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Charitas Bischoff geb. Dietrich, 1848 bis 1925

Charitas Bischoff geb. Dietrich, 1848 bis 1925

Charitas Bischoff geb. Dietrich, 1848 bis 1925

Schriftstellerin, Tochter der Naturforscherin Amalie Dietrich

Charitas-Bischoff-Treppe – Die Treppe hieß bis 1928 Bergstraße

Was für eine Kindheit!

1848 wird Charitas in Siebenlehn in Sachsen geboren. Ihre Eltern sind bitterarm. Der Vater, Wilhelm Dietrich, entstammt zwar einer angesehenen Botanikerfamilie, muss aber sein Studium abbrechen, als sein Vater stirbt.

CB.Caritas.Amalie

Die Mutter Amalie ist Autodidaktin.


Man trifft sich beim Kräutersammeln im Wald.
Amalie ist fasziniert von dem ernsten Forscher
und seiner Liebe zur Natur,
seinem fundierten naturwissenschaftlichen Wissen,
der Systematik, mit der er seine Sammlungen auf- und ausbaut
und seinem didaktischen Vermögen, sein Wissen weiterzugeben.

Ihre Wissbegierde, ihre durch Beobachtung selbst erarbeiteten Kenntnisse und ihr unermüdlicher Eifer begeistern wiederum den jungen Mann.

Die lernbegierige Amalie wird bald seine Assistentin und dann auch seine Ehefrau.

(Foto: Amalie Dietrich, 1821 – 1891)

Nach der Geburt der Tochter Charitas zieht die junge Familie in die Mietwohnung zu Amalies Eltern ins Forsthaus von Siebenlehn. Amalies Mutter muss schon kurz darauf die Betreuung des Babys übernehmen, denn die junge Familie lebt vom Verkauf ihrer Sammlungen. Das bedeutet, dass das Paar – häufig aber Amalie allein – zu Fuß zu potentiellen Abnehmern pilgert, denn Verkehrsmittel können sie sich nicht leisten.

Die selbst gesammelten, gepressten, in Mappen geordneten und etikettierten Pflanzen, die präparierten Insekten, Kleintiere, Schmetterlinge und Gesteinsproben, werden in einem Tragkorb auf dem Rücken geschleppt. Eines der näheren Ziele ist die Apotheke im 40 km entfernten Dresden. Aber auch außerhalb Sachsens, in Thüringen, in Hessen und Westfalen, sogar in Wien und Krakau interessieren sich Apotheker, Gelehrte und Sammler, Schulen und wissenschaftliche Einrichtungen für die kenntnisreich aufbereiteten Objekte der Dietrichs. Das bedeutet weite Wanderungen und immer wieder lange Abwesenheiten der Mutter.

Als die Großmutter in Siebenlehn stirbt, ist Charitas wohl 3 Jahre alt. Nun entscheiden die Eltern, ihr Töchterchen zu kinderlosen Verwandten nach Bukarest zu bringen. Der Onkel ist Handschuhmacher mit einem gut gehenden Ladengeschäft. Onkel und Tante lieben die Kleine, verwöhnen sie mit Spielsachen und Kleidung. Charitas darf in Haus, Garten und sogar in der Werkstatt spielen. Sie verlebt überaus glückliche zwei Jahre.

Das Glück findet ein abruptes Ende,

als die Mutter wieder auftaucht. Aus Sorge, ihre Tochter an die Pflegeeltern zu verlieren und unter dem Vorwand, das angenehme Leben in Bukarest würde das Kind verderben, reißt sie Charitas an sich und bringt sie zurück nach Siebenlehn.

Amalie hatte darauf gehofft, ihr Vater werde sich jetzt um das Enkelkind kümmern. Der aber lehnt ab. Er sei alt und müde. Auch seine Haushälterin könne nicht einspringen. Sie arbeite noch bei anderen Leuten, weil er ihr nicht genug bezahlen könne. Das alles hätte die Mutter vorab klären können, denn dass sie sich nicht selbst um die Kleine kümmern könnte, war von vornherein klar.

