Home 9 Allgemein 9 Schwester Gertrud Höge: Gottesdienst als Dienst am Nächsten

Schwester Gertrud Höge: Gottesdienst als Dienst am Nächsten

Schwester Gertrud Höge: Gottesdienst als Dienst am Nächsten

Schwester Gertrud Höge: Gottesdienst als Dienst am Nächsten

„Der Herr hat uns ein neues Arbeitsfeld, die Gemeindepflege zu Blankenese, zugewiesen.
Und Ihr seid berufen, als die ersten dorthin zu gehen.“
Mit diesen fast missionarisch klingenden Worten wurden zwei Gemeindeschwestern, Marie Glammer und Christine Reimers aus dem Diakonissen-Mutterhaus St. Anschar, am 19. November 1899 während eines Gottesdienstes feierlich in ihr Amt eingeführt.

Der Ort Blankenese kann zwar auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken, aber selbständige Kirchengemeinde wurde das Fischerdorf, erweitert durch Dockenhuden, erst 1896.

Und die Diakonissen, die „Schwestern im Dienste der Liebesarbeit der evangelischen Kirche“ konnte man zu Recht als Pionierinnen bezeichnen.

Fast hundert Jahre sind Diakonissen in Blankenese das Rückgrat der diakonischen Gemeindearbeit gewesen. Durch eine fünfjährige gründliche Ausbildung in Krankenpflege, in Bibelkunde, Kirchengeschichte, innerer und äußerer Mission waren sie ideale Helfer für eine junge Gemeinde. Diszipliniert und aufopfernd im Dienste christlicher Nächstenliebe standen sie dem Geistlichen stützend zur Seite. Ihr soziales Engagement, ihre Frauenbildungsarbeit reiht sie in die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts ein. Da es heute an Nachwuchs fehlt, die Schwesternschaft der Diakonissen fast schon der Vergangenheit angehört, sei es an dieser Stelle erlaubt, ihre Geschichte, ihre hochgesteckten Ideale, ihre segensreiche Tätigkeit wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.

Die weibliche Diakonie war bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Frauen wie der Hamburgerin Amalie Sieveking konzipiert worden. Sie war beseelt von dem Auftrag, den sozial unteren Schichten helfend zu dienen und gleichzeitig das Evangelium an Krankenlagern und Sterbebetten zu verkündigen, in die Hütten der Armen zu tragen. Dieser christliche Auftrag fand in den Schwesterngemeinschaften der Diakonissen – das erste Mutterhaus wurde 1836 von Pastor Th. Fliedner gegründet – eine für das 19. Jahrhundert ungewöhnlich moderne Verwirklichung. Die Frau, die bis dahin nur innerhalb ihres Familienkreises wirken konnte, durchbrach erstmalig diese Tradition und übernahm Aufgaben in der Öffentlichkeit. Ihre Schwesterntracht verlieh ihr Schutz und gleichzeitig Würde. Die Haube, ursprünglich die biedermeierliche Rüschenhaube der verheirateten Frau, hob auch junge Mädchen in den Stand der Bürgersfrau. Sie teilte deren Rechte, Pflichten und Autorität.

Ihr Heim war ein Mutterhaus, dessen Weisungen sie unterstand, das ihr aber auch in Krankheit und Alter Schutz bot. Zwar konnte eine Diakonisse aus dem Mutterhaus austreten und heiraten, doch ist der Diakonissenberuf dem Sinn nach ein Lebensberuf.
Wie eine Ehefrau bekommt die Diakonisse kein Gehalt, sondern ein Taschengeld. So streng die Disziplin ist, wird doch stets darauf geachtet, daß die Diakonisse, „dies wunderbare Geschöpf“, wie ein Pfarrer sie nannte, nicht ausgenutzt würde.
Der legendären Hamburger Diakonissen-Mutter und Kinderbuch-Autorin Elise Averdieck legte er 1868 nahe, wie sie in ihren Lebenserinnerungen berichtet, ihre Schwestern stets „hoch und kostbar“ zu halten.


