Betrachtet man die Lebenslinien von uns Menschen, staunt man oft darüber, für welche Wege ein Mensch sich entschieden hat, welche Wendungen es in seinem Leben gab, welche Begegnungen ihn geformt haben und was der Mensch wohl aus seiner Lebensgeschichte für ein Fazit zieht .
Gila ist eine der 14 Teilnehmenden des neuesten Ausbildungskurses für Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden in dem Blankeneser Hospiz, der im Januar begonnen hat und Ende November 2026 beendet sein wird. Gila steht für eine harmonische und interessante, bunte Gruppe, deren Teilnehmer in einer Spanne von 30 Jahren geboren sind. Gila ist die älteste, die sich an das Thema des Lebensendes herantraut.
So unterschiedlich das Alter, so unterschiedlich sind die Lebenswege und das macht die Arbeit in der Gruppe besonders abwechslungs – und erfahrungsreich. Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit allen Themen über das Sterben und Leben, über den Tod und den Umgang damit. Gila erfährt mit allen anderen, wie man mit den „Gästen“ im Haus spricht, deren eigene Sprache versteht und wie sich die unterschiedlichen Phasen des Sterbens darstellen und woran man sie erkennt.
Gila hat auf ihrem langen, schon 81 Jahre währenden Lebensweg …
viele Stationen, viele erfüllende und weniger erfüllende Abschnitte durchlebt.
Seit vier Jahren ist sie nun nach verschiedenen Wohnorten in Hamburg gelandet, wo ihre Mutter bis zuletzt gelebt hat – nicht weit vom Hospiz entfernt, an dem sie so oft schon vorbei gegangen ist.
Im Interview sagt Gila: „Ich hatte schon häufig überlegt, was ich ehrenamtlich einmal Sinnvolles tun kann für unsere Gesellschaft“. Und dann, bei einem erneuten Gang am Hospiz vorbei, kam ihr der Gedanke, es könnte die Begleitung von sterbenden Menschen sein! „Und jetzt“, so sagt sie weiter, „bin ich begeistert von dem Kurs für zukünftige Sterbebegleitende, an dem ich teilnehmen kann, er bereichert und bewegt mich und knüpft dort an, wo ich schon früh mit dem Tod konfrontiert wurde.“ Gila macht in der Auseinandersetzung mit dem letzten Lebensabschnitt von Menschen wieder ganz neue Erfahrungen und gewinnt Erkenntnisse, die sie „glücklich machen“, wie sie sagt.
Gila hat ihren Vater im zweiten Weltkrieg verloren ….
und wurde mit ihrem Zwillingsbruder geboren, als der Vater bereits gefallen war. Der Tod des Vaters, den sie nie kennenlernen konnte, hat sie sehr lange beschäftigt, genau wie den überraschenden Tod des Großvaters als sie noch ein kleines Mädchen war. Beide Ereignisse des Todes von Menschen, die ihr nahestanden – den Vater hatte sie nie erlebt – musste sie unterschiedlich lange und intensiv verarbeiten, denn es gab damals keine Zeit zum Trauern.
In einer sehr früh geschlossenen und jahrelangen Ehe hat sie in einer Gruppe von interessanten Menschen in den typischen 68 er-Jahren in Frankreich viele erfrischende, aufwühlende Gespräche und Diskussionen erlebt, die aufregend und neu für sie waren und sie unglaublich beeindruckt hatten, genauso wie die Betrachtung der Gesellschaft, die dabei manchmal auf den Kopf gestellt wurde.
Gila studierte schließlich Psychologie…..
und arbeitete auf der psychoanalytischen Grundlage lange Zeit – auch nach der letztlich gescheiterten Ehe – als Leiterin des therapeutischen Teams in einer Einrichtung mit Kindern und Jugendlichen. Sie war dort zuständig für die Spieltherapie, was für sie sehr befriedigend und sinnerfüllend war!
Später begegnet Gila in Frankreich ihrem zweiten Mann und entdeckt für sich die Kunst.
Sie kreiert Bilder aus Seide und arbeitet bis heute als leidenschaftliche Künstlerin.
Viele Wochen verbringt Gila im Jahr sowohl in Frankreich im Kreis eines früh entwickelten Freundeskreises als auch in Deutschland.
Ihr zweiter Mann erkrankt ….
und sie erlebt intensiv sein Sterben, wie gleichzeitig auch das Altern und dann auch das Sterben ihrer in Deutschland lebenden Mutter, die sie lange Zeit vorher schon versorgt hatte. Gila pflegte ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter, die ihr sehr viel bedeutet hat und die ihre beiden Kinder in der schweren, kargen Nachkriegszeit allein und mit großer aufopfernder Hingabe aufgezogen hat. Sie erlebt das Sterben ihres Mannes und ihrer Mutter ganz bewusst und intensiv und ist jeweils bei beiden bis zum Schluss an ihrer Seite.
Bei der Frage nach ihrem Verhältnis zur Kirche und zum Glauben,…..
erzählt Gila, dass sie christlich erzogen ist, jedoch in ihrer Freundesgruppe in Frankreich auch andere, neue Erfahrungen gemacht hat. Dort hat sie die Natur ganz anders und bewusster erlebt – wie eine Naturreligion, ebenso Gespräche über das Wunder des Universums. Sie hat Nächte draußen unter freiem Himmel verbracht, die ihr eine andere beeindruckende Sichtweite geboten hatten. Gila ist und bleibt auch heute der Natur eng verbunden., wenngleich christliche Elemente und Menschen, die ihren Glauben überzeugend leben, für sie bemerkenswert sind.

Auf die Frage, ob Gila Angst vor dem Tod hat, sagt sie:
„Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod, eher vor dem Sterben, jedoch erfährt man in der Ausbildung, dass man sich immer mehr mit dem Thema anfreunden und letztlich im Frieden sterben kann“.
Gila ist eine ganz besondere Persönlichkeit,
wie all die anderen in ihrer bemerkenswerten, individuellen Verschiedenheit innerhalb der Gruppe,
die die Arbeit im Hospiz schon jetzt bereichert!
Clarita Loeck


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