Der Sohn: Karl Lagerfeld auf der Berlinale 2008 (Wikipedia)
Es soll nur zwei Fotos von Elisabeth Lagerfeldt geben, die ihr Sohn wie einen Gralsschatz hütet.
Trotz unserer Anfrage hat er sie und leider nicht zur Verfügung gestellt.
Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
„Du musst hier raus! Hamburg ist zwar das Tor zur Welt. Aber eben nur das Tor!“
riet Elisabeth Lagerfeld 1953 ihrem Sohn Karl-Otto, als sie einmal wieder mit ihm über seinen Einstieg ins Berufsleben sprach.
Was sollte nur aus ihm werden? 1951 hatte er die Hamburger Bismarck-Schule ohne Abschluss verlassen. Jetzt – zwei Jahre später – war der Junge zwanzig und hatte nichts weiter getan, als zu zeichnen, zeichnen, zeichnen. Da musste sie endlich die Zügel in die Hand nehmen. Elisabeth wusste schließlich, worauf es im Leben ankam. Denn sie galt als ein typisches „Alphatier“.
Die 1897 in Sigmaringen geborene Elisabeth war Tochter von Landrat Heinrich Maria Karl Bahlmann aus dem Kreis Beckum im Münsterland. Von 1899 bis 1922 hatte ihr alter Herr das hohe Amt bekleidet. Doch Tochter Elisabeth zog es weg aus der Provinz, hinein ins pralle Leben der Großstadt. Berlin war das richtige Pflaster für sie. Hauptstadt des Vergnügens, der Zerstreuung, aber auch der Kunst. Eben hatten die Goldenen Zwanziger ihren Höhepunkt erreicht. Glitzernde Vergnügungs-Paläste waren entstanden, in denen Charleston getanzt wurde. Bewegte Bilder flimmerten über Kino-Leinwände, dramatisch untermalt von Pianospielern. Der junge Hans Albers oder gar Marlene Dietrich erschienen zu Premieren. Partys und rauschende Feste wurden beinahe an jeder Straßenecke gefeiert. Man ging ins Kabarett, traf Kurt Tucholsky oder Ringelnatz, Schriftsteller wie Thomas Mann, Erich Kästner oder Alfred Döblin begegneten sich im Romanischen Café. Und um die Ecke wohnten Maler wie Max Liebermann oder George Grosz. Den Ton dabei gab nicht nur Kurt Weil an. Vor allem aber waren Berliner Modeschöpfer zur ersten Garde Europas avanciert. Nach dieser Welt hatte sich Elisabeth gesehnt, hier gingen vielleicht auch ihre beruflichen Wünsche in Erfüllung. Denn sie war in der Berliner Modebranche unter gekommen, verkaufte in einem Damenmodengeschäft Lingerie.
Einer Verkäuferin bot sich die Gelegenheit, Männer kennen zu lernen. Sogar höhere Töchter strebten nach dem 1. Weltkrieg solche Stellen an. Sie brachten Bildung und Gewandtheit mit, konnten ein wenig in fremden Sprachen parlieren, waren gepflegt und modisch gekleidet. Dies wurde übrigens auch von ihnen verlangt. Für diese Frauen rückte durch das selbst verdiente Geld die Emanzipation ein Stück näher – auch wenn es bestimmt nicht immer 80 Franc pro Woche waren, wie Willy Forst in Ralph Benatzkys Schlager von 1933 sang: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin in einem Schuhgeschäft mit 80 Franc Salär in der Woche …“
Der tägliche Umgang mit Kunden lehrte Verkäuferinnen, Geduld und Einfühlungsvermögen zu entwickeln. Arbeitsplätze an der Ladentheke (mit eigenem Einkommen) waren sehr begehrt, denn immerhin fehlten beinahe zwei Millionen potentielle Ehemänner, die auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges geblieben waren.
Wie Elisabeth ihre Freiheit nutzte, ihre Abende und freien Sonntage verbrachte, wie es mit Männerbekanntschaften aussah? Immerhin war sie schon 33 Jahre alt, als Otto Lagerfeldt auftauchte. Wir wissen es nicht. Auch ihren Kindern erzählte sie nie etwas über ihre Jugend oder ihr voreheliches Leben. Wenn sie mit Fragen bedrängt wurde, beschränkte sie sich auf geheimnisvolle Andeutungen, die die Neugier der Kinder zusätzlich steigerten.