Und die Statuten für die Arbeit einer Gemeindeschwester lesen sich zuweilen wie die Forderungen einer Gewerkschaft. Ihr steht eine ordentliche Unterkunft mit Wohn- und Schlafzimmer zu, ein Herd, um sich Frühstück und Abendessen bereiten zu können. Ihre Tagesarbeit soll möglichst um sieben Uhr abends beendet sein. Übernimmt sie eine Krankenpflege, so veranlaßt sie die Angehörigen oder Nachbarn, ihr bei der Pflege zu helfen und die Wohnung ihres Pfleglings zu säubern. Die Wäsche wird für sie gewaschen, Nachtwachen bei Tagesarbeit sollen fünf im Monat nicht überschreiten. „Die Schwestern müssen die Kunst lernen, die vorhandenen Kräfte zu erkennen und anzustellen“. In der praktischen Arbeit wird es nicht immer möglich gewesen sein, die Kräfte zu schonen

Besuchsdienst in Blankenese

Der Dienst für die Ärmsten hat immer Vorrang ohne Ansehen der Person oder der Konfession. Zu dem strengen Ethos gehören nicht nur der Verzicht auf materielle Güter, sondern auch der Verzicht auf gesellschaftlichen Umgang und persönliche Freundschaften. Dieses Verbot bestand bis in das 20. Jahrhundert hinein und hat sich erst in den letzten Jahrzehnten gelockert.

Vor dem Hintergrund einer uns heute fremd anmutenden Lebenshaltung, einer Erziehung, die auf strengste Disziplin und Pflichtbewußtsein, auf Unterdrückung des Eigenwillens ausgerichtet ist, die Erfüllung und Glück darin findet, Gott im Nächsten zu dienen, kann man den Segen abschätzen, den die Diakonissen für die Blankeneser Gemeinde gewesen sind.

Die ersten beiden Diakonissen, die 1899 in die Gemeindepflege in Blankenese geschickt worden waren, wurden bereits nach sechs Jahren, 1905, abberufen. Sie wurden ersetzt durch Auguste Bließner. Zehn Jahre später, 1915, kam Martha Boost hinzu. Als dritte im Bunde schickte das Mutterhaus 1935 die zweiundzwanzigjährige Diakonisse Gertrud Höge in die wachsende Gemeinde.

Schwester Gertrud war in „Großer Krankenpflege“ und in „Säuglingspflege“ ausgebildet worden. Den Kleinsten und Schwerkranken galt ihre ganze Liebe und Sorge.

Der Wechsel in die Gemeindearbeit fiel ihr schwer. Sei fühlte sich nach ihren eigenen Worten schlecht vorbereitet, weil ihr die praktische Ausbildung als Gemeindeschwester, die in erster Linie in der häuslichen pflegerischen Versorgung liegt, fehlte. Die ältere Diakonisse Martha Boost unterwies sie in der praktischen Arbeit. In Kursen versuchte sie, sich in theoretischen Fächern, vor allem in Sozialgesetzkunde, weiterzubilden und mit neuen Methoden und Erkenntnissen Schritt zu halten.

Zwei Jahre waren sie zu dreien in der Schwesternstation in der Dormienstraße 14, einem Haus, das Frau George Hesse, die auch die alte Orgel gestiftet hatte, der Kirche billig abgegeben hatte. Die Diakonisse Auguste Bließner wurde 1937 abberufen, 1957, zehn Jahre später, die zweite Diakonisse, Martha Boost. Danach blieb in den nächsten Jahrzehnten Schwester Gertrud die einzige und letzte Diakonisse in der Blankeneser Gemeinde. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Mangel an Nachwuchs in der Diakonissen-Schwesternschaft kritisch. „Die Arbeitszeit und die Kleider sind zu lang, das Taschengeld und die Freizeit zu kurz“, formulierte es Schwester Gertrud in ihrem 1978 in der „Nordelbischen Kirchenzeitung“ erschienenen Bericht „Aus meiner Arbeit als Gemeindeschwester“.

Nach der anfänglichen zwiespältigen Einstellung zu ihren neuen Aufgaben für die Gemeindefürsorge verwuchs sie jedoch immer stärker mit Blankenese, das sie noch heute, nachdem sie vor zwei Jahren in das Feierabend-Mutterhaus in Volksdorf übergesiedelt ist, als ihre Heimat bezeichnet. 45 Jahre, länger als jede andere vor ihr, war sie hier als Gemeindeschwester tätig. Und noch im Ruhestand kümmert sie sich bis heute um den Besuchsdienst, der vorher immer zu kurz gekommen war, ist mit Rat und Tat da, wo man sie braucht, getreu ihrer Einstellung: „In der Diakonie geht es nicht um einen Beruf, sondern um eine Berufung“.

Noch heute sieht man die hochgewachsene Frau mit den fröhlichen Augen hin und wieder während eines sonntäglichen Gottesdienstes in der Blankeneser Kirche, in Gemeindeveranstaltungen. Auf dem Wochenmarkt blitzt ihre weiße Haube in der Menschenmenge. Dauernd wird sie angesprochen, freudig begrüßt. Die meisten Blankeneser Familien kennt sie seit Generationen, nimmt an ihren Schicksalen teil. An Frage und Antwort wird deutlich, wieviel Liebe, Zutrauen und Achtung sie während ihres langen Wirkens erworben hat.

