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Friederike Klünder, geb. Grupen

Friederike Klünder, geb. Grupen

Friederike Klünder, geb. Grupen

Wohltäterin, 1776 bis 1848

Pocken! Welch schreckliche Seuche!

Die feine Frau vom Kiekeberg hielt selbst die Ansteckungsgefahr nicht davon ab, die armseligen Hütten in ihrem Umkreis zu betreten. Wie oft hatte sie Kinder aus der Nachbarschaft entsetzlich leiden sehen. Wie oft hatte sie hilflos zusehen müssen, wie meist Kinder, aber auch Erwachsene von hohem Fieber geschüttelt, Gesicht und Körper mit eitrigen Beulen übersäht unter entsetzlichen Qualen starben. Die Virenkrankheit Pocken, auch Blattern genannt, war hoch ansteckend und endete meist tödlich. Wer aber überlebte, behielt lebenslang entstellende Pockennarben – auch im Gesicht.

Das Leiden der armen Kinder, ihre eigene Unfähigkeit Abhilfe zu schaffen, ließen Frau Klünder keine Ruh. Eines Tages erfuhr sie, dass zwei Hamburger Ärzte in Altona ein Institut gegründet hatten, in dem ein wirksames Serum gegen die Pockenkrankheit bereitgehalten wurde. Ein englischer Arzt – namens Edvard Jenner –  habe 1796 den Impfstoff entwickelt, indem er Flüssigkeit aus Kuh-Pockenblasen verwendete.

Sofort nahm Frau Klünder Kontakt mit dem frisch gegründeten Institut auf und bewarb sich als Assistentin bei den Ärzten Chaufepié und Kerner. Sie ließ sich über die Wirksamkeit des Serums aufklären, lernte mit dem Impfstoff umzugehen und selbst Impfungen vorzunehmen. Das war im Jahr 1805.

Dann wurde sie selbständig aktiv. Zunächst impfte sie sich und ihre Familie. Dann suchte Friederike die Vorurteile der Dorfbewohner gegen Blatternimpfungen zu entkräften, indem sie in den Dörfern Dockenhuden, Blankenese, Sülldorf und der umliegenden Gegend von Tür zu Tür ging, den Fischern und Landleuten ihre eigenen geimpften, blühend gesunden Kinder zeigte und dazu anbot, Kinder unentgeltlich von ihr impfen zu lassen.

„Einer der interessantesten Augenblicke ist, diese wohltätige Frau, von einer Schar Bäuerinnen und Kindern umgeben, Schutzblattern impfen zu sehen!“ hieß es über Friederike Klünder 1817 im schleswig-holsteinischen Provinzialbericht.

Zwischen 1805 und 1832 nahm Friederike 2.168 Impfungen vor, wie ihr gewissenhaft geführtes „Vaccinationsbuch“ belegt. Sie muss etwa 80 Kinder pro Jahr geimpft haben. Augenzeugen zufolge verfuhr Friederike Klünder dabei so geschickt, dass es nur selten zu Tränen kam. Nur zwei Jungen im Alter von sieben Monaten und eindreiviertel Jahren überlebten die Behandlung nicht.

Die staatlich verordnete Kuhpockenimpfung fand in den Herzogtümern Schleswig und Holstein große Resonanz und vielfache Nachahmung.  Schon 1811 war dafür eine Impfordnung erlassen worden. Sie bestimmte, dass nur Geimpfte Höhere Schulen besuchen, als Lehrlinge eingestellt und zur Konfirmation und Trauung zugelassen werden durften. In personenbezogenen Urkunden jener Zeit findet man deshalb immer wieder den Hinweis auf „Vaccination“, also auf die Impfung gegen Pocken.

Die schöne Frau auf dem Berge

Wegen ihres sozialen Engagements und nicht zuletzt auch wegen ihrer Schönheit wurde Frau Klünder von den Blankenesern (im Tal) „die schöne Frau auf dem Berge“ genannt. Sie scherte sich nicht um Standesunterschiede. Für sie stand immer nur der Mensch als Gottes Geschöpf im Vordergrund, dem geholfen werden musste.

Aussicht Kluenders Garten
Aussicht von Herrn Klünders Garten
Christoffer und Cornelius Suhr; Aquariusfinta-Kupferstich 1812

Charlotte Friederike Amalie war in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Ihr Vater war Generalsuperintendent in Neustadt am Rübenberg. Nächstenliebe wurde deshalb zum Leitmotiv ihres Lebens. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Ehemann Rütger Heinrich Klünder, mit dem sie drei Kinder hatte.

