Komponistin, Flötistin, Chorleiterin, Klavierlehrerin – 1914 bis 2001
Text von Maike und Ronald Holst
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Es war in den 1960er-Jahren, als wir wieder einmal durchs Blankeneser Treppenviertel bummelten. Plötzlich hielten wir inne. Nicht etwa wegen des steilen Anstiegs. Nein, aus einem der Häuser tönte ein so wunderbarer vielstimmiger Gesang, dass wir bleiben und lauschen mussten.
Heute wissen wir, dass sich Familie Kukuck in der Adventszeit zur abendlichen Hausmusik traf. Unter Leitung von Mutter Felicitas wurde mit dem Vater und den vier Kindern gesungen. Bis zu sechsstimmige Sätze – wie in der Motette „Kommet ihr Hirten“ – sang die sechsköpfige Familie. Als später auch noch Partner der Kinder und Enkelkinder hinzukamen, bildete die Familie ein Ensemble, mit dem Frau Kukuck Musik von den alten Meistern bis zu Eigenkompositionen einstudierte. Aus dieser Urzelle entstand der Singkreis, zu dem auch Freunde und Bekannte gehörten.
Werdegang
Felicitas wurde 1914 – kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges – in Hamburg geboren. Ihr Vater, der Arzt und Physiologe Prof. Dr. med. Otto Cohnheim, änderte auf Wunsch seiner Mutter 1916 seinen jüdischen Namen in Kestner, sodass das kleine Mädchen als Felicitas Kestner aufwuchs.
Ihre Eltern förderten ihre künstlerische Begabung von Kindheit an und ermöglichten ihr den Besuch von Schulen, in denen Musik einen hohen Stellenwert besaß. So ging sie auf die reformpädagogische Hamburger Lichtwarkschule, die bis 1933 für Erziehung zur Weltoffenheit, zum selbstständigen Denken und Handeln eingetreten war. Seit ihrem 13. Lebensjahr erhielt sie neben den privaten Klavierstunden Unterricht in Harmonielehre, die für Felicitas´ spätere Berufswahl von großer Wichtigkeit werden sollte. Schon als Schülerin komponierte Felicitas eine Revue, die in ihrer Schule aufgeführt wurde. Einer ihrer Mitschüler – in der fortschrittlichen Lichtwarkschule wurde damals schon Koedukation praktiziert – war ihr späterer Mann Dietrich Kukuck. Dessen Eltern besaßen ein Haus im Blankeneser Treppenviertel.
Couragiert im Nationalsozialismus
Als die Fackelzüge der SA am Abend des Tages der Machtergreifung durch Hamburg zogen, das Horst-Wessel-Lied grölten und „Ohne Jud´ noch mal so gut“ oder „Judas verrecke“ skandierten, als Schlapphüte der Gestapo mit ersten Verhaftungswellen begannen, war das ein besonders tiefer Einschnitt in Felicitas´ Leben. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal von ihren jüdischen Wurzeln erfuhr, sondern nach Gleichschaltung der Lichtwarkschule entschieden Felicitas´ Eltern, dass sie die jetzt gänzlich veränderte Anstalt besser verlasse. Sie wechselte zunächst an ein musisch orientiertes Landschulheim, die „Schule am Meer“ auf Juist. Doch auch hier bewirkte der nationalsozialistische Ungeist, dass die Schule – sogar von Lokalpolitikern – als „Jöödenschool“ verunglimpft wurde. Daraufhin meldeten zahlreiche jüdische Eltern ihre Kinder ab. Sicherlich spielten auch geplante Emigrationen eine Rolle. Die Schule verlor damit nicht nur ihre Schüler, sondern auch die wichtigsten Förderer. Als sie 1934 geschlossen werden musste, wechselte Felicitas notgedrungen auf die Odenwaldschule, an der sie 1935 das Abitur ablegte.
Trotz Diskriminierung konnte sie an der Berliner Musikhochschule Klavier, Flöte und bei Paul Hindemith Komposition studieren, um zwei Jahre später die Privatmusiklehrerprüfung abzulegen. Eigentlich hätte sie Schulmusik studieren wollen, hätte wegen ihrer Herkunft jedoch keine Unterrichtserlaubnis erhalten.