Eines Tages lief Elisabeth der 16 Jahre ältere Otto Lagerfeldt über den Weg. Vielleicht hatte er sich bis in die Dessousabteilung vorgewagt, in der Elisabeth verkaufte? Das war 1930. Ein stattlicher wohlhabender Witwer war er, der ihr mit der Ehe ein großbürgerliches Leben bieten konnte. Denn Otto hatte eine außergewöhnliche Karriere gemacht. Und dass er Tochter Thea aus erster Ehe mitbrachte, störte nicht weiter. Deren Mutter war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Personal gab es schließlich genug im Hause Lagerfeld. (Thea heiratete später einen Grafen von der Schulenburg und verstarb Ende des 20. Jahrhunderts.)
Die Lagerfeldts waren eine Ur-Hamburger Familie, deren Name mit „dt“ geschrieben wurde. Weil es sich geschäftsmäßiger anhörte, ließ Sohn Karl-Otto das „t“ später wegfallen. Das klang ein wenig schwedisch.
Otto wurde 1881 auf St. Pauli geboren, war mit Willy Hagenbeck in die gleiche Schule gegangen.1902 trieb es ihn nach Venezuela. Von dort ging es zu seinem Bruder nach San Francisco, wo er 1906 Zeuge des furchtbaren Erdbebens wurde, bei dem 3.000 Menschen ihr Leben verloren. Zeitlebens erzählte er, dass man sich bei Beben nach Möglichkeit unter einen Türrahmen stellen und abwarten müsse, zu welcher Seite die Mauern fallen, bevor man nach draußen stürzt.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten knüpfte er erste Kontakte zur „Carnation Company“, einem führenden amerikanischen Dosenmilch-Hersteller, dem es nach jahrzehntelangen Versuchen gelungen war, evaporierte (wasserentzogene) ungezuckerte Dosenmilch herzustellen, die zunächst in Weltregionen ohne Milcherzeugung exportiert wurde, z.B. nach Sibirien. Otto wurde mit dem Auftrag nach Wladiwostok geschickt, die amerikanische Dosenmilch „Carnation“ (Nelke) unter dem ins Russische übersetzten Namen „Gwosdika“ einzuführen.
Als Bürger eines Feindstaates wurde er während des Weltkriegs in Russland interniert, durfte erst 1919 zurück nach Deutschland und gründete in seiner Heimatstadt umgehend die Firma Lagerfeldt & Co, die – was lag näher – „Carnation“ Dosenmilch importierte und vertrieb.
Um den Absatz zu stimulieren entwarf er eigenhändig die noch heute bekannte rotweißgrüne Produktaufmachung und änderte 1923 den amerikanischen Markennamen in den deutschen Namen „Glücksklee“. Das war ein kluger Schachzug, denn Deutschland litt unter der Niederlage des Weltkriegs und den Folgen des Versailler Vertrages. Darum wollte der größte Bevölkerungsteil möglichst wenig mit Produkten von ehemaligen Feindmächten zu tun haben.
Infolge immer höherer Schutzzölle drohte die Dosenmilcheinfuhr 1925 zum Erliegen zu kommen. Das war für Lagerfeldt der Auslöser, Glücksklee-Dosenmilch im Reich selbst herzustellen. Er gründete drei verschiedene Produktionsstätten, die allerdings im Zuge des 2. Weltkriegs verloren gingen
In der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit erholte sich nicht nur die Wirtschaft allgemein, sondern auch die Kondensmilchmarke Glücksklee im Besonderen, die unter dem Slogan „Milch von glücklichen Kühen“ ein riesiger Verkaufserfolg wurde.
Otto Lagerfeldt steuerte die Glücksklee-Geschicke bis zu seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben im Jahr 1957 eben mit sehr erfolgreicher Hand.
