut leben, medizinische Hilfe zukommen zu lassen und das Leben ein wenig leichter zu machen.
Damit fingen wir heute Morgen an. Nach dem Aufstehen „business as usual“. Kein warmes Wasser, kein Strom. Ich bin in Afrika. Frühstück um 6.30 Uhr, danach zu Fuß zum Krankenhaus. Dort wartete schon eine endlose Schlange von Menschen geduldig auf den Stufen. Die Hoffnung von einem oft jahrelangen Leiden erlöst zu werden, ließ sie trotz wiederholter schwerer Regengüsse geduldig ausharren.
Die schwedischen Ärzte begannen mit der Triage, ein Begriff, den wir am Anfang der Pandemie gelernt haben. Es heißt nichts anderes als die Beurteilung, wem geholfen werden kann und wem nicht oder wer an eine andere Adresse verwiesen wird.
Nacheinander wurden die Menschen in den kargen Raum gebeten, sichtlich erschrocken von der Riege, die ihnen gegenübersaß. Anästhesisten, die Chirurgin, eine Assistentin vom Hospital und Touzen, der die Landesprache Chichewa ins Englische übersetzte. Touzen arbeitet im Mua Hospital und ist für mich einer der Hoffnungsträger, die dieses Land so dringend braucht. Er hat ohne große Schulbildung als eine Art Pfleger angefangen, sich mit viel Ehrgeiz hochgearbeitet zum Medical Assistant und studiert jetzt nebenbei mit einem Stipendium aus Deutschland, um Chirurg zu werden. Dazu behandelt er seine Landsleute ohne Ausnahme mit ungeheurem Respekt und enormer Herzlichkeit. Hoffentlich erliegt er nach Abschluss seines Studiums nicht wie so viele der Verlockung der Großstadt, wo er viel mehr verdienen könnte. Das Mua Mission Hospital benötigt Menschen wie Touzen dringend.
Nacheinander kamen die Menschen und trugen ihre Leidensgeschichte vor. Dr. Gie, die schwedische Chirurgin, wandte sich jedem einzelnen mit größter Aufmerksamkeit und Herzlichkeit zu. Auch wenn sie Hoffnungen zerstören musste, tat sie dies mit größter Behutsamkeit und oft mit lindernden Tabletten, die mit auf den Weg gegeben wurden. Es hat mich tief beeindruckt, wie liebevoll diese bettelarmen Menschen in ihrer abgerissenen Kleidung vom Ärzteteam wahrgenommen wurden.
Vom Baby bis zum sehr alten Menschen sahen wir alles heute. Die oftmals blutjungen Mütter präsentierten ihre Babys und gingen überglücklich nach Hause, wenn sie ein Pflaster am Arm trugen, auf dem der OP-Termin für ihr Kind vermerkt war. Ein 91-jähriger alter Mann kam aufrecht mit seinem selbst geschnitzten Stock. Seine Lebensenergie hat ihn zu den „Swedish Doctors“ geführt in der Hoffnung auf letzte Jahre ohne Schmerzen.
Wir haben Lipome, Nabelbrüche bei den Kleinsten, verwachsene Finger nach schwersten Verbrennungen gesehen, um nur einige zu nennen. Große Freude verbreitete Sharif, die mittlerweile 10-jährig mit ihrem Opa kam, um die schwerst verbrannte Hand in einer weiteren Operation funktionsfähig zu machen. Ich werde die Tränen des Großvaters im vergangenen Jahr nach der geglückten Operation nie vergessen. Diese Glücksmomente lassen uns um die halbe Welt reisen… trotz der Momente, die am ersten Tag den Blutdruck schon wieder in die Höhe trieben. Dazu später mehr!


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