1939 schloss Felicitas ihr Musikstudium mit der künstlerischen Reifeprüfung für Klavier ab. Obgleich sie als „Nicht-Arierin“ auch hier keine Unterrichtserlaubnis erhielt, gab sie unerlaubt Klavierstunden und Blockflötenunterricht.

Anfang 1939 emigrierten Felicitas’ Eltern auf Drängen der Familie und guter Freunde endlich nach England. Im gleichen Jahr heiratete Felicitas ihren langjährigen Freund Dietrich Kukuck, mit dem sie schon seit 1936 zusammen gelebt hatte, ein für die damalige Zeit unerhörtes Tun. Die beiden jungen Menschen hatten sich schon auf der Lichtwarkschule in Hamburg von kommunistischen, genauer gesagt von den liberaleren trotzkistischen Ideen angezogen gefühlt.
Die Heirat eines Ariers mit einer Dreiachteljüdin war in dieser Zeit zumindest problematisch. Wie es gelang, dass ein neuer Geburtsschein auf den Namen Felicitas Kestner vom Standesbeamten anerkannt wurde, ist nicht ganz geklärt. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass Dietrich Kukuck zu den von den Nazis gefragten jungen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren gehörte, die man wegen des frisch begonnenen Krieges dringend bei Wehrmacht und Marine benötigte. Er wurde ohne Grundausbildung im Rang eines Offiziers zur Marine gezogen. „Silberlinge“ nannte man diese technischen Offiziere. Ihm oblag es während des Krieges, Wetterbojen für den U-Boot-Krieg zu fertigen, die im Meer ausgesetzt Wetterereignisse meldeten.

Schon ein Jahr später wurde Sohn Jan geboren. In dieser Zeit fand auch Felicitas’ Aufnahme als Komponistin in die Reichsmusikkammer unter aberwitzigen Auflagen statt. Gleichzeitig mit der Aufnahme wurde ihr nämlich verboten, „schöpferisch tätig“ zu werden, also zu komponieren. Außerdem durfte sie nicht bei NSDAP-Veranstaltungen auftreten.
Schöpferisch tätig
Trotz der Verbote gab sie 1941 einen Kompositionsabend. Dabei wurde ihre Sonate für Querflöte und Klavier in Berlin uraufgeführt. Bei all ihren Kompositionen ist der Einfluss ihres 1939 emigrierten Kompositionslehrers Paul Hindemith deutlich erkennbar. Das zeigt sich vor allem in dem Bemühen um die Melodie. Die einstimmige Melodie an sich in ihrer melodischen, harmonischen und formal-rhythmischen Gestalt war nach Hindemith die Grundvoraussetzung für eine gelungene Komposition.
Die couragierte Felicitas war also trotz aller Verbote weiter „schöpferisch tätig“. Zum Beispiel erschienen 1942 drei Instrumentalwerke von ihr im Schott-Verlag. In einer Tanzschule gab sie Blockflötenkurse und organisierte Hausmusikabende. Sie trat weiterhin öffentlich auf, was Menschen mit jüdischen Wurzeln absolut verboten war.
Flüchtige Jüdin aufgenommen
Obendrein gewährte Felicitas einer Jüdin Unterschlupf in ihrer Wohnung. Es war die vormalige Lehrerin der Hamburger Talmud-Tora-Schule Elisabeth (Jakobus) Feilchenfeld, die sich zur Tarnung Anna Pastor nannte.
Schon Felicitas selbst war aufs Äußerste gefährdet, denn nach den Nürnberger Rassegesetzen stammte sie aus einer Mischehe, gehörte eigentlich zu den Dreiachtel-Juden, die in der zweiten Hälfte des Krieges ebenfalls verfolgt und in Todeslager deportiert wurden. Einem flüchtigen Juden Unterschlupf zu gewähren, hätte ihr sofortiges Todesurteil bedeuten können.
