Text von Maike und Ronald Holst –
in ihrem Buch „Blankeneser Frauen“ – erschienen 2013
Olga Behrmann wuchs mit ihren vier Geschwistern auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Dockenhuden (Ecke Elbchaussee und Hasenhöhe) auf. Zum Hof gehörten ausgedehnte Ländereien, die bis zur Mörickestraße reichten und Teile des Geländes der heutigen Führungsakademie einschlossen.
Während Olga im elterlichen Hofbetrieb mit Hühnern, Enten, Schafen und Ziegen und schließlich auch Kühen und Pferden vertraut wurde, gab es gleich gegenüber eine andere Attraktion. Dort an der Ecke, beim Dorfkrug Zur gemütlichen Ecke von Heinrich Penz ließen die Bierkutscher die schweren Bierfässer vom Wagen rollen, während die Pferde unruhig stampften. Hier trafen sich wöchentlich allein fünf Dockenhudener Vereine. Wenn der Gesangsverein im Clubzimmer seine Lieder schmetterte, die Militärische Kameradschaft ihre Trinkfestigkeit unter Beweis stellte, dann bekam auch die Nachbarschaft ihren Teil ab. Ständig gab es Neues zu bestaunen für die kleine Olga: Festumzüge, Hochzeitsgesellschaften, aber auch Trauerzüge – alles mündete in den Olen Krog.
Eines Nachts im Jahre 1911 wurde Olga von der Mutter aus dem Schlaf gerissen. Sie wurde in eine Decke gewickelt und hastig in den Garten getragen. Dort – weitab von jedem Gebäude – warteten schon die großen Geschwister und starrten zur alten Scheune. „Die Pferde! Die Pferde!“ murmelten sie. Männer schrieen Befehle. Die Feuerwehr klingelte. Wasser zischte auf die aus dem Dach lodernden Flammen. Da öffnete sich das Tor und die Pferde rannten heraus – zuletzt der Vater.
Der Feuerwehr war es zu danken, dass das Feuer nicht auf das Wohnhaus übergegriffen hatte. (1934 begann Behrmann-Sohn Klaus seine ARAL-Tankstellen-Karriere auf dem Baugrund der abgebrannten Scheune mit einer Zapfsäule plus Pumpe.)
Zu Beginn des Jahrhunderts wurde in Dockenhuden überall gebaut. Immer mehr stattliche Wohn- und Geschäftshäuser entstanden. Die Einwohnerzahl war auf 5000 gestiegen, denn die Vororts-Bahnverbindung ermöglichte Berufstätigen, in die Elbvororte zu ziehen, während sie in Altona oder Hamburg ihrer Arbeit nachgingen.
Einmal durfte Olga ihre Eltern begleiten, als sie in Altona etwas besorgen mussten. Es war ein schrecklich schönes Erlebnis, in dieses dampfend schnaufende Ungetüm zu steigen. Am liebsten wäre Olga am nächsten Tag gleich wieder Bahn gefahren, hätte zu gern wieder die breiten Straßen, den lebhaften Verkehr und die großartigen Geschäfte in Altona bestaunt.
Und dann konnte Olga auch in Dockenhuden die ersten Automobile bewundern, die ganz ohne Pferdekraft die Bahnhofstraße (heutige Dockenhudener Straße) hinaufholperten. Komische Lederkappen trugen die Insassen. Ob Sattler Jungblut von nebenan solche Automobil-Mützen nähte?
Ab 1910 ging Olga in die 1888 eingeweihte Dockenhudener Schule in der Bleicherstraße (heute: Frahmstraße). Die 1. Klassen waren nach Geschlecht getrennt. Erst ab der 2. Klasse wurden Jungen und Mädchen gemischt. Dann mussten die Lehrer mit durchschnittlich 40 Schülern fertig werden. Höhepunkte des Schuljahres waren Kaisers Geburtstag, die Sedan-Feier und Kindergrün.

Nach acht Schuljahren im Frühjahr 1918 wurde Olga aus der Schule entlassen und konfirmiert. Sie war 14 Jahre alt, der 1. Weltkrieg verloren. Olgas Arbeitskraft konnte auf dem elterlichen Hof gut gebraucht werden. Die Bevölkerung darbte. Tatkräftig half Olga im Haushalt bei der großen Wäsche, in der Küche – wobei sie nebenbei kochen lernte -, mistete Stallungen aus und betreute den Gemüsegarten. Sicher musste sie auch bei Bedarf in der Landwirtschaft zupacken.
