Kokoschka-Altarmosaik der Hauptkirche St. Nikolai
„Liebe Ruth und Adolf,
ich bekam fast gleichzeitig Eure beiden Briefe, die ersten Lebenszeichen von Euch.
Ich weiß (und wusste die ganze Zeit über!), was diese Zeiten bringen werden, und noch ist kein Ende abzusehen. Es scheint, als ob die wahre Katastrophe noch in Zukunft bevorsteht, vielleicht das Ende aller menschlichen Denktätigkeit.
Ich versuche, was in meinen schwachen Kräften steht, um Einzelnen zu helfen. Mit Theorien ist nicht gedient, auch nicht mit Glauben, der nicht von Humanismus getragen und ernährt ist.
Ich glaube nicht an die Verderbtheit der menschlichen Natur, auch nicht an das „Verbrecherische“ als Grundcharakter, sondern an Fehlleistungen im Einzelnen, die durch falsche Erziehung, durch falsche Gesellschaftskalküle und, letzten Endes, durch den fortschreitenden Prozess der gesellschaftlichen Auflösung bedingt sind.

Ich liebe die Menschen
und habe Angst um die Jugend,
die ohne sittliche Philosophie heranwuchs oder heranwächst
und die nun büßen soll, was die alte Generation verwirtschaftet hat.
Ich fühle mich die ganze Zeit über schuldig, mich jedem jungen Menschen gegenüber versündigt zu haben, weil ich, trotz besseren Wissens und kräftigeren Wurzeln in dem Erbe der Vergangenheit, zu wenig für die Gesamtheit und den Einzelnen geleistet habe.“
London 12. Mai 1946
Bild: Wikipedia
Oskar Kokoschka: österreichischer Maler, Grafiker und Schriftsteller (1886–1980)
Oskar Kokoschka an Ruth und Adolf Arndt


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