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Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Die Süllberg-Frauen, 1837 bis 1990

Vier Frauen ganz oben


Übersicht

Henriette Catharina Hansen, 1811 – 1880

Berta Rohr, geb. Hansen 1829 – 1899

Emmy Rohr geb. Lübkert, 1873 – 1941

Magrit Schulte-Haubrock geb. Rohr, 1933 – 2018


Henriette Catharina Hansen, 1811 bis 1880

1990 endete eine über 150-jährige Tradition, die Peter Georg Hansen mit seinem Milchausschank auf dem Süllberg begründet hatte.
Hansen war königlich-dänischer „Polizeireuter“, der 1826 seinen Dienst quittierte und von der dänischen Postdirektion die Blankeneser Fähre und das Fährhaus (heute Sagebiels Fährhaus) mit Brau- und Schankkonzession pachtete.
Als der Fährbetrieb wegen der aufkommenden Dampfschifffahrt unrentabel wurde, kündigte er als letzter Fährpächter 1837 den Pachtvertrag und kaufte sich im Juli des gleichen Jahres die kahle, 4550 qm große Kuppe des Süllbergs für 850 Mark aus dem Nachlass des Hamburger Kaufmanns Henry Simons. Hansen ließ sie planieren und mit Bäumen bepflanzen, um einen Milchausschank zu eröffnen. Die Milch bezog er von eigenen Kühen, die im fernen Sülldorf weideten.
Die neue Gaststätte weihte er zusammen mit seiner dritten Frau ein, der 26 Jahre jüngeren Henriette Hansen.

Sie wurde am 29. Dezember 1811 in Stade geboren. Ihr Vater ermöglichte Henriette eine für damalige Zeit ungewöhnlich gute Schulbildung. Die Mutter starb, als Henriette 18 Jahre alt war. Schon wenige Monate nach dem Tod der Mutter ging Henriette in eine Kochlehre im Hotel „Herzog von Cumberland“ am Stader Pferdemarkt. Danach wurde sie in einem Mecklenburger Pastorenhaushalt weitergebildet.

„Das war meine schönste Zeit“ schrieb sie in ihr Tagebuch. Es folgten verschiedene Stationen in der Fremde, bis der Vater sie bat, zurück nach  Stade zu kommen, um ihren kranken Bruder Georg zu pflegen.

Henriette Hanse, geb. Teppe, ca. 1835

Nach dem Tod des Bruders 1833 hielt es Henriette nicht mehr beim herrischen Vater aus. In dieser Situation wusste Madame Frömmling vom „Herzog von Cumberland“ Rat: „Geh doch zu Fährpächter Hansen nach Blankenese!“

Froh, dem Vater entflohen zu sein, fuhr Henriette im eisigen Winter mit dem Stader Fährschiff  über die Elbe. Wegen Treibeis musste sie allerdings schon in Schulau an Land gehen und durch den tiefen Schnee nach Blankenese stapfen. Im Fährhaus jedoch wurde sie freundlich aufgenommen. Hansen – seit zwei Jahren Witwer – hatte bereits zwei Frauen im Kindbett verloren. Er stellte Henriette als Haushälterin und Ersatzmutter für seine acht Kinder ein. Bald darauf machte er ihr einen Heiratsantrag.

Henriettes Vater wollte sein Ja-Wort zu der Verbindung nicht geben, wollte den Ehemann erst einmal kennen lernen. Doch seine Tochter – inzwischen 25 Jahre alt – verlobte sich, ohne den Bräutigam vorgestellt zu haben. Gleich nach der Verlobungsfeier reiste sie zur Frau Pastor nach Mecklenburg, um sich Rat zu holen, und wurde am 24. Juli 1836 Ehe- und Gastwirtsfrau im Fährhaus und wenig später erste Wirtin auf dem Süllberg. Im Laufe der Ehe gebar Henriette sechs Kinder, hatte also – so ganz nebenbei – für 14 Kinder zu sorgen.