Hinzu kam die mit fortschreitendem Krieg immer schwieriger werdende Versorgungslage. Doch Felicitas gelang es, über eine Ärztin „unbegrenzte“ Mengen des streng rationierten Lebertrans für ihren jüdischen Schützling zu erhalten. Brot bekam Frau Feilchenfeld als Entgelt von einem russischen Kriegsgefangenen, dem sie Deutschunterricht erteilte. Er war in einer benachbarten Bäckerei beschäftigt und wurde von der Bäckerfamilie wie ein Sohn behandelt, konnte deshalb Brot ohne Marken abzweigen. Der Lebertran wurde in einer Pfanne erhitzt, wodurch er seinen eigenwilligen Geschmack verlor. Die Brotscheiben briet Frau Feilchenfeld in dem nahrhaften Fett. Über lange Zeit war dies ihre Hauptnahrung.
„Nein, als heroisch würde ich unsere Mutter nicht bezeichnen!“
„Nein, als heroisch würde ich unsere Mutter nicht bezeichnen!“ meint Tochter Margret Johannsen. „Aber als anständig und couragiert!“ Mit Umsicht und Pragmatismus hat sie sich durch die äußerst gefahrvolle faschistische Zeit lavieren können. Ihr Mann Dietrich Kukuck hingegen fiel Anfang ´45 bei einem neuen Kommandeur wegen seiner Ehe mit einer Nicht-Arierin in Ungnade, wurde degradiert und vom Schiff „geworfen“. Er müsse sich an der Ostfront als Infanterist „bewähren“, hatte sein Vorgesetzter befohlen. Stattdessen desertierte Kukuck und schlug sich die letzten Kriegsmonate als Knecht getarnt bei einem Bauern durch.
Am 3. Mai 1945 gab es nur noch vereinzelte Kämpfe im Zentrum der Reichshauptstadt, zum Beispiel um den Führerbunker und beim Reichstag. Ausgerechnet in diesen letzten Stunden der Kampfhandlungen wurde das Haus mit Felicitas’ Wohnung von Rotarmisten in Brand gesteckt, vermutlich um eventuell dort versteckte deutsche Soldaten zum Herauskommen zu zwingen.
Ihren kostbarsten Schatz, die Aktentasche mit ihren Partituren nahm Felicitas immer mit in den Luftschutzkeller. Sie wurden gerettet, doch die Wohnung mit allem Inventar ging verloren. Trotzdem war Felicitas froh. Der Krieg war zu Ende, das Nazi-Regime lag am Boden. Sie waren dem braunen Terror entkommen! Und mit ihnen Elisabeth Feilchenfeld, die Felicitas Kukuck über Jahre verborgen hatte.
Nach dem Verlust ihrer Wohnung nahm Felicitas den kleinen Jan an die Hand und schleppte sich 14 Stunden durch die in Trümmern liegende Stadt nach Berlin-Heiligensee. Unterwegs half ihr ein russischer Soldat mit einem Blockwagen, der Jan beim Abschied in die Höhe hob und Felicitas einen Kuss gab. In Heiligensee kamen Mutter und Sohn bei einer Bekannten unter und Felicitas bekam die Chance, in der dortigen Volkshochschule Musikunterricht zu erteilen. Für Jan ergriff sie die Gelegenheit, ihn über die „Aktion Storch“ ins Oldenburger Land zu verschicken, wo er viele Monate bleiben konnte, zu essen bekam und plattdeutsch sprechen lernte.
Zurück nach Hamburg
Im November 1945 treckte Felicitas von Berlin nach Hamburg. Welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, können nur Zeitgenossen nachvollziehen.
Vom Hunger ausgezehrt erreichte sie schließlich ihr Ziel. Später erzählte sie, der Hunger habe sie so gezeichnet, dass ein englischer Offizier anlässlich eines Gesprächs notiert habe „Konzentrationsschwäche aufgrund schwerer Unterernährung“.
Bald nach ihrer Rückkehr trafen sich die Eheleute in Hamburg wieder. 1946 wurden die Zwillinge Margret und Irene geboren, 1948 Sohn Thomas.
Felicitas´ Eltern hatten die Nazizeit in England überstanden und kamen Anfang der fünfziger Jahre nach Hamburg zurück.
