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Der Weg in den Tag

Der Weg in den Tag

Der Weg in den Tag

beginnt bei mir an der Brücke zum Op’n Bulln und führt dann auf einem schmalen Betonstreifen bis zu einer Bank, wo die Betonierung endet und weiter über den breiten Strandstreifen hinaus Richtung Wittenbergen.
Ich gehe den Weg seit vielen Jahren beinahe jeden Morgen.
Begeistert von der Schönheit der Elbe bei jedem Wetter und dankbar, an so einem Ort leben zu dürfen, spüre ich aber auch mehr und mehr eine gewisse Unsicherheit.
„Blickkontakt – ja – oder -nein?“ lautet die beinahe schon ängstliche innere Frage, wenn mir ein Mensch aus der Ferne auf dem schmalen Betonweg entgegenkommt.

Mit den Jahren habe ich alle Varianten kennengelernt: 
Bei JoggerInnen habe ich mittlerweile volles Verständnis, sie können weder gucken noch sprechen, sie müssen sich intensiv auf den eigenen Körper konzentrieren.
TelefoniererInnen haben natürlich auch etwas Sinnvolleres zu tun, als mein Schlendern mit einem Hund. Zu Beginn der Earpods fühlte ich die Worte noch irgendwie an mich adressiert. Aber, alles okay, ich lerne ja auch mit der Zeit und führe manches notwendige Telefonat auf der Strecke.
Und dann die, für mich depressiven Begegnungen: nichts –  kein Blickkontakt.
Werde ich jetzt, mit Mitte 60, langsam so empfindlich?
Da berühren wir uns fast körperlich auf dem schmalen Betonweg und gucken uns nicht an?
Bumm, da ist der kleine Hieb in die morgendliche Seele.
Aber Empfindlichkeit wirkt in beide Richtungen: Sie führt in die Verletzlichkeit aber genauso in eine große Möglichkeit der Freude.
Ein Jogger mit Earpods, der mich anguckt und aus den Augenwinkeln lächelt: Volltreffer und der Tag startet richtig gut. Die Seele hüpft kurz auf. Und jedes andere Lächeln, Nicken, „Moin“, alles ein kleiner Segen. Und die Elbe wird noch schöner.

Und wenn mal gar nichts kommt, dann gibt es immer noch den Trost an der kleinen Stelle des Weges, auf der Höhe der „Kajüte“, die mit Beton geflickt und mit den Fußabdrücken und dem herrlichen Satz bedruckt ist:


„Don’t worry, be happy.
You’ll be fine“.

s.o.

Die Stelle des Weges ist immer verlässlich da –
zwei Füße haben ihren Gruß an mich hinterlassen.

Freitag, 1. Mai 2026: Stefanie Hempel

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