Vom ersten Tag der Ehe an führte Henriette Tagebuch, das erhalten geblieben ist. Darin notierte sie allerlei Lebensweisheit und persönliche Gedanken, wie z.B. am 8.3.1848: „Schmerz schärft den Verstand und stärket das Gemüt; dahingegen Freude sich um diesen selten bekümmert und jenes verweichlicht oder frivol macht.“  Aber auch Einträge über den Geschäftshergang finden sich darin, über illustre Gäste – wie das schwedische Königspaar 1852 – und die politische Lage. Auch die blutige 1848er Revolution in Berlin erwähnte sie und begrüßte deren Erfolg als Sieg der Freiheit. 

Hansens kleines Unternehmen war Keimzelle des schnell aufblühenden Süllberg-Restaurants. Schon 1838 erzielte er in seinem neuen Lokal Einnahmen, die den Kaufpreis des Süllbergs um das Fünffache überstiegen. Der Erwerb hatte sich also gelohnt.

Als 1840 der hölzerne Trichter „auf dem Hamburger Berge vor dem Millerntor“ wegen Brandgefahr abgebrochen werden musste, ließ er ihn anstelle seines ersten Pavillons auf dem Süllberg wieder errichten. 

Innenansicht des Trichter

1848  betrieb Dänemark die Eingliederung des Herzogtums Schleswig in den dänischen Gesamtstaat. Dagegen formierte sich Widerstand in Schleswig und Holstein, darunter auch bei den Dockenhudenern, den bäuerlichen Nachbarn von Blankenese. Ganz im Gegensatz zu den Blankenesern, deren Schifffahrt handfeste Vorteile aus der Verbindung zu Dänemark zog.

Am 15.08.1848 eskalierte dieser Streit: 10 Blankeneser Schiffer verwüsteten das Süllberg-Restaurant, weil es Treffpunkt der deutschtümelnden „Patrioten“ aus dem benachbarten Dockenhuden war. Die rauflustigen Seebären brachten Süllbergwirt Hansen durch Schläge mit Gewehrkolben fast um. Seiner um Erbarmen flehenden Tochter Berta riefen sie zu: „ De Hund mut dootslagen warn!“ Und dem zu Hilfe eilenden 69-jährigen Nachbarn Broder Jansen schlugen sie ein Auge aus und zogen ihm die Kopfhaut übers Gesicht. Einem anderen brachen sie den Arm. Henriette war sofort nach Rendsburg geeilt, um Hilfe zu holen.

Dazu das Tagebuch von Henriette Hansen:

„16.08.1848: War gestern bei der Regierung in Rendsburg, die mir eine Compagnie Militair zum Schutz des Süllbergs und aller redlichen Blankeneser vor den Aufrührern mitgegeben hat. Die Bande hat gestern im Haus alles zerschlagen, Geschirr und Gläser, Tische und Stühle, sogar die Fenster samt Sprossen. Hansen hat schreckliche Blessuren, aber er schimpft schon wieder. Die (Zeitung) „Reform“ bringt einen großen Bericht vom Überfall auf uns und lobt meinen „Heldenmuth“.

„Hansen schimpft schon wieder“ vertraute Henriette ihrem Tagebuch kurz danach an. Manchmal sei es schier unmöglich, den einst vergötterten Ehemann weiter zu lieben und zu ehren. Er habe sich völlig zu seinem Nachteil verändert und im Umgang mit seiner Ehefrau lasse er jede Achtung vermissen.

1853 hatte sie schließlich genug von diesem Mann, der sich zu einem polternden Griesgram entwickelt hatte. Mit 44 Jahren verließ Henriette ihn und den Süllberg  – nach 18 Ehejahren – für immer!

Das war – nicht nur für die damalige Zeit – ein unglaublicher Schritt!

Die acht übernommenen Kinder waren inzwischen erwachsen. Aber die sechs eigenen wird sie mitgenommen haben. Hansen zahlte ihr zwar – wenn auch nicht immer pünktlich –  den Unterhalt für die Kinder. Kirchenbüchern ist zu entnehmen, dass Peter Georg Hansen 1861 auf einer Reise in seine Heimatstadt Schleswig verstarb.