Es folgt eine kurze Phase, in der Charitas den Eltern bei ihren Arbeiten zuschauen kann. Reden aber darf sie dabei nicht, jedenfalls nicht solange der Vater im Raum ist. Die Kleine sehnt sich nach Bukarest zurück. Und als die Eltern eine nächste Reise nach Wien ankündigen, kann sie es nicht fassen, dass sie nicht mitgehen darf, aber auch nicht zurück zu Onkel und Tante nach Bukarest darf. „Ach warum denn nicht? Ich war doch so gern da!“

„Hier bist du doch mehr unser Kind. In Bukarest warst du Onkel und Tantes Kind, und die verzogen dich.“

Gegen Kostgeld wird die kleine Charitas bei einem alternden Ehepaar abgeliefert, ohne dass die Mutter die Leute kennt oder deren Verhältnisse und Charakter erkundet hätte. „Der Ausdruck ihrer Gesichter hatte etwas Müdes, Verdrossenes…Ach hätte ich nur laut schreien dürfen, aber das wagte ich nicht, hatte ich doch noch soeben versprochen, mich zu fügen! … Die Frau machte mir das Lager auf dem Kanapee zurecht. Kein Kuss, kein Plaudern.“

Es wird eine schreckliche Zeit.

Die beiden Alten arbeiten auswärts. Das Kind bleibt sich weitgehend selbst überlassen. In der Wohnung darf Charitas keine Kleinigkeit verändern, sich keine Spielecke einrichten. Schließlich findet sie einen Verschlag im Treppenhaus, den sie liebevoll für ihre Bukarester Puppe ausstattet. Doch eines Tages entdeckt ihre Ziehmutter das geheime Versteck und wirft alles heraus. Sogar die Puppe, die ein großes Loch in der Stirn davonträgt.

Elf Wochen muss die unglückliche Charitas bei den abgestumpften Leuten aushalten. Als die Mutter sie endlich abholt, verspricht sie, Charitas nicht wieder zu diesen Menschen zu geben.

Bald darauf kommt Charitas in die Schule. Das Lesenlernen macht ihr großen Spaß. Eine neue Welt erschließt sich der Kleinen. Es ist eine kurze glückliche Phase. Charitas genießt die Nähe und die zärtliche Zuwendung ihrer Mutter.

Doch schon rüsten die Eltern für die nächste Wanderung. Das neue Quartier für Charitas ist der Laden von Madame Hänel. Auch hier hat man kaum Zeit für sie. Die unfreundliche Magd lehrt Charitas stricken, damit sie beschäftigt ist. Schließlich darf sie beim Nachbarn und irgendwann sogar im Laden helfen. Doch als die Eltern nicht einmal  zu Weihnachten auftauchen, ist die Enttäuschung groß.

Auf eine längere Pause folgt wieder eine große Reise. Charitas ist acht Jahre alt, als sie – von einer Stunde auf die andere – zu den Triebels gegeben wird. Die Mutter begleitet ihre Tochter noch nicht einmal ins neue Quartier, obwohl sie weder Triebel noch die häuslichen Verhältnisse des Sattlers kennt. So muss Charitas den Geiz – sie darf sich nie satt essen – und den Jähzorn des Meisters erleiden. Obendrein wird sie verpflichtet, nach der Schule die staubigen Polsterfüllungen auseinander zu rupfen und bis in den späten Abend – und  je nach Auftragslage oft bis nach Mitternacht  – dem Meister und seinem Lehrjungen bei der Arbeit zu leuchten. Wenn Charitas dabei im Stehen einschläft, wird sie durch einen Schlag an ihre Pflicht erinnert.

Die Schule ist für sie Erholung.

Ihr junger Lehrer reagiert verständnisvoll, wenn das arme Mädchen vom Schlaf übermannt wird. Und er ermahnt die Mitschüler recht liebevoll mit ihr umzugehen, was nicht ohne Wirkung bleibt.

