Unternehmerin, Falkensteiner Ufer 12
Johanne Dorothea Elisabeth war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie im März 1871 den 32-jährigen Witwer Friedrich Matthias Harmstorf in der Dreifaltigkeitskirche in St. Georg heiratete.

Er brachte zwei 6 und 8 Jahre alte Söhne mit in die Ehe. Zwei weitere Kinder aus seiner ersten Ehe waren schon früher verstorben.
Die Harmstorf-Familie wohnte weiter auf dem Kleinen Grasbrook, dem Barockviertel, das um 1880 der heutigen Speicherstadt weichen musste. Hier war die Gastwirtstochter Elisabeth aufgewachsen und zwar im Cranzhaus, einer von ihren Eltern geführten Herberge für Schiffszimmerleute.
Foto: Elisabeths Elternhaus – Cranzhaus der Schiffbauer“
1877 siedelte die immer größer werdende Harmstorf-Familie nach Blankenese über, wo Friedrich Harmstorf die eine Hälfte einer Reet gedeckten Kate, zusammen mit der alten Finckschen Werft.
Dafür gab es gute Gründe: Der eine war, dass man die bisherige Bleibe wegen des bevorstehenden Abrisses des Grasbrook-Viertels verlassen musste. Der andere ergab sich aus der günstigen Lage der alten Werft und der Wohnung unmittelbar am Elbufer.

Schiffszimmerer Harmstorf hatte endgültig umgesattelt und war Taucher geworden. Der erste an der Unterelbe übrigens. Er baute einen Teil der veralteten Finckschen Werft in Plumpsmühlen (Falkenthal) zur Taucherwerkstatt aus. Von hier aus betrieb er sein später weltweites Geschäft.
Doch Gevatter Tod war Dauergast bei Harmstorfs.
Aus der Ehe mit Elisabeth waren zwischen 1871 und 1877 der kleine Fritz (2 Monate alt), Gustav und die Zwillinge Martha (19 Stunden alt) und Marie (5 Monate alt), gestorben. Ein Jahr später starb Hermann (4 Jahre) am Heiligen Abend 1878, als der Tannenbaum frisch geschmückt im Wohnzimmer glänzte und sich die Geschwister auf die Bescherung freuten. An diesem Abend wurde Hermanns Leichnam in der Diele aufgebahrt und statt der Christbaumlichter die wieder und wieder verwendeten Totenkerzen entzündet. Zwei Monate später endete das Leben der kleinen Frieda (6 Jahre).
Nur sieben von Johannas eigenen 13 Kindern überlebten die Kindheit: Friedrich, Alnwick-Willy, Elisabeth, Wega, Ella, Ottar und Cäsar.
Zu den ungewöhnlichen Vornamen seiner nach 1880 geborenen Kinder war Friedrich Harmstorf am Tauftag seines Sohnes Alnwick gekommen, an dem seine Bergungsmannschaft das englische Schiff „Alnwick Castle“ hob. Von da an wurden alle Kinder nach von ihm geborgenen Wracks benannt.
13 Geburten waren ihr zu wenig
Bereits seit ihrer Hochzeit bewirtete Elisabeth immer wieder große Besucherscharen. Ständig war das Haus voller Gäste. Denn große Gesellschaften zu geben bereitete ihr Freude. Und wie man mit zahlreichen unterschiedlichen Besuchern umgeht, was man bei diesen Gelegenheiten kocht, backt oder brät, hatte sie in der elterlichen Wirtschaft auf dem Grasbrook gelernt.

Trotz der Fülle familiärer Aufgaben eröffnete sie ihrem Mann 1882: „Das ist bei uns reinweg wie ein Hotel. Dann können wir man gleich ein Gasthaus aufmachen und uns die Mahlzeiten von unseren Gästen bezahlen lassen.“ Mit Einverständnis ihres Mannes ließ Elisabeth ein zusätzliches stattliches Gebäude am unteren Ende des Falkenthaler Wegs bauen, nachdem kurz vorher das Wohnhaus auf der künstlichen Insel im Teich – „Inselhäuschen“ genannt – fertig gestellt worden war.
Elisabeth Harmstorf war 31 Jahren alt, als das Hotel und Restaurant Zum Falkenthal 1882 eröffnet wurde. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Begabung verstand sie es schnell, aus dem Gastronomiebetrieb das meistbesuchte Restaurant Blankeneses zu machen.
Dafür legten die 6. bis 7.000 Besucher Zeugnis ab, die an warmen Sommersonntagen zu ihr kamen. Das war etwa die gleiche Gästezahl wie das Süllberg-Restaurant sie damals vorweisen konnte.