Rütger Klünder stammte aus Braunschweig und war Bankierssohn. Schon in jungen Jahren war er nach Hamburg gekommen und hatte in der Firma Peter Godeffroy & Söhne Karriere gemacht. Der wohlhabende Kaufmann und spätere Direktor der Gothaer Versicherung erwarb 1799 das Gelände Schäferkamp, um an seiner höchsten Stelle ein Landhaus (das heutige Hessehaus) zu errichten und die baumlose Weidefläche, auf der die Blankeneser von alters her ihre Schafe weideten, zu einem Park (Hessepark) umzugestalten.

Kluenders-Gartenhaus
Klünders Landhaus um 1800

Einmalig: Hilfe zur Selbsthilfe

Schon bald nach ihrem Einzug erkundete die junge Frau ihre Umgebung. Täglich wanderte sie mit ihren Kindern hinunter zum Strand, beobachtete das Treiben der Frauen und Kinder und sprach mit ihnen. Es war die Zeit der Kontinentalsperre (1806 – 1813). Die französische Blockade traf die Blankeneser Fischer ins Mark. Französisches Militär einerseits wie andererseits die englische Flotte verhinderten das  Auslaufen ihrer Boote. Damit war es Blankeneser Fischern (die unter dänischer Flagge fuhren) unmöglich, vor Holland auf  Fang zu fahren und erst recht, ihre Fische auf den lukrativen holländischen Absatzmärkten zu verkaufen. Sie durften nur noch in der Elbe, vor Amrum, Sylt und Röm fischen, hatten vor allem aber keine Märkte mehr. Alle Elbfischer von Altona bis Cuxhaven waren in der gleichen schlimmen Situation.

Frau Klünder erfuhr von den Nöten. Jetzt fiel ihr auch auf, wie viele Boote auf dem Strand lagen, wie viele Fischer an ihren trocken liegenden Booten oder ihren Netzen herumwerkelten. Sie liefen gar nicht mehr aus. Es lohnte sich nicht.

KluenderF

Jetzt verstand sie.
Die abgerissene Kleidung der Bevölkerung war schließlich unübersehbar. Manche Kinder bettelten um einen Kanten Brot. Wie mager sie waren! Sie sah Hungerödeme, vereiterte Augen bei den Kleinen.
Da musste etwas geschehen.
Was konnte sie tun?
Wie konnte sie ihren armen Nachbarn helfen?

Gemeinsam mit ihrem Mann überlegte sie. Mit milden Gaben konnte die Not nur vorübergehend gelindert werden. Hilfe zur Selbsthilfe wäre der richtige Weg.

Frau Klünder hatte mehrfach beobachtet, dass Blankeneser Frauen am Spinnrad saßen. Spinnräder waren also vorhanden. Daraus müsste man etwas machen können.

Schon hatte sie eine Idee:

Sie ließ für mehrere tausend Taler Flachs von den Arbeitslosen in Blankenese und Umgebung spinnen (…) und vergalt die Arbeit nach Güte des Gespinstes. Auf diese Weise regte sie zum Nacheifern an, zum Streben nach Vervollkommnung. Sie teilte die Arbeit an jeden selbst aus, nahm sie von jedem wieder entgegen, sortierte Fäden, ließ Garn bleichen und sorgte für das Weben.“
so schrieben die „Provinzialberichte“ von 1817 weiter über Friederike Klünder.

Friederike Klünder

Mit drei Frauen, die sie für ihre Idee begeistern konnte, war sie angefangen. Als diese tatsächlich für geleistete Arbeit entlohnt wurden, gab es kein Halten mehr. Immer mehr Frauen wollten von der unverhofften Verdienstmöglichkeit profitieren. Wie die gute Frau es geschafft hat, den Andrang zu bewältigen, das Material zu beschaffen, es persönlich auszuteilen, die Arbeit zu bewerten und die Frauen zu entlohnen, wird ein Rätsel bleiben. Zusätzlich mussten die fertigen Garne und Tuche vermarktet werden, die Transportfrage war zu lösen. Wir können nur hoffen, dass Frau Klünder einsatzfreudige Helfer hatte.

Auch Rütger Klünder, Friederikes Ehemann, machte sich Sorgen um die vielen Arbeitslosen. Er hatte vom Blankeneser Vogt Diedrich Struve verschiedene Grundstücke erworben. Die meisten lagen brach. Eigentlich könnte er auf dem oberen Abschnitt des Kahlkamp eine Ölmühle bauen, entschied er. Gutes Öl war gefragt, Arbeitskräfte reichlich vorhanden. Gleichzeitig könnte er Blankeneser Fischern die dringend nötigen Verdienstmöglichkeiten bieten. Gesagt, getan.