Blankeneser Jahre

Von 1948 bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 lebte Felicitas Kukuck im Geburtshaus ihres Mannes im Treppenviertel von Blankenese. Hier wuchsen ihre vier Kinder heran und wurden liebevoll von ihr umsorgt. Sie hatte sich immer viele Kinder gewünscht. Felicitas war aber nicht nur eine liebevolle, sondern auch eine pragmatische Mutter. Wenn sie komponierte, was ständig und hingebungsvoll geschah, hängte sie eine Laubsäge-Arbeit ihres ältesten Sohnes mit der Botschaft „Mutti komponiert“ an ihre Zimmertür. Sie durfte nicht gestört werden. Die Kinder waren dann sich selbst überlassen. Nur manchmal hatte eine Nachbarin ein Auge auf sie. Sie liefen meist an den Strand, spielten mit Altersgenossen, trafen Freunde oder prügelten sich mit „Feinden“. Tausend Abenteuer genossen sie in den Treppen, Winkeln und Gängen von Alt-Blankenese, in fremden Gärten oder auf schaukelnden Bootsplanken im Elbestrom. Sie genossen eine freie Kindheit, fast ein wenig wild, wie sich ihre Tochter Margret erinnert.
Derweil komponierte Felicitas Kukuck zunächst auch viele Kinderlieder, die sie mit ihrem Nachwuchs probte. Überhaupt sang oder summte sie fast ständig Melodien, gab ihren Kindern Blockflöten-, Fidel- und Klavierunterricht. Und war dabei durchaus anders als andere Blankeneser Mütter. Auf Äußeres legte sie wenig Wert. Vater Dietrich mit Vollbart trug das ganze Jahr über Sandalen und weiträumige Pullover. Weißbrot war tabu, die Ernährung „alternativ“. Viele Lebensmittel wurden im Reformhaus gekauft.
(Bild: ca. 1950)
Als Tochter Margret bei einer Rauferei einem Kind das Nasenbein brach und die Polizei die Übeltäterin zu vernehmen wünschte, wurde das Mädchen unterm Bett nicht verraten. Nein, gegenüber der Polizei war Felicitas mit ihrer Tochter solidarisch!
Manchmal war es den Kukuck-Kindern etwas peinlich, dass ihr Zuhause so anders war. Besonders auf dem Gymnasium Willhöden wurde Margret bewusst, wie aufwändig Klassenkameradinnen aus betuchten Häusern gekleidet waren, wie anders deren Familien lebten. Doch mit zunehmendem Alter erkannte sie, welche herausragende Leistung ihre Mutter vollbrachte, was für ein großartiges Werk sie schuf und war stolz auf sie.
Unermüdlich komponierend
Für Felicitas Kukuck war es wichtig, dass ihre Musik tatsächlich erklang, dass sie immer wieder aufgeführt wurde. 1947 lernte sie Gottfried Wolters kennen, den Leiter des legendären Norddeutschen Singkreises und Lektor des Möseler-Musikverlages. Unter seinem Einfluss wandte sich Felicitas Kukuck verstärkt der Vokalmusik zu. Sie komponierte zahlreiche Lieder- und Liedsätze für die Edition „Das singende Jahr“. Diese Lieder, aber auch von ihr geschaffene Motetten und Oratorien führte Wolters mit seinem Chor auf.

Die Komponistin hat in über sechs Jahrzehnten neben Instrumentalstücken ein reiches Werk weltlicher und geistlicher Vokalmusik mit einem sehr eigenen und unverwechselbaren Stil geschaffen. Sie engagierte sich in der Laienmusik und der Musikerziehung. Dabei entstand auch ihr bekanntestes Lied „Es führt über den Main“ für eine Sendereihe des Bremer Schulfunks. Die enge Zusammenarbeit mit Musikern und Musikerinnen, Chorleitern und Sängern, Instrumentalisten, Kantoren und Schulmusikern erwies sich als starke inspirative Quelle für ihr Schaffen.
