Es zieht Vera Klischan wieder nach Afrika, dieses Mal nach Malawi. Dort geht es nicht um ein komfortables Resort, sondern um ein Krankenhaus und eine Mädchenschule.
blankenese.de hat vor der Abfahrt einmal nachgefragt.
(Im Oktober 2025 war Frau Klischan schon einmal in Malawi und hat von dort aus berichtet.)
13.3.2026:
blankenese.de: Liebe Vera, Du bist im November aus Südfarika zurückgekommen. Heute geht es Richtung Malawi. Nennt man das nicht Wiederholungstäter? Warum schon wieder?
Vera Klischan: Das stimmt. Es ist meine zweite Reise innerhalb von knapp fünf Monaten. Beide Reisen sind vollkommen unterschiedlich. In Südafrika war ich für den Senior Expert Service. Nach Malawi reise ich mit meiner Freundin Cäcilie Jansson, die das Projekt dort in erster Linie vorantreibt. Außerdem reist noch eine Gruppe schwedischer Ärzte und Krankenschwestern mit. Insgesamt besteht unsere Gruppe aus elf Personen. Malawi ist ein Binnenstaat in Südostafrika, eines der ärmsten Länder der Welt.
blankenese.de: Worum geht es bei dieser Reise?
Vera Klischan: Es geht um einen Einsatz im Mua Mission Hospital.

Die Ärzte – Chirurgen und Anästhesisten – werden dort von morgens bis abends die Ärmsten der Armen operieren. Unentgeltlich natürlich. Ich unterstütze, so gut ich kann, indem ich nach der Operation neben den Patienten und Patientinnen sitze und die Aufwachphase begleite. Ein Monitoring wie hier gibt es dort nicht, nur die aufmerksamen Augen der „Wache“ an der Liege.
Ich werde auch die Schule besuchen, die mein Rotaryclub Hamburg-Harvestehudegemeinsam mit zwei anderen Rotaryclubs mit einem hohen Geldbetrag unterstützt. Noch ist das Geld dort nicht angekommen, aber es wird in naher Zukunft passieren, so dass wir wichtige Absprachen mit dem Schulleiter treffen müssen.

blankenese.de: Was ist das für eine Schule, die ihr dort unterstützt?
Vera Klischan: Es ist die Tiyende Pamodzi Secondary School for Girls, eine weiterführende Schule für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Sie können dort einen Abschluss machen, der sie zu einer Ausbildung oder einem Studium – bei guter Leistung – berechtigt.
blankenese.de: Wie reagieren die Menschen in der Schule auf Euch, auf Dich? Da kommt die weiße Frau aus Deutschland und weiß alles besser oder könnt ihr euch „auf Augenhöhe“ unterhalten?
Vera Klischan: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir müssen uns auf Augenhöhe unterhalten, Respekt vor der schulischen Arbeit bekunden und vor allem die ganz anderen Bedingungen dort anerkennen. Wir können unsere Maßstäbe nicht übertragen. Da ist zum Beispiel die Frage, wie es nach der Schule weitergeht. Hier bei uns bietet sich ein Strauß an Möglichkeiten, dort scheitert eine Ausbildung möglicherweise schon am mangelndem Verkehrskonzept. Wie können die Mädchen eine weiter gelegene Ausbildungsstätte erreichen? Öffentlicher Nahverkehr Fehlanzeige! Das sind ganz wichtige Punkte, die wir in der nächsten Woche gemeinsam besprechen werden.
blankenese.de: Erzähl uns noch kurz etwas zum Einsatz der Ärzte.
Vera Klischan: Diese wunderbaren Ärzte, Ärztinnen und Schwestern befassen sich jeden Morgen als erstes mit den Menschen, die oft große Strecken überwunden haben, um das Mua Mission Hospital zu erreichen und nun geduldig auf den Stufen sitzen, getragen von der Hoffnung auf Hilfe. Es geht in den meisten Fällen um schwere Verbrennungen, Gaumenspalten bei den Kleinen und Entfernung von großen Lipomen. Aber natürlich gibt es auch die Fälle, die nach Hause geschickt werden, weil eine Operation nicht oder nicht mehr möglich ist. Auch das gehört zu den schweren Aufgaben der Ärzte.
blankenese.de: Liebe Vera, heute Abend geht es los über Addis Abeba bis nach Lilongwe, die Hauptstadt Malawis. Wir wünschen dir viel Erfolg und eine sichere Heimkehr.
Vera Klischan: Vielen Dank! Ich werde wie schon aus Südafrika auf www.blankenese.de regelmäßig von meinen Erlebnissen in Malawi berichten.
Gestern sind wir nach einer langen Reise in unserer Lodge nahe dem Mua Mission Hospital angekommen. Hamburg-Frankfurt-Addis Abeba -Lilongwe! Das waren unsere Stationen, um hier mitten im Busch zu landen. Die Geduld, die man in Afrika haben muss, wurde uns schon kurz nach der Landung am Flughafen abverlangt. Unser Freund Zach empfing uns mit großer Freude, sammelte alle unsere Pässe ein und war dann für gefühlte Stunden weg. Es ging um unsere Visa. Er spannte noch mehrere Personen für diesen unerlässlichen Vorgang ein, deren Funktionen unmöglich zu durchschauen waren für unsere wohl geordneten deutschen Augen. Irgendwann waren alle Visa ausgestellt. Nun zum Gepäck, das vollständig angekommen war, in den malawischen Telekomladen, um Datenvolumen fürs Internet zu kaufen. Kekse, Wasser und los ging’s in zwei Geländefahrzeugen, die schon ein reiferes Alter aufwiesen.
Nach nahezu vier Stunden nervenaufreibender Fahrt erreichten wir die Namalikate Lodge, wo wir alle untergebracht sind. Ich erinnerte die kleinen strohbedeckten Häuschen, die verstreut in der üppig grünen Buschlandschaft liegen, sofort. Völlig übermüdet nach unserem Nachtflug rafften wir uns für ein einfaches, aber köstliches Abendessen auf und freuten uns über das Wiedersehen nach einem Jahr. Sechs schwedische Ärzte mit Op-Schwester, die restlichen fünf aus Deutschland. Auch die, die ich noch nicht kannte, waren sehr schnell integriert. Hier geht es viel weniger um die individuelle Sympathiewelle, vielmehr um die gemeinsame Aufgabe, die uns alle eint. Den Menschen hier, die in bitterer Armut leben, medizinische Hilfe zukommen zu lassen und das Leben ein wenig leichter zu machen.
Damit fingen wir heute Morgen an. Nach dem Aufstehen „business as usual“. Kein warmes Wasser, kein Strom. Ich bin in Afrika. Frühstück um 6.30 Uhr, danach zu Fuß zum Krankenhaus. Dort wartete schon eine endlose Schlange von Menschen geduldig auf den Stufen. Die Hoffnung von einem oft jahrelangen Leiden erlöst zu werden, ließ sie trotz wiederholter schwerer Regengüsse geduldig ausharren.
Die schwedischen Ärzte begannen mit der Triage, ein Begriff, den wir am Anfang der Pandemie gelernt haben. Es heißt nichts anderes als die Beurteilung, wem geholfen werden kann und wem nicht oder wer an eine andere Adresse verwiesen wird.