Es war Olgas jungmädchenhafter Wunsch gewesen, ein eigenes Reitpferd zu besitzen. Doch sie wurde von ihren Eltern auf die klassische Rolle von Hausfrau und Mutter vorbereitet. Dazu gehörte die Reiterei auf keinen Fall. Die gewitzte Olga versuchte deshalb durch eigene Geschäfte Kapital für ein Pferd zu erwerben, indem sie mit einer Kaninchenzucht begann. Ein Nachbar hatte ihr beim Bau der Ställe geholfen. Die Stallhasen fühlten sich wohl und gingen eifrig ihrer Pflicht nach, sich zu vermehren, bis Vater Behrmann das Komplott aufdeckte und die Anschaffung eines Pferdes endgültig verbot.
Vom Fernweh gepackt
Irgendwann muss ihr Fernweh erwacht sein. Vielleicht schon im Erdkundeunterricht, vielleicht durch Nachbarn oder Freunde der Eltern, die zur See fuhren, wie viele Mühlenberger und Blankeneser.

Die Nachbarn – Sattler Jungblut und seine Frau – hatten Verwandtschaft in Amerika, dem Gelobten Land, wo jeder die Chance hatte, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Auch Auguste Jungblut hatte es mit ihrem Mann in den USA zu Wohlstand gebracht – schrieb sie. Olgas vier Jahre älterer Bruder Albert ging immer häufiger zu den Jungbluts, wo er die Briefe der Neu-Amerikaner lesen durfte. Sie betrieben in Kansas eine Farm mit den berühmten Longhorn-Rindern.
Welche Perspektive bot sich ihm in diesem Deutschland? Von der Niederlage gelähmt. Durch den Versailler Vertrag erniedrigt. Von den Siegermächten geplündert. Depression, Arbeitslosigkeit, Inflation waren die beherrschenden Schlagwörter.
Die kleine Schwester Olga war Alberts Vertraute. Auch sie wollte weg, wollte etwas von der Welt sehen. Wollte ihren eigenen Weg gehen. Sie wollte raus aus diesem engen Dockenhuden, wo jeder jeden kannte. Vielleicht auch fort von den Eltern, von der nie enden wollenden Arbeit in Haushalt und Landwirtschaft? Von einer unglücklichen Liebe wird gemunkelt, die vielleicht den letzten Anstoß gab.
Die Jungblut-Verwandten in Amerika stellten bereitwillig eine Bürgschaft für die Geschwister aus. Wann wurden die Eltern eingeweiht? Wie werden sie reagiert haben? Zwei Kinder und gleichzeitig zwei preiswerte Arbeitskräfte zu verlieren, war bestimmt kein Pappenstiel. Olga war gerade 19 geworden. Erst mit 21 Jahren wurde man mündig. Welche Gefahren lauerten gerade auf so ein junges Mädchen! – Doch Vater Behrmann überzeugte die Argumentation seiner Kinder. Er half mit Geldmitteln für die Überfahrt. Die zu beschaffen war im Winter ´23 keinesfalls leicht – so kurz nach der Inflation. Doch nun konnte ein Einreisevisum beantragt werden.
Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Nach der passengers list von Ellis Island landeten Albert Behrmann (23 y) und Olga Behrmann (19 y) mit der Reliance am 09. November 1923 in New York. Wir wissen nichts von der Überfahrt im Oktober / November. Zu dieser Jahreszeit kann es auf dem Atlantik sehr unruhig sein. Ob sie seekrank wurden? Ob sie einen Platz im Zwischendeck gebucht hatten – wie die meisten ihrer1344 Mitpassagiere? Man kann sich kaum vorstellen, dass die Eltern sie reichlich mit Geld versorgt haben für die Passage und erste Zeit in der Ferne. Als die Reliance sich ihrem Ziel näherte, standen alle an Deck. Ergriffen vom Anblick der Neuen Welt, der Skyline von New York und der Freiheitsstatue, die sie wie ein Fanal empfing, bewegt von der glühenden Hoffnung und bangen Frage, ob sich wohl ihre Wünsche erfüllen würden.
