Home 9 Allgemein 9 Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Vier Frauen ganz oben


Übersicht

Henriette Catharina Hansen, 1811 – 1880

Berta Rohr, geb. Hansen 1829 – 1899

Es folgen in nächster Zeit:

Emmy Rohr geb. Lübkert 

Magrit Schulte-Haubrock geb. Rohr


Henriette Catharina Hansen, 1811 bis 1880

1990 endete eine über 150-jährige Tradition, die Peter Georg Hansen mit seinem Milchausschank auf dem Süllberg begründet hatte.
Hansen war königlich-dänischer „Polizeireuter“, der 1826 seinen Dienst quittierte und von der dänischen Postdirektion die Blankeneser Fähre und das Fährhaus (heute Sagebiels Fährhaus) mit Brau- und Schankkonzession pachtete.
Als der Fährbetrieb wegen der aufkommenden Dampfschifffahrt unrentabel wurde, kündigte er als letzter Fährpächter 1837 den Pachtvertrag und kaufte sich im Juli des gleichen Jahres die kahle, 4550 qm große Kuppe des Süllbergs für 850 Mark aus dem Nachlass des Hamburger Kaufmanns Henry Simons. Hansen ließ sie planieren und mit Bäumen bepflanzen, um einen Milchausschank zu eröffnen. Die Milch bezog er von eigenen Kühen, die im fernen Sülldorf weideten.
Die neue Gaststätte weihte er zusammen mit seiner dritten Frau ein, der 26 Jahre jüngeren Henriette Hansen.

Sie wurde am 29. Dezember 1811 in Stade geboren. Ihr Vater ermöglichte Henriette eine für damalige Zeit ungewöhnlich gute Schulbildung. Die Mutter starb, als Henriette 18 Jahre alt war. Schon wenige Monate nach dem Tod der Mutter ging Henriette in eine Kochlehre im Hotel „Herzog von Cumberland“ am Stader Pferdemarkt. Danach wurde sie in einem Mecklenburger Pastorenhaushalt weitergebildet.

„Das war meine schönste Zeit“ schrieb sie in ihr Tagebuch. Es folgten verschiedene Stationen in der Fremde, bis der Vater sie bat, zurück nach  Stade zu kommen, um ihren kranken Bruder Georg zu pflegen.

Henriette Hanse, geb. Teppe, ca. 1835

Nach dem Tod des Bruders 1833 hielt es Henriette nicht mehr beim herrischen Vater aus. In dieser Situation wusste Madame Frömmling vom „Herzog von Cumberland“ Rat: „Geh doch zu Fährpächter Hansen nach Blankenese!“

Froh, dem Vater entflohen zu sein, fuhr Henriette im eisigen Winter mit dem Stader Fährschiff  über die Elbe. Wegen Treibeis musste sie allerdings schon in Schulau an Land gehen und durch den tiefen Schnee nach Blankenese stapfen. Im Fährhaus jedoch wurde sie freundlich aufgenommen. Hansen – seit zwei Jahren Witwer – hatte bereits zwei Frauen im Kindbett verloren. Er stellte Henriette als Haushälterin und Ersatzmutter für seine acht Kinder ein. Bald darauf machte er ihr einen Heiratsantrag.

Henriettes Vater wollte sein Ja-Wort zu der Verbindung nicht geben, wollte den Ehemann erst einmal kennen lernen. Doch seine Tochter – inzwischen 25 Jahre alt – verlobte sich, ohne den Bräutigam vorgestellt zu haben. Gleich nach der Verlobungsfeier reiste sie zur Frau Pastor nach Mecklenburg, um sich Rat zu holen, und wurde am 24. Juli 1836 Ehe- und Gastwirtsfrau im Fährhaus und wenig später erste Wirtin auf dem Süllberg. Im Laufe der Ehe gebar Henriette sechs Kinder, hatte also – so ganz nebenbei – für 14 Kinder zu sorgen.

Vom ersten Tag der Ehe an führte Henriette Tagebuch, das erhalten geblieben ist. Darin notierte sie allerlei Lebensweisheit und persönliche Gedanken, wie z.B. am 8.3.1848: „Schmerz schärft den Verstand und stärket das Gemüt; dahingegen Freude sich um diesen selten bekümmert und jenes verweichlicht oder frivol macht.“  Aber auch Einträge über den Geschäftshergang finden sich darin, über illustre Gäste – wie das schwedische Königspaar 1852 – und die politische Lage. Auch die blutige 1848er Revolution in Berlin erwähnte sie und begrüßte deren Erfolg als Sieg der Freiheit. 

Hansens kleines Unternehmen war Keimzelle des schnell aufblühenden Süllberg-Restaurants. Schon 1838 erzielte er in seinem neuen Lokal Einnahmen, die den Kaufpreis des Süllbergs um das Fünffache überstiegen. Der Erwerb hatte sich also gelohnt.

Als 1840 der hölzerne Trichter „auf dem Hamburger Berge vor dem Millerntor“ wegen Brandgefahr abgebrochen werden musste, ließ er ihn anstelle seines ersten Pavillons auf dem Süllberg wieder errichten. 

Innenansicht des Trichter

1848  betrieb Dänemark die Eingliederung des Herzogtums Schleswig in den dänischen Gesamtstaat. Dagegen formierte sich Widerstand in Schleswig und Holstein, darunter auch bei den Dockenhudenern, den bäuerlichen Nachbarn von Blankenese. Ganz im Gegensatz zu den Blankenesern, deren Schifffahrt handfeste Vorteile aus der Verbindung zu Dänemark zog.