Nacheinander wurden die Menschen in den kargen Raum gebeten, sichtlich erschrocken von der Riege, die ihnen gegenübersaß. Anästhesisten, die Chirurgin, eine Assistentin vom Hospital und Touzen, der die Landesprache Chichewa ins Englische übersetzte. Touzen arbeitet im Mua Hospital und ist für mich einer der Hoffnungsträger, die dieses Land so dringend braucht. Er hat ohne große Schulbildung als eine Art Pfleger angefangen, sich mit viel Ehrgeiz hochgearbeitet zum Medical Assistant und studiert jetzt nebenbei mit einem Stipendium aus Deutschland, um Chirurg zu werden. Dazu behandelt er seine Landsleute ohne Ausnahme mit ungeheurem Respekt und enormer Herzlichkeit. Hoffentlich erliegt er nach Abschluss seines Studiums nicht wie so viele der Verlockung der Großstadt, wo er viel mehr verdienen könnte. Das Mua Mission Hospital benötigt Menschen wie Touzen dringend.

Nacheinander kamen die Menschen und trugen ihre Leidensgeschichte vor. Dr. Gie, die schwedische Chirurgin, wandte sich jedem einzelnen mit größter Aufmerksamkeit und Herzlichkeit zu.
Auch wenn sie Hoffnungen zerstören musste, tat sie dies mit größter Behutsamkeit und oft mit lindernden Tabletten, die mit auf den Weg gegeben wurden.
Es hat mich tief beeindruckt, wie liebevoll diese bettelarmen Menschen in ihrer abgerissenen Kleidung vom Ärzteteam wahrgenommen wurden.
Vom Baby bis zum sehr alten Menschen sahen wir alles heute.
Die oftmals blutjungen Mütter präsentierten ihre Babys und gingen überglücklich nach Hause, wenn sie ein Pflaster am Arm trugen, auf dem der OP-Termin für ihr Kind vermerkt war.
Ein 91-jähriger alter Mann kam aufrecht mit seinem selbst geschnitzten Stock. Seine Lebensenergie hat ihn zu den „Swedish Doctors“ geführt in der Hoffnung auf letzte Jahre ohne Schmerzen.
Wir haben Lipome, Nabelbrüche bei den Kleinsten, verwachsene Finger nach schwersten Verbrennungen gesehen, um nur einige zu nennen. Große Freude verbreitete Sharif, die mittlerweile 10-jährig mit ihrem Opa kam, um die schwerst verbrannte Hand in einer weiteren Operation funktionsfähig zu machen. Ich werde die Tränen des Großvaters im vergangenen Jahr nach der geglückten Operation nie vergessen. Diese Glücksmomente lassen uns um die halbe Welt reisen… trotz der Momente, die am ersten Tag den Blutdruck schon wieder in die Höhe trieben. Dazu später mehr!
Es regnet, besser gesagt schüttet seit mehr als 24 Stunden ohne Pause. Zeitweise sind es derart sintflutartige Wolkenbrüche, dass ich mich frage, wo die Wasserrmassen bleiben. In Deutschland wäre längst der Notstand ausgebrochen. Menschen wären in ihren Häusern eingeschlossen, Autos würden durch die Straßen schwimmen. Ich erlebe eindrucksvoll, wieviel von diesen extremen Wettersituationen eine naturbelassene Landschaft aushält. Hier ist nichts versiegelt. Das Wasser kann ungehindert versickern. Wir können mühelos unsere Lodge auf leicht glitschigen Wegen erreichen. Mir dämmert, dass wir einen hohen Preis für unsere hochentwickelten Städte zahlen.
Heute Morgen sind Cäcilie und ich durch dichteste Buschlandschaft zu einem großen Versammlungshaus der holländischen Initiative Fera Agricola gegangen. Mitten in unwegsamer Landschaft tat sich plötzlich dieses riesengroße Haus auf. Ein Wachmann ließ uns ein und entschuldigte sich für den Stromausfall, an den ich längst gewöhnt war. Wir sahen zwei Versammlungsräume, von denen der eine mit Nähmaschinen bestückt war. In diesem Haus werden nahezu täglich Schulungen für die Frauen aus dem Dorf abgehalten, um sie im besten Fall mit einem Mikrobusiness auf eigene Füße zu stellen. Sehr beeindruckt von diesem völlig unerwarteten Projekt traten wir unseren glitschigen Rückweg an.
Im Krankenhaus erwartete mich der erste frisch operierte Patient, eine junge Frau. Ich nahm wieder meinen gewohnten Platz im Aufwachraum ein, um die Narkose zu überwachen. So ging es weiter. Kaum war sie auf die Station gebracht, wurde schon der nächste hereingerollt. Von Hygiene wenig zu spüren. Der Raum vermüllt, die Liegen völlig überaltert, die Decken…nun ja. Aber die Menschen waren von einem zum Teil jahrelangen Leid erlöst, manche konnten endlich ihre Hände wieder gebrauchen. Und das zählt! Nicht der Komfort, den wir mit einem Krankenhausaufenthalt verbinden und erwarten.