Ehepaar Lagerfeldt erwarb am 25.3.1930 die Villa von Auguste Baur (1821 – 1875, unverheiratete Tochter des Baurs-Park-Gründers und Katharinenhof-Erbauers Georg Friedrich Baur) „Baurs Park 4“ in Blankenese, kurz darauf zog die Familie in Haus Nr. 3 der gleichen Straße, das ebenfalls über einen herrlichen Elbblick verfügte.
1931 wurde Lagerfeldts Tochter Christel (eigentlich Martha Christiane) und 1933 ihr Sohn Karl-Otto geboren, den das Paar nach seinem Großvater mütterlicherseits Karl benannte. Der zweite Vorname Otto stammte vom Vater. Elisabeth war damals bereits 36, als ihr Sohn geboren wurde, ungewöhnlich alt für diese Zeit.
Die Lagerfeldt galt als distinguierte, kühle Hanseatin, die viel las, gern Briefe schrieb und Violine spielte. Sie war liberal und sehr modern für ihre Zeit. Ihre Kinder zu streicheln und zu herzen, lag Elisabeth allerdings völlig fern. Körperliche Nähe war ihr zuwider. Auch hatte sie keine Lust auf muntere Kinderspiele oder Kindergeschwätz einzugehen, es sei denn, die Kinder sagten etwas „Erwachsenes“.
„Sprich bitte schneller!“ wurde Karl-Otto immer wieder von ihr ermahnt, „damit du mit dem Stuss, den du redest, bald zu Ende kommst!“ Auf diese Weise wurde ihr Sohn zum Schnellsprecher.
Für Kinderbetreuung war „Schwester Meta“ im Hause Lagerfeldt zuständig. (Von ehemaligen Spielkameraden wusste übrigens keiner von einer Begegnung mit Elisabeth zu berichten. Sie trat eben wenig zusammen mit ihren Kindern in Erscheinung.)
Neben dem Ehepaar Lagerfeldt lebten „noch jede Menge Leute im Haushalt“. Zwei Tanten, Schwestern von Elisabeth, die drei Kinder, ein Onkel und viel Personal.
Ihren Vater sahen Thea, Christel und ihr Bruder höchst selten. Karl-Otto mochte ihn viel lieber als die Mama. Aber Vater war längst nicht so amüsant. „Meine Mutter war frech wie Straßendreck, der Vater selten zu Hause, und wenn, dann mit Distanz zu uns Kindern!“ beschrieb Karl-Otto seine Eltern. Der Vater war ein streng zugeknöpfter Hanseat, über den sich seine Frau öfter lustig machte.
Entsprechend dem damaligen Rollenverständnis von Mann und Frau und wegen seiner außerordentlichen beruflichen Anspannung kümmerte sich Otto primär um den Aufbau seiner Firma, während das Hauspersonal und – darüber schwebend Elisabeth – für die Kinder und deren Erziehung verantwortlich war.
Obwohl beide Ehepartner eine streng-katholische Erziehung genossen hatten, praktizierten sie ihren Glauben nicht mehr und verschoben die religiöse Erziehung ihrer Kinder auf „Später, später!“ Denn die ungeliebten eigenen Erfahrungen wollten sie ihnen ersparen.
Elisabeths sporadische Kinder-Erziehung wurde ab und an bemängelt. Karl-Ottos Patenonkel Conrad beispielsweise rügte seine Schwägerin: „Elisabeth, dein Sohn ist ein Dummkopf. (Er hatte mit 10 Jahren nicht gewusst, wer Freiherr von Freiligrath war.) Das ist deine Schuld. Deine Kinder haben nicht die geringste Erziehung!“ Elisabeth dagegen war der Auffassung, dass man mit ein bisschen Ehrlichkeit und Intelligenz jede Frage beantworten könne – auch wenn dies ihrem Sohn nur sporadisch gelang.
Altmodisch und aus Sicht der Nationalsozialisten „weibisch“ war, dass Karl-Otto noch als Grundschüler wie ein Mädchen aussah. Noch als Achtjähriger sträubte sich Karl-Otto, seine lange Mähne schneiden zu lassen. Ein für die Hitler-Zeit unziemliches Verhalten. Schließlich wurde er von seinen Jungvolk-Kameraden gewaltsam zum Friseur geschleppt. Aber auch nach dem Krieg wurde in seiner Schulklasse immer mal wieder für einen seiner Friseurbesuche gesammelt.