Schwester Gertrud ist eine wichtige Zeitzeugin.
Während ihrer über 50jährigen Präsenz in Blankenese vollzog sich der Umbruch vieler Werte und ein grundlegender Wandel der diakonischen Arbeit. Sie durchlebte die nationalsozialistische Herrschaft, den zweiten Weltkrieg, die Hungerjahre nach dem Krieg, den langsamen Wiederaufbau und den neuen Reichtum der Konsumgesellschaft in all seinen Erscheinungsformen. Der Begriff von Selbstverwirklichung der Frau, von Emanzipation, wird heute anders definiert als in der Zeit, als Schwester Gertrud aufwuchs. Während des Nationalsozialismus erfuhr sie die Einengung der kirchlichen Aufgaben und damit auch ihrer eigenen.

In den ersten Jahren lag die Kinder- und Jugendarbeit noch zum großen Teil in der Hand der Schwestern in der Dormienstraße.

Jungschargruppe

1938 übernahmen die Warteschule und die Schulkindergruppen eine NSV-Schwester.

Nach dem Kriege leitete Schwester Gertrud mit viel Freude eine Gruppe im Kindergottesdienst. Aber die während des Nationalsozialismus begonnene Entwicklung, pädagogische Aufgaben, die Frauenbildung, staatlichen Institutionen zu übertragen, ging weiter. Einen Ausgleich bot der mütterlichen Frau die ehrenamtliche Tätigkeit bei der Säuglings- und Mütterberatung am Blankeneser Bahnhofsplatz.

Wenn eine neue Zeit sie auch der Vielfalt der Gemeindefürsorgearbeit beraubt, so brachte sie ihr auch neue. Wie alle tüchtigen Menschen erwarb sich Schwester Gertrud im Laufe ihrer Dienstjahre immer mehr Selbständigkeit und Freiheit. Ihre starke Persönlichkeit, in der sich Güte, ein scharfer kritischer Verstand und eine unsentimentale Frömmigkeit harmonisch paaren, verschaffte ihr Autorität.

Besuchsdienst 1987: links Schwester Gertrud neben Pastor Klaus-Georg Peohls

Zwischen ihr und den Ärzten bestand eine gute Zusammenarbeit, enge Kontakte gab es zu den Krankenhäusern und anderen stationären Einrichtungen sowie zu den Seelsorgern. Sie alle wußten, daß es in der Gemeinde Blankenese jemanden gab, der zupackte, wo es nötig war, ob es darum ging, seelischen Trost zu spenden oder Alte und Kranke zu pflegen. „Meine liebsten Pflegefälle sind die Schwerkranken, weil sie meine Hilfe besonders brauchen“, bekennt sie.

In ihrem Bericht in der „Nordelbischen Kirchenzeitung“ stellt sie fest, daß ihre Patienten meist Langzeitkranke, oft auf Jahre hinaus, seien. Und daß durch die sich verkürzende Verweildauer in den Krankenhäusern, durch die Entlassung von chronisch Kranken aus der stationären Behandlung, durch wachsende Möglichkeiten der Rehabilitation an Gelähmten, MS-Kranken, durch die Zahl der Alterspatienten bei steigender Lebenserwartung, durch Einsame, psychisch Kranke, Verhaltensgestörte die Gemeindepflege immer mehr an Bedeutung gewinne.

Diese 1978 niedergeschriebenen Erkenntnisse gelten auch noch heute. Ebenso wie der einem Korrespondenten der „Altonaer Nachrichten“ (14.5.80) gegenüber geäußerte Wunsch nach einer aktiveren Nachbarschaftshilfe. „Anteil am Schicksal der Nachbarn nehmen, die Hand ausstrecken, wenn es nötig erscheint, Hilfe bringen, ohne gleich zu fordern!“ Auch ihre Klage: „Ich habe auch einen leider nur sehr kleinen Kreis von Frauen, die in den Familien gegen ein Entgelt länger, also über Stunden hinaus, dauernde Arbeit übernehmen“, gehört keineswegs nur der Vergangenheit an. Trotz der Hilfeleistung von Zivildienstleistenden und karitativen Organisationen bleibt ein Notstand.