Nach Registrierung und Untersuchung auf Ellis Island wurden die Einwanderer mit Booten zur Südspitze von Manhattan gebracht.
Die Geschwister trennen sich
Wie es weiterging? Albert hatte sein Ziel vor Augen. Es war zwar verboten, schon in Europa Arbeitsverträge für die USA abzuschließen. Aber Auguste Jungblut, verheiratete Keimig hatte geschrieben, dass sie auf ihrer Rinderfarm in Wichita tüchtige junge Leute gebrauchen könnten. Die Behrmann-Geschwister seien bei ihnen herzlich willkommen.
Doch Albert reiste allein! Von New York aus ging es tausend Kilometer weit in den mittleren Westen der USA, den fruchtbaren Weizengürtel. Dort in Kansas hatten sich viele Deutsche niedergelassen. Wichita war ursprünglich eine Indianersiedlung. 1870 wurde daraus eine wichtige Eisenbahnstation, wohin das Vieh aus Texas getrieben und verladen wurde, um die großen Städte, wie z.B. Chicago mit Fleisch zu versorgen.
Zunächst arbeitete Albert bei seinen ehemaligen Bürgen. Doch dann machte er sich selbständig, pachtete nach und nach immer mehr brach liegendes Land, bis er es eines Tages kaufen konnte. Als dann noch vor dem 2. Weltkrieg auf seinem Grund und Boden eine Ölquelle entdeckt wurde, war er ein gemachter Mann. Sein Sohn William Klaus machte später beim Ölmulti EXXON Karriere.
Und Olga? Warum begleitete Olga nicht ihren Bruder? Sie war doch noch so jung, noch nie zuvor im Ausland gewesen, mit minimalen Sprachkenntnissen YES und NO in diesem riesigen fremden Land! Auch sie wäre bei den Jungbluts als Arbeitskraft willkommen gewesen. Oder sie hätte in der Nähe ihres Bruders nach einem Arbeitsplatz schauen können. Sei es in der Landwirtschaft oder im Haushalt.
Während es heutzutage durchaus üblich ist, dass 15- oder 16-Jährige als Austauschschüler ein Auslandsjahr – auch gern in den Vereinigten Staaten – verbringen, war eine private USA-Reise selbst bei Erwachsenen noch in den 1970er Jahren eine Besonderheit. Das lag einerseits an den Wahnsinnspreisen für einen Überseeflug oder die Schiffspassage und dann an dem hohen Dollarkurs, der den Aufenthalt schwer finanzierbar machte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts reiste privat nur in die USA, wer seine Heimat auf Dauer verlassen, dorthin auswandern wollte. Ob auch Olga dies vorhatte? Wir müssen es wohl annehmen.
Auf jeden Fall wollte sie unabhängig ihren Weg gehen, wollte wohl auch beweisen, dass sie allein zurechtkam. Nein, Olga wollte keinen Beschützer!
Gänzlich allein in der Fremde
Vielleicht hatte Olga sich schon daheim die „Haus- und Taschenbibliothek für Amerika-Auswanderer“ besorgt, die wichtige Tipps bereithielt. Dann wird an Bord ein reger Austausch an Informationen stattgefunden haben. Olga wurde gewarnt, es gäbe Betrüger in New York, die es auf die Habe der Einwanderer abgesehen hätten, die Hilflosigkeit ausnutzten, gefälschte Fahrkarten verkauften, überhöhte Preise verlangten, falsche Versprechungen machten. Besonders junge, gut aussehende Mädchen wie Olga seien noch ganz anderen Gefahren ausgesetzt.
Doch Olga ließ sich nicht einschüchtern. Vielleicht wandte sie sich in New York an eine der Hilfsorganisationen, die Unterkunft für die ersten Tage vermittelten, bei Weiterreise und Arbeitssuche halfen. Wahrscheinlich wurde ihr schon in New York der Arbeitsplatz als Haushaltshilfe vermittelt, der sie zu einer deutsch-jüdischen Familie an der Ostküste führte.
