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Gedanken von Hans Küng

Bild oben: Kurt Stumpf

Küng, der Weltenkenner und vielseitige Theologe, Erfinder des „Weltethos“, war vom Leitmotiv eines tiefen Vertrauens inspiriert: Vertraue der Welt, den Mitmenschen und Gott. Daraus erwuchs eine Fülle von interessanten Büchern und weiterführenden Gedanken. Hans Küng starb am 6. April 2021. Die Freunde Hermann Häring und Walter Lange geben wöchentlich einen Denkanstoß von Hans Küng.

Gedankensammlung 2026

Januar 2026

4. - 10.1.: Offene Verwurzelung

Mit dem großen Projekt „Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg“ ist Professor Küng die ungeheure Chance geboten worden, überall in der Welt in der vieltausendjährigen Geschichte der Religionen nach Spuren zu suchen:

– Spuren, die zum Frieden führen,

– Spuren, die zu einem menschenwürdigeren Leben helfen können:

– Spuren eines gemeinsamen Menschheitsethos.

Dabei betont er:

»Mir scheint es indes wichtig, bei aller uneingeschränkten Offenheit gegenüber anderen Religionen, die Verwurzelung im eigenen Glauben nicht aufzugeben.« 

(Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit 201)

 

28.12. - 3.1.2026: Ein Gebet

Anmerkung Walter Lange: Am Ende seiner Lebenserinnerungen möchte Professor Küng seinen Gottesglauben nicht nur mit einem Bibelzitat beschwören, vielmehr mit einem Gebet in der Sprache der Menschen von heute bezeugen, wie er dies gelegentlich auch vor einer großen Öffentlichkeit gewagt hat:

»Unser Leben ist kurz, unser Leben ist lang.
Und voll Staunen stehe ich vor einem Leben,
das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte:
ein Leben von über 31.000 Tagen, schönen und trüben,
wechselnden, die so vieles an Erfahrungen mit sich brachten
im Guten wie im Bösen,
ein Leben, von dem ich heute doch sagen darf: So war es gut.

Ich habe unermesslich mehr empfangen, als ich geben konnte,
alle meine guten Einfälle und meine guten Ideen,
meine guten Entscheidungen und Taten
sind mir geschenkt, aus Gnade ermöglicht.

Und selbst wo ich mich falsch entschieden und böse gehandelt,
hast du mich unsichtbar geleitet.
Um Vergebung bitte ich für alles, worin ich gefehlt habe.

Ich danke dir, Unfasslicher, Allumfassender und Allesdurchwaltender,
Urgrund, Urhalt und Ursinn unseres Seins, den wir Gott nennen,
dir, dem großen, unsagbaren Geheimnis unseres Lebens,
dir, dem Unendlichen in allem Endlichen,
dir, dem Unaussprechlichen in all unserer Rede.

Ich danke dir für dieses Leben mit allem Unerklärlichen und Seltsamen.
Ich danke dir für all die Erfahrungen, die hellen und die dunklen.
Ich danke dir für alles, was gelungen ist, und für alles,
was du schließlich zum Guten gewendet hast.
Ich danke dir, dass mein Leben ein geglücktes Leben werden durfte,
nicht nur für mich selber, sondern für diejenigen,
die an diesem Leben teilhaben durften.

Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen
Irrungen und Wirrungen, kennst du allein.
Deine Absicht mit uns erkennen wir nicht von vornherein.
Dein Angesicht können wir, wie Mose und die Propheten,
in dieser Welt nicht sehen.
Aber wie Mose im Felsspalt
den vorübergehenden Gott vom Rücken her sehen durfte,
so dürfen auch wir deine Hand, o Herr, in unserem Leben
im Rückblick erkennen und dürfen erfahren,
dass du uns getragen und geführt hast und
dass das, was wir selber entschieden und getan haben,
immer neu von dir geleitet wurde zum Guten.

So lege ich auch die Zukunft gelassen-zuversichtlich in deine Hände.
Es mögen viele Jahre sein oder nur wenige Wochen,
ich freue mich über jeden neuen Tag, der mir geschenkt,
und überlasse dir voller Vertrauen ohne Sorge und Angst all das,
was meiner noch wartet.
Denn du bist wie der Anfang vom Anfang und die Mitte der Mitte
so auch das Ende vom Ende und das Ziel der Ziele.

