Home 9 Allgemein 9 Eine Reise nach Auschwitz im Mai 2026

Eine Reise nach Auschwitz im Mai 2026

Eine Reise nach Auschwitz im Mai 2026

Eine Reise nach Auschwitz im Mai 2026

Über diesen Ort und seine Geschichte habe ich mehr gelesen als über jeden anderen, an dem ich oft war. Warum hinfahren, wenn man weiß, was sich dort über Jahre abgespielt hat? Wenn in der eigenen Familie dort Menschen ermordet wurden? Wenn alles dokumentiert ist, was Menschen anderen Menschen antun können? Wenn Gerichtsprozesse jeden Zweifel ausräumten? Wenn Dokumentarfilme und Spielfilme uns Zuschauer emotional einbeziehen in ein partielles Miterleben von Grauen, Angst und Verzweiflung?

Wieslaw Kielar, 1919 in Przeworsk in Polen geboren, wurde bereits 1940 als politischer Häftling nach Auschwitz deportiert. Er verbrachte dort viereinhalb Jahre, wurde in andere KZs verlegt und schließlich befreit. Er nannte seinen Bericht darüber „Anus Mundi – Fünf Jahre Auschwitz“ (er ist 2023 bei S. Fischer neu aufgelegt worden). Ein treffender Titel. Und doch: Kielar war kein Jude. Damit waren seine Überlebenschancen zumindest etwas größer als die der jüdischen Opfer des Holocaust.

Auch andere Zeitzeugen haben ihre Erfahrungen im KZ Auschwitz aufgeschrieben: Ruth Klüger, Imre Kertesz, Elie Wiesel, Anita Lasker-Wallfisch, Primo Levi – um nur die bekanntesten zu nennen. Diese waren jüdisch, und es war Glück oder Zufall, dass sie überlebt haben, vorgesehen war es nicht.

Wo fängt der Besuch von Auschwitz an?

Ganz sicher nicht vor Ort. Denn eine sanfte Landschaft, grün und mit kleinen Wäldern garniert, kleinen Ortschaften, die man passiert, von Krakau kommend, bereitet den Besucher nicht vor auf den Ort, der heute Gedenkstätte ist – und übrigens heute das am häufigsten besuchte „Museum“ Polens! Wo also, fängt man an?

Sicher ist die Beschäftigung mit der Geschichte des europäischen Antisemitismus hilfreich, den Folgen der Arbeitslosigkeit und dem Scheitern der Weimarer Republik, dem tief verwurzelten antidemokratischen Denken und der nationalistischen Überhöhung der deutschen Geschichte, wo der Zusammenbruch des Kaiserreichs nur als Dolchstoß verstanden wurde. Der Aufstieg der NSDAP, ja, auch der ist wichtig – aber: Eigentlich hilft all dieses Wissen NICHT, will man Auschwitz auch nur ansatzweise verstehen.

Denn jeder Versuch, das, was dort geschehen ist, in historischen Kategorien zu verorten, muss scheitern. Man kann die Rassenideologie der Nazis analysieren, ihre Lebensraumfantasien, ihre Volkstumsideologie, die SS-Doktrin, den schamlosen Raub an Kulturgütern in allen besetzten Gebieten, die Korruption und Bereicherung der NS-Eliten, den verblödenden Schulunterricht u.v.m

Es mögen immer kleine Mosaiksteine zusammenkommen; „verstehen“ kann man Auschwitz nicht.

Herzberg.Auschwitz0

Unser Besuch begann am modern ausgebauten Empfangs-Center, das effizient die vielen, oft mit Bussen anreisenden Besuchergruppen zu kanalisieren hat; dort begrüßt der Guide oder seine weibliche Form die Gruppe und beginnt die Führung. Zuerst gelangt man ins „Stammlager“, das ursprünglich als Kaserne gebaut war und über fast 30 in sich abgeschlossene Häuser verfügt. Die Nationalsozialisten nutzten es ab 1940 zuerst als Lager für politische Häftlinge, meist Polen, und später auch für russische Kriegsgefangene. Ab 1942 wurde dieser Lagerabschnitt durch einen weiteren ergänzt: Auschwitz-Birkenau, Zwangsarbeitslager und Vernichtungslager in einem. Beide Komplexe haben wir besucht.

Im Stammlager befinden sich neben Orten wie der Schwarzen Wand (Erschießungsort), dem Hungerblock (in dem die Häftlinge dem Hungertod preisgegeben wurden) und dem „Kranken“-Block (wo Dr. Mengele u.a. ihre grauenvollen medizinischen Experimente durchführten) auch die konservierten Alltagsgegenstände, die die Deportierten – in der Hoffnung auf ein Weiter-Leben mitgebracht haben: Teller, Bestecke, Decken, Schüsseln, Brillen, Werkzeuge, Koffer, Strampelanzüge, Schuhe – Berge von Prothesen und Menschenhaar. Mehr ist nicht übrig geblieben von 1,1 Millionen ermordeten Menschen.

