Mittagsstündchen vor Brandts Weg 3
Kapitänswitwe und Vermieterin, 1805 – 1866
Eigentlich war es eine Flucht. Und das an seinem 30. Geburtstag! Johannes Brahms hatte sich vorgestellt, mit Eltern und Geschwistern einen netten Tag zu verleben. Deshalb war er extra nach Hamburg gekommen. Aber dann dieses Fiasko! Nicht nur, dass die Eltern kaum Notiz von seinem Kommen nahmen. Nur kurz unterbrachen sie ihre lautstarken Auseinandersetzungen, in die dann auch noch die Geschwister einfielen. Brahms hielt es nicht länger aus. An seinem 30. Geburtstag, am 7. Mai 1863, packte er seine Sachen und nahm kurzerhand den Dampfer nach Blankenese.
Doch wie nun ein Quartier finden? Der Blankeneser Brückenwärter wusste Rat, war er doch in letzter Zeit schon häufig nach einer Sommerwohnung gefragt worden. Aber ein Piano sollte zur Verfügung stehen? Da kam nur Gesa von Ehren, genannt Geesche in Frage. Er könne sich ja mal erkundigen. Ein Junge führte ihn zum Privatweg C 139 (heute Brandts Weg 3).

Die Kapitänsfrau von Ehren schien überrascht, aber nicht abgeneigt. Komponist sei er.
Mehrere Monate wolle der Gast bleiben.
Ob er denn auch über das nötige Geld verfüge? Mit warmem Rasierwasser am Morgen und Frühstück käme da schon einiges zusammen. Übrigens könne sie auch die übrigen Mahlzeiten anbieten, fiel der geschäftstüchtigen Geesche schnell ein. Nachdem Brahms eine Anzahlung angeboten hatte, wurde man sich handelseinig. Aber der junge Mann müsse sich ein wenig gedulden, sich vielleicht den Ort ansehen. Sie müsse noch die Zimmer herrichten.
Zum Glück gab es das Waschhaus an der hinteren Gartenmauer! Geesche wird ein paar Nachbarinnen zusammengetrommelt haben, die ihr halfen, aus Stube und Schlafzimmer ins Waschhaus zu räumen, was sie in nächster Zeit brauchen würde. Natürlich wäre es dort beengt und etwas ungemütlich, aber das Geld konnte die Witwe sehr gut gebrauchen.
Brahms genoss seine Ruhe, den romantischen Blick durch den Garten auf die Elbe, auf das Auf und Ab der Tide mit ihren versinkenden und wieder auftauchenden Sänden, auf gleitende Großsegler und Rauchfahnen erster Dampfschiffe.
In diesem abgelegenen Refugium, in dem er die Kantate „Rinaldo“ zu Texten von Johann Wolfgang von Goethe schuf, erhielt er einen Monat später schon das folgenschwere Telegramm, das ihn zum Chorleiter der Wiener Singakademie berief. Er musste vorzeitig abreisen – sehr zum Bedauern seiner Vermieterin Geesche von Ehren.
Quellenangabe:
Maike und Ronald Holst „Stille Häuser – stürmische Geschichten“, S. 30 f, Klaus-Schümann-Verlag, 2010


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