Zusätzlich gründete Friederike eine Armenhilfe. Alte, Kranke und Behinderte, Waisenkinder, alle, die ihrer Hilfe bedurften, versuchte sie zu unterstützen. Doch auch ihre Mittel waren nicht unbegrenzt. Deshalb suchte sie Verbündete, z.B. auch unter ihren Besuchern. So erfahren wir, dass der französische Marschall Bernadotte anlässlich eines Besuchs bei den Klünders, Friederike zweihundert Louisdor für ihre Armenhilfe schenkte.

Unterstützung nach Großfeuer

Als Blankenese in den Jahren 1826 und 1827 von schlimmen Brandstiftungen heimgesucht wurde, entstand abermals große Not. Eine Zündelei hatte besonders schwere Folgen und nahm ihren Ausgang im (heutigen Sagebiels-) Fährhaus. Dessen knochentrockenes Reetdach stand sofort in hellen Flammen. Ein starker Nordostwind fegte Feuerfunken ins tiefere Tal, so dass bald zahlreiche Häuser lichterloh brannten. Über zwanzig Wohngebäude wurden eingeäschert. Etwa doppelt so viele Familien wurden obdachlos. Der Landdrost von Pinneberg, E. A. von Döring, erließ deshalb einen Aufruf um Hilfe für die Abgebrannten.

Kluenders Oelmuehle
Klünders Ölmühle

Natürlich setzten sich die Klünders sofort tatkräftig ein, nahmen Obdachlose auf, versorgten Geschädigte mit Sachspenden und Essen. Dazu gelang es Frau Klünder, die Not der Blankeneser so eindringlich zu schildern, dass vielen das Herz geöffnet wurde. Auch Prinz Meschersky war davon so berührt, dass er sich für die Feuergeschädigten einsetzte. (Meschersky stand mit dem alten General Grafen L. A. von Bennigsen, dem russischen Feldherrn und Sieger der Völkerschlacht bei Leipzig, sowie mit dessen Offizieren in naher Verbindung.)  Meschersky sammelte die Summe von 100 Dukaten und überwies den Betrag an Frau Klünder.

Bis ins hohe Alter sorgte die wohltätige Frau Klünder für ihre Blankeneser und blieb dabei eine schöne Frau von „großem persönlichen Liebreiz“.

Die weitere Entwicklung von Haus und Garten

Zwischen 1820 und 1830 kaufte Klünder eine östliche, fast dreimal so große Fläche hinzu, die den späteren, zum Teil noch heute bestehenden Hesseschen Park bildet. Auf den kargen Boden ließ er fuderweise Muttererde aus dem Alten Land aufbringen.

Parkstraße1901

Südlich der bogenförmig verlaufenden Straße (heute Am Kiekeberg) befand sich ein weiterer Teil des Klünderschen Parks, bei dem es sich um ein besonders aussichtsreiches Gartengrundstück handelt, das durch eine den Weg überspannende Brücke mit dem Hauptbesitz verbunden war. Wegen der wunderschönen Aussicht nannte man es nach 1928 „Kiekeberg“.

Klünders Herrenhaus war auf der Höhe des Parks so platziert, dass der Blick nach Süden von seiner Hauptfront am vorspringenden Kiekeberg vorbei auf die Elbe möglich war. Bei der Baumbepflanzung bemühte man sich natürlich, diese Sichtachse frei zu halten.

Spätere Besitzer von Park und Landhaus waren Syndikus Dr. Karl Hermann Merck (1809 – 1880) und Georg Heinrich Hesse (1815 – 1899), letzterer fast 50 Jahre lang.

1924 erwarb die Landgemeinde Blankenese den Besitz.
Als die Elbgemeinden kurz darauf (1927) Altona zugeschlagen wurden, parzellierte der neue Besitzer einen wesentlichen Teil des Parks und verkaufte es als Bauland.

Quellenangabe:

„Die Elbchaussee“  Paul Th. Hofmann, S. 280 ff, Verlag Broschek  & Co, 1937
 „Schleswig-Holstein-Lauenburgische Provinzialberichte“ von 1816 und 1817
„Geschichte Schleswig-Holsteins“ Ulrich Lange,  Wachholtz-Verlag, Neumünster, 2003

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