Friedhof Blankenese
Das Kriegerdenkmal wurde am 3. Oktober 1920 eingeweiht. Entworfen von Architekt Alwin Niermann, mit Skulpturen von Bildhauer August Henneberger geschmückt, erinnerte es zunächst an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten.
Die Gesamtanlage mit den seitlich angeordneten Grabsteinen hat den Grundriss einer Kirche, in der das Denkmal die Position und Funktion des Altars einnimmt. Verschiedene militärische Symbole sind darauf angebracht: ein Stahlhelm, Eichenblätter, Bajonette, Palmzweige, eine umgedrehte Fackel und Lorbeerzweige. Auf der Rückseite steht: „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Diese Zeile stammt aus dem Gedicht „Soldatenabschied“ von Heinrich Lersch (1889-1936), Anfang August 1914 in begeisterter Kriegseuphorie geschrieben:
Lass mich gehen, Mutter, lass mich gehen.
All das Weinen kann uns nichts mehr nützen,
denn wir gehen das Vaterland zu schützen!
Lass mich gehen, Mutter, lass mich gehen.
Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen:
Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen!
Nun lebt wohl, Menschen, lebet wohl!
Und wenn wir für euch und unsere Zukunft fallen,
soll als letzter Gruß zu euch hinüberhallen:
Nun lebt wohl, Menschen, lebet wohl!
Ein freier Deutscher kennt kein kaltes Müssen:
Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen!
Religiös überhöht bildet ein Kreuz den oberen Abschluss des Kriegerdenkmals.
Die Jahreszahlen auf der Vorderseite sind nach dem Zweiten Weltkrieg überarbeitet worden und erinnern seither an die 1914 – 1918 und 1939 – 1945 „für uns gefallenen Brüder“.
„Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen!“ findet sich auch auf anderen Kriegerdenkmalen. Zum Beispiel auf dem Denkmal am Dammtor, welches das Infanterie-Regiment „Hamburg“ Nr. 76 ehrt, das sich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg Verdienste erworben hatte.

Anders als der „Kriegsklotz“ am Dammtor, der von jeher die Gemüter erregte, auf dessen geplante Sprengung die britische Militärregierung 1945 verzichtete, das 1985/86 und 2015 durch Gegendenkmale/Gedenkorte ergänzt wurde, ist das Kriegerdenkmal auf dem Blankeneser Friedhof unangefochten durch die Jahrzehnte gekommen.
Erst im Rahmen der Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945“ (2016 – 2019) ist in einem lokalen Fenster die Frage aufgeworfen worden, wie es sein kann, dass das Kriegerdenkmal auf dem Friedhof der Kirchengemeinde Blankenese unkommentiert an seinem Platz steht. Gestellt hat die Frage der „Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese“.
Die Erforderlichkeit einer Intervention fand im Kirchengemeinderat Zustimmung. Die gestalterische Umsetzung indes war nicht so einfach. Die finale Lösung arbeitet mit einer Gegenaussage: Dem Zitat aus dem Soldatenlied „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“ wird mit einem Jesuszitat widersprochen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19). Ein Vorschlag von Pastor Klaus-Georg Poehls.
Dem nationalen Hochmut, der das Leben eines Landes imperial versteht – nicht anders können die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts verstanden werden – tritt die Demut entgegen, die das Leben aus Gottes Hand nimmt – nicht anders kann Jesus verstanden werden.


Der Entwurf des Architekten Ulrich Zeiger nimmt die Vorstellung des Kriegerdenkmals als Altar auf und stellt eine Wand, quasi eine Altarwand, hinter die Anlage. Die Wand ist bereits sichtbar, wenn man sich dem Denkmal von vorn nähert. Es wird deutlich, dass es hinter dem Denkmal noch etwas gibt.
Die Wand aus gerostetem Stahl, 2,00 m hoch 1,80 m breit, hat eine vertikale Fuge und ist horizontal, auf Augenhöhe, durch Buchstaben gelocht.
„Ich lebe und ihr sollt auch leben“, ist dort ausgelasert.
Der Schriftzug auf dem Kriegerdenkmal kann jetzt durch seinen Widerspruch hindurch gelesen werden.

Das Kriegerdenkmal hat über die Jahre Patina angesetzt. Das ist gewollt und stellt bereits eine Kommentierung dar.
Die hinzugestellte Wand rostet.
Eine Möglichkeit ist, beide, Kriegerdenkmal und hinzugestellte Wand dem Verfall preiszugeben.
Ob das ein angemessener Umgang ist, entscheiden zukünftige Generationen.


Gottesdienst und Einweihung des Denkmals
am 10 Mai, 11 Uhr
auf dem Blankeneser Friedhof,
Sülldorfer Kirchenweg 151


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