Wieder naht das Weihnachtsfest, ohne dass die Eltern zurückgekehrt wären. Am Vormittag des 24. überlegt sich Charitas, wie sie ihrem lieben Lehrer eine Freude machen könne. Sie reimt ein Gedicht, schreibt es nieder. Doch  als sie dazu eine Christrose zeichnen will, wird sie von der alten Frau Triebel überrascht. Schnell will sie das Blatt verstecken. Doch das Bild wird ihr aus der Hand gerissen, im Ofen verbrannt und sie lauthals bezichtigt, einen Apfel aus der Schale gestohlen zu haben. Der Sattler stürzt herbei, zerrt sie in den Ziegenstall und züchtigt das arme unschuldige Kind aufs Gröbste, bis ihm die Frau in die Arme fällt.

Lange bleibt sie eingesperrt. Dann muss sie zusehen, wie die anderen die Weihnachtsspeisen genießen.

Am nächsten Tag ist sie bei einem Klassenkameraden zum Essen eingeladen. Sie bekommt eine Puppe geschenkt. Und als sie im Garten eine Christrosenpflanze entdeckt, traut sie sich, um eine Blüte zu bitten.

So schafft sie es, ihrem geliebten Lehrer das Gedicht und die Christrose zu bringen. Dieser empfängt sie herzlich, bewirtet sie und singt mit ihr „Es ist ein Ros entsprungen“.  So hat sie doch noch Weihnachtsfreuden. Die Puppe aber verbirgt Charitas vorsichtshalber im Forsthaus, bis schließlich die Eltern zurückkehren.

Es folgt eine längere Phase, in der die Eltern in Siebenlehn arbeiten. Nach Schulschluss wird Charitas voll eingespannt, muss Arbeiten verrichten, die viel Geduld erfordern, z.B. mit einer Pinzette den toten Käfern die Beinchen und Fühlhörner herauspuhlen. Dabei wird sie vom Vater ständig examiniert, befragt nach deutschen und lateinischen Namen der Pflanzen, Klasse und Ordnung, nach Fundort und Blütezeit. Und wehe, sie weiß nicht bescheid oder präpariert eine Pflanze nicht zur Zufriedenheit des Vaters!

Sehr viel angenehmer sind die botanischen Wanderungen mit der Mutter. Begeistert stapft Charitas mit eigener Botanisiertrommel und oft schwerem Pflanzenbündel neben der Mutter her, denn die Mutter weiß auf Charitas einzugehen und fesselt sie mit spannenden Erläuterungen. „Die ganze stumme Pflanzenwelt wurde durch den Umgang mit der Mutter stimmbegabt.“

Dabei kommt die etwa 10-jährige Charitas einmal doch ans Ende ihrer Kräfte, als sie auf einer Verkaufstour durch die Sächsische Schweiz in einen schweren Schneesturm geraten. Auch die Mutter kennt sich nicht mehr aus. Sie irren umher. Es wird Nacht. Als sie schließlich ein Licht sehen, wird den „Herumstreichern“ der Zutritt verwehrt. Sie stolpern weiter. Doch auch in einem zweiten Gehöft werden sie nicht eingelassen, aber immerhin der Weg zu einem Gasthof gewiesen, in dem sie schließlich zur Ruhe kommen.

Die Beziehung der Eheleute verschlechtert sich.

Obendrein überrascht Amalie ihren Wilhelm in flagranti mit dem Hausmädchen. Nun trennt sich Amalie von ihm, die Ehe wird aber nie geschieden. Bald darauf reist der Vater nach Polen, um weiße Maikäfer zu sammeln.

Im Jahr darauf  kauft sich Amalie einen Handwagen, spannt einen Hund davor und geht auf Sammeltour. Dabei wandert sie elf Wochen durch die Salzburger Alpen. Oft übernachtet sie im Freien. Später geht sie per pedes von Sachsen nach Bremen, von dort nach Holland. „Eine Pflanzen sammelnde Egozentrikerin und Wissenschaftsfanatikerin“.