Herauszuheben ist, dass die Lage des Restaurants ausgezeichnet war, so direkt an der Elbe mit Blick auf Strom und Schiffsverkehr. Elisabeth nutzte diese Chance, im Laufe der Zeit zwei Dampferbrücken direkt vor den beiden Lokalen bauen zu lassen, damit man vom Dampfer ohne Fußmarsch vor die Tresen landen konnte. (Schiffe waren damals das Hauptverkehrsmittel der Sonntagsgäste.) Natürlich durften alle Dampfschiffe kostenlos an ihren Brücken anlegen, was nicht selbstverständlich war und deshalb von den Reedereien gern genutzt wurde.
Spät abends – nach Ende der letzen Veranstaltung – wurden die Besucher mit Dampfschiffen zurück nach Stade, Altona, Harburg, Hamburg und „allen Zwischenstationen“ geschippert. Damit hatte Elisabeths Restaurant einen wesentlichen Pluspunkt im Angebot, z.B. gegenüber dem Rohr´schen Etablissement auf dem Süllberg. Denn die Gastwirtsburg auf Hamburgs höchster Erhebung konnte man nur nach schweißtreibender Kraxelei vom Strandweg oder langem Fußweg vom Bahnhof aus erreichen.

Ihrem Erfolgsgeheimnis lag eine straffe Betriebsführung zugrunde. Wenn das Personal mal nicht wie gewünscht spurte, was bei vielen Tages-Aushilfskräften öfter vorgekommen sein wird, griff sie hart durch und verteilte auch Ohrfeigen. Andererseits überzeugte sie mit einem bunten Fächer von Marketing-Ideen:
Für die schnelle Bedienung der Gäste mit Kaffee hatte sie extra einen „Kaffeekocher“ aus Sachsen engagiert, der keinen sächsischen „Blümchenkaffee“, sondern guten hanseatischen Kaffee aufgebrüht haben soll. Jedes Jahr zu Pfingsten wurde die beliebte Krebssuppe angeboten, ein absoluter Renner. Einmal waren die Einnahmen so hoch, dass sie nur noch in einer Schürze transportiert werden konnten. In der Harmstorffamilie wird das Krebssuppen-Rezept heute noch als Geheimnis gehütet.
Das eigentliche Ideen-Bouquet von Elisabeth aber war, ihren Gästen immer wieder neue Unterhaltungsangebote zu anbieten:
So ließ sie ein acht Meter tiefes, viereckiges Wasserbecken für Tauchvorstellungen im sonst flachen Teich ausheben, denn er war nur 1,50 m tief. Das war keine Tauchertiefe für Profitaucher. Die Taucher stiegen mit Lederanzug, Kupferhelm, angehängten Bleiplatten, Luftschläuchen, die zu einer handbetriebenen Pumpe führten, in für Besucher unergründliche Tiefen! Alles entsprach dem praktischen Tauchbetrieb.
Bei den Vorführungen blieb es nicht nur bei aufsteigenden Luftblasen. Nein, die Taucher demonstrierten dem interessierten Publikum geheimnisvolle Experimente. Man band zum Beispiel eine volle Flasche Bier an eine Leine und ließ sie zum Taucher hinab. Kurze Zeit später kam sie zurück an die Oberfläche und war – man glaubt es kaum – leer getrunken und wieder verschlossen. Wie man das schaffte, war lange ein Rätsel.
Heute wissen wir, dass der Taucher über ein Austrittsventil am Helm ausgeatmete Luft in die Bierflasche strömen ließ, wodurch sich die Flasche leerte. Anschließend verkorkte er sie wieder und schickte sie an die Wasseroberfläche – zum maßlosen Staunen beim Publikum. Die von Elisabeth entworfene, großzügig überdachte Aussichtsbrücke neben dem Taucherteich ermöglichte es jedem der zahlreichen Besucher, exzellente Aussicht auf die Vorführungen zu genießen.