Olga muss ein unglaublich mutiges selbständiges Mädchen gewesen sein. Wir stellen uns vor, wie sie – einen Zettel mit Abfahrtszeit, Bahnsteig, Zug und Zielstation in der Hand – sich am Hauptbahnhof, der riesigen Central Station orientiert, in den Zug steigt und dann neugierig die Fahrt genießt. Endlos – so scheint es ihr – fährt der Zug noch durch New York. Will dieses Häusermeer denn nie ein Ende nehmen? Doch schließlich wird es ländlicher. Nur noch ab und zu ein Hof, ein „farmhouse“, hat sie nachgeschlagen und abgeerntetes Land, das im November genauso grau aussieht wie in Deutschland. Nur die Ausmaße der Felder haben hier ganz andere Dimensionen.
Nach etlichen Stunden Bahnfahrt erreicht sie die Kleinstadt, ihren Zielort. Hier lernt sie einen jüdischen Haushalt und die feine Küche kennen, denn ihre Chefin ist eine ausgezeichnete Köchin. Nebenbei paukt Olga Vokabeln, indem sie z.B. mit der einen Hand den Mopp dirigiert, hält sie in der anderen das englische dictionairy, denn sie will möglichst schnell die Landessprache beherrschen. Und sie will genug Geld verdienen, um das Land bereisen und erkunden zu können.
Ob sie einsam war?
Ob sie einsam war? Unter Heimweh litt? Ob sie mit ihren Eltern und Geschwistern zuhause Kontakt gepflegt hat?
Heute, im Zeitalter der weltweiten Kommunikation, können wir uns gar nicht vorstellen, wie abgeschnitten auch ein USA-Reisender zu Olgas Zeit war. Briefe waren das gängige Kommunikationsmittel. Sie wurden normaler Weise per Schiff befördert, dauerten also bis zum europäischen Empfänger rund 4 Wochen. Übersee-Telefonate gab es schon. Aber Bauer Behrmann in Dockenhuden wird kaum einen Telefonanschluss besessen haben. Außerdem waren Überseegespräche teuer und mussten lange vorher angemeldet werden, so dass diese Möglichkeit nur im Notfall genutzt wurde.
Sobald Olga im Englischen sicher genug war, sah sie sich nach einem besser bezahlten Arbeitsplatz um. Den fand sie in einer großen Wäscherei in einer südlicher gelegenen Ostküstenstadt. Der Ortswechsel und die damit verbundene Neuorientierung scheinen ihr nichts ausgemacht zu haben. Kontaktfreudig, wie sie war, fiel es ihr leicht, schnell eine neue Bleibe und Freunde zu finden.
Ob darunter auch Männerbekanntschaften waren? Olga war attraktiv, wissbegierig, tüchtig, sparsam und fleißig. Sie besaß also viele Attribute, die von jungen Männern auf Brautschau geschätzt wurden. Aber fest gebunden hat sich Olga nicht. Entweder war der Richtige nicht dabei oder ihr Unabhängigkeitsdrang zu groß. Die gewonnene Freiheit wollte sie wohl kaum zugunsten eines traditionellen Status als Ehefrau und Mutter aufgeben.
Wir nehmen an, dass Olga in der Wäscherei eine verantwortungsvolle Position erlangt oder sich anderswo eine lukrative Arbeit gesucht hat. Dann soll sie – noch nebenbei – in einem beauty parlor, zu deutsch Frisiersalon, Kundinnen mit Maniküre versorgt haben. Sonst ist es kaum vorstellbar, dass sie kreuz und quer durch die Neue Welt reisen konnte, zu den eindrucksvollen Naturschönheiten in den Nationalparks, sicher auch zum Bruder und zur Familie Jungblut/Keimig nach Wichita. Sie machte eine Schiffsreise durch den Suezkanal und fuhr zweimal nach Europa, um ihre Familie in Dockenhuden wieder zu sehen.
Kriegsausbruch
Als sie 1939 zum zweiten Mal in Hamburg war, brach der 2. Weltkrieg aus und Olga blieb im Reich. Doch nach 16 Jahren USA hielt sie es in Dockenhuden nicht lange aus. Berlin war da schon etwas anderes. In Berlin konnte sie sich ihre Zukunft vorstellen. Sie mietete eine große Etagenwohnung und eröffnete mitten im Krieg eine Pension unter dem Namen Pension New York.