Die meisten wurden von Angehörigen begleitet. Sie saßen oftmals stumm neben ihrem Familienmitglied, wagten nicht einmal die Hand zu halten. Eine Mutter musste ich auffodern ihr unruhiges Kind in der Aufwachphase mit Worten zu beruhigen. Woher kommt diese Distanz, diese Sprachlosigkeit? In den Gesichtern konnte ich oftmals sehr wenig Leben feststellen. Wie gebrochen, nahezu erloschen saßen sie neben ihren Liebsten. Ist es das harte Leben, dass viele so abstumpfen lässt? Der tägliche Kampf um genug Essen, um Kleidung, um Geld für den Arzt. Das Leben in der armseligen Behausung oftmals ohne Strom. Im Krankenhaus erlebe ich, dass Socken, dass Unterwäsche Luxus sind. Wie anders ist es bei uns….
Ganz ohne Frage ist es ein beglückendes Gefühl, den Ärmsten ein Stück Lebensqualität zurückzugeben. Aber leider stellen wir fest, dass dieses Glücksgefühl vor allem uns beseelt. Die Krankenhausleitung nimmt kaum Notiz von uns, hat uns nur im Vorbeigehen begrüßt. Von Versorgung mit einem Kaffee oder Wasser keine Spur. Wir sind hier für ihre Landsleute. Niemand verdient hier einen Cent. Sämtliche Kosten tragen wir selbst. Ein anerkennendes Wort, wenigstens Interesse an dem, was das Ärzteteam bis zur Erschöpfung leistet, wäre die Währung mit dem alle hier das wunderbare Team bezahlen sollten.
Eine gute Nachricht zum Schluss: Nach 24 Stunden habe ich wieder Licht in meinem Häuschen und kann die Stirnlampe vorläufig ablegen.
Weniger Regen ist heute die gute Nachricht. Wieder saßen wir alle mehr oder weniger verschlafen um 6.30 Uhr am Frühstückstisch. Der Weg zum Krankenhaus durch das üppige Grün am frühen Morgen ist der schönste Moment am Tag. Die Luft ist frisch, die Feuchtigkeit überzieht die herrliche Buschlandschaft mit einem leichten Dunst und es duftet nach Erde. Der Weg ist viel zu kurz für dieses wunderbare Naturerlebnis.
Die Ärzte beginnen zügig mit den Operationen der Menschen, die mitten in der Nacht aufgebrochen sein müssen und schon voller Hoffnung auf den Stufen sitzen. Manche sind allein, manche sind von bis zu 12 Personen eskortiert worden.
Cäcilie und ich haben noch frei und nutzen die Zeit, um bei der Verwaltung ein paar Dinge aufzuklären.
Wir haben uns fest vorgenommen, die rosa Brille abzusetzen. In den letzten Tagen wurden wir von zwei Mitarbeitern der Klinik um Geld für eine Ausbildung, bzw. um einen Computer gebeten. Es wurde heftig auf unseren Tränendrüsen herumgestampft. Um diese Geschichten auf ihre Wahrhaftigkeit zu untersuchen, befragten wir die Verwaltung. Dort blieb die Sache nebulös. Ob beide die Wahrheit gesprochen haben, wurde nicht geklärt, ebenso wie der Verbleib einer gestifteten Geldsumme.