Ein weiteres Highlight war der Auftritt des „Kunst- und Schnellmalers“ Moretti, der in voller Tauchermontur in die Tiefe des Brunnenschachtes stieg. Man ließ eine weiße Tafel zu ihm hinab, die nach einiger Zeit wieder ans Tageslicht geholt wurde. Und siehe da: Der Künstler hatte in der Zwischenzeit – unter Wasser – auf der weißen Fläche ein Gemälde entstehen lassen.
Eine vaterländische Attraktion ersten Ranges waren die zwei auf dem Teich kreuzenden Modellschiffe, Nachbildungen der dänischen Kriegsschiffe Gefion und Christian VIII. Mit ihnen wurde die für Holstein erfolgreich verlaufene Seeschlacht vor Eckernförde nachgestellt. Die Modellschiffe lieferten sich ein wildes Gefecht mit der Strandbatterie, bis die getroffene Gefion unter patriotischen Beifallstürmen und Hochrufen der Besucher im Teich versank. Um den Augenblick des Holsteiner Sieges dramatisch zu überhöhen, wurde die Strandbefestigung genau in diesem Augenblick bengalisch beleuchtet.
Nun sollte man nicht meinen, Friedrich Harmstorf hätte all dies erdacht und realisiert. Seine Frau helfe nur bei der Verwaltung. Taucher Harmstorf musste zwar zu den Vorhaben seiner Frau theoretisch sein Einverständnis geben, denn Ehefrauen waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht geschäftsfähig, eher Menschen zweiter Klasse. In der Praxis war ihr Ehemann aber selten erreichbar, sondern die meiste Zeit auf See, um in Norddeutschland, Europa oder gar in Übersee Tauchgeschäften nachzugehen. So war es das klügste, dass er seiner Frau freie Hand ließ. Der Erfolg ihrer Unternehmungen sprach für sich.
Auf ihren Antrag hin erhielt das Hotel am 21. Januar 1887 die Genehmigung für eine Fernsprechstelle mit der Telefon-Nummer 5. Die jährliche Fernsprechgebühr betrug 150 Mark inclusive „Nachtverbindung“.
Das Hotel „Zum Falkenthal“, und damit Elisabeth Harmstorf, konnte weiter für sich in Anspruch nehmen, erstmals „Lebende Bilder“ in Hamburgs Umgebung vorgeführt zu haben. Das war 1895. „Lebende Bilder“ nannte man das Kino, den „Kintopp“ in seiner Anfangsphase, als Lichtspielpionier Knopf (Knopfs Lichtspiele) seine Vorführungen mithilfe eines Transformators auf große Segel projizierte.
Einige Male hatte die bekannte Hochseilakrobatin „Elvira von der Peute“ ihr Seil über den Teich gespannt, um in luftiger Höhe tollkühne Kunststücke vorzuführen.
Eine andere Artistin, mit dem exotischen Namen „Donna Eroina“, buk auf dem Seil in aller Seelenruhe Pfannkuchen, die sie, zwischen Tisch und Stuhl balancierend, genießerisch verspeiste.
Die „Norddeutschen Nachrichten“ schrieben über die vielen Besucher: „Sie kamen in Scharen, ließen keinen Mittwoch aus, an dem sich regelmäßig im Rahmen großer Abonnementskonzerte zum Jahrespreis von 12 Mark immer wieder ein vielseitiges Unterhaltungsprogramm abwickelte!“
So mancher Abend endete dann auch mit einem Prachtfeuerwerk.
An besonderen Tagen boten bis zu 50 Musiker Platzkonzerte. Meist leitete Kapellmeister Ludewig aus Harburg, ein ehemaliger Husar, die uniformierte Kapelle, die man für 30 Pfennige bewundern durfte. Manchmal bot das Programm auch Klavierkonzerte. Natürlich konnte man sich bei Tanzveranstaltungen in einem neben dem Grundstück aufgebauten Zelt amüsieren.
Außer den drei Musikpavillons hatte Elisabeth einen Missionspavillon errichten lassen, in dem jeden Monat ein Missionsfest gefeiert wurde. Nach Schluss der abendlichen Darbietungen hielt Elisabeth, wie schon erwähnt, Extra-Dampfer bereit, die die Gäste wieder sicher nach Hause brachten.