Auch bei dieser Aufgabe bewies Olga Pioniergeist. Es war zu der Zeit völlig unüblich, dass eine Frau ein Unternehmen gründete. Noch dazu mitten im Krieg. Überall wurden Frauen als Ersatz für die zur Wehrmacht eingezogenen Männer gesucht. Eine Reihe von Frauen war selbst bei der Wehrmacht eingesetzt. Deshalb war es ein außergewöhnliches Unterfangen, dass eine Frau einen Gewerbeschein beantragte.

Doch Olga wusste die zuständigen Stellen mit ihren Argumenten zu überzeugen. Noch heute sagt man in Dockenhuden: „Was Olga Behrmann anpackte, das gelang!“ Ihre Reise-Erfahrungen und die Englischkenntnisse gaben ihr Weltläufigkeit. In Haushaltsfragen war sie perfekt. Und eine finanzielle Starthilfe von Vater Behrmann ermöglichten ihr und Schwester Herta die Unternehmensgründung der Schöneberger Pension. Hertha war frisch geschieden und bedurfte ohnehin elterlicher Unterstützung. Außerdem bestand in Berlin ständiger Bedarf an Unterkünften für die vielen auswärtigen Besucher – gerade jetzt in der großen Zeit der Nazis mit den zahlreichen Delegationen, Offiziersbesuchen und Massenveranstaltungen.
Die Pension New York lief schnell so gut, dass Olga ihre Schwester Hertha animierte, sie bei der Arbeit zu unterstützen. Hertha kam mit ihrer kleinen Tochter nach Berlin, die nach ihrer Tante auch Olga hieß. Gemeinsam erlebten sie die schweren Bombenangriffe. 1943 wurde auch die Etagenpension schwer beschädigt. Doch Olga gab nicht auf, flüchtete nicht mit Schwester und Nichte ins relativ ruhige Dockenhuden. Sie veranlasste alle notwendigen Reparaturen und nahm so schnell wie möglich den Betrieb wieder auf. Bald musste sie die Pension weitgehend allein führen, weil Hertha immer stärker unter Asthma litt. Kurz vor Kriegsende wurde Nichte Olga zu Verwandten nach Eutin geschickt, Hertha reiste ihrer Tochter wenig später nach. Nur Olga „hielt die Stellung“, um die Pension mit dem verbliebenen Inventar vor Dieben und Plünderern zu schützen. Vor den anrückenden Rotarmisten schien sie sich nicht im Geringsten zu fürchten.

Nach Kriegsende versuchte Olga im von den Sowjets besetzten Berlin zu retten, was von ihrer Pension zu retten war. In dieser Zeit pendelte Olga in kalten und total überfüllten Zügen, die manchmal Tage unterwegs waren, zwischen der zerstörten Reichshauptstadt und dem ebenfalls schwer bombardierten Hamburg – immer mit gewichtigen Koffern voller Wäsche und Geschirr.
Einmal rannte sie mit drei prall gefüllten Koffern durch die Sperre des Altonaer Bahnhofs ohne anzuhalten. Der Kontrolleur verlangte die Fahrkarte im Unteroffizierston. Doch sie rief – an ihm vorbeipreschend: „Meine Karte kommt gleich!“ und war im Menschengewimmel verschwunden. Wahrscheinlich hatte sie gar keinen Fahrtausweis.
Die Schwestern Olga und Hertha lebten nun auf dem elterlichen Anwesen in Dockenhuden. Mit drei Schafen, die Olga jeden Morgen in der Diele molk, außerdem mit allerlei Kleinvieh. Sie schlachtete ein schwarz gehaltenes Schwein höchst persönlich und verarbeitete es in der Badewanne. Auch die Anzeige eines Nachbarn, der ihr Vergehen der Polizei gemeldet hatte, störte sie nicht. Sie war schon beim nächsten, aus der Not geborenen Frevel und fällte im Baurs Park einen Baum, um Feuerholz zu erhalten. Und dann drängten sich Olga die Möglichkeiten des Schwarzmarkts auf. Sie kaufte und verkaufte, was immer sich tauschen oder verkaufen ließ.

