Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Das Schulmädchen Magrit – einzige Tochter von Fritz und Edith Rohr – erlebte diese Stunde so:
Meine Eltern und ich waren allein zu Haus. Es klingelte. Das Klingeln zu so später Stunde erschreckte meine Mutter und mich. Nur mein Vater blieb gelassen. Er gab uns den Rat, im 1. Stock zu bleiben und bei Gefahr durch die Bodenluke auf das Dach zu flüchten und uns dort zu verstecken.
Aus der dunklen Höhe der Galerie verfolgten wir, wie mein Vater die Treppe hinunter zur Haustür ging und öffnete. Draußen standen Engländer in Royal Air Force-Uniform. Mein Vater fragte sie auf Deutsch nach ihren Wünschen, obwohl er sehr gut Englisch sprach. Der Major antwortete englisch. So wurde das Gespräch deutsch-englisch fortgesetzt, bis man meinem Vater mitteilte, der Süllberg sei beschlagnahmt!
„Reserved for occupation by British Military authorithies“, stand nach dem Gespräch als amtlicher Beschlagnahme-Beschluss am Haus.
Zwei Flaschen Cognac durfte sich Fritz Rohr mit dem Hinweis: „ Als Medizin für die Familie“ noch aus seinen Beständen nehmen. Dann wurde der Keller versiegelt, der Süllberg aber durfte für Gäste geöffnet bleiben.
Kurz nach Ende des 2. Weltkriegs – schon ab September ´45 – wurde auf dem Süllberg wieder zum Tanz aufgespielt. Allerdings nicht zu einem der rauschenden Tanzfeste der Vorkriegszeit, sondern zum Tanzunterricht. Die Tanzschule Max Wendt hatte dafür den Festsaal gemietet.
Wirtschaftwunder
Nach der Währungsreform von 1948 entwickelte sich langsam Wohlstand in unserer Gesellschaft. Praktisch alle Hamburger Tanzschulen feierten jetzt ihre Abtanzbälle auf dem Süllberg. Werften wie Sietas oder die Deutsche Werft begingen mit großartigen Festessen ihre Schiffstaufen auf der Höhe über der Elbe.

Die griechischen Reederkönige Onassis und Niarchos waren selbstverständlich auch dabei. Bei internationalen Kongressen gehörte es zum Pflichtprogramm der Damen, einen Ausflug auf den Süllberg zu machen. Geschäftsessen und Familienfeiern begannen zu boomen. Kurz gesagt, der Süllberg wurde Hamburgs Party-Burg.
Die Motorisierung der Bevölkerung hatte seit den späten 1950er Jahren stark zugenommen. Familien fuhren nun weniger häufig zum Kaffeetrinken ins nahe Blankenese, dafür eroberten sie Ausflugslokale Schleswig-Holsteins und Niedersachsens. Und trotzdem nahm die positive Entwicklung des Süllbergs Jahr für Jahr zu.
Der große Süllbergsaal besaß eine „Schwebetanzfläche“, geeignet für Tänze des 19. Jahrhunderts, wie Walzer, Polka usw. Sie konnte die weichen Rhythmen Tanzender aufnehmen. Doch die neue Zeit, die 1960er, 70er und 80er Jahre, gebaren zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen, so auch neue Tänze. Und die waren für Schwebetanzflächen absolut ungeeignet. Da flogen dann wirklich die Löcher aus dem Käse, wenn Rock´n Roll oder die Polonaise Blankenese gestampft wurde. Deshalb musste die Tanzfläche von unten durch ein Stützbalkensystem stabilisiert werden.