Ob Henriette sich nach ihrer Trennung eine neue Aufgabe gesucht oder ein zweites Mal geheiratet hat? Mit 44 Jahren war sie ja noch jung genug. Wir wissen nur:

Sie starb 1880 – 25 Jahre nach der Trennung – in Altona.

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Berta Rohr, geb. Hansen, 1829 – 1899

Hansen war 74 Jahre alt, als er den Süllberg 1860 an das meistbietende seiner zahlreichen Kinder, an seinen Schwiegersohn Heinrich Detlev Rohr für 13.000 Courant-Mark verkaufte.

Rohrs Frau, Hansens Lieblingstochter Berta, wurde als Miteigentümerin ins Grundbuch eingetragen. Das war für die Zeit ungewöhnlich, in Blankenese aber durchaus üblich. Hansen selbst verstarb schon ein Jahr später.

Berta Rohr, geb. Hansen, ca. 1855

Die Gründerzeit brachte entscheidende Veränderungen und Modernisierungen. Das galt auch für die Rohrs, die nicht nur gute Gastronomen waren, sondern auch wagemutige Unternehmer. Sie ließen den großen Festsaal mit Galerie und einen 20 Meter hohen Aussichtsturm bauen.

Die einmalige Aussicht von Terrasse und Turm, der elegante Festsaal, die geschniegelten Ober im Frack, die gute Küche und der reich sortierte Weinkeller lockten immer mehr Besucher. Allein der Süllberg-Garten bot Platz für 1000 Gäste. Ein großes Tanzzelt, später ein Festsaal mit Galerie machten den Süllberg zum beliebten Tanzlokal für auswärtige Gäste, aber auch für Blankeneser.

Einen großen Anteil am Erfolg des Süllbergs hatte Berta Rohr. Berta war erst 4 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die zweite Ehefrau von Hansen. Wir können annehmen, dass ihre Stiefmutter, die tüchtige Henriette, Vorbild und Lehrmeisterin der kleinen Berta wurde. Nach der Konfirmation wurde Berta nach Haseldorf bei Wedel geschickt, um bei der Pfarrersfrau die Haushaltsführung zu lernen. Auch dort wird sie sich am meisten für die Küche und außergewöhnliche Rezepte interessiert haben. Bis heute ist das handgeschriebene Koch- und Backbuch von Berta Rohr, voll köstlichster, heute vielfach vergessener Gerichte erhalten geblieben. Weniger als zehn Eier zu einem Kuchen waren bei ihren Rezepten die Ausnahme.

Nach ihrer Heirat 1851 übernahm die 22-jährige den Kochlöffel in der historischen Süllberg-Küche. Ihre Kochkünste waren berühmt. Dank ihrer großartigen Festmenüs stieg das Süllberg-Restaurant bis in die gastronomische Spitzenklasse auf.

Und sie hatte ihr Haus rechtzeitig bestellt: Als sie 1899 siebzigjährig starb, wusste sie das Unternehmen in besten Händen. Ihr 1858 geborener Sohn Friedrich Franz hatte Koch gelernt und beherrschte die hohe Schule des Kochens wie seine Mutter.

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Auf dem Süllberg: Emmy Rohr geb. Lübkert, 1873 bis 1941

Süllberg, ca. 1925

Text von Maike und Ronald Holst – 
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013

1892 heiratete Friedrich-Franz Rohr die 14 Jahre jüngere Emmy Lübkert, die zwei Jahre vorher – als siebzehnjährige – eine Kochlehre auf dem Süllberg begonnen hatte.

Die zierliche Emmy war Tochter eines Kaufmanns aus Reinfeld und wuchs in Notsituationen über sich selbst hinaus. Sie wurde die dritte ungewöhnliche Frau der Familien-Dynastie auf dem Süllberg.

Emmy Rohr, geb. Lübkert, ca. 1920

„Frohe Gäst. Dem Wirt ein Fest.“ hatte Berta Rohr 1869 auf ein großes Ziertuch sticken lassen. Das war auch die Devise ihrer Schwiegertochter, die das Tuch – als Motto des Hauses – über das lange Buffet im Neubau hängen ließ.