Hin und wieder halfen ihre Englisch-Kenntnisse: Wann immer sie von rot-bemützter britischer Militär-Polizei aufgehalten oder gar visitiert wurde, wusste sie sich auf Englisch lautstark zur Wehr zu setzen. Und sie kam mit ihren Protesten durch.
Doch ab und zu blieb den Behrmann-Geschwistern nichts anderes übrig, als schweren Herzens ein Stück Wiese oder Gartenland zu verkaufen. Denn auch Bruder Klaus konnte in den ersten Nachkriegsjahren mit seiner BV ARAL-Tankstelle an der Elbchaussee nicht reüssieren.
Hotelgründung – noch vor der Währungsreform
Um endlich wieder eine bürgerliche Existenz zu haben, entstand bei den Schwestern ein ungewöhnlicher Plan: Kurz vor der Währungsreform entschloss sich Olga, das Behrmann´sche Bauernhaus umzubauen und ein acht Zimmer Hotel garni im ehemaligen Pferdestall zu eröffnen. Die dafür notwendige Hoteliers-Erfahrung hatte sie ja zur Genüge in ihrer Pension in Berlin gesammelt.
Mitten in die Bauphase platzte die neue Währung. Alle Handwerker wollten von da an nur noch in harter D-Mark bezahlt werden. Doch Olga wusste die altbekannten Blankeneser Bauhandwerker zu vertrösten – und umgekehrt vertraute man den Behrmann-Schwestern und arbeitete auf Kredit weiter. Wie anders sollte die Nachkriegswirtschaft sonst in Schwung kommen?
Das Konzept ging auf. Schon zwei Jahre später konnten die nächsten sechs Zimmer im ersten Stock ausgebaut werden. Alle mit Warmwasserboiler, einer Besonderheit in damaliger Zeit: Warmes Wasser aus der Wand, unglaublich!
Mutter Behrmann, die als Witwe mit im Haus wohnte, fühlte sich sichtlich wohl. Sie war nicht mehr Bauersfrau, sondern unterhielt jetzt die Gäste. Und wenn sie lachte, was häufig vorkam, hörte man sie die ganze Dockenhudener Straße hinauf.
Das Geschäft brummt
Das Haus war ein klassisches Hotel garni, d.h. es bot außer Übernachtungsmöglichkeiten nur Frühstück an. Die Auslastung von Behrmanns Hotel lag schon damals und dann über Jahrzehnte bei sage und schreibe mehr als 80%, einer Branchen-Traummarke.

Wochentags kamen Geschäftsreisende, zum Wochenende Blankenese-Besucher, denn „Blankeneser haben nicht gern Übernachtungsbesuch. Das macht Arbeit!“, zitierte Olga Günthardt – Nichte und Nachfolgerin von Olga Behrmann – die Blankeneserinnen. Lediglich die Nächte von Sonntag zum Montag waren nie optimal belegt.
1954 wurden in der Zwischenetage weitere Zimmer ausgebaut, so dass das Hotel nun über 20 Räume verfügte.
Die Nachfrage war manchmal so gut, dass sie nicht befriedigt werden konnte. Doch Olga Behrmann wies – wenn irgend möglich – keinen Gast ab. Zur Not vermietete sie ihr Schlafzimmer und nächtigte in der Badewanne. Ähnlich mussten sich Hertha und deren Tochter behelfen. Die wussten ein Notquartier im Keller.
Eine besonders interessante Geschäftsbeziehung hatte sich zu Lloyds Shipping entwickelt, deren Mitarbeiter oft Wochen und länger in Behrmanns Hotel lebten, bis sie in Hamburg eine Wohnung gefunden hatten. Obwohl das Hotel Behrmann eigentlich nur das Frühstück servierte, bot Olga diesen guten Gästen auf Wunsch auch Abendessen an. Natürlich gegen Berechnung – aber unter der Hand. Die Essenszubereitung überließ sie nicht etwa ihrer Schwester Hertha (einer sehr guten Köchin), weil die nach ihrer Vorstellung viel zu gehaltvoll und aufwendig kochte. Margarine anstelle von Butter tat es schließlich auch.
Ohnehin war Schwester Hertha wegen des Asthmas keine große Hilfe. Sie starb dann auch relativ jung im Jahr 1954.