Großzügig und liberal
So kompromisslos sie in ihrem musikalischen Werk war, so liberal war sie auf zwischenmenschlichem Gebiet. Sie sah ihrem Mann manche Eskapade mit dem weiblichen Geschlecht nach. Felicitas erlaubte auch, dass ihre Töchter schon als Oberschülerinnen Herrenbesuche bei sich übernachten ließen. Als dies nicht ohne Folgen blieb und Tochter Irene mit 15 Jahren schwanger wurde, richtete sie den jungen Eltern in ihrem Haus eine Wohnung mit separatem Eingang ein. Sie sollten für einander sorgen, im Alter von 21 Jahren könnten sie heiraten. So geschah es.
Der kleine Christoph hatte die Musikalität seiner beiden Großmütter – Felicitas Kukuck und Lya Bendorff – geerbt. Besonders das Schlagzeug hatte es dem Burschen angetan. Weil aber seine ersten Rhythmik-Übungen mit Kochtopf- und löffeln durch das ganze Haus dröhnten, setzte Felicitas den Kleinen neben sich, stattete ihn mit einem Kissen auf dem Schoß und Stöcken aus, so dass er den Takt lautlos zu ihrem Klavierspiel schlagen konnte. Mit sechs Jahren bekam er sein erstes Kinderschlagzeug, mit neun spielte er in der Pause eines James Last-Konzerts.
Zu Felicitas’ Chorsängerinnen gehörte über viele Jahre neben der Familie eine Gemeindeschwester, genannt Lolo. Irgendwann entwickelte sich zwischen Lolo und Dietrich Kukuck eine Beziehung, von der Felicitas lange nichts ahnte. Als sich Dietrich schließlich von seiner Frau trennen wollte, war das ein gewaltiger Schock für seine Frau. Sie liebte ihren Mann und wollte ihn nicht hergeben. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen.
Eines Tages brachte Tochter Margret einen Freund ins Haus. Dieser junge Mann gefiel Felicitas so umwerfend gut, dass sie eine Liebesbeziehung mit ihm begann. Doch nicht nur das: Als der Jüngling wegen Schwänzens nicht zum Abitur zugelassen werden sollte, erschien die Kukuck in seiner Schule und setzte sich energisch – und schließlich erfolgreich – für den begabten jungen Mann ein.
Das Liebesverhältnis ermöglichte Felicitas schließlich, sich emotional von Dietrich zu lösen. Man trennte sich einvernehmlich. 1967 wurde ihre Ehe mit Dietrich Kukuck geschieden. Allmählich konnte Felicitas zu Lolo eine enge, fast innige Beziehung aufbauen und dankbar feststellen, dass Lolo für ihre beiden erwachsenen Töchter fast so etwas wie eine zweite Mutter war.
Komponieren mit religiösen oder pazifistischen Bezügen
Am liebsten komponierte Felicitas im Freien. Dafür setzte sie sich in den Garten, schrieb dort ihre Noten, nur um zwischendurch die Tonfolgen am Klavier zu überprüfen. Einmal am Tag musste sie den kurzen Weg zum Anleger gehen, um sich den Schiffsverkehr auf der Elbe anzugucken. „Blankenese ist ein Paradies!“ war ihre Überzeugung.
1967 machte Felicitas aus ihrem Singkreis den Kammerchor Blankenese, mit dem sie bis ins hohe Alter viele ihrer Kompositionen (ur)aufführte. Der Raum für ihre künstlerische Arbeit war die Kirche. Mehr als zehn Jahre arbeitete sie mit Pastor Sievert Brandt zusammen, dem Pastor ihrer Blankeneser Gemeinde. Passend zu seinen Predigten komponierte Frau Kukuck jeweils zu den Gottesdiensten Lieder, unterlegt mit den entsprechenden biblischen Texten. Oft war auch ein Kanon dabei, den sie während des Gottesdienstes mit der Gemeinde einübte. Außerdem war sie aktives Mitglied der Blankeneser Kantorei und half bei Konzertproben tatkräftig mit.