Zwischendurch wird Charitas oft  allein losgeschickt, um besondere Pflanzen zu suchen, die es nicht in der näheren Umgebung gibt. Wenn sie z.B. nach Leuben oder Meißen laufen muss, ist eine Übernachtung unumgänglich. Dann bekommt sie ein paar Groschen und einen Brief an einen Lehrer oder Pastor mit auf den Weg, mit der Bitte um ein Nachtlager und Hilfe beim Aufsuchen der seltenen Pflanzen.

Ihre Einsamkeit bei fremden Menschen und auf den langen Wanderungen kompensiert Charitas durch Selbstgespräche. So tröstet sie sich über die Verlassenheit hinweg und kann ihre Erlebnisse besser verarbeiten.

Als die Mutter wieder einmal zu einer langen Reise rüstet, ist Charitas völlig aufgelöst vor Kummer. „Ich kann nicht ohne dich sein! Der Vater denkt nur an seine Pflanzen, ich muss doch mit jemandem sprechen. Immer hab ich dir was zu sagen, aber du bist nicht da. Du hörst mich nicht, du antwortest mir nicht.“ Darauf verspricht die Mutter, wenigstens zu schreiben, wenn Geld oder Bestellungen eingingen. Ansonsten wäre das Porto zu teuer.

Es vergehen Monate ohne Nachricht, ohne Geldsendung.

Auch Charitas spürt, wie den Vater die Schulden drücken. Eines Tages eröffnet der Vater, er gehe als Hauslehrer fort. Charitas solle sich selbst gegen Dienstleistungen eine Bleibe suchen. Mit Hilfe einer Klassenkameradin findet sie im Nachbarort Nossen das Gesuchte, wechselt die Schule und besucht den dortigen Konfirmandenunterricht. Alles muss sie allein arrangieren. Doch Hausherr und Sohn führen einen Lebenswandel, den der Pastor so gar nicht gut geheißen hätte. Die Hausfrau ist schwermütig. Lange hält Charitas es dort nicht aus. Zum Glück findet sie am selben Ort eine bessere Arbeit und Unterkunft.

Nach weiteren Wochen und Monaten kehrt schließlich die Mutter heim. Sie war in Holland an Typhus erkrankt und beim Sammeln von dunklem Blasentang am Meer zusammengebrochen. Sie hatte lange Zeit im Krankenhaus verbracht, alle Haare verloren und ist noch immer geschwächt. Es folgt die Konfirmation ohne Vater, ohne Feier oder gar Geschenke.

Gleichzeitig endet die Schulzeit in Nossen. Von früh bis spät muss Charitas nun der Mutter helfen, die Sammlungen aufzubereiten. Am liebsten soll sie die Arbeitskraft des Vaters ersetzen. Als schließlich die Herbarien und Mappen fertig gestellt sind, muss sich Charitas abermals einen Arbeitsplatz und eine Bleibe suchen, denn die Mutter zieht wieder fort.

Nachts verfolgen sie die Geschichten

Charitas ist 14 Jahre alt, als sie in dem Bergmannsdorf Voigtsberg landet und zwar in der Dorfkrämerei, in der auch Branntwein gebrannt und ausgeschenkt wird. Die zarte Charitas muss schwerste körperliche Arbeit verrichten, ohne je ein freundliches Wort zu empfangen. So muss sie täglich bei jedem Wetter einen Wagen nach Siebenlehn ziehen, der auf dem Hinweg mit Branntwein, auf dem Rückweg mit Einkäufen für die Krämerei beladen ist, muss die Öfen und das Vieh versorgen und mühsam Wasser von einer entfernt liegenden Wasserstelle heranschleppen. „Und wir brauchten so viel Wasser!“

Bei aller Plackerei und Mühsal versucht Charitas immer wieder, ihrem Schicksal etwas Positives abzugewinnen. In der Krämerei sind es die Abende, wenn sie Tüten kleben oder Kaffee und Rosinen verlesen muss. Denn nach und nach füllt sich die Stube mit Bergleuten, die bei einem bescheidenen Imbiss von „schlagenden Wettern“, „versoffenen Gruben“, von langbärtigen Berggeistern und neckenden Kobolden erzählen. „Nachts verfolgten mich die Geschichten, sie verwebten sich in meine Träume!“ Wieder folgt ein Weihnachtsfest ohne Eltern, ohne Freuden.