Unter ihr und ihrem Sohn Fritz wurden die Festmenus Legende. Die 9-gängige Speisenfolge zu einer Hochzeitsfeier ist überliefert: Oxtailsuppe, Punch á la romain, Frischer Lachs, Filet de boeuf á la Jardiére, Vol-au-vent á la Toulouse, Kücken, Compót und Salat, Eis und Backwerk, Dessert.

Nachdem ihr Ehemann Friedrich Franz 1911 – mit nur 53 Jahren – an einer verschleppten Angina gestorben war, leitete sie 14 weitere Jahre das große Haus mit insgesamt 940 Plätzen im Festsaal, Wein- und kleinem Bierrestaurant

Bereits ab 7.00 Uhr früh wurde das Frühstück serviert und selten trat der Feierabend vor 23.00 Uhr ein. Emmy mutierte zur Hotelkauffrau, Restaurantleiterin und Mutter von fünf Kindern in einem. Sie bestimmte Speisepläne, wählte die Weine aus. Resolut und selbstbewusst führte sie das Unternehmen durch gute und durch schwere Jahre, wie den Ersten Weltkrieg und die Inflation von 1923. Doch sie jammerte nie. „Wer arbeitet hat keine Zeit zu klagen!“ war ihr Wahlspruch.

Ihre ganze Energie hatte Emmy stets auf das eine große Ziel gerichtet, den Süllberg der Familie zu erhalten. Deshalb auch ließ sie ihren Söhnen eine gute Ausbildung angedeihen.

Nachdem sie den Süllberg 1925 an ihren Sohn Fritz weiter gegeben hatte, wollte sie endlich etwas von der weiten Welt sehen. Sie konnte es sich erlauben, nach Oslo und Kapstadt, nach Paris und Rom, Davos und Monaco zu reisen. Und sie konnte beruhigt sein, denn der Süllberg war bei ihrem Sohn in guten Händen.

FAZIT

Jede der fünf Generationen tat ihr bestes, das Süllberg-Restaurant und Hotel auf der Höhe der Zeit zu halten und immer genügend Gäste auf den Berg zu holen. Auch das Grundstück hat  sich im Laufe der über 150 Jahre durch Zukäufe verdreifacht.

Und immer wieder packten die Frauen der Familie zu,  wenn es darum ging, die Geschicke des Süllbergs – an der Seite ihrer Männer – durch Kriegs-, Not- und Inflationszeiten zu steuern.

1932 feierte Fritz Rohr (Emmys Sohn) auf dem Süllberg seine Hochzeit mit Edith Meynsen. 
Man hatte sich auf dem traditionellen Ball des Grundeigentümerverbandes kennen gelernt. 

Zum jungen Glück der Eheleute kam, dass es geschäftlich wieder bergauf ging.

BILD: Edith Rohr, geb. Meynen, ca. 1932

Doch schon vor Kriegsausbruch 1939 wurde Kaffee und Butter auch für Gastronomiebetriebe rationiert. Der Einkauf von Kaffee musste um 33%, der von Butter sogar um 75% gegenüber dem Vorjahr reduziert werden. Am 1. September begann dann der 2. Weltkrieg, der für Hamburg mit Einzug der britischen Truppen am 3. Mai 1945 endete.

Am 8. Mai kamen zum ersten Mal britische Besatzungssoldaten auf den Süllberg.

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Auf dem Süllberg: Magrit Schulte-Haubrock, geb. Rohr, 1933 – 2018

Text von Maike und Ronald Holst – 
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013

Das Schulmädchen Magrit – einzige Tochter von Fritz und Edith Rohr – erlebte diese Stunde so:

Meine Eltern und ich waren allein zu Haus. Es klingelte. Das Klingeln zu so später Stunde erschreckte meine Mutter und mich. Nur mein Vater blieb gelassen. Er gab uns den Rat, im 1. Stock zu bleiben und bei Gefahr durch die Bodenluke auf das Dach zu flüchten und uns dort zu verstecken.