In ihrem Spätwerk setzte sich die Komponistin mit den existenziellen Fragen unserer Zeit – wie Krieg und Frieden, Auschwitz, Hiroshima und Tschernobyl – auseinander. Im Rahmen der Weltfriedenswoche und dem Gedenken an die Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki wurde ihre Kantate: „Und es ward: Hiroshima. Eine Collage über Anfang und Ende der Schöpfung!“ in der Hamburger Nikolai-Kirchenruine – selbst Mahnmal gegen den Krieg – 1995 uraufgeführt.
Im gleichen Jahr entstand – für die 800-Jahr-Feier der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai – die szenische Kantate „Wer war Nikolaus von Myra?“ Darin wird geschildert, wie ein Bischof seine Stadt aus Hungersnot rettet und vor einem Krieg bewahrt. Die Schlussworte der Kantate sind Aussagen, die die Überzeugung der Komponistin deutlich widerspiegeln: „Möge Nikolaus behüten/ unsere Freunde in der Fremde/ und die Fremden in der Stadt.“

Verfolgung und Krieg sind im Spätwerk immer wieder ihre Themen gewesen, so wie die Lieder „Und kein Soldat mehr sein“, die anlässlich des Antikriegstages am 1. September 1996 uraufgeführt wurden.
„Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ heißt das Motto von sieben Klavierliedern auf Gedichte des jüdischen Mädchens Selma Meerbaum-Eisinger an ihren Freund. Sie starb 18-jährig in einem Konzentrationslager.
Mehr als 1.000 Kompositionen
Die Freie und Hansestadt Hamburg ehrte Felicitas Kukuck 1989 mit der Biermann-Rathjen-Medaille für ihre Verdienste um das Hamburger Musikleben und verlieh ihr fünf Jahre später für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Musik die Johannes-Brahms-Medaille.
Selbst im hohen Alter komponierte Felicitas Kukuck noch täglich. Um dafür Inspirationen zu erlangen, suchte sie immer wieder neue Texte, fahndete nach Worten, die sie entzündeten, um darauf ein Musikwerk zu setzen. Tochter Margret Johannsen erzählt, dass die Mutter ihr viele Texte förmlich aus der Hand gerissen habe. So entstanden – in Zusammenarbeit von Mutter und Tochter – „Der Mann Mose“ und „Ecce Homo“, einige Kantaten und zwei Liederzyklen.

Sie starb 2001.
Doch ihr aus mehr als 1.000 Kompositionen bestehendes Werk lebt.
Es gibt ein Riesen-Archiv, denn
– beginnend mit ihren ersten Aufführungen –
hat Dietrich Kukuck, ihr Ehemann, Ingenieur und Tontechniker, alles aufgenommen, was von Felicitas Kukucks Werken gespielt wurde.
Diese alten Tonaufnahmen hat ihr jüngster Sohn Thomas digitalisiert und die Aufnahmen-Sammlung des Vaters nach dessen Tod weiter vervollständigt.
Überhaupt waren und sind die Kukuck-Nachfahren höchst engagiert, das Andenken an die Komponisten-Mutter und ihr Werk lebendig zu halten.
Zu ihrem 90. Geburtstag 2004 wurde wieder ein
„Singkreis Felicitas Kukuck“
gegründet, der aus Familienmitgliedern und Freunden besteht und nur Werke der Namensgeberin singt – unter der Leitung eines ihrer Enkel, Christoph Leis-Bendorff.
(Bild: Im Garten in Blankenese, 1999)
Wenn Sohn Thomas im alten Haus am Hang an den Werkaufnahmen seiner Mutter arbeitet, dringt leider kein Ton mehr nach außen. Denn als Tontechniker trägt er fast immer Kopfhörer. Doch wer weiß, vielleicht probt der Singkreis wieder einmal dort. Zur Freude und zum Staunen zufälliger Passanten.
Sollten Ihre Neugierde jetzt geweckt sein, können Sie sich im Internet – unter „Felicitas Kukuck, YouTube“ – einen Eindruck von der Musik dieser großartigen Komponistin verschaffen.
Quellenangabe:
Felicitas Kukuck, Wikipedia
Felicitas Kukuck, MuGi, lexartikel (mugi.hfmt-hamburg.de)
MUGI Musik und Gender im Internet,
Felicitaskukuck.de
Interview mit Dr. Margret Johannsen


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