Wer ihn erlebt, merkt schnell: Dieser Mann wartet nicht besonders gern darauf, dass etwas passiert. Wenn in Blankenese etwas bewegt werden soll, ist er häufig einer derjenigen, die vorangehen, oft auch eher rennen…, organisieren, anpacken und notfalls auch den Kopf hinhalten. Seit Jahren engagiert er sich ehrenamtlich für den Stadtteil – zusätzlich zu seiner eigentlichen Arbeit. Dass damit nicht nur Anerkennung verbunden ist, sondern gelegentlich auch Ärger, Kritik und Konflikte, nimmt er in Kauf. Ein Gespräch mit Oliver Diezmann.
Seine Geschichte mit der Blankenese Interessen-Gemeinschaft (BIG) begann 2013. Bei einem Stadtteilrundgang mit dem damaligen Senator Horch wurde deutlich, dass es staatliche Unterstützung für ein ökonomisches Quartiersmanagement geben könnte – allerdings nur für kurze Zeit. Innerhalb kurzer Zeit musste deshalb ein Verein gegründet und gleichzeitig der erforderliche Eigenanteil aus der örtlichen Kaufmannschaft eingeworben werden. Gemeinsam mit einem Geschäftsfreund Mark Böhle machte er sich auf Sammeltour. Die nötigen Zusagen kamen schnell zusammen, die Satzung wurde vorbereitet, und am 7. Oktober 2013 wurde die Blankenese Interessen-Gemeinschaft gegründet.
Die Truppe aus alter Zeit?
Zunächst wollte er gar nicht unbedingt an der Spitze stehen. Mark Böhle, Dörte Vörs und Uwe Lange bildeten den ersten Vorstand. Er übernahm zwei konkrete Projekte: die Ortskernumgestaltung und die Winterbeleuchtung. Projektarbeit lag ihm auch damals schon. Und Rechnungsprüfer war er auch von Anfang an. Dinge nicht nur zu diskutieren, sondern sie zeitnah umzusetzen, offenbar noch mehr. 2016 wurde er zum ersten Vorsitzenden gewählt. Die Projektarbeit blieb – hinzu kam die Verantwortung für die gesamte Interessen-Gemeinschaft.
Alte Beleuchtung
Dass er sich überhaupt so früh für seinen Stadtteil engagierte, hat viel mit seiner eigenen Biografie zu tun. Oliver Diezmann ist hier 1972 geboren. Schon im Tabea lag seine Mutter neben der Bäckersfrau aus dem Ort. Er wurde sozusagen in Geschäftsbeziehungen hineingeboren und er bekennt es bei jeder Gelegenheit, dass die Backstube für ihn ein bleibender Anziehungspunkt blieb. Blankenese ist also kein Ort, an dem er irgendwann beruflich aktiv geworden ist. Er gehört zum Ort, ist verdrahtet mit so vielen Blankenesern und damit auch zu den vielen Geschäftsinhabern.
Seine familiäre Geschichte ist eng mit einem Stück Blankeneser Nachkriegsgeschichte verknüpft. Seine Großeltern mütterlicherseits erwarben nach dem Krieg zwei Grundstücke sowie einen Teil öffentlicher Fläche und errichteten darauf den späteren Martini-Block.







Die Auflage war, Keller und Erdgeschoss möglichst schnell zu bauen, damit die Nahversorgung des Stadtteils wiederhergestellt werden konnte. Bäcker, Schlachterei, Obst- und Lebensmittelgeschäfte gehörten zu den ersten Nutzern. Das Fischgeschäft ist dort bis heute ansässig.

Schon als Vierzehnjähriger begann er, in der Hausverwaltung mitzuarbeiten. Seine ersten Aufgaben waren alles andere als spektakulär: Er führte das Kassenbuch. Immerhin. Doch aus den frühen Einblicken wurde schnell mehr. Mit 18 Jahren hatte er Handlungsvollmacht, 1994 wurde er Gesellschafter, zwei Jahre später Geschäftsführer. Er machte eine Banklehre und studierte BWL. Und ganz hinter den Kulissen: Nach einer langen und sehr teuren Erbauseinandersetzung, so berichtet er, nach dem Tod seiner Großmutter kaufen er und seine Mutter Monika Diezmann kreditfinanziert einen Miterben und Gesellschafter der Firma heraus. Eine heftige, wohl aber eine richtige Entscheidung.