Aus der dunklen Höhe der Galerie verfolgten wir, wie mein Vater die Treppe hinunter zur Haustür ging und öffnete. Draußen standen Engländer in Royal Air Force-Uniform. Mein Vater fragte sie auf Deutsch nach ihren Wünschen, obwohl er sehr gut Englisch sprach. Der Major antwortete englisch. So wurde das Gespräch deutsch-englisch fortgesetzt, bis man meinem Vater  mitteilte, der Süllberg sei beschlagnahmt!

„Reserved for occupation by British Military authorithies“, stand nach dem Gespräch  als amtlicher Beschlagnahme-Beschluss am Haus.

Zwei Flaschen Cognac durfte sich  Fritz Rohr mit dem Hinweis: „ Als Medizin für die Familie“ noch aus seinen Beständen nehmen. Dann wurde der Keller versiegelt, der Süllberg aber durfte für Gäste geöffnet bleiben.

Kurz nach Ende des 2. Weltkriegs – schon ab September ´45  – wurde auf dem Süllberg wieder zum Tanz aufgespielt. Allerdings nicht zu einem der rauschenden Tanzfeste der Vorkriegszeit, sondern zum Tanzunterricht. Die Tanzschule Max Wendt hatte dafür den Festsaal gemietet.

Wirtschaftwunder

Nach der Währungsreform von 1948 entwickelte sich langsam Wohlstand in unserer Gesellschaft. Praktisch alle Hamburger Tanzschulen feierten jetzt ihre Abtanzbälle auf dem Süllberg. Werften wie Sietas oder die Deutsche Werft  begingen mit großartigen Festessen  ihre Schiffstaufen auf der Höhe über der Elbe. 

Fritz Rohr, 1894 – 1972

Die griechischen Reederkönige Onassis und Niarchos waren selbstverständlich auch dabei. Bei internationalen Kongressen gehörte es zum Pflichtprogramm der Damen, einen Ausflug auf den Süllberg zu machen. Geschäftsessen und Familienfeiern begannen zu boomen. Kurz gesagt, der Süllberg wurde Hamburgs Party-Burg.

Die Motorisierung der Bevölkerung hatte seit den späten 1950er Jahren stark zugenommen. Familien fuhren nun weniger häufig zum Kaffeetrinken ins nahe Blankenese, dafür eroberten sie Ausflugslokale Schleswig-Holsteins und Niedersachsens. Und trotzdem nahm die positive Entwicklung des Süllbergs Jahr für Jahr zu.

Der große Süllbergsaal besaß eine „Schwebetanzfläche“, geeignet für Tänze des 19. Jahrhunderts, wie Walzer, Polka usw. Sie konnte die weichen Rhythmen Tanzender aufnehmen. Doch die neue Zeit, die 1960er, 70er und 80er Jahre, gebaren zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen, so auch neue Tänze. Und die waren für Schwebetanzflächen absolut ungeeignet. Da flogen dann wirklich die Löcher aus dem Käse, wenn Rock´n Roll oder die Polonaise Blankenese gestampft wurde. Deshalb musste die Tanzfläche von unten durch ein Stützbalkensystem stabilisiert werden.

Magrit Schulte-Haubrock begrüßt König Juan Carlos und Bundeskanzler Schmidt

Am 1. Januar 1968 übernahm wieder eine Rohr die Geschicke des Restaurants auf dem traditionsreichen Berg: Die einzige Tochter von Fritz Rohr, Magrit, brachte als  Unterstützung  ihren Mann mit, den Diplom-Kaufmann Wolfgang Schulte-Haubrock,

Leider erkrankte er Ende der 1980er Jahre schwer. In dieser Situation rief eines Tages ein Roland Ernst bei Schulte-Haubrocks an und erklärte schon am Telefon: „Ich will den Süllberg kaufen!“ Zwei Tage später kam er per Lear-Jet angedüst. Obwohl Magrit nicht im Entferntesten an einen Verkauf gedacht hatte, wurden sich die Parteien einig. Besonders die beiderseitige Überzeugung, dass die „Perle Süllberg“ erhalten werden müsse, bewirkte bei Schulte-Haubrocks den Eindruck, Ernst sei der richtige Käufer.