Am 1. Januar 1968 übernahm wieder eine Rohr die Geschicke des Restaurants auf dem traditionsreichen Berg: Die einzige Tochter von Fritz Rohr, Magrit, brachte als Unterstützung ihren Mann mit, den Diplom-Kaufmann Wolfgang Schulte-Haubrock,
Leider erkrankte er Ende der 1980er Jahre schwer. In dieser Situation rief eines Tages ein Roland Ernst bei Schulte-Haubrocks an und erklärte schon am Telefon: „Ich will den Süllberg kaufen!“ Zwei Tage später kam er per Lear-Jet angedüst. Obwohl Magrit nicht im Entferntesten an einen Verkauf gedacht hatte, wurden sich die Parteien einig. Besonders die beiderseitige Überzeugung, dass die „Perle Süllberg“ erhalten werden müsse, bewirkte bei Schulte-Haubrocks den Eindruck, Ernst sei der richtige Käufer.
Ernst nannte den Süllberg den schönsten Ort, den man sich vorstellen könne. Er schwärmte von früheren Erlebnissen auf der Höhe über Blankenese, kam dann auf seine Pläne zu sprechen und wie er sie umsetzen wolle. Am Ende des ersten, knapp zweistündigen Gesprächs waren Schulte-Haubrocks restlos von ihm überzeugt und verkauften ihm die Liegenschaft zum 1. Januar 1991. Der Kaufpreis war nicht ausschlaggebend, sondern das Gefühl, das Beste für den Süllberg zu tun.
„Wir konnten davon ausgehen, dass das Restaurant nach einer Umbauzeit von zwei Jahren wieder eröffnet wird, denn Ernst machte einen seriösen, zuverlässigen Eindruck!“ Und er war obendrein durch eine im Vertrag festgelegte Konventionalstrafe von 800.000 DM gezwungen, diesen Termin auch wirklich einzuhalten.
Vertraglich war Ernst verpflichtet, den alten Saal im Glanz von 1880 wiedererstehen zu lassen, die Gastronomie zu erneuern und einen Hotelbau mit 60 Doppelzimmern zu bauen.
Zunächst hatten Schulte-Haubrocks allen Grund zufrieden zu sein, denn alles lief vertrags- und termingerecht. Bis Ernst durch eine Reihe fehlgeschlagener Projekte zum Jahreswechsel 1991 in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Jetzt gab es für den Investor nur noch eines: Der Süllberg musste ausgeschlachtet werden und Geld bringen, egal was vorher vertraglich fixiert worden war. Sechs Wohntürme „im toskanischen Stil“ wollte er auf dem Süllberg-Areal errichten. Deren Verkauf sollte Geld in die leeren Kassen seines Imperiums spülen.
Mit allen Tricks versuchte Ernst die Behörden zu überzeugen, eine Abrissgenehmigung für das gesamte Ensemble zu erhalten. Als Begründung gab er vor, die Bausubstanz sei marode. Heimlich ließ er in Regennächten die Dachpfannen des Saals abnehmen, damit es durchregnete. Danach wurden die abgedeckten Pfannen wieder eingesetzt. Das beobachteten Nachbarn, woraufhin Ernst angezeigt und zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt wurde.
Um seine neuen Ziele zu erreichen, torpedierte Ernst seine eigenen Baupläne und wirtschaftete das Süllberg-Lokal herunter.
„Ich werde die Seele des Süllbergs vernichten!“ sagte der Heidelberger Unternehmer prahlerisch in einem NDR-Interview.
„Es ging damals an die Grenzen meiner Kraft!“ meinte Frau Schulte-Haubrock, denn neben der zermürbenden Aufregung um die Zukunft des Süllbergs mit dem betrügerischen Käufer kam die Sorge um ihren schwer kranken Mann Wolfgang, der im Januar 1997 verstarb. Jetzt entschloss sich Magrit zur Klage gegen Ernst.
Im März 2000 wurde der Baulöwe verhaftet, zwei Monate später mussten seine Firmen Insolvenz anmelden. Inzwischen waren die Bürger wach geworden und protestierten gegen die Zerstörung des Ensembles und die Umwidmung der Süllberg-Nutzfläche. Unter Führung von Monika Lühmann wurden 25.000 Unterschriften gesammelt.
Als die Verauktionierung des Süllberg-Inventars wie eine Verscherbelung ablief, war das der Tropfen, der das Protest-Fass zum Überlaufen brachte. Plötzlich merkten die Hamburger hautnah, was wirklich geschah.
Rettung tauchte erst auf, als die Dresdner Bank, die das Projekt inzwischen begleitete, Sternekoch Karl-Heinz Hauser als neuen Betreiber des Süllberg-Restaurants vorschlug. Als der Adlon-Star den Süllberg zum ersten Mal sah, wusste er, dies ist für ihn eine einmalige Chance.
Nach Umbauten und aufwendiger Restaurierung konnte der Süllberg im September 2002 in neuem Glanz wieder eröffnet werden, zur großen Genugtuung und Erleichterung von Magrit Schulte-Haubrock als letzter Vertreterin der tüchtigen Süllberg-Frauen.
Quellenangabe:
Interview mit Magrit Schulte-Haubrock
„Süllberg-Restaurant. 1837-1987. Erinnerungen aus 150 Jahren“ Magrit Schulte Haubrock, 1987, Kröger Druck, Wedel
„Blankenese ABC“ Hamburger Kloenschnack, 2001
„Anno Krug. Ausflugslokale und Kneipen damals“ 2005, Maike und Ronald Holst
http://www.welt.de/print-wams/article600526/


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