Er war eben ein verwöhntes Kind, bei dem Elisabeth vieles durchgehen ließ. Manchen Wunsch der Kinder lehnte sie dagegen schroff ab. Als Karl-Otto mit etwa zehn Jahren Klavier spielen lernen wollte und auf den Tasten des Flügels im Wohnzimmer klimperte, wies sie ihn zurecht: „Hör auf damit! Zeichne! Das macht weniger Lärm!“
Die beim Jungvolk üblichen kurzen Cord-Hosen ergänzte Elisabeth mit Oberhemd, Krawatte und Sakko, manchmal soll selbst ein Monokel nicht gefehlt haben. Zu anderen Gelegenheiten zog sie ihrem Spross maßgeschneiderte Anzüge an. Dennoch hat Karl-Otto mit vierzehn noch mit Puppen gespielt. (Vielleicht waren es Modepuppen, die er ankleidete?) Trotz dieser vielen Widersprüche erlebte er seine Jugend als „ganz normal“.
Im Gegensatz zu ihm lief seine burschikose Schwester Christel in kurzen Lederhosen und Gummistiefeln umher, melkte Kühe, ritt auf ihrem Pony oder half im Stall. Sofern die beiden sehr unterschiedlichen Kinder ihren Eltern nicht auf die Nerven gingen, durften sie machen, was sie wollten. Mutter Elisabeth war eben großzügig bzw. gleichgültig in vielen Erziehungsfragen, wollte anderseits aber ihre modischen Vorstellungen verwirklichen, was vorrangig bei Karl-Otto gelang. Trotzdem hielt sie ihrem Sohn in ihrer schnippischen Art vor: „Man kann dich nur ertragen, wenn Du nicht redest!“
Christel und Karl-Otto waren, wie gesagt, sehr unterschiedlich. Christel durfte viele Dinge, die ihrem Bruder versagt waren. Er fühlte sich deshalb benachteiligt. Doch sie hielten zusammen; auch als Erwachsene riss der Kontakt nicht ab. Er empfindet seine Schwester heute als Heilige und sich als das Gegenteil: faul und egoistisch. Aber sie lebt weit weg in Amerika – wie auf einem anderen Planeten – und will ihren Mann und ihre „ganz reizenden Kinder“ nicht einen einzigen Tag im Leben allein lassen.
Ehepaar Lagerfeldt verkaufte die von Architekt Herrmann erbaute Villa 1935 an Herrn de la Camp (damaliger Präses der Handelskammer), der das alte Gebäude abreißen ließ und ein Reet gedecktes Landhaus, dem Stil des gerade aufgesiedelten Parkareals entsprechend, baute. Das wiederum ließ der spätere Besitzer und Architekt Cäsar Pinnau in den 1990er Jahren abtragen und durch einen Alterssitz in Oktaederform ersetzen.

Lagerfeldts zogen aufs Gut Bissenmoor bei Bad Bramstedt, das sie nebst 300 ha Bauernland erworben hatten.
Doch schon 1939 trieb es sie zurück in die Hansestadt. Wegen der immer stärker werdenden Bombenangriffe wechselten sie 1943 abermals nach Bissenmoor.
Hier stand ihnen allerdings nur noch das Erdgeschoss zur Verfügung, denn seit den Gomorrha-Angriffen (Juli/August 1943) der Alliierten waren im 1. Stock Bombenopfer untergebracht worden.
Nach der Kapitulation wurde das gesamte Gutshaus von der englischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Familie Lagerfeldt musste deshalb für ein Jahr in zwei Räumen des Kornspeichers hausen. Doch kurz nach der Währungsreform gelang es ihnen, wieder nach Hamburg überzusiedeln. Heute ist das Gutshaus nicht mehr zu finden. Es war Opfer des Holzwurms geworden und wurde abgerissen.