Wir werden oft als „reiche Europäer“ unter Druck gesetzt. Ich habe es leider so oft erlebt, dass es letztendlich bei vielen Beziehungen, die ich hier in Malawi, in Uganda oder in Südafrika knüpfen durfte, um Geld ging. Viele Afrikaner sind davon überzeugt, dass wir in Westeuropa alle in einem sorglosen Leben gebettet sind, untermauert von einem soliden Reichtum. Das ist meine Erfahrung, die ich nicht pauschalieren möchte, die sich aber auch nicht auf Einzelfälle beschränkt. Da steckt auch ein großes Korn Wahrheit drin. Verglichen mit dem armen Malawi leben die meisten von uns in völlig abgesicherten Verhältnissen. Auch der „Reichtum“ ist durch malawische Augen betrachtet vielleicht sogar gegeben. Aber Einzelpersonen mit Geld zu versorgen und kurzfristig Löcher zu stopfen, ist nicht unser Ziel.
Die schwedischen Ärzte operieren stets mit hauseigenem Klinkpersonal, leiten sie an in der Sterilsierung der Instrumente, der Hygiene im OP, den Narkosemethoden und der Art unterschiedliche Operationen durchzuführen. Die Menschen hier sollen auf eigene Füße gestellt werden, sich nicht auf die „swedish doctors“ verlassen, die zweimal im Jahr aufkreuzen. Der Weg ist nicht leicht, zu fest gefahren sind viele Verhaltensweisen.
(Bild: kreative Ordnung)
Das Gespräch hat uns die Augen geöffnet, noch mehr „hinter die Kulissen“ zu schauen, zu verstehen, worum es im Leben der Menschen geht und wo unsere Hilfe ansetzen kann – aber wo sie auch endet. Auch das Interesse an unserem Einsatz lässt sehr zu wünschen übrig.
Der Rest des Tages verging mit Wache am Bett der Operierten. Sehr zu Herzen ging uns eine junge Mutter, die ihre zweijährige, behinderte Tochter brachte in der irrationalen Hoffnung auf Hilfe. Die kleine Princess – sie heißt tatsächlich so, die kleine Prinzessin – ist ein Zwillingskind, der Bruder ist gesund. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Geburtsschaden, was man sich bei den archaischen Verhältnissne nur allzu gut vorstellen kann. In welche Zukunft mussten wir die sehr junge Frau entlassen mit Zwillingskindern, davon eines massiv behindert? Ein Netzwerk der Hilfe wie in Deutschland erwartet sie nicht. Sie steht allein da mit ihrem Kind, das sie ins Leben begleiten muss. Es ist zu hoffen, dass sie eine Familie hat, die hilft.
Einer nach dem anderen kam tief schlafend in den Aufwachraum, um ihn nach einiger Zeit ansprechbar wieder zu verlassen. Da war der 7-jährige Solomon, der trotz seines biblischen Namens schwer um sich schlug und in der Narkose kaum zu bändigen war. Sein Vater hat ihn auf solch rührende Art beruhigt, wie ich es nie von einem afrikanischen Vater gesehen habe.
Sharifa hielt mit 10 Jahren Hof. Wir kennen sie vom letzten Jahr, als ihre durch einen Brandunfall völlig verstümmelte Hand operiert wurde. Als Trost bekam sie damals ein Geschenk. Heute wurde sie erneut operiert und brachte eine große Tasche mit in Erwartung diverser Geschenke, was uns ziemlich ins Schwitzen brachte. Sie lebt allein mit ihrem wunderbaren Großvater und zog mit ihm und einer nagelneuen Jeansjacke ab. Das sind die beglückenden Begegnungen, die ich in die Tiefschwärze der afrikanischen Nacht mitnehme.

Ich würde sehr viel für ein sauberes Bad geben, für warmes Wasser, für gesicherten Strom. Alles, worüber wir mit größter Selbstverständlichkeit verfügen, ist hier ein unerhörter Luxus. Aber bis nächsten Mittwoch werde ich es gut aushalten. Ich bin nicht allein. Die guten Gesprächsrunden am Abend entschädigen für die fehlende häusliche Komfortzone. Am Mittwoch reisen wir ab und bleiben eine Nacht in Lilongwe im Africa House – die Belohnung für Askese im Busch.


Der heutige Tag verlief für mich wieder im Aufwachraum. Und wieder musste ich erleben, mit welcher Sprachlosigkeit die Angehörigen ihren Familien begegnen. Ich bin sicher, dass der tiefe Schlaf vielen Angst macht, das unruhige Aufwachen. Aber kaum jemand hält die Hand oder spricht beruhigend auf das Familienmitglied ein. Starr sitzen sie oft daneben.