Eines Tages kommt ein Bote aus Siebenlehn, der Charitas Nachricht von der Mutter bringt, dazu sechs „harte Taler“  und ein Portemonnaie. Charitas solle schnellstmöglich nach Hamburg fahren. Es sei eilig, denn die Mutter müsse wieder nach Holland reisen. Doch der Krämer will Charitas nicht ziehen lassen. Auch der Bote kann sich nicht gegen den wütenden Mann durchsetzen. Charitas ist verzweifelt. Eine Gelegenheit zum Wasserholen nutzt sie, eine befreundete Familie im Ort zu informieren. Als auch deren gutes Zureden nichts nützt, beschließen die Bewohner des Dorfes gemeinsam einen Boykott der Krämerei. Und tatsächlich, als kein Kunde mehr den Laden betritt, darf Charitas endlich reisen.

BF.Caritas.D
Charitas Dietrich

Doch wie sieht ihre Garderobe aus!

Ihre Kleidung konnte nie richtig trocken werden, ihre Röcke sind zerrissen. Die freundlichen Nachbarn helfen, flicken und waschen ihre Sachen, während Charitas sich in geborgten Kleidern beim Amtsgericht einen Pass besorgt und sich vom Pastor verabschiedet.

Die Reise soll – nach Mutters Anweisungen – über Dresden und Berlin nach Hamburg gehen. Es wird eine Reise mit Hindernissen, die aber schließlich doch in Hamburg endet. Nun gilt es die Mutter zu finden.

Mit ihrem Bündel auf dem Rücken  läuft Charitas staunend durch Menschengewühl, enge Gassen, Torwege und über Brücken bis zur angegebenen Adresse „Stubbenhuk“ bei Madame Piepenbrink. Endlich liegt sie erschöpft in den Armen der Mutter.

Wieder einmal wird sie allein gelassen

Doch die Mutter duldet kein Ausruhen, duldet auch keine Fragen nach der Zukunft. Nach dem Mittagessen zeigt sie Charitas den Hafen, führt sie zur Alster und landet mit ihr in einem vornehmen Haus an der Alster, wo Charitas den Hausherren vorgestellt wird. Und – ohne sich zu verabschieden – findet sich Charitas in der fremden Umgebung von der Mutter verlassen. Ihr wird ein Zimmer und Bett gewiesen. Aber wieder einmal ist sie allein gelassen mit all ihren Fragen und Sorgen. Viele neue Eindrücke stürmen auf sie ein. Sie wird eingekleidet, bekommt Hausunterricht.

Nach ein paar Tagen taucht die Mutter noch einmal auf. Sie erklärt, dass nun ihre Gastgeber, Herr und Frau Doktor Meyer für sie sorgen und ihr zu einer guten Ausbildung verhelfen würden. Und dann zeigt sie der Tochter einen Vertrag zwischen dem Kaufmann Cäsar Godeffroy und Amalie Dietrich, in dem sie sich verpflichtet, für 10 Jahre als Botanikerin nach Australien zu gehen.

BF.Caritas.Godeffroy.
Godeffroy Museum im Alten Wandrahm

„ … Mir war, als griffe eine kalte Hand nach meinem Herzen. Du? rief ich, nimmst du mich mit?“

Die Antwort: „Nein, ich nehme dich nicht mit! Laß! Davon verstehst du nichts! Jede Reise hast du mir durch dein Jammern extra schwer gemacht! Glaubst du etwa, dass nur du leidest? … Weine dich später aus, jetzt verdirb uns nicht die kostbaren Stunden kurzen Beisammenseins!“ Und sie erklärt, dass sie jetzt ein festes Einkommen habe und dadurch Charitas eine gute Ausbildung ermöglichen könne.