Ich danke dir, mein Gott,
denn du bist freundlich,
und deine Güte währet ewig.
Amen. So sei es.«

(Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit 702 f.)

 

Rückblicke & weitere Texte

Texte von Prof. Häring

Texte von Prof. Hermann Häring

Prof. Häring: Weiterführung der „Gedanken von Hans Küng“ ab 2025

Verehrte Bezieherinnen und Bezieher unserer Küng-Gedanken,

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Sie kennen dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke, das die Lebensgeschichte von Hans Küng, diesem großen katholischen Theologen geradezu prophetisch umschreibt. Das große Lebensthema, um das er vielfältig kreiste, hieß Vertrauen, ein grundlegendes, geradezu unerschütterliches Vertrauen auf Gott sowie die Grunderfahrung aller großen Religionen, dass die von Ihm getragene Wirklichkeit uns durch alle Schwierigkeiten tragen kann.
Viele, die um ihre liebgewordenen Gewohnheiten bangten, diskriminieren ihn noch immer als einen aggressiven Falken. Andere, die mit ihm gingen, waren ihm für die geistgewirkten Stürme dankbar, die er auslöste. Jetzt, nachdem er unser Kampffeld verlassen hat, kann er Falke und Sturm bleiben. Doch immer mehr lernen wir, sein Werk als einen vielschichtigen, zugleich nüchternen und trunkenen, immer wieder versöhnten Gesang zu verstehen.

Verehrte Leserinnen und Leser, seit nunmehr drei Jahren veröffentlichen Hermann Häring aus Tübingen, Walter Lange aus Castrop-Rauxel und Helmut Plank aus Hamburg/Blankenese »spirituelle Texte« aus Küngs veröffentlichtem Lebenswerk, das in Herders Gesamtausgabe gut 25.700 Seiten in 24 gewichtigen Bänden umfasst.
Vor uns liegen noch breite, nicht erschlossene Textfelder, die im Zeitraum von 63 Jahren entstanden sind und deren Perspektiven sich in diesen ereignisreichen Jahren auf den ersten Blick immer wieder änderten. Dabei hat sich sein Grundtenor, wie schon gesagt, in erstaunlicher Weise durchgehalten. Neue Ansätze und Problemstellungen haben ihn nicht korrigiert, sondern geschärft, den Blick auf Wirklichkeit, Mensch und Kultur erweitert. Die Ringe sind gewachsen.

Von Ihnen durften wir viele positive Reaktionen erfahren. Dafür danken wir Ihnen recht herzlich. Zugleich finden wir: Wir sollten unser Gesamtkonzept noch einmal auf den Prüfstand stellen und an den Fragen kontrollieren: (1) Was bedeutet für uns Spiritualität? (2) Was für Texte wählen wir aus? (3) Welche »Grenzüberschreitungen« möchten wir uns gestatten?

(1) Erweiterte Spiritualität

Der Begriff spirituell erlebt eine neue Konjunktur und das ist gut so. Er lenkt unser Interesse auf innere Erfahrungen, auf die Geheimnisse, das Geheimnis von Gott, Mensch und Welt, auf seelische (oft beglückende, öfter noch erschreckende) Vorgänge, die sich nur schwer definieren lassen, wohl auch auf das Geheimnis menschlicher Gemeinschaft, der Liebe und ihre abgrundtiefe Zerstörungsmacht.

Doch machen sich bei diesem »spirituellen« Umgang mit der Wirklichkeit auch ein Bruch, vielleicht eine Blockade bemerkbar, den viele von uns spüren. Die einen kämpfen mit einer verhärteten, vermännlichten und abstrakt dogmatisierten Theologie, die anderen leiden unter einer machtgeleiteten, in Rechtsregeln erstarrten Kirche. So haben wir eine sensible Barriere gegen eine Sprache aufgebaut, in der sich auf den ersten Blick diese Wirklichkeit spiegelt.
Doch uns fällt auch auf: Zumal in früheren Texten kennt Küng diese Barriere nicht; er muss sich ihr nicht beugen, weil er sich ihren Demütigungen und Entfremdungen nie gebeugt hat. Von Anfang an ging er offensiv mit den theologisch- kirchlichen Verhärtungen um. Deshalb finden auch wir es richtig und gut, den Begriff auf eine Spiritualität hin zu erweitern, in der auch eine traditionelle Wortwahl ihren Platz hat.