Ein kleines Mädchen wurde heute am Nabelbruch operiert, als für 15 Minuten der Strom ausfiel. Es entstand offensichtlich eine heikle Situation, denn sie wurde nach dem Eingriff von allen Anästhesisten in den Aufwachraum eskortiert und bekam sofort Sauerstoff. Die Aufregung der Ärzte war spürbar. Nach kurzer Zeit war die Kleine stabil und ein großes Aufatmen ging durch den Raum. Wie schwer muss es sein unter diesen Bedingungen weit weg vom vertrauten beruflichen Umfeld zu operieren.
Wenn ich am Bett der Menschen sitze, die nichts haben, oft nicht einmal Schuhe, betrachte ich meine priviligierte Situation. Warum hatte ich das Glück in einem Land wie Deutschland aufzuwachsen? Hier scheint die Zeit vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein. Alle gehen buchstäblich mit den Hühnern schlafen, da sie kein Licht im Haus haben. Sie kochen auf Holzkohle, die Häuser sind auch tagsüber stockdunkel. Bücher, Kino, Theater, jegliche Form von Kultur ist Lichtjahre entfernt. Das, was unser Leben lebenswert macht, was uns inspiriert, ist hier nicht im Ansatz zu finden. Kein Wunder, dass die Menschen über die Jahre stumpf geworden sind? Es gibt für mich hier keinen wahrnehmbaren Fortschritt. Viele NGO’s und Menschenrechtsorganisationen sind hier unterwegs. Oftmals lese ich von Stiftungen aus Deutschland, Spanien, Amerika, die hier investiert haben, aber wo ist der Fortschritt?

Auf dem Gelände des Mua Mission Hospital steht eine riesige Wasseraufbereitungsanlage mit Photovoltaik. Man kann täglich damit 4000 Liter sauberes Trinkwasser produzieren. Ein Schatz in Afrika wie flüssiges Gold. Damit verbunden ist eine phantastische Solarküche. Nichts davon funktioniert. Es steht praktisch – obwohl fast neu – als technische Ruine auf dem Gelände herum. Was wird aus Afrika…?


Heute haben wir einen Ausflug gemacht. Cäcilie und ich sind zur Tiyende Pamodzi Secondary School gefahren. Eine reine Mädchenschule, die mein Rotaryclub, Cäcilies Rotaryclub in Timmendorf und ein Club aus Lübeck mit einer für Afrika hohen Geldsumme unterstützen.
Die einstündige Fahrt führte uns über extrem schlechte Straßen – nichts für einen kaputten Rücken – durch eine malerisch schöne Landschaft. Es gab kaum Autoverkehr. Für die Menschen, die in dieser ländlichen Gegend leben, bleibt ein Auto ein Leben lang ein Traum. Ein Moped ist die Erfüllung aller Wünsche.
Wir wurden von der neuen Schulleiterin und ihrem Stellvertreter empfangen. Ein Rundgang offenbarte uns eine gut geführte Schule auf einem herrlichen, großen Gelände. Die Klassenzimmer waren gut eingerichtet. Da heute ein Feiertag in Malawi ist, waren nur zwei Klassen anwesend für ein Examen, das auch vor dem Feiertag nicht Halt machte.
Das anschließende Gespräch mit der Schulleitung ernüchterte uns durch die Frage, wie es nach der Schule für die Mädchen weitergeht. Die Schule soll kein Selbstzweck sein, vielmehr das Sprungbrett in eine Ausbildung. Die Mädchen sollen nach Möglichkeit nicht sofort in eine Ehe schlindern, sondern etwas lernen, was sie in ihrem ländlichen Leben gebrauchen können. An oberster Stelle steht eine landwirtschaftliche Ausbildung, um nicht in einer krassen Monokultur einzig und allein Mais anzubauen. Das Land sinnvoll und abwechslungsreich zu bestellen, würde ihnen auf den heimischen Märkten ein kleines Einkommen sichern und den Hunger und die Mangelernährung in vielen Familien reduzieren. Auch eine medizinische Ausbildung wäre möglich, sowie eine Schneiderlehre, um ein Mikrobusiness aufzubauen. All das haben wir vorgetragen ohne große Resonanz von Seiten der Schulleitung. Offensichtlich endet ihr Bildungsauftrag mit dem Abgangszeugnis. Frustrierend!
Danach haben wir noch die gemischte Primary School besichtigt, die von nahezu 1600 Jungen und Mädchen besucht wird. Da wundert es nicht, dass in einer Klasse um die 70 Kinder sitzen. Mit dem individuellen Unterricht mit differenzierten Angeboten in unseren Schulen hat das nichts zu tun.
Wir waren früh in unserer Lodge und nutzten die endlich erschienene Sonne, um den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Cäcilie und ich werden durch unsere finanzielle Unterstützung in regelmäßigem Kontakt mit der Schule sein und ganz sicher das Thema der Ausbildungsmöglichkeiten ansprechen. Allein eine erfolgreiche Schullaufbahn sichert den Mädchen keine Zukunft. Ganz zwingend ist eine Beratung in den letzten Klassen über den weiteren Weg. Wir werden versuchen, dass in den Köpfen der Leitung zu verankern. Warum müssen sie das von uns hören? Die Schule ist so gut aufgestellt. Ist das nicht Verpflichtung für eine gesicherte Zukunft zu sorgen, die nicht nur Ehe und Mutterschaft beinhaltet, es zumindest zu versuchen? Wenn dieses Land jemals nach vorne kommen will, dann auch durch Überwindung der archaischen Familienstrukturen.
Heute ist Samstag und damit keine Operationen. Eigentlich haben alle frei. Eigentlich – denn sechs von uns – auch ich – haben sich um 7 Uhr ausgerüstet mit Material aus Deutschland auf den Weg nach Chantulu gemacht, um dort einen Erste-Hilfe-Kurs zu geben. Die malawische „Schnellstraße“ hat uns wieder viel abverlangt. Tiefe Schlaglöcher, gnadenlos schnell fahrende Trucks, Radfahrer, Ziegen, Kühe auf der Fahrbahn. Wir landeten schließlich in einer sehr ländlichen Gegend mit einfachen Behausungen ohne Elektrizität. Der Kurs sollte im Haus des „Chiefs“ stattfinden. Einen solchen Chief hat jedes Dorf. So eine Art Dorfältester.
Wir wurden von einer Gruppe Frauen empfangen, die sich singend und tanzend um unser Auto bewegte. Es war klar. Wir waren hoch willkommen und stiegen beglückt aus. Auch der Chief begrüßte uns mit einem eindruchsvollen Auftritt. Eine imposante Person mit eiem großen geschnitzten Holzstab und einer Art Kopfschmuck.