Im Mai 1863 heißt es Abschied nehmen. Abschied auf zehn Jahre. Charitas darf  die Mutter aufs Schiff begleiten. Doch als die „La Rochelle“ ihren Blicken entschwindet, bleibt ihr „wie schon so oft in meinem Leben, ein Gefühl gänzlichen Verlassenseins.“

Charitas’ Weiterbildung  beginnt bei Professor Celarius in Hamburg. Darauf folgt ein Jahr in einem Kindergärtnerinnen-Seminar in Eisenach. Es geht weiter nach Wolfenbüttel, wo sie in drei Jahren zur Lehrerin ausgebildet wird, um im vierten Jahr an der dortigen Schlossschule zu unterrichten. Von dort reist sie für zwei Jahre als Gouvernante nach London und kehrt 23-jährig nach Deutschland zurück.

Charitas wird vom Ehepaar Meyer erwartet, die nahe der Ostsee bei Kiel ein großes Anwesen besitzen. Ihre neue Aufgabe ist, die Patienten im Kieler Krankenhaus mit Literatur zu versorgen, ihnen Fremdsprachunterricht anzubieten und die zahlreichen Kinder unter den Patienten schulisch auf dem Laufenden zu halten. Nebenbei lernt sie eine heitere Geselligkeit kennen. Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller gehen auf Forsteck ein und aus. Neben Vorträgen und ernsthaften Gesprächen sorgen Rasenspiele und Theateraufführungen für Unterhaltung.

Heimkehr einer jetzt bedeutenden Wissenschaftlerin

BF.Caritas.Kinder

1873 – Charitas ist 25 Jahre alt – kehrt die Mutter mit zwei von ihr gezähmten Adlern aus Australien zurück.
Amalie hat in 10 Jahren die größte je von einer Einzelperson gesammelte Kollektion zusammen getragen.
Zuerst findet sie bei Familie Godeffroy im Hirschpark Unterkunft, um ihre Sammlung in Hamburg zu betreuen und zu verwalten.
Als Godeffroy Konkurs macht, gehen Teile des Museums in Hamburger Besitz über.

1879 erhält Amalie Dietrich als Kustodin im hamburgischen Botanischen Museum eine Anstellung auf Lebenszeit.

Bald nach der Rückkehr der Mutter geht Charitas ihre Ehe mit Pastor Christian Bischoff ein, den sie in Haus Forsteck kennen gelernt hat.
Sie folgt ihm nach Roagger, einem deutsch-dänischen Grenzdorf südlich von Ribe.


Hier bekommt das Ehepaar im Laufe der Zeit drei Kinder:
Adolf, Addi genannt, Käthe und Charitas.
Käthe wird später Volksschullehrerin in der Kahlkampschule in Blankenese, danach unterrichtet sie am Blankeneser Lyzeum.

(Foto: Charitas Bischoff mit Käthe und Addi)

Fremde: Mutter und Tochter

Charitas und ihre nun in Hamburg lebende Mutter Amalie bleiben sich fremd. Die vergangenen zehn Jahre haben beide in so unterschiedlicher Weise geprägt, dass eine Annäherung fast unmöglich ist. Während für Charitas eine gute Bildung, gewandtes höfliches Auftreten und eine gepflegte Erscheinung wichtig sind, hat Amalie sich auf ihren einsamen Wanderungen durch die „Outbacks“ von „down under“ im Umgang mit Siedlern und Eingeborenen ein herbes und exzentrisches Benehmen angewöhnt. Und da sie in ihrer Jugend notgedrungen ihr Äußeres hintanstellen musste, erscheint ihr auch als gefeierte Wissenschaftlerin mit geregeltem Einkommen jeder Gedanke über ihr Aussehen als vergeudet. „Amalies Gesicht ist pergamenten verwittert, von tausend Falten zerfurcht. Ein dürftiges Röckchen und eine Kattunjacke umschließen ihre  alternde Gestalt“, schreibt Tochter Charitas.