Als Lagerfeldts wieder nach Hamburg kamen, lag die Stadt in Trümmern. Wo immer man ging, traf man Kriegsversehrte und bis zum Skelett abgemagerte Menschen. Manchen blieb nichts anderes übrig als zu betteln. Elisabeth lehnte es trotzdem ab, diesen armen Menschen ein paar Groschen zuzustecken. Denn sie war der Meinung, wenn man spendet, muss es anonym bleiben. Es darf kein Akt der Satisfaktion werden: Ich gebe dir etwas, armer Mann. Du musst dich dafür bei mir bedanken.
Karl-Otto versuchte sich in der Schule durchzumogeln, spielte häufig krank. Einmal simulierte er sogar eine Polioerkrankung. Doch Elisabeth durchschaute ihren Sohn und heilte ihn mit einer schallenden Ohrfeige. Trotzdem schrieb sie die erforderliche Entschuldigung.
Für die Schule zu lernen brauchten ihre Kinder zuhause nicht. „Ihr müsst die Zusammenhänge kennen. Der Rest steht im Lexikon!“ war ihre Einstellung. Und wenn sie mal zur Schule gebeten wurde, ging sie nicht hin. „Das ist euer Ärger. Mir ist das wurst!“
Einmal traf sie einen Lehrer auf der Straße, der sofort los legte: „Freut mich sie zu sehen. Ihr Sohn sieht unmöglich aus, können sie ihm nicht mal sagen, er soll zum Friseur gehen und sich die Haare schneiden lassen?“ Frau Lagerfeldt sah den Pädagogen daraufhin verächtlich an, zog ihm die Krawatte aus dem Jackett, schleuderte sie ihm ins Gesicht. „Wieso? Sind Sie immer noch Nazi?“ Danach drehte sich weg und wünschte schnippisch „Einen schönen Tag noch!“
Wer sich mit ihr anlegte, hatte eigentlich immer verloren.
Der häufige Ortswechsel mag auch die schulische Entwicklung von Karl-Otto beeinträchtigt haben. Doch wäre seine Mutter nicht gewesen, hätte er womöglich Brötchen gebacken, statt elegante Kleider zu entwerfen. Denn Karl-Otto hatte lange den Wunsch gehegt Bäcker zu werden. Elisabeths Argument gegen diese Handwerkerkarriere lautete: „Kommt nicht infrage! Macht dick!“
Nach Fehlversuchen dieser Art nahm Elisabeth ihren Sohn 1953 ganz unter ihre Fittiche. Ihr Ziel war jetzt Paris, nachdem sie erfolglos versucht hatte, Karl-Otto an der Kunsthochschule Hamburg anzumelden. Wenn er schon ein manischer und begabter Zeichner war und in seiner Heimatstadt keine Chance erhielt, mussten seine Talente in der Stadt an der Seine, in der Kapitale der Kunst, vervollkommnet werden. Sie suchte die bestmögliche Ausbildung für ihn, ließ ihn eine Privatschule besuchen, die er 1955 beendete. Während dieser Zeit soll Elisabeth überwiegend bei ihrem Sohn gewesen sein. So hat sie ihm zum erfolgreichen Schulabschluss und brillanten Start ins Berufsleben verholfen.
Als Karl – die zweite Hälfte seines Doppelvornamens war inzwischen, genau wie das „t“ seines Nachnamens, entfallen – gleich bei seinem ersten Couture-Wettbewerb den 1. Preis holte, und der von ihm entworfene Mantel obendrein in die Fertigung ging, schenkte ihm Vater Otto ein cremefarbenes Mercedes 190 SL Coupé. Das war 1955. Das damals unglaubliche Fahrzeug wurde ein paar Jahre später als „Nitribitt-Auto“ berühmt-berüchtigt. Doch da fuhr Karl bereits einen vom Vater geschenkten Jaguar. Weil er mit Sportfahrzeugen aber einige dramatische Unfälle hatte, tauschte seine Mutter den Jaguar in eine Bentley R-Type Limousine, die repräsentativ, elegant und viel seriöser als ein Rolls Royce aussah.
Nach Ende seines Arbeitslebens verkaufte Otto Lagerfeldt Gut Bissenmoor und den größten Teil des Inventars und zog mit seiner Frau in eine gemietete Vierzimmer-Wohnung nach Baden-Baden. Einen Teil des Verkaufserlöses schenkten die Lagerfeldts ihren Kindern.