Nach einer kleinen Einführung begann Dr. Gie mit dem Kurs, der gänzlich anders ablief als wir es kennen. Fast alle Frauen können weder lesen noch schreiben. Mittel, die uns zur Vergfügung stehen, kennen diese Menschen nicht einmal. „Hol doch mal ein Eispack“ ist hier mitten im Busch ein Witz. Sterile Kompressen, Brandsalbe Fehlanzeige. Hier zu leben bedeutet Erste Hilfe zu leisten mit fast nichts an Hilfsmitteln.
Wir verständigten uns auf drei Module: Blutende Wunden/Verbrennungen/Frakturen, Motorradunfall und „Mango Desease“. Letzeres meint den Sturz eines Kindes aus dem Mangobaum, ein nahezu täglicher Vorfall. Dr. Gie hat versucht, in den Modulen die Lebenswirklichkeiten der Familien abzubilden.
In verschiedenen Rollenspielen haben wir die Unfälle dargestellt und was in diesen Fällen zu tun ist. Wir konnten nicht nur die Situationen anschaulich darstellen, die Darbietungen lösten auch viel Gelächter bei den etwa 25 Frauen aus, die voller Ehrfurcht vor Dr. Gie saßen.
Im Anschluss waren die Frauen gefragt, es selbst auszuprobieren. Unter großen Bäumen bauten wir auf der roten Erde drei Staionen auf, die die Frauen durchliefen. Voller Eifer legten sie sich Verbände an, pressten Kompressen auf die vermeintlich stark blutende Wunde und veruchten ihr verunglücktes Kind wieder zu stabilisieren. Es war eine Freude, den Frauen bei ihrer engagierten Mitarbeit zuzusehen. Alle sogen das Wissen, das wir ihnen mitgebrachten, begierig auf.
Nach vier Stunden hieß es Abschied nehmen von dieser tatkräftigen Runde. Die Frau des Chiefs bedankte sich herzlich bei uns. Sie ist eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die enorm viel für die Frauen in ihrem ländlichen Umfeld tut. Sie organisiert Kurse, die die Frauen selbstbewusster und unabhängiger machen, trat uns gegenüber mit einem guten Englisch souverän auf und vermittelte uns die Stärke der Frauen in diesem Land. Sie sind es, die schwerste Körbe auf dem Kopf transportieren, ihre Wäsche im Fluss waschen, das Essen für die Familie auf Holzkohle zubreiten, die Kinder großziehen. Es sind in der Regel die Frauen, die sorgenvoll neben ihren operierten Kindern sitzen und Nächte auf dem Boden der Kinderstation verbringen, falls ihr Kind stationär aufgenommen wird. Das sind die starken Frauen Afrikas, die ich an vielen Orten erlebt habt. Leise, oft unterwürfig, aber von einer großen Kraft.
Dieser Tag wird einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Als Gruppe hat uns dieses Erlebnis nicht losgelassen. Der herzliche Empfang, die große Dankbarkeit, die hoch engagierte Mitarbeit der Frauen war uns wieder einmal Bestätigung unserer Reise und Ausgleich für viele Stunden im dunklen Zimmer ohne Strom – wie auch gerade in diesem Moment.
Heute ist Sonntag. Wir sind von Father Brendan ins Kungoni Museum, welches er leitet, eingeladen. Father Brendan ist Ire und lebt seit 17 Jahren in Malawi. Dieses Museum liegt neben dem Mua Mission Hospital und beherbergt eine einzigartige Sammlung von Masken, Skulpuren und Bildern aus dem letzten Jahrhundert. Die Geschichte, die Spiritualität dieses Landes spiegelt sich in diesem großen Kulturschatz wider.