Trotz starker Beanspruchung durch ihre beruflichen Aufgaben kümmerte sie sich rührend um ihre zahlreichen Kinder. Tante Sophie unterstützte sie dabei nach Kräften.
Elisabeth gehörte übrigens zu den Gründungsmitgliedern der „Schule für höhere Töchter“ von Fräulein Tschorn im Hohen Weg.
1897 erwarb Elisabeth bei einer Zwangsversteigerung das „Elbhotel Westerbad“ auf dem Nachbargrundstück. Es war 1889 von Elsabe Pieper geb. Finck gegründet worden.
Die „Norddeutschen Nachrichten“ schrieben kurz nach deren Konkurs: „Anfang der neunziger Jahre baute Finck im Westerbad sein Gewese zu einem Tanzsaal aus. Gegenüber der großen Konkurrenz (hiermit war das Hotel Zum Falkenthal gemeint) war dieser Betrieb allerdings nicht lebensfähig…“
In Anzeigen der Jahrhundertwende stellte sich das von Elisabeth Harmstorf frisch renovierte Hotel Westerbad folgendermaßen vor:
„Hotel mit kalten und warmen Bädern, großer Salon und Tanzsaal, Kaffeegarten im Vorland an der Elbe, eisenhaltige Quelle, im Hinterland See mit Tauchvorführungen. Feine Hamburger Küche, coulante Preise.“ Mit dem Erwerb des Hauses kamen also auch die Westerbad-Gäste in den kostenlosen Genuss der Tauchvorführungen, wie auch der übrigen Harmstorf-Attraktionen im Hotel Zum Falkenthal.
Als Elisabeth 1903 verwitwete, übernahm sie zusätzlich die Leitung des Tauch- und Bergungsbetriebs ihres verstorbenen Mannes. Mit beispielloser Energie machte sie sich an die Weiterführung seiner schwierigen Geschäfte. Dabei erhielt sie tatkräftige Unterstützung durch ihre Söhne, die zu zielstrebigen, tüchtigen Männern herangewachsen waren. Der älteste – auch ein Friedrich – führte das Geschäft.
1912 verpachtete Frau Harmstorf den Gaststättenbetrieb und setzte sich in einer Villa zur Ruhe, die sie am Strandweg hatte bauen lassen. An der Südwand im 1. Stock wurde in großen Buchstaben der Name ihres verstorbenen Mannes erhaben angebracht „F.M. Harmstorf“. (Das Haus wurde um 1970 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.)
1915 verunglückte Elisabeths ältester Sohn Friedrich tödlich im Hafen von Libau (heute Lettland, damals Russland), als die an einem Wrack angebrachte Sprengladung, versehentlich gezündet wurde. Die beiden anderen Söhne mussten die gefährliche Marine-Taucharbeit allein fortsetzen.
Kriegsbedingt ging der Hotel- und Gaststättenbetrieb so stark zurück, dass der Pächter aufgab und Frau Harmstorf das Unternehmen im Jahr 1917 wieder übernahm.
Auch die Nachkriegszeit mit ihren politischen Unruhen brachte keinen Aufschwung. Deshalb verkaufte Elisabeth das Gelände 1920 mit beiden Hotelbauten an den baltendeutschen Kaufmann Ferdinand Nather, der dort eine Bootswerft anlegen ließ, während die Hotels zu Wohnhäusern umgestaltet wurde.
Elisabeth Harmstorf verstarb 1935 in ihrem Haus an der Elbe.
Quellenangabe:
Maike und Ronald Holst „Anno Krug“, S. 54 ff, Klaus Schümann-Verlag, 2007
Interviews mit Anke Sparr, Dörte Streng, Klaus Schade, Harald Harmstorf, Heinz Harmstorf, Käthe Stryi
Texte aus dem Buch: „Blankeneser Frauen“


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