(Freitag, 14. August 2026) Mit Entsetzen verfolgen wir den Verfall der Debattenkultur in der Politik. Wer sich für den Dialog mit dem politischen Gegner einsetzt, riskiert es, in Mithaftung für Ansichten genommen zu werden, die er oder sie gar nicht teilt. Da erodiert etwas, das für unser Gemeinwesen womöglich noch wichtiger ist als die inhaltlichen Entscheidungen: die Bereitschaft, anderen zuzuhören und ihnen eine Meinung als legitim zuzugestehen, selbst und gerade dann, wenn diese Meinung nicht der eigenen entspricht. Wo alle sich nur noch innerhalb der eigenen Blase austauschen (wollen), blühen Feindbilder, geht die Fähigkeit zur Empathie verloren.
Auf das obige Lamento können sich vermutlich die meisten von uns einigen. Es ist ja ungefährlich, solange die eigene Komfortzone nicht berührt ist. Da wirkt es fast wohlfeil, sich über „die da oben“ in Berlin oder am Rathausmarkt zu beschweren.
Aber wie ist es eigentlich im sogenannten Kleinen um das Zuhören bestellt, im Privaten? Vor Jahren habe ich einmal im Gespräch halb amüsiert erwähnt, dass meine Kinder diese Phase erreicht hätten, von der man sagt: „Pubertät ist, wenn die Eltern peinlich werden.“ Und war sehr erstaunt, ja beinahe beschämt, zur Antwort zu bekommen: „Hast du deine Kinder mal gefragt, was du anders machen könntest, wenn sie dich peinlich finden?“ Hatte ich nicht; ich hatte nicht einmal drüber nachgedacht. In der schlichten Gegenfrage lag nicht weniger als eine Einladung zum Perspektivwechsel, wie er grundlegender nicht sein könnte.

Im Gespräch bleiben, auch wenn man fürchtet, etwas Unangenehmes zu hören zu bekommen könnte, erfordert den Mut, sich selbst zur Disposition zu stellen.
Es erfordert echtes Interesse am Gegenüber. Genau das spüren die Menschen.
Und das ist vielleicht genauso wichtig wie das, was dann aus so einem Austausch konkret folgt.
Ich kann Phrasen wie „die Menschen ernst nehmen“ oder „auf Augenhöhe reden“ nicht mehr hören, weil sie so abgenutzt sind.
Aber wenn sie nicht zu leerer Gesprächstechnik verkommen, sondern dafür stehen, dass jemand mit dem Herzen dabei ist, dann habe ich Hoffnung.
Ob daheim am Esstisch, auf der Straße oder im Parlament.
Verena Fischer-Zernin, Journalistin


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