Ernst nannte den Süllberg den schönsten Ort, den man sich vorstellen könne. Er schwärmte von früheren Erlebnissen auf der Höhe über Blankenese, kam dann auf seine Pläne zu sprechen und wie er sie umsetzen wolle. Am Ende des ersten, knapp zweistündigen Gesprächs waren Schulte-Haubrocks restlos von ihm überzeugt und verkauften ihm die Liegenschaft zum 1. Januar 1991. Der Kaufpreis war nicht ausschlaggebend, sondern das Gefühl, das Beste für den Süllberg zu tun.

„Wir konnten davon ausgehen, dass das Restaurant nach einer Umbauzeit von zwei Jahren wieder eröffnet wird, denn Ernst machte einen seriösen, zuverlässigen Eindruck!“ Und er war obendrein durch eine im Vertrag festgelegte Konventionalstrafe von 800.000 DM gezwungen, diesen Termin auch wirklich einzuhalten.

Vertraglich war Ernst verpflichtet, den alten Saal im Glanz von 1880 wiedererstehen zu lassen, die Gastronomie zu erneuern und einen Hotelbau mit 60 Doppelzimmern zu bauen.

Zunächst hatten Schulte-Haubrocks allen Grund zufrieden zu sein, denn alles lief vertrags- und termingerecht. Bis Ernst durch eine Reihe fehlgeschlagener Projekte zum Jahreswechsel 1991 in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Jetzt gab es für den Investor nur noch eines: Der Süllberg musste ausgeschlachtet werden und Geld bringen, egal was vorher vertraglich fixiert worden war. Sechs Wohntürme „im toskanischen Stil“ wollte er auf dem Süllberg-Areal errichten. Deren Verkauf sollte Geld in die leeren Kassen seines Imperiums spülen.

Mit allen Tricks versuchte Ernst die Behörden zu überzeugen, eine Abrissgenehmigung für das gesamte Ensemble zu erhalten. Als Begründung gab er vor, die Bausubstanz sei marode. Heimlich ließ er in Regennächten die Dachpfannen des Saals abnehmen, damit es durchregnete. Danach wurden die abgedeckten Pfannen wieder eingesetzt. Das beobachteten Nachbarn, woraufhin Ernst angezeigt und zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt wurde.

Um seine neuen Ziele zu erreichen, torpedierte Ernst seine eigenen Baupläne und wirtschaftete das Süllberg-Lokal herunter.

„Ich werde die Seele des Süllbergs vernichten!“ sagte der Heidelberger Unternehmer prahlerisch in einem NDR-Interview.

„Es ging damals an die Grenzen meiner Kraft!“ meinte Frau Schulte-Haubrock, denn neben der zermürbenden Aufregung um die Zukunft des Süllbergs mit dem betrügerischen Käufer kam die Sorge um ihren schwer kranken Mann Wolfgang, der im Januar 1997 verstarb.  Jetzt entschloss sich Magrit zur Klage gegen Ernst.

Im März 2000 wurde der Baulöwe verhaftet, zwei Monate später mussten seine Firmen Insolvenz anmelden. Inzwischen waren die Bürger wach geworden und protestierten gegen die Zerstörung des Ensembles und die Umwidmung der Süllberg-Nutzfläche. Unter Führung von Monika Lühmann wurden 25.000 Unterschriften gesammelt.

Als die Verauktionierung des Süllberg-Inventars wie eine Verscherbelung ablief, war das der Tropfen, der das Protest-Fass zum Überlaufen brachte. Plötzlich merkten die Hamburger hautnah, was wirklich geschah.

Rettung tauchte erst auf, als die Dresdner Bank, die das Projekt inzwischen begleitete, Sternekoch Karl-Heinz Hauser als neuen Betreiber des Süllberg-Restaurants vorschlug. Als der Adlon-Star den Süllberg zum ersten Mal sah, wusste er, dies ist für ihn eine einmalige Chance.

Nach Umbauten und aufwendiger Restaurierung konnte der Süllberg im September 2002 in neuem Glanz wieder eröffnet werden, zur großen Genugtuung und Erleichterung von Magrit Schulte-Haubrock als  letzter Vertreterin der tüchtigen Süllberg-Frauen.

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