Am 15.08.1848 eskalierte dieser Streit: 10 Blankeneser Schiffer verwüsteten das Süllberg-Restaurant, weil es Treffpunkt der deutschtümelnden „Patrioten“ aus dem benachbarten Dockenhuden war. Die rauflustigen Seebären brachten Süllbergwirt Hansen durch Schläge mit Gewehrkolben fast um. Seiner um Erbarmen flehenden Tochter Berta riefen sie zu: „ De Hund mut dootslagen warn!“ Und dem zu Hilfe eilenden 69-jährigen Nachbarn Broder Jansen schlugen sie ein Auge aus und zogen ihm die Kopfhaut übers Gesicht. Einem anderen brachen sie den Arm. Henriette war sofort nach Rendsburg geeilt, um Hilfe zu holen.

Dazu das Tagebuch von Henriette Hansen:

„16.08.1848: War gestern bei der Regierung in Rendsburg, die mir eine Compagnie Militair zum Schutz des Süllbergs und aller redlichen Blankeneser vor den Aufrührern mitgegeben hat. Die Bande hat gestern im Haus alles zerschlagen, Geschirr und Gläser, Tische und Stühle, sogar die Fenster samt Sprossen. Hansen hat schreckliche Blessuren, aber er schimpft schon wieder. Die (Zeitung) „Reform“ bringt einen großen Bericht vom Überfall auf uns und lobt meinen „Heldenmuth“.

„Hansen schimpft schon wieder“ vertraute Henriette ihrem Tagebuch kurz danach an. Manchmal sei es schier unmöglich, den einst vergötterten Ehemann weiter zu lieben und zu ehren. Er habe sich völlig zu seinem Nachteil verändert und im Umgang mit seiner Ehefrau lasse er jede Achtung vermissen.

1853 hatte sie schließlich genug von diesem Mann, der sich zu einem polternden Griesgram entwickelt hatte. Mit 44 Jahren verließ Henriette ihn und den Süllberg  – nach 18 Ehejahren – für immer!

Das war – nicht nur für die damalige Zeit – ein unglaublicher Schritt!

Die acht übernommenen Kinder waren inzwischen erwachsen. Aber die sechs eigenen wird sie mitgenommen haben. Hansen zahlte ihr zwar – wenn auch nicht immer pünktlich –  den Unterhalt für die Kinder. Kirchenbüchern ist zu entnehmen, dass Peter Georg Hansen 1861 auf einer Reise in seine Heimatstadt Schleswig verstarb.

Ob Henriette sich nach ihrer Trennung eine neue Aufgabe gesucht oder ein zweites Mal geheiratet hat? Mit 44 Jahren war sie ja noch jung genug. Wir wissen nur:

Sie starb 1880 – 25 Jahre nach der Trennung – in Altona.

zurück


Berta Rohr, geb. Hansen, 1829 – 1899

Hansen war 74 Jahre alt, als er den Süllberg 1860 an das meistbietende seiner zahlreichen Kinder, an seinen Schwiegersohn Heinrich Detlev Rohr für 13.000 Courant-Mark verkaufte.

Rohrs Frau, Hansens Lieblingstochter Berta, wurde als Miteigentümerin ins Grundbuch eingetragen. Das war für die Zeit ungewöhnlich, in Blankenese aber durchaus üblich. Hansen selbst verstarb schon ein Jahr später.

Berta Rohr, geb. Hansen, ca. 1855

Die Gründerzeit brachte entscheidende Veränderungen und Modernisierungen. Das galt auch für die Rohrs, die nicht nur gute Gastronomen waren, sondern auch wagemutige Unternehmer. Sie ließen den großen Festsaal mit Galerie und einen 20 Meter hohen Aussichtsturm bauen.

Die einmalige Aussicht von Terrasse und Turm, der elegante Festsaal, die geschniegelten Ober im Frack, die gute Küche und der reich sortierte Weinkeller lockten immer mehr Besucher. Allein der Süllberg-Garten bot Platz für 1000 Gäste. Ein großes Tanzzelt, später ein Festsaal mit Galerie machten den Süllberg zum beliebten Tanzlokal für auswärtige Gäste, aber auch für Blankeneser.

Einen großen Anteil am Erfolg des Süllbergs hatte Berta Rohr. Berta war erst 4 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die zweite Ehefrau von Hansen. Wir können annehmen, dass ihre Stiefmutter, die tüchtige Henriette, Vorbild und Lehrmeisterin der kleinen Berta wurde. Nach der Konfirmation wurde Berta nach Haseldorf bei Wedel geschickt, um bei der Pfarrersfrau die Haushaltsführung zu lernen. Auch dort wird sie sich am meisten für die Küche und außergewöhnliche Rezepte interessiert haben. Bis heute ist das handgeschriebene Koch- und Backbuch von Berta Rohr, voll köstlichster, heute vielfach vergessener Gerichte erhalten geblieben. Weniger als zehn Eier zu einem Kuchen waren bei ihren Rezepten die Ausnahme.

Nach ihrer Heirat 1851 übernahm die 22-jährige den Kochlöffel in der historischen Süllberg-Küche. Ihre Kochkünste waren berühmt. Dank ihrer großartigen Festmenüs stieg das Süllberg-Restaurant bis in die gastronomische Spitzenklasse auf.

Und sie hatte ihr Haus rechtzeitig bestellt: Als sie 1899 siebzigjährig starb, wusste sie das Unternehmen in besten Händen. Ihr 1858 geborener Sohn Friedrich Franz hatte Koch gelernt und beherrschte die hohe Schule des Kochens wie seine Mutter.

zurück

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Barrierefreiheit