Wir wurden durch Chikondi – ein sehr gebildeter junger Mann – durch die Sammlung geführt. Er brachte uns an Hand der Ausstellungsstücke, zu der auch eine große Anzahl Fotos gehören, die festen Riten des Volkes nahe von der Geburt eines Kindes, über die Initiation vom Kind zum jungen Mann, zur jungen Frau, bis zur Brautwerbung und zum Ende des Lebens. Bis heute gelten diese uralten Rituale, die die Menschen tragen und zusammenhalten. Die Masken sind immer noch für gewisse rituelle Handlungen oder Tänze im Einsatz. Auch wenn mir manches unverständlich bleibt, wie zum Beispiel die Tatsache, dass ein Vater sein neugeborenes Kind erst nach vier Monaten berühren darf, so sehr wurde mir die Bedeutung dieser Überlieferungen deutlich. Diese Gesellschaft wird durch lebendige Tradition zusammengehalten. Sie sind sozusagen das Dach, unter dem sich alle versammeln. Ist uns da vielleicht viel verlorengegangen?
Danach wurden wir zu einer Tanzveranstaltung eingeladen, exklusiv für unsere Gruppe. Zwei Stunden wurden uns die uralten Tänze von einer perfekten Tanzgruppe vorgeführt. Nicht nur die tänzerische Klasse auch die prächtigen Kostüme aus Fellen, Federn und bunten Stoffen waren einzigartig. Jeder Tanz hat eine tiefe Bedeutung, die uns vorab vermittelt wurde. Ich fühlte mich durch diese rituellen Tänze um Jahrzehnte zurückversetzt und war wieder einmal voller Dankbarkeit für den tiefen Einblick in die Kultur der Menschen hier in Malawi. Wie oft ertappe ich mich dabei, ein wenig erhaben auf das spartanische Leben hier zu schauen. Dass hinter diesen Menschen, die derart einfach leben, eine tiefe Kultur steckt, Rituale, die sie zusammenhalten und eine Tradition, die Identifikation mit der Gemeinschaft schafft, habe ich spätestens heute Morgen verstanden.
Am Nachmittag hat uns Father Brendan durch die malerische Umgebung geführt. Wir waren umgeben von schönster Natur, dschungelartigem Busch, der nach der Regenzeit im sattesten Grün erstrahlt. Einen reißenden Fluß haben wir auf einer abenteuerlichen Brücke überquert. Vorbei an einem riesigen Reisfeld und einer Teakplantage ereichten wir die Kirche von Mua. Father Brendan lud uns ein in ein bunt angestrichenes Gotteshaus mit vielen farbenfrohen Malereien an den Wänden. Jeden Sonntag drängeln sich über 1000 Menschen beim Gottesdienst in dieser Kirche. Ja, davon kann die katholische Kirche in Deutschland nur träumen.
Der heutige Tag hat mich der afrikanischen Kultur wieder ein Stück nähergebracht. Ich habe verstanden, wie sehr die Gesellschaft von uralten Traditionen geprägt ist, an denen bis heute festgehalten wird.
Heute zum letzten Mal den ganzen Tag im Krankenhaus. Morgen haben wir nur noch eine Vormittagsschicht, danach wieder einen Erste-Hilfe-Kursus. Am Mittwoch treten wir unseren langen Heimweg an.
Heute ging es Schlag auf Schlag. Ein Patient nach dem anderen verließ den OP und wurde mir übergeben. Zeitweise hatte ich drei Personen zu betreuen. Ich werde immer versierter. Atmung überprüfen, Pulsmesser anlegen, Lage stabilisieren. So wird das hier zu einer Art Bildungsurlaub.
Meistens verläuft die Aufwachphase ruhig. Ein 10-jähriger Junge hat derart um sich geschlagen, dass wir ihn mit drei Personen bändigen mussten. Er wurde an seinem verbrannten Bein operiert mit einer Transplantation. Die Brandwunden hat er sich schon vor einiger Zeit zugezogen. Beide Beine waren übersät mit schwersten Narben. Als er noch schlief, hatte ich Zeit das schwer versehrte Kind zu betrachten.
Was muss dieser Junge an Schmerzen und Leid erlebt haben in seinem jungen Leben. Man kann nicht davon ausgehen, dass in dieser völlig naturbelassenen Gegend solche Wunden adäquat behandelt werden. Seine Großmutter hat sich voller Liebe um den Jungen gekümmert.
Ob er dieses Trauma jemals überwindet?
Wie gut, dass die schwedischen Ärzte ihm ein großes Stück Lebensqualität zurückgeben konnten.