Single – aber nicht immer allein
Olga war nie eine partnerschaftliche Bindung eingegangen. Doch nächtliche Türgeräusche und Bewegungen auf den Fluren legten nahe, dass auch Olga keine Kostverächterin war.
Eines Tages zeigte ein guter Gast der jungen Olga seine mit Brillanten besetzte Rolex-Uhr.
Bald darauf lag die Behrmann im Krankenhaus. Als Nichte Olga die Tante besuchte, hielt diese den linken Arm ständig unter der Bettdecke. Schließlich wurde gefragt: „Tante, was ist mit deinem Arm passiert? Bist du verletzt?“ Da zog Olga den Arm unter der Decke hervor und am Handgelenk glitzerte die beim Gast bewunderte Rolex, während Tante Olga puterrot wurde.
„Olga Behrmann macht aus jedem Schiet was!“ war stehende Redensart in der Familie.
Mit all ihren Geschäftserfolgen hielt sie nie hinter dem Berg. Aber wenn es um ihr Privat- bzw. das Intimleben ging, war sie so verschwiegen wie ein Grab. Selbst in späten Jahren.
Auf Olga folgt Olga
Als Nichte Olga, die obendrein Olga Behrmanns Patenkind war, eine Lehrstelle suchte, ging Frau Behrmann mit ihr zum Vorstellungsgespräch in den Europäischen Hof. Die Nichte wurde unter Obhut ihrer Tante vorgestellt und bekam nach einigen Schwierigkeiten – wegen ihrer zu g u t e n Schulbildung – den begehrten Ausbildungsplatz. Im Anschluss an die Lehre wurde Nichte Olga von ihrer Tante auf eine Hotelfachschule in Lausanne geschickt, in der vorher bereits eine andere Blankeneserin gewesen war: Magrit Röhr, verheiratete Schulte-Haubrock vom Süllberg.

1964 übertrug Frau Behrmann das Hotel ihrer Nichte. Danach verkaufte sie eine letzte Obstwiese, um vom Erlös die immer schon ersehnte Weltreise zu machen. Das Ticket dafür buchte sie über alte Kanäle in New York. Wohin immer es sie dann auf dem Globus verschlug, knüpfte sie dank ihres offenen Wesens und ihrer Sprachkenntnisse Kontakte.
Nach Abschluss der weltumspannenden Schiffsreise erwarb sie wegen ihrer angegriffenen Gesundheit ein Appartement in der Wärme Spaniens bei Benidorm. Auf der iberischen Halbinsel bekam ihr das Klima am besten.
Zwischen Weltreise und ihrer Übersiedlung nach Spanien machte Olga den Führerschein. Er sollte ein kleines Vermögen kosten, denn Autofahren war nicht Olgas Sache. Trotzdem fuhr sie mit ihrem Käfer bis in ihre neue Heimat Spanien. Als sie bei einem Besuch von Nichte Olga gefragt wurde, ob sie denn nie in den Rückspiegel schaue, erkannte sie zum ersten Mal die Vorteile eines rückwärts gerichteten Blicks. Denn in die Vergangenheit zu schauen, war nie ihre Sache, sie blickte immer nur nach vorn.
Was uns heute ganz normal erscheint, im Alter nach Spanien zu ziehen, war wieder typisch für Olga Behrmann: nämlich zu der Zeit absolut ungewöhnlich, geradezu bahnbrechend und für ihre Situation absolut vernünftig.

Sicher hat sie auch diesmal erst im Lande Spanisch gelernt, aber sich sofort zurechtgefunden, Kontakte geknüpft und sich dort so wohl gefühlt, dass sie 20 Jahre blieb. Erst als sie in Spanien nicht die notwendige spezialärztliche Behandlung bekommen konnte, kehrte sie nach Hamburg zurück und mietete sich in der Seniorenresidenz Falkenbergsweg in Neugraben ein.
1984 richtete Nichte Olga ihrer Tante einen unvergessenen 80. Geburtstag aus – natürlich auf dem Süllberg, wie es sich für gute alte Blankeneser gehört. 1996 verstarb Olga Behrmann nach einem erfolgreichen und höchst interessanten Leben im gesegneten Alter von 92 Jahren.
Quellenangabe:
Interviews mit Olga Günthardt und Helga Jungblut


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