Er war auch beim Militär – erzählt Diezmann mit einem Augenzwinkern: Ich war dabei, aber aktiv nur 23 Tage… – Bei einer Übung in einem Getreidefeld meldete sich sein Asthma, er kam ins Krankenhaus, kurz in die Schreibstube und wurde dann wieder nach Hause geschickt… Insgesamt eine Geschichte von 31 Tagen.
Oliver Diezmann also fest verbunden mit den Menschen im Dorf, kennt die unternehmerische Seite und hat eine geradezu ausufernde ehrenamtliche Seite angenommen.
Zu diesem Engagement fügt er gleich hinzu, dass es ja Fragen aufwirft. Er – so hört er -, der Erbe habe es ja leicht, sich so – frei – einzusetzen. Wer nur ein wenig an seiner Seite bleibt, der sieht das anders: Neben den eigenen unternehmerischen Aufgaben ist sein Engagement für den Stadtteil für ihn keine PR-Maßnahme und auch kein Selbstzweck. Wer ihn darauf reduziert, dass er mit Immobilien und Geschäften im Ort zu tun hat, verkennt, wie viel leidenschaftliche Arbeit hinter seinem Einsatz steckt. Es ist – ohne ihn zu hoch loben zu wollen – noch mal ein Zusatzjob, den er da meistert.
Wie genau ist er denn zu dieser Arbeit „im Quartier“ gekommen?
Bereits in den 1990er-Jahren war er an einer früheren Interessengemeinschaft in Blankenese beteiligt. Schon damals ging es um gemeinsame Aktivitäten, unter anderem um eine Weihnachtsbeleuchtung – damals noch mit den Standartlichterketten, noch ohne die aktuellen Pfahlewer. Das Projekt scheiterte nach ein paar Jahren an der ungenügend durchdachten Finanzierung der Verantwortlichen. Auch zusätzlichen Einnahmen konnten nicht gewonnen werden. Aber wie wir sehen, hat Diezmann aus dem Ende dieses Versuches für sich gelernt und als er nun selbst in der Verantwortung stand, wusste er, dass eine funktionierende Interessen-Gemeinschaft eine solide finanzielle Grundlage braucht. Bei der nun beim insgesamt dritten Anlauf (in den 80iger Jahren gab es noch die Initiative „Erlebnis Blankenese“ – gibt es hierzu noch ein Bild) gegründeten BIG wurde deshalb von Beginn an Wert auf ein angemessenes Beitragsniveau gelegt – die einzelnen Mitglieder dabei gut im Blick – und für die Starter gibt es dann sogar einen Schnupperkurs.
Für den Ort wesentlich ist Oliver Diezmanns Verständnis von „Gemeinschaft“.
Einmal reicht diese „Gemeinschaft“ deutlich über Einzelhandel und Gastronomie hinaus. In der BIG sind auch Ärzte, Notare, Rechtsanwälte, Steuerberater, gemeinnützige Einrichtungen, Physiotherapeuten und gewerbliche Vermieter vertreten. Genau diese Mischung ist sicher eine der großen Stärken dieses Netzwerks. Diezmann: „Denn ein gutes Netzwerk entsteht nicht dadurch, dass alle dasselbe machen, sondern dadurch, dass unterschiedliche Menschen und Berufe miteinander in Kontakt kommen und mit der „Gemeinschaft“ zeigen, dass sie zueinanderstehen wollen. Und ehrlicherweise, Corona hat uns in die Hände gespielt. Zu Corona haben viele wirklich erst erkannt, dass es einzeln nicht geht.“ Und die Mitgliedszahlen stiegen.

Und „Gemeinschaft“ reicht dann auch noch weiter – das zeigen die monatlichen After-Work-Treffen. Sie finden jeweils bei einem anderen Unternehmen im Ort statt. Die Mitglieder stellen sich vor, kommen miteinander ins Gespräch und lernen sich besser kennen. Daraus entsteht ein Empfehlungsnetzwerk, das nicht nur geschäftliche Vorteile bringen kann, sondern manchmal sogar ganz konkrete und persönliche Hilfe ermöglicht. Als eine Mitarbeiterin nach einem Fahrradunfall abends dringend einen Orthopäden benötigte, genügte eine Nachricht in das Netzwerk. Wenige Minuten später war ein Termin für den nächsten Morgen organisiert.
Gemeinschaft eben. Eine Atmosphäre entsteht und ist schon entstanden, in der sich Menschen auf Augenhöhe begegnen. Nach Corona beschloss der Vorstand, die Mitglieder grundsätzlich zu duzen, sofern diese nicht ausdrücklich beim Sie bleiben wollten. Diezmann: „Für mich ist das mehr als eine sprachliche Kleinigkeit. Es senkt Hemmschwellen und macht es leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen – unabhängig davon, welchen beruflichen oder gesellschaftlichen Status jemand hat.“
Sein eigentliches Ziel beschreibt er entsprechend schlicht, es ist ein Bekenntnis zum Ort. „Mitglied der Interessen-Gemeinschaft zu sein bedeutet für mich, dazu beizutragen, dass Blankenese >lebens- und liebenswert< bleibt und wir gemeinsam etwas für die Geschäftswelt aber eben auch für den ganzen Ort gestalten können.“ Das geht auch in viele Richtung ganz konkret: Diezmann war Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr, wir haben gemeinsam für Vereine und Institutionen den Verein „Blankenese Miteinander“ gegründet, dem Bürger-Verein und dem Zukunftsforum Blankenese gehörte er an. In den letzten Jahren hat er sich aus den Vereinen zurückgezogen, aber nicht als Absage. „Ich kann nicht für die Interessen-Gemeinschaft sprechen und gleichzeitig alle Vorstellungen der Gruppierungen des Ortes vertreten.“ (Macht Sinn.)