und nannte es, in Erinnerung an seinen verstorbenen Lebensgefährten Jacques de Bascher, Villa Jako.
Lagerfeld verabschiedete sich von Blankenese 1997
Manchmal besuchte Elisabeth ihren Sohn in Paris, nahm auch im Alter kein Blatt vor den Mund, obwohl Karl-Otto da bereits Chef der Firma Chloé war: „Schade, dass du dich nicht über den Hof gehen siehst, sonst könntest du sehen, was für einen dicken Hintern du gekriegt hast!“
Bei einem ihrer Paris-Besuche räumte sie seinen Schreibtisch auf und warf sein 1953 begonnenes Tagebuch fort! „Sei froh, sonst findet es noch jemand. Es braucht ja nicht jeder zu wissen, wie doof du bist!“ war ihre charmante Erklärung dazu.
Otto Lagerfeldt verstarb nach einem sehr erfolgreichen Leben mit beinahe 90 Jahren.
Nach dem Tod des Vaters kaufte Karl Lagerfeld seiner Mutter ein Rokokoschloss mit 16 Zimmern.
Eine Zeitlang lebten Mutter und Sohn zusammen in diesem Chateau de Penhoet in der Bretagne, doch es dürfte dort wie bei Virginia Woolf zugegangen sein – wurde zumindest kolportiert. Karl-Otto dagegen schwadronierte, wie sehr seine Mutter den Schlossaufenthalt genieße, nachdem sie Baden-Baden aufgegeben habe.
Wolfgang Joop, der Designer, war einmal zu Gast auf diesem Schloss und erinnert sich: „Frau Lagerfeldt hatte ein großes Bedürfnis zu herrschen. Sie war eine sehr strenge, resolute Frau, aber sicher nicht so intellektuell, wie sie Karl immer beschrieb.“
Drastischer äußerte sich der Sohn über seine Mutter: „Als Ehefrau war meine Mutter unmöglich. Mein Vater hatte genug Probleme mit ihr. Toll fand ich, dass die gute Frau in ihrem Leben nie etwas getan hat. Dafür konnte sie alle Leute, auch ihr Personal, in Sklaven verwandeln.“
L´Express schrieb 1976 in einem Interview mit Karl Lagerfeld: „Auf meinem Schloss habe ich Diener rund um die Uhr. Wenn meiner Mutter ein Taschentuch runterfällt, klingelt sie, damit der Butler kommt, es aufzuheben – das ist sie ja seit 80 Jahren so gewohnt.“
Im Frühjahr 1978 verstarb Elisabeth im Alter von 81 Jahren auf Lagerfelds Schloss in der Bretagne. Das Hausmeisterehepaar soll danach aufgeatmet haben, obwohl Karl sie lange und großzügig für die Launen seiner Mutter entlohnt hatte: mit dreifachem Gehalt.
Begraben wurde Elisabeth nicht etwa auf einem Friedhof. Sie ruht in der Schlosskapelle in einer in die Wand eingelassenen Urne.
Doch die ungewöhnliche Karriere des Jungen aus Blankenese, dessen Tanten ein Schreibwarengeschäft in der Bargfredestraße 38 betrieben, steigerte sich bis zur „Kaiserwürde“, denn heute spricht man in der Modewelt von ihm als „Kaiser Karl“.
„Du hättest mehr aus dir machen können, aber bei deinem Mangel an Ehrgeiz ist das schon o.K., was du geschafft hast!“ hatte Elisabeth die Karriere ihres Sohnes einmal kommentiert.
Quellenangabe:
Deutsche Biographie NDB Lagerfeldt, Otto
Karl Lagerfeld, Wikipedia
Heimatliches Jahrbuch des Kreises Segeberg, 1991, Seite 105 ff
Modezar Lagerfeld: Seine Jahre auf Gut Bissenmoor
www.focus.de/panorama/boulevard Karl Lagerfeld
www.express.de/promi-show/star-designer-Lagerfeld
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2008, „Dat weer Kalli“/Lagerfelds Jugendjahre
Paul Sahner „Karl“, mvg-verlag, premium, München 2009


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