Besondere Bedeutung hat dieser Hinweis für unseren Umgang mit allen »weltethischen« Texten, die leider oft als eine Systematisierung ethischer Regeln (bzw. von vier alttestamentlichen Geboten) und nicht mehr von ihrer spirituell-religiösen Einbettung her gelesen werden.

(2) Verbreiterte Textauswahl

Küng hat zahllose spirituelle (geistig tiefreichende und weltanschaulich orientierende) Impulse in anschauliche, referierende oder erzählenden Passagen eingebracht, auch in die Darstellung von vorbildlichen Charakteren und zukunftsweisenden Konzepte. Man denke nur an seine Darstellung von Thomas Morus oder an seine grundlegenden Analysen von Blaise Pascal. Deshalb werden wir mehr Raum auch solchen Texten geben, die nüchtern (wenn auch nicht ohne Tiefenrelationen) referieren, historisch informieren oder nüchtern analysieren. Nur so können wir dem inhaltlichen und geistigen Reichtum von Küngs Texten, seinen vielfältigen religiösen und geistigen Wurzeln gerecht werden. Daraus folgt auch, dass wir bisweilen auch längere Texte abdrucken werden (was bislang nur mit schlechtem Gewissen geschehen ist).

(3) Vertiefte Einbettung

Wir sind uns auch der Gefahr unseres Unternehmens bewusst: In unserem Kulturraum gibt es durchaus eine Konkurrenz unterschiedlicher spiritueller Ansätze; denken wir an befreiungstheologische, feministische, ausdrücklich kontextuelle oder traditionelle Ansätze. Wir möchten die geistige Gestalt von Hans Küng nicht zum Vertreter einer bestimmten, konkurrenzbereiten Spiritualität hochstilisieren. »Spiritualität« gehört nicht zu Küngs Standardbegriffen. Deshalb möchten wir von Fall zu Fall auch Brücken zu anderen Texten schlagen, die sich entweder zu Küng selbst äußern oder Küngs Denken illustrieren, ihn also nicht zum Sondergut überhöhen, sondern seine Einbettung in eine wissenschaftliche verantwortete biblische, interreligiöse und weltethische Spiritualität illustrieren.

Unsere »Textproduktion« wird also ungehindert weiterlaufen und das neu justierte Konzept macht sich wohl nur langfristig bemerkbar. Wer weiß, vielleicht gelingt uns langfristig doch noch ein «großer Gesang«, ein breiter Querschnitt also von Küngs geistiger Gestalt, die sich erst allmählich von konkreten Auseinandersetzungen löst und ihre epochalen Konturen erkennen lässt. Wir hoffen mit Ihnen, dass uns dieser Versuch gelingt. Nicht den letzten, wohl aber einen weiteren Ring möchten wir vollbringen.

Mit den besten Segenswünschen zur Adventszeit und einem herzlichen Gruß
Hermann Häring – Walter Lange – Helmut Plank

Texte von Walter Lange

September 2023: Walter Lange und Hermann Häring haben zusammen das Thema Weltethos „kurz und knapp“ zusammengefaßt: Ein Thesenpapier

Predigt am 3. September 2023 – nach einem Konfirmandentag am Tag zuvor.

2023 AudioBeitrag: „Professor Hans Küng: Weltethos und Spiritualität.“
Ein Gespräch mit Walter Lange

2023: Gedanken von Hans Küng – in den Schulalltag aufgenommen

Warum ich in der Kirche bleibe, Rede von Hans Küng

Am 14. September 1970 war Hans Küng auf einem Kongress der Zeitschrift „Concilium“ in Brüssel die Aufgabe gestellt, in 20 Minuten die elementarste Frage des Christentums zu beantworten.

Thema: Was ist die christliche Botschaft?
Warum ich in der Kirche bleibe.

Einen Kommentar dazu von Prof. Häring finden Sie im Text unter dem Video.

Die Rede auf YouTube:

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