Fotostrecken verdeutlichen den Weg von der Ausgrenzung, über die Deportation bis zur Ankunft im KZ Auschwitz. Alles war gut organisiert, geplant und mit den Mitteln der Täuschung so durchgeführt, dass sich kein Widerstand regte, ja, dass die Opfer glaubten, was ihnen erzählt worden war, dass es zum „Arbeitseinsatz in den Osten“ gehe – deshalb die Mitnahme von Haushaltsgegenständen wie Hammer, Schaufeln oder Nähmaschinen.

In einem Gebäude hängen Listen gedrängt eng hintereinander zum Aufklappen, sicherlich zweimal acht Meter: Sie enthalten die Namen der Opfer, die im Holocaust umkamen, nicht nur in Auschwitz. Wir fanden die Namen von Verwandten, die in Auschwitz, andere, die in Riga ermordet worden waren – seltsam knappe Angaben: Wohnort, Deportationsdatum und -ort, Todesort. Hinter all den ca. 6 Millionen Opfernamen verschwinden beinah die individuellen Lebenswege, die so jäh beendet wurden.

Die Gedenkstätte hat, um den einzelnen Opfern mehr Bedeutung zuteil werden zu lassen, eine längere Galerie eingerichtet, auf der die Karteikarten derjenigen Häftlinge abgebildet sind, die zumindest nicht sofort nach ihrer Ankunft ins Gas geschickt wurden. Es ist dabei ein Kaleidoskop des europäischen Judentums entstanden: von jungen Französinnen, die zumindest zeitweilig als Schneiderinnen überlebt haben über griechische Männer, die als Schlosser Verwendung fanden bis zu Ärzten aus dem Rheinland, die als Sanitäter arbeiten konnten. Man kann sie einzeln recherchieren – und findet teilweise kaum vorstellbare Überlebensgeschichten.

Am Ende des Besuchs im Stammlager führt uns unser Guide zum Galgen, an dem 1946 der langjährige Lagerkommandant Rudolf Höss am Strang hingerichtet worden war; nicht weit davon entfernt, hinter einer schützenden Mauer und Hecke, lag seine Villa, wo er mit Frau und Kindern ein quasi normales Familienleben führte.[1]

Auschwitz

In Auschwitz-Birkenau, wohin heute ein regelmäßiger Shuttle-Bus vom Stammlager verkehrt, führt der Weg durch das von zahlreichen Fotos bekannte Tor, durch das ab Frühjahr 1944 die Züge zur neu gebauten Rampe fuhren: Der Weg vorher war länger. Nun aber stand 1944 die Vernichtung der ungarischen Juden bevor, ein Plan, den Adolf Eichmann akribisch in die Tat umsetzte: Von Mai 1944 bis Mitte Juli 1944 wurden ca. 437.000 ungarische Juden und Jüdinnen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten von ihnen wurden sofort nach ihrer Ankunft von der Rampe weggeführt und vergast.

Die Gaskammern, in mehreren Gebäuden untergebracht, wurden Ende Oktober 1944 von der SS gesprengt. Man kann heute die Ruinen sehen. Auch die Krematorien gibt es nicht mehr. Deren Konstruktion war von der Erfurter Ofenbau-Firma Topf & Söhne geplant und umgesetzt worden; es existiert ein bemerkenswerter Schriftwechsel zwischen der KZ-Leitung und dem maßgeblichen Ingenieur der Firma Topf & Söhne, in dem die Firma die Mängelbeanstandung der KZ-Leitung zurückweist: Schließlich habe die SS die Kapazitätsgrenzen der Öfen erheblich überschritten…[2]

In Auschwitz-Birkenau kann man einige Baracken besichtigen. Sie sind wieder instandgesetzt und so eingerichtet wie damals. Dass jede Pritsche 3 bis 4 Häftlingen als Schlafstatt dienen musste, dass es keine Matratzen gab, dafür aber grauenvolle hygienische Bedingungen, kaum Waschmöglichkeiten oder Latrinen – dies erfährt man hier. Aber man kann nicht die Enge, das Ungeziefer, die Gerüche wahrnehmen, den vollständigen Mangel an Privatheit kann man nur ahnen: Nirgends war ein Häftling allein, er war Teil einer Masse, die durchnummeriert war und jeglicher Individualität beraubt.

Die schiere Ausdehnung des Lagers beeindruckt: Man sieht über eine Länge von zwei Kilometern nur die übriggebliebenen Schornsteine der längst abgerissenen Holzbaracken – ein gespenstischer lebloser Wald. Wir liefen acht Kilometer durch diesen Ort, erreichten am Ausgang den Shuttle-Bus, der uns wieder ins Stammlager brachte und fuhren nach Krakau zurück.

Was hat der Besuch dieser Gedenkstätte mit mir gemacht?

Ich bin froh, dass ich mir den Komplex angesehen habe. Wer nicht weiß, was dort geschah, bleibt sich vor Ort aber eher selbst überlassen. Eine historische Einordnung und Übersicht über die Ereignisse habe ich nicht gebraucht, aber dennoch vermisst.

Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, wie man diesen Ort des industriellen Mordens „konservieren“ kann: Dass er einerseits seinen authentischen Charakter bewahrt, andererseits aber auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben kann. Ich finde keine endgültige Antwort darauf; ich denke, man hat einen Weg gefunden, Auschwitz „begehbar“ zu machen. Alles andere braucht andere Orte.

Vor Ort, aber auch seitdem, denke ich oft über die Wannsee-Konferenz, die am 20. Januar 1942 in Berlin stattgefunden hat, nach. Will man den Massenmord in Auschwitz und anderen Orten überhaupt irgendwie nachvollziehen, sollte man sich mit dieser Besprechung ausführlicher beschäftigen.[3]

Damals wurde nicht der Holocaust beschlossen, wie oft irrtümlich angenommen – im Übrigen auch von unserem Guide in Auschwitz kolportiert – sondern das operative Vorgehen geklärt und die Miteinbeziehung der staatlichen Stellen dokumentiert. Der SS-Staat hat hier eine eindeutige Mitwisser-Riege zur „Endlösung“ zusammengestellt, die – heute würde man sagen als „Multiplikatoren“ – in ihren Aufgabenbereich hineinwirken sollten, was sie auch taten. Bereits seit Kriegsbeginn, insbesondere aber nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, fand der Holocaust statt: Bis das KZ Auschwitz vollständig als Vernichtungslager ausgebaut war, also 1942, waren bereits ca. 3 Millionen jüdische Menschen durch Erschießungskommandos der SS-Einsatzgruppen hinter der Front ermordet worden; Litauen und Lettland waren schon „judenfrei“. Auschwitz war – und bleibt – das Symbol für die genozidale Effizienzsteigerung.

All das gehört für mich zu einem Besuch der Gedenkstätte als Hintergrundwissen dazu – und erklärt dennoch nur partiell, wie Menschen anderen Menschen solche Gewalt antun können.

Herzberg.Ingrid

Nach Auschwitz kehrten wir nach Krakau zurück:
Ein großer, auch nötiger Kontrast.
Die Stadt ist sich ihrer Nähe zur Gedenkstätte sehr bewusst, bekennt sich aber zu ihrer Gegenwart. Als junge Stadt mit vielen Studenten, zahlreichen Cafés und einladenden Plätzen ist es ein lebensbejahender Ort, der bei aller geschichtlichen Tradition das Hier und Jetzt feiert. Und doch bietet es auch Orte, die die Nazi-Besatzung nicht ausblenden: Das ehemalige jüdische Viertel Kazimiersz zeigt wunderbar restaurierte Synagogen, die die bittere Frage aufwerfen, wie viele Juden heute noch in Krakau leben; vor 1939 bildeten sie ein Viertel der städtischen Einwohnerschaft: 64.000. Heute sind es noch einige hundert. Hübsch hergerichtete Lokale verströmen ein bisschen Jiddischkeit, bieten Klezmer-Konzerte etc. Das ist Folklore, aber tut gut.

Besonders eindrucksvoll nahmen wir das Galicija Jewish Museum wahr, das sich der Frage widmet, wie Erinnerungskultur gelebt werden kann. Auch die ehemalige Email-Fabrik von Oskar Schindler [4] ist heute ein Museum, das den Besuch unbedingt lohnt; es erzählt die Geschichte Krakaus unter der deutschen Besatzung mit  unzähligen Dokumenten.

Auschwitz und Krakau sollte man auf derselben Reise besuchen:
Ich jedenfalls und auch meine Mitreisenden waren froh über die Tage in der Stadt, die ihren Lebenswillen nach dem Krieg und nach dem Ende der bleiernen sozialistischen Phase so frei und unbeschwert zeigt.

Ingrid Herzberg, ehem. Schulleiterin des Gymnasiums Blankenese


[1] Im Film „Zone of Interest“ (2023) mit Christian Friedel und Sandra Hüller spielt dieser Ort eine zentrale Rolle.

[2] Der Firmensitz von TOPF & SÖHNE ist seit 2011 ein sehenswerter Erinnerungsort in Erfurt mit der Dauerausstellung „Techniker der Endlösung“.

[3] Im Kreis von 15 ranghohen Vertretern der Ministerien, der NSDAP und der SS wurde die Kooperation aller in Frage kommenden staatlichen Stellen definiert, wie bei der Deportation und Ermordung der europäischen Juden zu verfahren ist. Geleitet wurde die Konferenz, die in einer opulenten Villa am Wannsee stattfand, von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei. Das Protokoll darüber führte Heydrichs „Referent für Judenangelegenheiten“, Adolf Eichmann. Es ist erhalten; es listet die Zahl von 11 Mio. Juden auf, die die Nazis in Europa ermorden wollten: auch die in der Schweiz lebenden gehörten dazu, die britischen etc.

[4] Der Spielfilm „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg (1993) schildert, wie der Unternehmer Schindler ca. 1200 jüdischen Menschen Arbeit gab und ihren Transport in Vernichtungslager verhinderte.


0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Accessibility Toolbar