Vielleicht erklärt genau das, warum er sich seit so vielen Jahren engagiert. Es geht ihm nicht allein um Geschäfte, Mitgliederzahlen oder noch eine Veranstaltung. Es geht um einen Ort, den er seit seiner Kindheit kennt, um Menschen, mit denen er aufgewachsen ist, und um die Frage, wie ein Stadtteil seine eigene Lebendigkeit bewahren kann.
Dabei ist sein Stil ausgesprochen praktisch. Er ist weniger der Typ, der lange darüber spricht, ob etwas möglich ist. Er macht es, versucht es zu ermöglichen. Schon die Geschichte der BIG zeigt dieses Muster: eine Idee entsteht, ein Fördertopf wird gesucht, Geld muss eingesammelt werden, ein Verein muss gegründet werden – und plötzlich ist er mittendrin – und manchmal auch darin gefangen… Seine Kontakte zur Behörde sind erstaunlich. Diezmann weiß die Wege zu den Entscheidern in den Ämtern, kennt mittlerweile viele Mitarbeitende dort – sogar mit Vornamen. Und dann steht er bei dem Straßenfest 2026 mit Senator Dressel auf der Bühne beim Straßenfest und kann ihm zu seinem stolz vorgetragenen „Abbau von Bürokratie“ peinliche Fakten nennen.
Eine Bemerkung zu dieser Reaktion am Rande: vom Typ – so schildert Diezmann sich selbst – ist er eher einer gewesen, der seinen Mund nicht aufbekam. Seine Schilderung. Das hat sich mit der Aufgabenstellung im Vorstand, mit den Zielen, die ihm wichtig wurden, geändert. Auf der Bühne einer, der nun wirklich nicht auf den Mund gefallen ist, seine Worte werden locker, aber sind schon jedes Mal „faktenunterfüttert“.
Die Reaktionen aus dem Mund des Senators da auf der Bühne und die aus den Ämtern auf seine klaren Anfragen, scheinen hier und da Früchte zu tragen. So muss das Straßenfest neuerdings nicht jedes Jahr neu beantragt werden, sondern eine Genehmigung ist für die nächsten 5 Jahre schon vorweg erteilt. Allerdings bleibt immer noch geradezu ein Berg von Papier, dass zwischen Diezmanns Büro und den Ämtern hin- und her transportiert werden muss.
Oliver Diezmann erntet nicht nur Lorbeeren. Er weiß: „Wer Verantwortung übernimmt und sich öffentlich exponiert, bekommt zwangsläufig auch Kritik ab.“ Gerade bei Veranstaltungen oder wirtschaftlichen Auseinandersetzungen kann das Ehrenamt auch schnell zur Belastungsprobe werden. Er kann oder muss erzählen, wie bei Veranstaltungen vermeindliche Fehler ausgenutzt werden, mit harten Bandagen gekämpft wird und der Eigennutz alle guten Manieren vergessen lässt. Trotzdem macht Oliver Diezmann weiter. Warum? Weil es sinnvoll ist, weil sich so viele Kontakte zu ihm hin entwickelt haben, die für`s Dorf hilfreich sein können oder sind und vor allem aber auch, weil die Gemeinschaft – nicht nur die mit den Interessen – ihn trägt auch bei diesen unbequemen und manchmal auch bösen, fordernden Ansagen, die ihm entgegenkommen. Wenn man ihm zuhört, dann muss einfach auch als Zwischenruf kommen: Pass auf, lieber Oliver, dass Dir das alles nicht über den Kopf wächst! Das Private – die Gesundheit: Hohe Güter! Doch, ja, er weiß, dass er hier und da auf die Bremse treten muss. Hoffentlich findet er sie – die Bremse.

Wir können und wollen mit diesem Porträt keinen perfekten Vereinsvorsitzenden schildern und schon gar nicht einen im Heiligenschein des selbstlosen Ehrenamtlichen glänzenden Mitbewohner des Dorfes. Sondern schon einen Unternehmer, der seine Heimat als Aufgabe begreift. Einer, der weiß, dass Engagement Arbeit bedeutet, dass Entscheidungen Konflikte erzeugen können und dass Gemeinschaft nicht von allein entsteht. Einer der erlebt, wie wichtig und gut Gemeinschaft unter uns ist. Und einer, der offenbar eine einfache Antwort darauf hat, was ein Stadtteil braucht: Menschen, die nicht nur darüber reden, sondern anfangen, damit der Ort hier lebens- und liebenswert bleibt.
Wenn ich etwas zu sagen hätte, dann würde ich den großen Dank für sein Tun nutzen und ihn zum Bürgermeister von Blankenese machen…! Nun eine Idee!
Helmut Plank


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