Erst nachdem Amalies kleiner Enkel Adolf 1886 geboren wird, ändert sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Schließlich stirbt Amalie bei einem ihrer wenigen Besuche im Hause der Tochter am 9. März 1891 in Rendsburg in den Armen der Tochter Sie wurde 69 Jahre alt.

15 Jahre nach dem Tod der Mutter schreibt Charitas die angeblich authentische Biographie Amalies mit dem Titel „Amalie Dietrich. Ein Leben.“ Das Buch wird zum Bestseller mit zahlreichen Auflagen und erlaubt der Autorin und ihrer Familie ein unabhängiges Leben.

Die zahlreichen Australien-Briefe ihrer Mutter hat sie allerdings vorher vernichtet und das Leben Amalies nach eigenen Vorstellungen „umgedichtet“. Um nicht entdeckt zu werden, hat sie Amalies Briefe neu geschrieben und Erlebnisse und Erkenntnisse von einem Herrn Lumholtz, einem anderen deutschen Australienforscher, hineingearbeitet.

Doch Charitas’ Biographie wird von Forschern und Publikum als glaubwürdig hingenommen, bis man nach sorgfältigen Recherchen feststellt, dass sie an vielen Punkten romantisch überhöht ist – allerdings ohne das wissenschaftliche Werk der Mutter zu schmälern.

Immer mehr Schicksalsschläge

Familie Bischoff hat es von Roagger/Nordschleswig nach Rendsburg verschlagen, wo Christian Bischoff seine nächste Pfarrstelle erhält. Hier wird er 1894 bei einer Kutschfahrt von scheuenden Pferden in den Kaiser-Wilhelm-Kanal gerissen und ertrinkt.

Charitas Bischoff beschreibt den Unfalltod ihres Mannes in „Bilder aus meinem Leben“ so:

„Mein Mann hatte eine Beerdigung auf dem Lande, jenseits des Kaiser-Wilhelm-Kanals. Der sechste Januar war ein ungewöhnlich kalter Tag. Als der Wagen auf die Fähre kam, wurden die Pferde, wahrscheinlich durch die Glätte, scheu, sie durchbrachen die dünne Absperrkette und rissen den Wagen in die Tiefe.

Auf seinem Schreibtisch lag der Text zur Leichenpredigt, die mein Mann hatte halten wollen. Er hielt sie jetzt für uns, – mir und meinen Kindern und seiner Gemeinde. Der Text lautete: `Kommt, wir wollen wieder zum Herrn: denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden“.

Flucht nach Blankenese

BF.Caritas

Die Witwe zieht – sie bezeichnet es als Flucht – nach dem Tod des Ehemanns mit ihren drei Kindern von Rendsburg nach Hamburg.

Nach einem Krankenhausaufenthalt möchte sie in ländlicher Luft gesunden und wählt dafür Blankenese.

Für den Wohnungswechsel in das kleine Fischerdorf gibt es noch eine andere Begründung: Sohn Addi soll „im Grünen Indianer spielen“ können.

In den folgenden Jahren schreibt und veröffentlicht Charitas Bischoff mehrere Bücher:
1905 „Augenblicke eines Jugendlebens“,
1909 „Amalie Dietrich“,
1912 die Autobiografie „Bilder aus meinem Leben“ und schließlich
1916 „Der neue Lehrer“.

Die erfolgreiche Autorin stirbt 1925 im Alter von 77 Jahren in der Bergstraße 2 von Blankenese. Dieser Weg heißt seit 1928 Charitas-Bischoff-Treppe. Die Umbenennung erfolgt, als die Elbvororte zu Altona kommen, wo es schon eine Bergstraße gab.

Der Grabstein von Charitas Bischoff ist in der Museumsecke des Blankeneser Friedhofs – gleich am Eingang des Sülldorfer Kirchenwegs – zu finden. Ein bedeutendes Nekropol.

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