Eine junge Frau blickte mich nach der Operation mit großen Aufgen an und wiederholte immer wieder:
“Thank you, Jesus!“
Cäcilie meinte daraufhinh:
„Vera, endlich wirst du mal richtig gewürdigt.“
Alle haben heute viel geleistet.
Dazu scheint die Regenzeit vorbei zu sein und von großer Hitze abgelöst zu werden, die uns zu schaffen macht.
Freude auf eine warme Dusche, verlässlichen Strom und ein sauberes Bad macht sich breit.
Letzter Tag im Mua Mission Hospital. Es war eine gute Zeit, aber der Verschmutzungszustand meines Zimmers, speziell des Bades, verführt sehr deutlich zur Abreise. Ich werde auch die nächsten Wochen kein Reisgericht zubereiten…
Aber es gab so viele Dinge und Momente, die mich für den fehlenden westeuropäischen Komfort entschädigt haben.
Heute war wieder ein solcher Moment. Wir sind nach Mganga gefahren für den zweiten Erste-Hilfe-Kurs. Dort wurden wir bereits erwartet, dieses Mal nicht von 26 Personen wie in Chantulu, sondern von nahzu 90, was uns vor nicht geringe organisatorische Herausforderungen stellte. Was uns vor allem erfreut hat, war die hohe Anzahl männlicher Teilnehmer.
In schon erprobter Form stiegen wir in den Ablauf ein. Ich hatte wieder die Gruppe Blut/Brand und Fraktur, die ich mittlerweile souverän beherrsche. Männer und Frauen wurden getrennt in Gruppen aufgeteilt – so weit geht die Gleichberechtigung nun doch nicht. Ich erwischte eine Männergruppe und durfte hoch engagierte Teilnehmer erleben, die jede Frage beantworten konnten und sich mit wahrem Feuereifer gegenseitig Verbände anlegten und gebrochene Gliedmaßen schienten.
Es war eine Freude, diese dörfliche Gemeinschaft zu erleben, die bereitwillig unseren Anleitungen folgte und wie schon zuvor alles aufsog. Ihre archaische Lebensweise weit weg von der uns bekannten Zivilisation zwang uns ihnen mit einfachsten Mitteln zu zeigen, wie im Notfall geholfen werden kann. Brandwunden werden mit Honig behandelt, stark blutende Wunden mit Stoffesten abgebunden, Frakturen mit Karton geschient und einen Schwerverletzten transportiert man im Ernstfall auf einer Leiter oder Holzplanke. Da ist Phantasie und Improvisation gefragt.
Nach ausführlichen Dankesbekundungen von beiden Seiten bestiegen wir wieder unseren Minibus.
Heute fliege ich zurück nach Hamburg. Eine lange Reise liegt vor uns. Wie schon erprobt geht es wieder über Addis Abeba und Frankfurt.
Die letzte Nacht haben wir in Lilongwe im schönen Africa House verbracht. Ein sauberes Bad, eine warme Dusche, ein frisch gemachtes Bett erwarteten uns hier. Wie schnell sich die Kostbarkeiten im Leben verändern. Für mich war es der größte Luxus plötzlich wieder über das zu verfügen, das mir zu Hause ohne Einschränkung zur Verfügung steht. Diese Wertschätzung allein hat die Reise schon gelohnt.
Was nehme ich mit aus diesen intensiven Tagen im Herzen eines der ärmsten Länder in Afrika? Vor allem den Abgleich mit meinem Leben in Deutschland. Es ist nicht alles gut. Auch wir erleben in unserem hoch entwickelten Land Energiekrisen, Spritpreise, die in den Himmel schießen und eine tägliche Berichterstattung über diverse Kriegsfronten. Angst und Unsicherheiten begleiten uns seit Monaten. Und trotzdem…
Ich habe hier die Menschen im täglichen Kampf um genügend Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf erlebt. Wieviel Kinder kamen ohne Unterwäsche mit Gummilatschen an den Füßen – wenn überhaupt. Die Bilder der bettelarmen Menschen nehme ich mit, aber auch die Freude über eine gelungene Operation, die sie oder ihre Angehörigen vom jahrelangen Leid erlöst. Die großen Runden der Menschen in den Dörfern, die um ein Feuer sitzen, gemeinsam kochen und aufeinander schauen. Ich nehme die Bilder der Kinder mit, die mit nichts in großer Horde auf einem staubigen Platz spielen.
Aber zu meinem Bilderkatalog gehört auch die häufig schwierige Kommunikation, die Unzuverlässigkeit in vielen Situationen. Mit unserer deutschen Zielstrebigkeit sind wir oft an Grenzen gestoßen. Um manche Dinge zu erreichen, mussten wir mehrfach Anlauf nehmen. Hier gibt es eine andere Zeitrechnung.
Auch liegengebliebene, unfertige Geräte oder Bauten, wie zum Beispiel die Wasseraufbereitungsanlage oder der „Privatflügel“ im Krankenhaus, machten uns fassungslos. Da steht eine solche Chance nutzlos herum… Aus meiner Sicht, nur aus meiner, gibt es kein wirkliches Fortkommen in diesem Land.
Ich möchte diese Reise nicht missen. Ich habe einen großen Einblick bekommen in ein ganz anderes Leben, eine ganz andere Kultur, in den täglichen Kampf, der vielen Menschen nicht erspart bleibt.
Ich nehme viele Fragen mit nach gerechter Verteilung von Lebenschancen und nach Verantwortung. Ich weiß, dass Afrika mich wieder einmal gelehrt hat, was in meinen Leben zählt.


Sie machen, liebe Frau Klischan, einen tollen Job ( Job ist sicher nicht das richtige Wort – Sie schreiben vom „Dienst“) Da kommt ja in diesen Häusern eine große Leidenswelle an. Was kann man da machen? Sicher zuallererst, was Sie machen: Da sein, die Hand halten, die sonst keiner hält. Ihnen gehört unser Dank!!
Nöte kann man so nicht heilen, aber teilen.
Wohin es mit Afrika geht, bleibt die große Frage. Aber wohin es mit uns geht, das kann man z.Zt. auch sehr ernstlich fragen. Und die Antwort hier??
Sehr beeindruckend – es stimmt einen schon sehr nachdenklich, dass Menschen in der heutigen Zeit immer noch so leben müssen. Man wird demütig in Anbetracht unseres Luxus.
Ein toller und sinnvoller Einsatz vor Ort. Allen Beteiligten gebührt Dank und Anerkennung. Bei dem Schulprojekt spielt die Nachhaltigkeit eine große Rolle, um den Mädchen eine Zukunftsperspektive zu geben in einem der ärmsten Länder der Welt. Ich bin auf die weitere Berichterstattung gespannt!