Die Zeiten werden auch für die Schwester Gertrud bequemer und schneller

Zu den Pflichten von Schwester Gertrud gehörte neben der Krankenpflege noch die Begleitung von Gebrechlichen zum Arzt, Botengänge zu den Ortsämtern, Krankenkassen und Sozialämtern. Sie bedauert, daß es zu ihrer Zeit keine Familienpflegerin in Blankenese gab. Als „Ersatz“ besaß sie seit 1961 ein Auto. Sie nannte es „meine zweite Schwester“. Poetischer schreibt Pastor Dr. Rudolf Halver in seinen Erinnerungen an seine Amtszeit: „Die ‚Flügel‘ dieses ‚Engels‘ der Einsamen und Kranken waren die Räder ihres VW mit dem sie durch die große Gemeinde flitzte“.

Besuch am 26.5.1961

Eine Diakonisse als Autofahrerin war um 1960 anscheinend ebenso ungewöhnlich wie in den dreißiger Jahren eine Diakonisse auf dem Fahrrad. Im ersten Jahr ihrer Gemeindearbeit hatte die junge Schwester alle Wege zu Fuß durchmessen. Daß sie 1936 ein Fahrrad bekam, war für die damaligen Verhältnisse nach ihren Worten „sensationell“. 25 Jahre fuhr sie damit durch das hügelige Gelände Blankeneses. Wie oft sie unterwegs absteigen mußte, weil sie angesprochen wurde, ein Gemeindemitglied Rat oder Trost brauchte, läßt sich denken. „Eine Gemeindeschwester muß immer ansprechbar sein“ ist ihre Auffassung. Daß sie zurückblickend auf die langen Jahre eines bis an den Rand mit Arbeit gefüllten Lebens die Bilanz zieht: „Ich persönlich bin immer noch für die ‚alte‘ Gemeindepflegearbeit, in der man für alles am Menschen individuell und persönlich verantwortlich ist“, erscheint uns nach heutigen Begriffen unfaßbar.

Mit einer Frauengruppe auf dem Bulln

Das Zukunftsbild, das Schwester Gertrud 1978 in der „Nordelbischen Kirchenzeitung“ malt, ist inzwischen Wirklichkeit geworden: die Diakonie- oder Sozialstation, von der aus alles gesteuert wird. „Dort sieht es dann aus wie in den Krankenhäusern, wo fünf bis acht Schwestern oder Pfleger das Bett eines Patienten passieren. Fürsorge und Verantwortung lassen dann aber sehr viel zu wünschen übrig…jedenfalls sind dann Freizeit und Ferienvertretung geregelt“.

Wohl findet man um sich herum immer wieder Beispiele von hingebungsvoller Hilfsbereitschaft, in Krankenhäusern, bei den Hilfskräften der Sozialstationen wie in der Familie: Eltern umsorgen ein behindertes Kind und versuchen, es unter Verzicht auf Karriere und Ferienreisen zu fördern, Töchter und Söhne betreuen ein halbes Leben einen kranken Vater, eine gelähmte Mutter. Frauen pflegen Jahrzehnte ihren bettlägerigen Mann, Freunde stehen einem sterbenden Freund bis zuletzt zur Seite. Aber als Berufsbild gehört die Diakonisse, für die Hingabe an den Nächsten „eine Berufung ist, die über uns selbst hinausweist auf das Reich Gottes hin“, der Vergangenheit an.

Dem Vorwurf, dieses Berufsbild sei überholt, hält Schwester Gertrud entgegen: „Wenn ein Mensch auf seinem Sterbebette liegt, von einer Diakonisse betreut… sieht er nicht die (altmodische) Kleidung, sondern den Menschen und ob dieser Mensch, der sich selber gläubig auf Gottes Wort stützt, wohl imstande wäre, ihm eine verläßliche Brücke über den dunklen Todesstrom zu weisen, auf der er in die ewige Heimat gelangen kann. Darum geht es in der Diakonie und das nicht nur im Sterben, sondern noch viel mehr und erst recht bei Lebzeiten.“

Wir leben in einer von Krisen geschüttelten Welt, in einer Zeit des Umbruchs, aber das Gebot der Nächstenliebe ist eine der Grundfesten des Christentums. „Der Inhalt der Diakonie, das selbstlose Dienen, ist so alt wie die Gemeinde Jesu“, schreibt die Diakonisse Gertrud Höge. Neue unserer Zeit entsprechende Formen werden sich aus den alten Inhalten entwickeln. Denn – um ein Wort Wilhelm Raabes zu zitieren: „Es geht nichts in der Welt verloren. Nicht eine Träne, nicht ein Blutstropfen.“ Wieviel weniger die Zeugnisse uneigennütziger Nächstenliebe.


Trauerfeier am Dienstag, 29. Juli 2003 um 11.00 Uhr in der St. Michaels-Kapelle in Volksdorf, Farmsener Landstraße 73.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Barrierefreiheit